Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Theaterpremiere: Wann kommt "Peer Gynt II"?

Von

Theaterpremiere: Simon Stone bringt "Peer Gynt" hoch drei Fotos
DPA

Der australische Regisseur Simon Stone nahm sich am Hamburger Schauspielhaus "Peer Gynt" vor - gewohnt ungewohnt, risikofreudig und mit neuem Text. Ein gelungener Abend, aber mit offenem Ende.

Es soll bitte weitergehen! Ein rarer Moment, ein veritabler Cliffhanger gelang Regisseur Simon Stone am Ende seiner zweieinhalbstündigen "Peer Gynt"-Performance am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Ein einsamer Kinderwagen auf der Bühne, eine junge Frau, die ihn mit einem Rollkoffer in der Hand stehenlässt, ein Kind, das wimmernd zurückbleibt.

Hey, und nun? Hat auch diese Nachfahrin das Gynt-Gen in sich? Muss sie den Weg den Weltenstürmers weitergehen, ohne viel Rücksicht auf Familienidylle, Ehemann und Freunde? Es passiert nicht oft, dass man sich am Ende einer Theaterpremiere wie in einer DVD-Serie vorkommt und gespannt auf die zweite Staffel wartet. Es war nicht die einzige Überraschung an diesem Abend.

Alles ist anders in dieser "Peer Gynt"-Version, bei der Simon Stone den Ibsen-Text kräftig durch den Wolf dreht, vielfach ergänzt, neu schreibt und ein paar saftige Änderungen im Personal vornimmt. Der 31-jährige Australier ist als Spielleiter ebenso umstritten wie gefragt, seine Inszenierungen bieten fast nie Bekanntes, und konservative Theaterfans und Kritiker werfen ihm allzu freien und sorglosen Umgang mit den Texten vor.

In der Tat: Seinen Peer Gynt teilt er forsch in drei Frauenrollen auf. Das Personen-Splitting ist nicht neu, Regie-Kollege Nicolas Stemann ist ein anderer Experte in dieser Technik, doch was zunächst wie eine wohlfeil-zeitgenössische Gendermainstreaming-Technik anmutet, entwickelt bei Stone schnell eine innere Logik und zielführende, dramatische Strömung.

Gynt in drei Frauenrollen

Henrik Ibsens 1867 entstandenes "Dramatisches Gedicht" nach Märchenvorlage erzählt die Geschichte des ebenso fantasiebegabten wie rücksichtslosen norwegischen Bauernsohnes Peer Gynt, der als Abenteurer und Händler sich seinen Teil der Welt erobert und wieder verliert und erst durch philosophische Läuterung und die Liebe einer Frau erlöst werden kann.

Mit parabelhaften Märchen darf man spielen, dieses Ibsen-Gedicht verträgt eine Aktualisierung, sagte sich wohl Simon Stone und machte aus dem Peer drei Generationen eigenständiger Frauen, die nach Wegen für ihr individuelles Leben suchen, wobei die Männer meist eher hinderlich sind. Drei Frauen, drei Wege.

Das Ende als Anfang: Angela Winkler beginnt den Gynt-Reigen als Ehefrau, die nach einer Trennung ihren Mann (wunderbar knorrig und dennoch klar: Ernst Stötzner) in einer melancholischen Wiedersehensszene vorsichtig neu entdeckt, verletzt vom Leben, fragil und vorsichtig tastend, eine behutsame Szene, weich und spröde zugleich gespielt. Es wurde wohl bis zuletzt an diesem sanften Pas-de-deux gefeilt, denn einzelne Einsätze stimmen nicht ganz - macht aber nichts, der Gesamteindruck trägt alles sicher. Ein langsamer Einstieg wie bei einer Sonate, ein Andante vor dem Hauptthema.

Das folgt dann in Gestalt von Maria Schrader, die jüngere, die Business-Variante des Frauen-Gynt, erlebt in kitschiger Bar-Kulisse, mit Keeper Josef Ostendorf und Bettina Stucky als würzige Sekundanten. Das Beziehungskarussell nimmt Fahrt auf, als die Rest-Familie auftritt.

Mit dem leicht unterbelichteten Neffen (rührend: Aljoscha Stadelmann), einem forschen Schwiegersohn (dynamisch/kraftvoll: Paul Herwig) und einem hypernervösen, übergriffig-neurotischen Jungspund und lustvollem Lover in Gestalt von Christoph Luser, der sich wie von Sinnen auf die dritte Gynt-Dame, die Enkelin, stürzt, die Gala Othero Winter mit hypnotischer Intensität und taufrischer Natürlichkeit entwickelt. Allein die Darbietungen von Frau Winter sind schon die halbe Miete an diesem Gynt-Abend. Und das bekannte Traum-Duett zwischen Gynt und Mutter Aase geben Winter und Winkler mit anrührender Grandezza: Ein wenig Klassik darf dann doch sein.

Autoren-Segen von "Henrik Ibsen"

Alle diese üppig und schauspielerfreudig angelegten Rollen finden großen Raum in der großzügig ins Parkett verlängerten Bühne. Sei es die schräg-bunte "Oasis"-Bar, eine traumsinnige, kirchenähnliche Hausumrahmung aus Lichtröhren oder der alptraumhaft-schäbige Parkplatz im dritten Teil: Stets befördern die Sets von Bob Cousins mit minimalen, aber hoch effizienten Mitteln sowohl die Gefühlslagen der Protagonisten als auch die Unterströmungen der Handlung. Susanne Ressins Lichtakzente optimieren perfekt diese Raumwirkungen.

Und als in einer angsteiflößenden LSD-Fantasie eine ganze Clowns-Gang aus dem einzigen Auto auf dem Riesenparkplatz entsteigt, mischen sich Trivial-Ästhetik und albtraumhafte Horror-Reminiszenzen. Als komische Befreiung grüßt später Josef Ostendorf als Schöpfer Henrik Ibsen aus der Proszeniumsloge und erteilt dem ganzen Reigen seinen Autoren-Segen.

Immerhin kommt die bekannte Zwiebel-Metapher aus Peers Leben vor: alles nur Haut und kein Kern. Zuvor schon hatte das Bühnen-Personal kräftig und entschieden seinen Text diskutiert - auch die Meta-Ebene wurde von der Regie sorgfältig thematisiert, es sollte aus all der bunt-bösen Komik kein Boulevard entstehen.

Den persiflierte dann am Ende Christoph Luser als - fast einen Tick zu dick aufgetragen - Ehemann der sensiblen Gynt-Enkelin, als er ihr vor dem Kinderwagen das kommende Familienleben in den Schockfarben der Zukunft ausmalte. Woraufhin die verstörte Jung-Ehefrau in einer todtraurigen Schlussszene die Rollkoffer-Flucht ergriff. Stille. Blackout.

Jubelnder Premierenbeifall für ein tolles Ensemble und das perfekte Regieteam, ohne ein einziges Buh. Kommt nun "Peer Gynt II"? Bei Simon Stone ist nichts unmöglich.

Zum Autor
Werner Theurich
Jeannette Corbeau

Werner Theurich ist verantwortlicher Redakteur für den Bereich Forum sowie die Moderation der Leserkommentare zu den Artikeln. Darüber hinaus schreibt er als Autor für das Kultur-Ressort über Musik, Theater und Literatur.

Mehr Artikel von Werner Theurich

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Peer Gynt 2 existiert schon
pmhausen 24.03.2016
http://www.metal.de/sonstige/news/van-canto/48435-van-canto-wollen-ans-theater/ Leider hat das Thalia-Theater seinerzeit einen Rückzieher gemacht, obwohl das Stück gewählt wurde.
2. Andere Meinung
jochenbrachmann 25.03.2016
Nachdem ich mit der Premiere Peer Gynt einen für mich unendlich öden Theaterabend verbringen musste und komplett anderer Meinung als Herr Theurich bin, freue ich mich, dass es auch negative Kritik gibt, in der ich mich 1:1 wiederfinden kann, wie z.B. die von Michael Laages für den Deutschlandfunk verfasste Kritik: http://www.deutschlandfunk.de/peer-gynt-in-hamburg-drei-frauen-fuer-einen-mann.691.de.html?dram:article_id=349376
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: