Pawel Althamer in Berlin Kunst kommt von Kunststoff

Bank trifft auf Werkbank: In dem von einem Geldinstitut gesponsorten Berliner Guggenheim hat der Warschauer Künstler Pawel Althamer den Nachbau einer polnischen Plastikfabrik eingerichtet - hergestellt werden dort Werke, mit denen man glatt die Akteure des Finanzsystems demaskieren könnte.


"Kunststofffabrik in der Deutsche Bank". Oder: "Jetzt halten die Banker ihren Kopf hin!" Oder auch: "Berliner Museum zieht in Warschauer Vorort".

Obwohl in Wirklichkeit keine Berliner Kunstinstitution nach Polen abwandert und auch die Deutsche Bank keine neue Methode zur Bankenrefinanzierung ausprobiert, das neueste Projekt von Pawel Althamer (*1967) bietet eine Menge Stoff für Boulevardschlagzeilen.

Dazu setzt Althamers Arbeit bei der kleinen Kunststofffabrik seines Vaters an. Sie heißt Almech und liegt im Warschauer Vorort Wesoa. So richtig rentabel ist sie mit den paar Rohren und Maschinen, die sie noch produziert, aber nicht mehr.

Da passt es nicht schlecht, dass das Unternehmen jetzt zum Museum avanciert. Für zehn Wochen trägt es den Namen Deutsche Guggenheim, während das gleichnamige Berliner Ausstellungshaus, eine Kooperation der Deutschen Bank und der Solomon R. Guggenheim Foundation, als Almech firmiert.

Althamer junior hat nicht nur den Firmennamen nach Berlin verlagert, sondern auch die Maschinen und Werkstoffe. Und einige Mitarbeiter obendrein. So sind die Räume der Kunstinstitution mit der Vorzeigeadresse Unter den Linden 13/15 zur Werkhalle geworden.

Etwas frisches Obst

Hier wird zehn Wochen lang nicht ausgestellt, sondern produziert. An Werkbänken werden weiße Masken gefertigt: Porträts von Mitarbeitern der Bank, von Ausstellungshelfern, von Besuchern - letztlich von allen, die am Zustandekommen des Projekts mitwirken. Dann werden die Gesichtsabgüsse auf Metallgerüsten fixiert und die Körper mit Kunststoffstreifen aus einer von Althamers Vater entwickelten Maschine ergänzt.

Weiße, zombieartige Gestalten entstehen so, denen das Fleisch in zerrissenen Fetzen am Gerippe hängt. Alle haben geschlossene Augen. Strengere, hagere Züge erinnern an Totenmasken. Volle, lächelnde Gesichter scheinen schlafend, träumend. Ein knappes Dutzend dieser manieristisch wirkenden Skulpturen steht jetzt schon da. Und nach und nach wird es ein ganzer Trupp werden. Ein Gruppenporträt, für das im Idealfall auch einige Banker ihre Gesichter hingehalten haben.

Kurios. Was aber bedeutet das? Einige Aspekte entsprechen Althamers Vorgehen bei anderen Arbeiten. Oft setzen sie bei ihm selbst an. Einmal brachte er Hunderte seiner Nachbarn in einem riesigen Warschauer Wohnkomplex dazu, die Beleuchtung in ihren Wohnungen nach einem festen Muster anzuknipsen. Als die Dämmerung einsetzte, ließen dann die hellen Fenster an der Fassade die Zahl 2000 sichtbar werden. Und Tausende Anwohner feierten das Gemeinschaftsereignis auf dem Platz davor mit Tanz und Feuerwerk.

Und wie bei diesem "Bródno 2000" genannten Projekt haben die Arbeiten oft partizipatorischen Charakter: In ihnen formt sich das Werk erst in Verbindung mit Menschen aus. Es steht dann nicht isoliert im Raum der Kunst, sondern durchzieht wie eine soziale Plastik auch den Realraum. Bis hinein in die Gefühlswelt eines konkreten Menschen. So etwa, als Althamer in einer Gruppenausstellung den Arbeitsplatz einer Aufseherin mit den Annehmlichkeiten ausstattete, die sie sich im Stillen erträumt hatte: mit einer Zimmerpflanze, einem Radio und etwas frischem Obst.

Halb befreit zu phantastischen Geisterwesen

Dass die Menschen feststecken in ihren Verhältnissen, einem fremden Skript folgen, dass sie aber zu Regisseuren und Akteuren ihrer eigenen Drehbücher werden könnten - das ist der utopische Aspekt von Althamers Arbeiten.

Einen kleinen Beitrag zu einer Veränderung der Verhältnisse hatte auch Althamers Vater geleistet, als er Almech 1980 gründe - sobald private Unternehmen in Polen überhaupt möglich geworden waren. Erst produzierte die Firma destilliertes Wasser. Dann, als deutlich wurde, dass die dafür benötigten Behältnisse nur schwer zu bekommen waren, Plastikflaschen, und später dann die Maschinen zur Kunststoffproduktion.

So ist das Berliner Projekt auch eine Hommage an den Erfindergeist und die kreative Spontaneität dieses kleinen Familienbetriebs, der florierte, bis ihn die Globalisierung der Märkte abdrängte. Diese melancholische Reverenz an ein kleines lokales Unternehmen erbringt Althamer nicht zufällig in einem Kunstraum, hinter dem die beiden mächtigen Global Player Guggenheim Foundation und Deutsche Bank stehen. Sein "Almech" konfrontiert auch Werkbank und Bank: die gemächliche, leicht durchschaubare, dingliche Produktion mit den abstrakten, schnell getakteten, wenig nachvollziehbaren Transaktionen der Finanzwirtschaft.

Vielleicht passt es ganz gut zu so einer Konstellation, dass die weißen Plastik-Plastiken des Berliner Kunst(stoff)unternehmes die Akteure des Gemeinschaftsprojekts auf zwiespältige Weise porträtieren: halb befreit zu phantastischen Geisterwesen, halb gezeichnet als lebend Tote.


Pawel Althamer: "Almech". Berlin. Deutsche Guggenheim. 28. Oktober bis 16. Januar 2012.

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