"Peer Gynt"-Premiere Männerheimweh nach der Frauenbrust

Peter Zadek hat in Berlin das Sinnsucher-Stück "Peer Gynt" inszeniert - und ließ sich nach der Premiere für dreieinhalb Stunden fröhliche Sinn-Verhöhnung und blendendes Entertainment feiern.


Uwe Bohm als "Peer Gynt" mit "Anitra" Anouschka Renzi
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Uwe Bohm als "Peer Gynt" mit "Anitra" Anouschka Renzi

Berlin - In der rührendsten Szene des Abends sitzt der Lausbub Peer auf dem Schoß seiner Mutter - und die beiden kratzen und prügeln sich. Angela Winkler ist eine gütige Kittelschürzenmama wie aus einem Märchenbuch und Uwe Bohm ein Hallodri in grünbraun verdreckter Strampelwäsche. Übers ganze Mondgesicht strahlend erzählt Peer Gynt von seinen Abenteuern in Wald und Gebirge; seine Mama Aase nennt ihn einen Lügner, kneift und watscht ihn; dann zetert sie, wie schwer sie's habe "mit so einem Schwein zum Sohn". Gleich aber fallen sie sie sich wieder um den Hals: Ganz fest drückt Peer seinen Kopf an Mamas Brust.

In der brutalsten Szene des Abends reißt der Mistkerl Peer der schönen Ingrid das Brautkleid vom Leib. Weil er ihre Liebe verschmäht, hat das Mädchen beschlossen, einen anderen zu heiraten - und nun macht sich der Angehimmelte doch über sie her, aus Abenteuerlust und in Sufflaune, aber ohne jede Zärtlichkeit.

Es ist ein seltsamer Moment der Stille in diesem heiter-turbulenten Theaterfest, wenn die von Deborah Kaufmann gespielte Ingrid da ganz ruhig und stolz mit blanker Brust und gelöstem schwarzem Haar vor dem Mann steht, der ihr Leben ruiniert: Selbst der immerzu aufgekratzte Peer starrt ein paar Augenblicke lang mit beinah heiligem Ernst auf Ingrids nackten Busen.

Kleidertausch zwischen Uwe Bohm und Anouschka Renzi
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Kleidertausch zwischen Uwe Bohm und Anouschka Renzi

Überhaupt geht es bei aller Fröhlichkeit sehr liebes- und leibesfromm zu in Peter Zadeks Inszenierung des Henrik-Ibsen-Stücks, die am Donnerstagabend Premiere im Berliner Ensemble hatte.

Von Ibsens bald 140 Jahre altem Rätseldrama wird gern behauptet, dass es im Grunde unspielbar sei: weil's doch nur ein langes, finster-grüblerisches, poetisch-undramatisches Märchen sei - von einem, der auszog sich selber zu finden. Bei Zadek aber wird eine lässige, meist hochamüsante Show daraus - die Story von einem, der den hehren Selbstfindungsauftrag nicht besonders ernst nimmt und fröhlich dazu benutzt, mit Trollen und Haremsdamen seine Späße zu treiben.

Die Wahl der richtigen Schauspieler sei bei ihm schon Dreiviertel der Arbeit, raunzt der 77-jährige Theater-Haudegen Zadek ganz gern. Und tatsächlich entsteht die Kraft dieser Aufführung daraus, dass jeder Blick, jede Geste, jeder Ton perfekt zu sitzen scheinen. Fein dosiert und mit fahriger Beiläufigkeit macht die Winkler auf treuherziges, sorgenzernagtes Muttertier.

Mit bleichem, hilflosen Stolz lässt sich Deborah Kaufmanns Ingrid von Peer in den Wald entführen, man bestaunt das Prachtweib und den drolligen Luftikus - und ihren Sex-Akt, den Zadek zeigt, in dem er nichts zeigt: Mit entblößten Oberkörpern schaukeln die beiden nebeneinander an einer Reckstange.

Gräßlich monsterköpfige Trolle


Annett Rennebergs Solveig schließlich ist ein schmales, störrisches Mädchen mit kindlicher Glut in den Augen - und strahlt doch zugleich eine Ruhe und selbstsichere Schönheit aus, die Peer Gynt ganz zu Recht verdattert drein sehen lässt.

Uwe Bohm (mit Angela Winkler als Aase) gibt den Peer Gynt als schamlos-charmanten Kindskopf
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Uwe Bohm (mit Angela Winkler als Aase) gibt den Peer Gynt als schamlos-charmanten Kindskopf

Ansonsten ist Uwe Bohms Peer ein schamloser, wunderbar charmanter Kindskopf. Er mag hier anders als in den meisten "Peer Gynt"-Aufführungen einfach nicht in existenziellem Schreck erstarren: nicht, wenn grässlich monsterköpfige Trolle ihm seine Augen ausstechen wollen; nicht, wenn seine Mutter stirbt; und auch nicht, wenn es ihn wegzieht aus seiner Heimat und von der grundguten Solveig "vorwärts übers Meer" und in die gefährliche weite Welt, wo ihn ein bizarres Wüstenvolk gar zum Kaiser erwählen wird.

Zadek zeigt das kunterbunte Kindermärchen vom kleinen Peer, der sich weigert, je erwachsen zu werden. Den Horror, der seinen Helden so ruhelos macht, lässt er allenfalls in kleinen Momenten aufblitzen - so als wolle er den Zuschauer mit hübsch abgebrühter Lebensklugheit ermahnen: Denk bloß nicht, dass es ein tragisches Schicksal ist, das diesen Kerl zur Herumtreiberei verdammt hat; es ist sein eigener Wille: Der spielt sich zwar selber manchmal den Leidensaugust vor, aber er spielt eben nur - und lacht dabei leise über sich selbst.

Zirkus auf fast leerer Bühne


Die ganze Aufführung ist ein Zirkus auf fast leerer Bühne, in dem die Schauspieler immerzu lustige Verwandlungskunststücke vorführen, sich in Tierkostüme zwängen und mit zappelnden Gliedern den Wellenschlag des Meeres nachahmen. Am Schluss dann verebbt der Rummel und Peer Gynt sitzt wieder auf dem Schoß einer Frau. Die brave Solveig hat all die Jahre auf ihn gewartet. Annett Renneberg ist exakt das Schulmädchen in weißen Strümpfen geblieben, in das Peer sich einst verliebt hat - schon das ist ein böser Witz.

Entblößungsartistin Anouschka Renzi reitet barbusig von dannen
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Entblößungsartistin Anouschka Renzi reitet barbusig von dannen

Peer ist grau und müde geworden, während er auf den Ozeanen und durch halb Arabien reiste, um "ein neuer Mensch zu werden", wie es im Stück heißt. Er hat dabei manch weiteren blanken Busen gesehen, wie wir Theaterzuschauer bezeugen können (darunter den von Anouschka Renzi, die in einer Nebenrolle als Entblößungsartistin herumgeisterte). Peers Kraft und Abenteuermut sind leider für immer dahin.

Viertelstundenlanger Premierenjubel


Solveig dagegen ist ganz züchtig und frisch und neu. Der erschöpfte Held schmiegt sich also an Solveigs Schulmädchenkleidbusen, wie er sich einst an Mamas Kittelschürzenbusen geschmiegt hat: "Verbirg mich, bewahr mich bei dir", sagt er. Bei Ibsen wirkt diese Heimkehr Peers erbärmlich reuevoll; der Regisseur Zadek aber hat sich das Finale vom Schriftsteller Botho Strauß neu dichten lassen und fegt allen Bekehrungsmuff weg.

Die Wiedervereinigung mit Solveig ist ein großartiger, lächerlicher, süßer Traum - der lässt Peer, den Ritter des Sekundenglücks, noch einmal selig strahlen und hinweg sinken. Und die Premierenzuschauer strahlten mit, viertelstundenlang bejubelten sie die Schauspieler samt Regisseur.



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