Pegida auf der Bühne Der innerdeutsche Kampf der Kulturen

Demonstrieren ist wichtiger als Theaterspielen: Volker Lösch inszeniert "Graf Öderland/Wir sind das Volk" nach Max Frisch in, mit und über Dresden. Ein Theaterabend, bei dem auf allen Ebenen die Axt geschwungen wird.

Von Andreas Wilink

Matthias Horn

Der Anlass ist das Stück, Max Frischs halb vergessenes Drama "Graf Öderland" (1951/1956), der Zweck ein anderer. Es war einmal, dass das Theater die großen Fragen beschäftigten. Etwa noch zu Max Frischs Zeiten. Ist es nun wieder so, in anderer Form - in Auflösung begriffen und so zerrissen, dass kein Kostüm draus wird und die Passform fehlt? Sollte Stil die Mode von gestern sein, die wir uns nicht mehr leisten können dürfen?

Vor genau elf Jahren, als Volker Lösch am Staatsschauspiel Dresden Gerhart Hauptmanns "Die Weber" mit einem Chor Arbeitsloser inszenierte, sagte der damalige Intendant, es ginge um die Darstellung der "ostdeutschen kollektiven Biografie". Falls es die je gegeben hat, so ist sie heute in Dresden in die Brüche gegangen. "Wir sind das Volk!" hieße nun also: "Wer ist das Volk?" Der Aufstand der Anständigen steht gegen den Aufstand der Unanständigen. Auf der Bühne sind es dieselben drei Dutzend Bürgerchoristen, die Rede und Gegenrede vortragen im innerdeutschen Kampf der Kulturen: die Hasstiraden der Pegida-Demos zum einen und der aufklärerische Impuls, der Zorn, die Verzweiflung angesichts der Lethargie und die selbstkritische Reflexion der anderen.

In Frischs "Graf Öderland" tritt ein Staatsanwalt, der den grund- und sinnlosen Mord eines Bankangestellten an einem Hausmeister versteht, aus seiner bürgerlichen Existenz heraus. Er greift zur Axt, tötet, gewinnt Gefolgschaft, stiftet zur Revolte an aus einem diffus klein-antibürgerlichen, anarchisch-nihilistischen Gefühl heraus, sein Leben ändern zu müssen. Der Staat wankt. Der neue Öderland erhält den Regierungsauftrag, wobei er erwachend erkennt: "Man hat mich geträumt."

Auch der Regisseur schwingt seine Waffen

Volker Lösch, dieser im Gegensinn völkische Beobachter und dabei auf seine Weise eben auch ein die Waffe schwingender Öderland, reißt die Grenzen nieder: zwischen Kunstraum und Welt-Raum, Ästhetik und Moral, Abstraktion und Konkretheit, Symbol und Realien. Die Schauspielerin Lea Ruckpaul sagt als Lea Ruckpaul: "Draußen ist die Realität realer und schneller." Der Vorhang auf, der Vorhang zu und keine Frage offen? Das Saallicht geht an, die Inszenierung tritt raus aus dem Literaturtext und hinein in die Soziologie der "Selbstgerechten, Übergangenen, Verbitterten" nach Heinz Bude.

Frischs "Moritat in zwölf Bildern" wird eckig, grob, satirisch plakativ, fast desinteressiert abgewickelt und der Original-"Öderland" von Querschüssen erledigt. Aus seinem Kadaver steigen bösere Geister. Derer, die von blinder Angst ("der Kitt unserer Gesellschaft", wie es in der Aufführung heißt) und blankem Hass getrieben sind, deren Parolen, teils namentlich identifizierbar, vom Chor wiederholt werden. Es ist der gesammelte kleinbürgerlich-xenophobe Stur- und Eigensinn, der sich am "Wir" berauscht und den niederen Instinkt von der Leine lässt. Diese Masse Unmensch zeigt sich in den zweieinviertel Stunden immer rabiater und blutrünstiger. Zunächst im Freizeitlook, dann in Tarnuniform lassen sie Zigaretten im Dunkeln glimmen, sind Veitstänzer, singen das Deutschlandlied, bewaffnen sich in Nachahmung ihres Anführers Öderland mit Äxten. Im Hintergrund lodern Flammen (Bühne: Cary Gayler).

Die Darsteller des Ensembles wiederum legen ihre Rollen ab, appellieren an das Gewissen, fordern sich und uns zu Empathie und Engagement auf. Man bleibt dabei nicht allgemein, etwa wenn die Schauspielerin Annedore Bauer die sächsische CDU-Regierung der Unterlassung bezichtigt.

Trotz der Scham-Offensive, trotz der Emphase für das radikal Humane, trotz einer beklemmenden Reportage von Gewalt und des Berichts eines jungen syrischen Flüchtlings, trotz der bedrängenden Präsenz des Pathologischen, eines nicht mehr nur verbalen Terrors und auch trotz der stehenden Ovationen des Premierenpublikums am Schluss: Löschs Aufhebung des geordneten und ordentlichen Theaterrituals im Dienste der Selbstvergewisserung hat etwas Schales und schlicht Stupides. Besonders, wenn es sich auf seine künstlerischen Mittel verlässt: etwa bei den possenreißerisch-kabarettistischen Einlagen von Torsten Ranft als Kanzlerin Merkel alias Max Frischs Präsidenten in der barocken Maske von August dem Starken.

Durch die Unschärfe, mit der Frischs Öderland-Staatsanwalt (Ben Daniel Jöhnk) hier überblendet in den Pegida-Volkstribun, nimmt Lösch den Autor in Geiselhaft seiner Forderungen. So ist gewissermaßen der Erklärungsnotstand ausgerufen. Dem sich der Kritiker entziehen oder anschließen kann. Wo wir es mit dem Staatsfeind zu tun bekommen, der den europäischen Bürgerkrieg androht, haben wir im Ernstfall verspielt. Vor der Axt die eigenen Waffen zu strecken, ist aber auch Kapitulation.


Graf Öderland/Wir sind das Volk. Schauspielhaus Dresden, nächste Vorstellungen am 30.11. sowie 5. und 11.12., www.staatsschauspiel-dresden.de

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
vox veritas 29.11.2015
1. ...
Was für ein Quatsch. Hier offenbart sich politische und argumentative Rat- und Hilflosigkeit.
acyonyx 29.11.2015
2. Das ist Kunst!!!
Warum denken, argumentieren und überzeugen, wenn mann doch ganz einfach diffamieren kann- aus dem Bauch heraus, wie ein richtiger Künstler! Dem anderen niedere Beweggründe zu unterstellen ist hochmütig und anmaßend. Die Diskussion braucht solche als Kunst bemäntelten Kinderrein nicht. Die führen nur zur Steigerung der Konfrontation.
carlitom 29.11.2015
3.
Zitat von vox veritasWas für ein Quatsch. Hier offenbart sich politische und argumentative Rat- und Hilflosigkeit.
Naja, weniger Argumente als Pegida kann wohl kaum einer haben. Denen geht es doch nur darum, dass diffuse, unbelegte "Ängste" sich mit dem Gefühl der Habgier und des "Nichtteilenwollens" die Hand geben.
Oldtimer 1 29.11.2015
4. Jemand der unverblümt.....
Wahrheiten an den Tag bringt, wird seit eh und je verlacht und bekämpft. Zuerst wird man verlacht, dann wird das neue totgeschriegen und anschließend stillschweigend übernommen. Integration fängt im Kindergarten an und hört nicht auf, denn täglich kommen neue Erkenntnisse hinzu. Beide Seiten müssen Kompromisse machen. Unsere Politik verlangt leider das konsequent nur von einer Seite. In der Natur klappt das bestens. Hier hat ein Rudel wilder Kaninchen einen schwarzen Außenseiter, der irgendwo entwischt war vollkommen in das Rudel aufgenommen aber nur weil es sich angepasst hat und jetzt blitzschnell im Wald mit den anderen unterwegs ist. Da hat selbst der Fuchs das Nachsehen. Die Politik muss umdenken, sonst scheitert der deutsche Staat und nur das ist die Wahrheit, sonst nichts.
Mundil 29.11.2015
5. Die
braucht man ncht zu diffamieren- das tun diese braunen Horden doch selbst zu genüge.
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