Islam-Gegner und rechte Szene Pegida ist die neue Abkürzung für "Ausländer raus"

"Patrioten" machen in Dresden und anderswo gegen Islamisten und angebliche Stellvertreterkriege auf deutschem Boden mobil. Dabei ist das Pegida-Programm nur eine neue Fassung fremdenfeindlicher Parolen.

Von Volker Weiß

Projekt Pegida: Hooligan-Schlachtruf "Ahu" als Motto
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Projekt Pegida: Hooligan-Schlachtruf "Ahu" als Motto


Demonstrationen gegen "Islamisierung" sind dringend notwendig. Ob in Nordafrika, Iran, im syrischen Bürgerkrieg oder den palästinensischen Gebieten, selbst im Nato-Land Türkei verfolgen radikale Islamisten, was nicht ihren autoritär-konservativen Wertvorstellungen entspricht. Eine breite Bewegung gegen die religiöse, kulturelle und politische Homogenisierung wäre in diesen Ländern zu begrüßen.

Aber in Dresden? Hier täten allenfalls Solidaritätsbekundungen mit allen not, die durch Islamisten bedroht werden. Dennoch treibt eine Bewegung "Patriotischer Europäer gegen Islamisierung" (Pegida) die Menschen zu Tausenden auf die Straße.

Die abendlichen Kundgebungen dienen indessen nicht der Solidarität, sondern der Abgrenzung von "fremden Konflikten". Anstoß für die Aktionen "gegen Islamisierung" sei eine Demonstration von PKK-Anhängern in Dresden gewesen, gab Initiator Lutz Bachmann zu Protokoll. Dass diese im Mittleren Osten gegen Islamisten kämpft, spielte für ihn keine Rolle. Bei Pegida heißt es schlicht: Keine "Glaubens- und Stellvertreterkriege auf deutschem Boden". Pegida geht es nicht um analytische Präzision, vielmehr appelliert man an das "Herr-im-Haus-Gefühl".

Pegida-Initiator mit Kontakten ins Rotlichtmilieu

Dabei nahm es ausgerechnet Bachmann mit fremdem Hausrecht in der Vergangenheit selbst nicht so genau. Kürzlich widmete sich die "Sächsische Zeitung" ausführlich seiner Vita als Einbrecher und Dealer mit besten Verbindungen ins Rotlichtmilieu. Eine Figur wie aus einer Komödie, in der der Ganove den Saubermann gibt.

Trotz ihres halbseidenen Sprechers finden sich inzwischen bundesweit Ableger von Pegida. Die offizielle Pegida-Homepage verlinkt nach Düsseldorf zu Dügida. Dort sprachen Sebastian Nobile und Melanie Dittmer, die wie Bachmann ebenfalls eine bewegte Vergangenheit haben. Nobile kommt aus der rechtspopulistischen Kleinstpartei Die Freiheit und war bei der German Defense League, die dem Hooligan-Spektrum nahesteht.

Auch Dittmer ist in der extrem rechten Szene Nordrhein-Westfalens seit Jahren bekannt. Schon 2001 war sie Teil eines Theaterprojekts des Künstlers Christoph Schlingensiefs zur Resozialisation von Neonazis. Dort stand sie mit der Parole "Ich bin immer noch rechtsradikal! Habt ihr mich trotzdem gern?" auf der Bühne. Seit Kurzem gehört sie dem Parteivorstand von Pro NRW als Beisitzerin an. In Düsseldorf gab sie nun den Hooligan-Schlachtruf "Ahu" als Motto aus: "Damit haben die Spartaner schon gekämpft in Griechenland in der Reconquista und haben den Islam zurückgedrängt!"

Es ist kein Zufall, dass der Retterin des Abendlandes am Mikrofon die Kulturgeschichte völlig durcheinandergerät. Zwar lagen zwischen dem Kampf der Spartaner am Thermopylen-Pass, lange vor der Entstehung des Islam, und der Rückeroberung der iberischen Halbinsel gut zweitausend Jahre. Doch Dittmer zählt sich zu der aus Frankreich importierten Bewegung der "Identitären", die für eine "ethnokulturelle" Wiedergeburt Europas kämpft. In diesem Milieu überlagern sich Fiktion und Historie. Ihre Symbole haben die "Identitären" der US-amerikanischen Comicverfilmung "300" entlehnt. Dazu gehört der Schlachtruf "Ahu", der es inzwischen bis in die Fußballstadien geschafft hat und auch auf den Demonstrationen der HoGeSa erschallte. Bislang hatten die "Identitären" in Deutschland kaum das Internet verlassen, doch über Pegida scheint ihnen der Anschluss an die Realwelt zu gelingen. Mit "Sparta" und "Reconquista" rief Dittmer nur routiniert die Schlagworte der Strömung ab.

Die "Identitären" sind eine Idee aus Frankreich

Den Gründungsimpuls für die "Identitären" in Deutschland gaben einschlägige Medien und Akteure der äußersten Rechten, die die französische Bewegung zur Nachahmung empfahlen. Sie alle trifft man nun im Umfeld von Pegida wieder. Die der AfD nahestehende Rechtspostille "Junge Freiheit" findet für Pegida nur lobende Worte und führte ein langes Gespräch mit Bachmann. Von Beginn an begleitet wird die Bewegung auch von der Chemnitzer Jugendzeitschrift "Blaue Narzisse", die ebenfalls dem identitären Milieu zuzurechnen ist und in Dresden ein Büro betreibt. Akteure des freundschaftlich verbundenen "Instituts für Staatspolitik", einem privaten Thinktank der Neuen Rechten, bloggen begeistert ihre Erfahrungsberichte aus Dresden. In diesen Kreisen ist Pegida nur eine neue Fassung von "Ausländer raus".

Doch wie ist das Anliegen von Pegida einzuschätzen, dem Islamismus entgegenzutreten? Die Beratungsstelle Hayat, die selbst den islamischen Extremismus bekämpft, sieht das Engagement in Dresden mit deutlich gemischten Gefühlen: "In der Artikulation von Pegida zeigen sich reale Probleme, auffällig sind allerdings ein neu-völkischer Kammerton, ausgeprägte Pauschalierungen, Mythen und Schlagwortpropaganda", heißt es auf Nachfrage.

Kampf zwischen Konservatismen

Man sehe die Tendenz, dass Pegida dem islamistischen Mythengebäude nur ein eigenes entgegensetzt, heißt es weiter: "Völkische und abendländische Mythen können nicht die gezielte, von den Grundwerten der deutschen Demokratie ausgehende Auseinandersetzung mit freiheitsfeindlichem Islamismus und seiner militanten Fraktion ersetzen." Diese Einschätzung, nach der sich derzeit eher der Kampf der Konservatismen gegeneinander Bahn bricht, wird auch durch Grundsatzerklärung von Pegida unterstützt. Recht unvermittelt findet sich dort ein Passus gegen "die Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache".

Spätestens hier erschließt sich der Zusammenhang mit der "Islamisierung des Abendlandes" nicht mehr. Der Kampf gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung gehört nicht gerade zu den Kernkompetenzen der Islamisten, in dieser Frage dürften diese mit der Pediga-Linie übereinstimmen. Aber es ist ohnehin wohl kaum der Islamismus, sondern ein allgemeines Unbehagen, das die Leute zu Tausenden auf die Straße treibt.

Seit Thilo Sarrazin hat dieses deutsche Wutbürgertum nur den einen Wunsch: Lasst uns mit dem Elend der Welt in Frieden.



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