Philosoph und "Dromologe" Paul Virilio ist tot

Er prophezeite einen "rasenden Stillstand" und nahm bedrohliche Entwicklungen des Internet-Zeitalters vorweg: Der Philosoph Paul Virilio ist im Alter von 86 Jahren verstorben.

Paul Virilio
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Paul Virilio


Der Philosoph und Kulturkritiker Paul Virilio ist tot. Das teilte seine Tochter in einer Erklärung mit. Demnach erlag er bereits am 10. September einem Herzstillstand.

Virilio, der auch als Architekt und Stadtplaner tätig war, wurde als Philosoph mit seinen Thesen zu den Auswirkungen von Geschwindigkeit auf Alltagsleben und gesellschaftliche Verhältnisse bekannt. Er stellte dieses Forschungsfeld 1977 in seinem Werk "Geschwindigkeit und Politik" vor und taufte es Dromologie.

Vom Pferd zum Auto, von der Erfindung des Buchdrucks zum Internet: Virilio sah die Zunahme an Geschwindigkeit als entscheidenden Faktor an, der Gegenwart und Zukunft der menschlichen Gesellschaft bestimmt. Die immer weiter zunehmende Geschwindigkeit, so Virilio, vernichte Zeit und Raum und rufe einen "rasenden Stillstand" hervor. Eine Art totaler Ohnmacht also, die eine Weiterentwicklung der Menschen verhindere und sie zu Ausgelieferten einer überbordenden Informationsflut mache.

"Pessimisten gibt es nicht"

Folge der zunehmenden Beschleunigung sind nach Virilios Thesen auch Unfälle und Naturkatastrophen, die er in Studien wie "Krieg und Kino" und "Information und Apokalypse" analysierte. Später bezog er auch das Internet in seine Überlegungen ein, das seiner Meinung nach soziales Verhalten und das Primat der Politik grundlegend verändere.

Apokalyptisch dräuende Zukunftsprognosen milderte Paul Virilio in seinen Werken mit einem gelassenen Erzählmodus ab, der allerdings in seinen späten Jahren, zum Beispiel in "Der große Beschleuniger", zunehmend lauteren Tönen wich.

Mit seiner Forderung, ein "Ministerium der Zeit" einzurichten, um die schlimmsten Folgen der Beschleunigung abzufedern, konnte er sich nicht durchsetzen, auch ein von ihm geplantes "Museum des Unfalls" blieb eine Vision.

Virilio, der in den Sechzigerjahren als Architekt eine Kirche entwarf, die einem Bunker glich, sorgte für lauten Widerhall nicht nur im Philosophie- und Mediendiskurs, sondern auch in der Kunst. Verschiedene Museen widmeten seinen Ideen Ausstellungen, zuletzt 2006 das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.

Pessimisten, so schrieb Virilio einmal, gebe es nicht; nur Realisten und Lügner. Oder: "Überall sind Augen. Es sind keine blinden Flecken mehr übrig. Wovon sollen wir träumen, wenn alles sichtbar wird? Wir werden davon träumen, blind zu sein."

kae



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