Zum Tode Paul Sahners Pack aus, es tut dir gut!

Stars gegenüber gab sich der Journalist Paul Sahner als Freund - daraufhin redeten die sich um Kopf und Kragen. Zur Freude der "Bunten", deren Chefreporter Sahner war. Am Sonntag ist der große Interviewer gestorben, er wurde 70 Jahre alt.

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Paul Sahner näherte sich stets auf Samtpfoten. Er duzte schon beim Kennenlernen. Bereits nach zwei Sätzen hatte er eine Gemeinsamkeit gefunden. Zum Beispiel: "Du, dein Chef ist ein Guter, den hab ich damals zu 'Penthouse' geholt." Spätestens mit dem dritten Satz vermittelte er einem das Gefühl, man sei seit Ewigkeiten befreundet. Ließ jemand Nähe nicht gleich zu, legte Sahner eine Extraportion Schmelz in seine Latte-Macchiato-Stimme, und seine weichen Augen schauten noch eine Spur sanfter.

So ließ sich gut nachempfinden, wie es Prominenten gehen musste, die ihm beim Interview gegenübersaßen. Auf die sanfte Tour machte er ihnen klar: Pack einmal richtig aus, dann ist es raus, das ist besser für dich. Natürlich war es auch besser für die Auflage der "Bunten", deren oberster Interviewer Sahner war. Oder, wie die "taz" ihn nannte, der "Gottvater der Intimbeichte".

Die Pflege von Berufsfreundschaften war das Hauptgewerbe des Klatschreporters Paul Sahner. Showgrößen wie Thomas Gottschalk oder Udo Jürgens kannte er schon, als die noch junge Männer waren. Dem Naturwunder Johannes Heesters machte er für "Bunte" lebenslänglich seine Aufwartung zum Geburtstag. Als der SPIEGEL eine Geschichte über den greisen Heesters mit "Betreutes Singen" überschrieben hatte, beschwerte Sahner sich wortgewaltig in einem Leserbrief.

Sahner und "Bunte" - eine Symbiose

Weil Sahner als Freund auftrat, fühlten Prominente sich bei ihm sicher. Und redeten sich um Kopf und Kragen. Marcel Reich-Ranicki lederte im Gespräch mit Sahner gegen Literaturkritikerin Sigrid Löffler, sie habe kein Verständnis für Erotik. Franz Beckenbauer bekannte, er könne sich eine Wiedergeburt als Pflanze vorstellen.

Einmal schrieb Sahner auch Politikgeschichte, beim Urlaubsinterview mit einem beschwingten Rudolf Scharping. Der Verteidigungsminister fand nichts dabei, sich mit seiner adligen Lebensgefährtin von einem Fotografen im Pool ablichten zu lassen. Sahner saß auf der Terrasse und schrieb genüsslich mit. In "Bunte" war später von "ausgelassenen Wasserspielen" zu lesen und einem Scharping, der seine Gräfin an der "schlanken Taille" aus dem Pool stemmt. Das Echo auf Scharpings öffentliche Planscherei war verheerend.

Paul Sahner war "Bunte", und das über viele Jahre, er prägte Burdas People-Magazin womöglich mehr als manche Chefredakteurin. Er und das Blatt gingen eine Symbiose ein, es schien, als sei er schon immer dort gewesen. Doch das entsprach ebenso wenig der Wahrheit wie der Eindruck, der Dandy mit den schicken Schals müsse in die Münchner Dietl-Eichinger-Schumann's-Schickeria hineingeboren worden sein.

Tatsächlich kam Sahner in Hamm zur Welt, er volontierte beim "Westfalenblatt" und wurde als 22-Jähriger Lokalchef in Höxter. Danach arbeite er als Polizeireporter für "Bild". Seit den Siebzigerjahren schrieb er für "Bunte", bediente aber auch "Stern", "Quick", "Hörzu" und die Münchner "Abendzeitung", bis er 1992 Chefredakteur des Männermagazins "Penthouse" wurde. Nach zwei Jahren kehrte er zur "Bunten" zurück, 2001 wurde er Mitglied der Chefredaktion. Erst voriges Jahr zog er sich auf einen Autorenposten zurück.

"Was bleibt von ihm, dem Legendären?" war Sahners Nachruf auf den Playboy Gunter Sachs überschrieben. Was bleibt von Sahner? Die Gewissheit, dass eine Ära unwiederbringlich vorbei ist. Stars gehen heute nicht mehr so unbedarft mit Journalisten um wie zu Sahners großer Zeit. Einen Klatschreporter wie ihn wird es nicht mehr geben. Dafür sorgen allein schon Armeen von Presseagenten.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
comfortzone 08.06.2015
1. Leb wohl Paul
Du warst ein Guter - passtest in Deine Zeit. ..... a legend has gone !
jamon 08.06.2015
2. ...
paul war cool!!! :-(
klippentaenzer 08.06.2015
3. Die Reihen lichten sich...
...und die Einschläge kommen ñäher. Auf Wiedersehen im Großen Nichts alter Freund, bis demnächst... S.B. Weggefährte aus den 70ern
hapeter 08.06.2015
4. Schade
Deine Biographie hätte ich gern gelesen. Ich erinnere mich gern an unsere gemeinsame Schulzeit am Neusprachlichen in Hamm. Leider sind wir uns als Journalisten-Kollegen später nicht mehr übern Weg gelaufen.
bellfleurisse 08.06.2015
5. Berufsfreundschaft
schon dieses Wort ist mir zuwider "Was bleibt von ihm, dem Legendären?" war Sahners Nachruf auf den Playboy Gunter Sachs überschrieben. Was bleibt von Sahner? " Von G. Sachs bleibt eine Menge. Als "playboy" wahrgenommen, war dieser Mann begabt, hat geschaffen und unterstützt. Sahner war einer, der nach vorn so schien wie er dann nie war. Die bunten Boulevard Blättchen von heute sind morgen längst Altpapier.
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