Architekt Paul Schneider-Esleben Volle Fahrt voraus!

Ein Parkhaus ließ ihn durchstarten: Der deutsche Architekt Paul Schneider-Esleben prägte das Bauen in der autoverrückten Nachkriegszeit. Berühmt machte ihn die Haniel-Garage - und später das Mannesmann-Hochhaus in Düsseldorf.

Architekturmuseum TUM/ Foto: Rudolf Eimke

Dass ein Parkhaus einen Architekten berühmt macht, ist heute schwer vorstellbar. Aber so war es, 1953, als Paul Schneider-Esleben die sogenannte Haniel-Garage entwarf: einen eleganten, leichten und vollkommen transparenten Bau mit einer schwebenden, aufgehängten Zufahrtsrampe. Er traf den Nerv der Nachkriegszeit, in der der Autoboom gerade begann.

Schneider-Esleben, kurz PSE genannt, knüpfte mit der ersten deutschen Hochgarage an den Funktionalismus des Bauhaus an, aber auch an die internationale Moderne, die sich während der Nazizeit im Ausland entwickelt hatte. In den Fünfzigerjahren wurde er damit zu einem der wichtigsten Architekten der Bundesrepublik. Am 23. August wäre er 100 Jahre alt geworden. Grund genug, ihn und sein Werk mit mehreren Ausstellungen zu würdigen.

Bis heute ein großartiges Gebäude

Eine Retrospektive läuft zurzeit schon im Architekturmuseum der TU München, dem der 2005 verstorbene Schneider-Esleben seinen Nachlass vermacht hat. Zwei weitere Ausstellungen präsentiert Nordrhein-Westfalens wanderndes Museum MA:I im August in Düsseldorf, unter anderem im 1958 fertiggestellten Mannesmann-Hochhaus direkt am Rheinufer.

Das 22 Stockwerke hohe Verwaltungsgebäude ist der bekannteste Schneider-Esleben-Bau. Es war der erste Stahlskelettbau mit Vorhangfassade in Deutschland. Bis heute ist es mit seiner technoiden, eleganten Einfachheit ein großartiges Gebäude.

Mit dem schlanken, gläsernen kubischen Entwurf für das schmale Grundstück hatte sich Schneider-Esleben an Mies van der Rohes amerikanischem Wolkenkratzer aus Stahl und Glas orientiert. In der Ausführung ersetzte er dessen Doppel-T-Träger allerdings durch Rundrohrprofile, was der Mannesmann AG besonders gut gefiel - die Firma produzierte nahtlose Stahlrohre.

Mies van der Rohe habe bei einem Besuch Anstoß daran genommen, berichtete PSE später, er habe ihn aber für die Kugelrohrsessel in dem Haus gelobt, die er als Weiterentwicklung seines Barcelona-Sessels ansah. Für genau diesen "PSE 58"-Sessel erhielt Schneider-Esleben 1960 die Silbermedaille auf der Triennale di Milano.

Solche Möbel-Entwürfe für seine Bauten waren für Schneider-Esleben immer wichtig. Auch die Kunst am Bau hat er mitbestimmt - und oft von Künstlern wie denen der Gruppe ZERO ausführen lassen, mit denen er befreundet war. Zudem hat er stets viel gezeichnet und gemalt: Karikaturen, Postkarten an Freunde, Aquarelle von seinen Reisen.

Weltweites Vorbild

Schneider-Esleben baute in Düsseldorf die Rolandschule, die St. Rochus-Kirche sowie die abgetreppte ARAG-Hauptverwaltung, die 1991 abgerissen wurde. Außerdem entstanden Privat- und Wohnhäuser wie das Jagdhaus für den Bauherrn Franz Haniel oder das "Haus Riedel" aus vier Wandscheiben, Glas- und Holzwänden, die ein dünnes Betonflachdach tragen. Ein weiterer Höhepunkt seiner Laufbahn wurde der Bau des Flughafens Köln-Bonn, für den PSE ein völlig neues Drive-in-Verkehrskonzept entwarf - das später weltweit zum Vorbild wurde.

Nach 1970 hat Schneider-Esleben nicht mehr viel gebaut. Zunächst gab es wegen der Ölkrise kaum noch Aufträge. Und als es wieder Aufträge gab, in den Achtzigerjahren, traf PSE nicht mehr den Zeitgeist, der nun postmodern war. Sein Verdienst um die Nachkriegsarchitektur drohte fast vergessen zu werden, auch weil er keine sofort wiedererkennbare Handschrift entwickelt, sondern für neue Aufgaben immer neue Lösungen gesucht hatte. Die Ausstellungen tragen nun ihren Teil dazu bei, dass Schneider-Esleben im Gedächtnis bleibt.


In München: Paul Schneider-Esleben. Architekt. Pinakothek der Moderne. Bis 18.10.
In Düsseldorf: Paul Schneider von Esleben. Das Erbe der Nachkriegsmoderne. Museum für Architektur und Ingenieurkunst. 23.8.-25.9.



insgesamt 7 Beiträge
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peterbuske 21.07.2015
1.
"für seine 1962 fertiggestellte Rolandschule in Düsseldorf setzte Schneider-Esleben kühle Materialien wie Glas, Stahl und Beton ein" Kühle Materialien für ein Schulgebäude - bravo! Leider gilt dieses Fehlkonzept mit all seinen potthässlichen Betonkästen auch 50 Jahre später noch als "modern".
mantrid 21.07.2015
2. Interessant und hässlich
Eckig, Glas, Beton, Stahl - fertig! Architektonisch sicher interessant wirken die Bauten wie seelenlose Fremdkörper in ihrer Umgebung. In genau diesem Stil wurde nach dem Krieg ganze Innenstädte verschandelt, übrigens in Ost und West. Kühl und unnahbar, aber eben nicht zum Wohlfühlen.
albert schulz 21.07.2015
3. König des Banalen
Eigentlich hat er nur das Bauhaus konsequent fortgesetzt, fast fünfzig Jahre später. Zu Zeiten des Bauhauses konnte man eben keine zehn Meter langen Fensterscheiben herstellen, sondern mußte sie aus zig kleinen Elementen zusammensetzen, was man auch gemacht hat. Ansonsten regieren technische und konstruktive Funktionalität und engagierter Geiz, demnach entscheidet der Ingenieur und nicht der Architekt über das Aussehen. Es werden erst gar keine Hüllen oder Verkleidungen mehr zugebaut, der Rohbau ist schön genug. Und Beton reflektiert nicht nur Bälle, sondern auch den Schall, und deswegen ist es in modernen Schulgebäuden höllisch laut, was unheimlich beruhigend für die Nerven sein soll. Man kann allerdings auch Teppiche an diese Wände pappen. Diese rein nützliche Nachkriegsarchitektur hat sich weitgehend durchgesetzt, Konstruktion und gläserne Vorhangfassade, fertig ist die Laube. Der Architekt kann sich seinen tatsächlichen Aufgaben widmen, nämlich die ganzen Verkehrswege, Nutzflächen und die Technik in dem Hohlraum unterzubringen. In der Empfangshalle und in der Direktionsetage darf er auch ein bißchen Innenarchitektur. Die riesigen Glasflächen werden übrigens schon lange nicht mehr zum Durchgucken oder dem Einfangen von Licht und Hitze genutzt, weil dies eher stört.
gwyar 21.07.2015
4. echt jetzt?
"... Sein Verdienst um die Nachkriegsarchitektur drohte fast vergessen zu werden, auch weil er keine sofort wiedererkennbare Handschrift entwickelt, sondern für neue Aufgaben immer neue Lösungen gesucht hatte...." Für mich als Normalo klingt das alles so, als hätte der Herr Architekt seinen Job gemacht.
dermovi 22.07.2015
5. Warum die Häme?
@peterbuske Lassen Sie sich nicht von leichtfertig dahingeschriebenen Bildunterschriften in die Irre führen. Natürlich wurde die Rolandschule aus Glas, Stahl und Beton gebaut. Sollte sie etwa aus Stroh, Gummi und Pappe gebaut sein? Im Übrigen handelt es sich um einen äußerst eleganten Bau mit großartiger Materialwirkung. Interessant ist auch, dass PSE Künstler der Düsseldorfer Akademie beauftragte, interaktive Kunstwerke für die Schule zu schaffen. Leider sind einige dieser Kunstwerke aufgrund des allgegenwärtigen Sicherheitswahns nicht mehr in vollem Umfang bespielbar. @albert schulz Ich nehme an, Sie kennen keinen der Bauten PSEs aus eigener Anschauung.
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