S.P.O.N. - Der Kritiker Erschrecken vor dem Gestapo-Schatten

Deutschland ist nationaler geworden seit der Wiedervereinigung: Das zeigt der Zulauf für Pegida - und auch die Bereitschaft der Medien, auf rechte Argumente einzugehen.

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Pegida-Marsch in Dresden: Klima von Angst und Opportunismus
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Pegida-Marsch in Dresden: Klima von Angst und Opportunismus


Rein sprachlich gesehen ist Pegida irgendwo zwischen Gestapo und Hanuta zu verorten - es ist, wie Hogesa auch, die Rückkehr der dreisilbigen Abkürzung in den deutschen Sprachgebrauch. Und damit, so scheint es, erst mal das Ende von "ARD, ZDF, C&A", von "BRD, DDR und USA" (Die Fantastischen Vier).

Gestapo (erfunden 1933) und Hanuta (erfunden 1959) markieren auch die Koordinaten der Angst, die diese fremdenfeindliche Bewegung auslöst - zwischen Volksgemeinschaft, Verbrechen, Verdammnis und der Erlösung durch Konsum und Kapitalismus.

Aber was soll man machen, wenn die Kraft des Konsumismus nachlässt: Das ist das Erschrecken des Hanuta-Landes vor dem Gestapo-Schatten, das ist, mal wieder, die andauernde (und nicht unberechtigte) Angst der Deutschen vor sich selbst.

Was passiert hier also gerade, was sind das für Bilder, die aus Dresden kommen? Welcher Film geht da wieder los? Der von 1933, der 1945 angehalten wurde? Der von 1948, als sich die Länder teilten? Oder der von 1989, als Deutschland wieder da war, der von 1993, als Deutschland wieder brannte, der von 2006, als Deutschland sein "Sommermärchen" feierte?

Oder alle gleichzeitig?

Geht also die ganze deutsche Scheiße wieder von vorne los, das fragen sich viele, und es gibt auch Leute, die sich schon Gedanken machen darüber, in welches Land sie am besten auswandern wollen - die "Huffington Post" hat acht Gründe für die Emigration zusammengetragen, Fazit: "Deutschland müffelt".

Sehnsucht nach politischer Führung

Wie das riecht, der rechte Opportunismus, das demonstrierte diese Woche zum Beispiel die Seite eins der "Frankfurter Allgemeinen", wo das politische Ressort mit wehenden Fahnen auf die Pediga-Bewegung zulief.

Erst mahnte der Herausgeber Berthold Kohler, man müsse als direkte Konsequenz aus Pegida eine Einwanderungspolitik entwerfen, die sich "strikt an den Interessen des eigenen Landes" orientiert - was dem Grundrecht auf Asyl diametral entgegensteht.

Und einen Tag später kam der neue rechte Hofhund Jasper von Altenbockum zum Einsatz, der meinte, Pegida sei nur "ein anderes Wort für die Sehnsucht nach politischer Führung" - als sei das je das Argument gewesen, wenn irgendwo 15.000 oder 75.000 Menschen gegen Atomkraft oder für mehr Lohn auf die Straße gehen.

Aber es gibt eben eine Bereitschaft, auf rechte Argumente einzugehen, es gibt das relativierende Palaver davon, dass man die Ängste "ernst nehmen" müsse (wieder Kohler). Zu diesem publizistischen Rechtsruck passt auch, dass sich die "Neue Zürcher Zeitung", so wurde diese Woche berichtet, um einen klareren rechten Kurs bemüht und dafür schon mal den bisherigen Chefredakteur gefeuert hat.

In Deutschland, wo "Volk" schon immer wie "Volksgemeinschaft" klang und der Menge leicht etwas Dunkles, Drohendes anhaftet, ist die Sache noch einmal brisanter: Die Autosuggestion, dass es rechtes Denken nicht mehr gab, weil es rechtes Denken nicht mehr geben durfte, war eine Existenzgrundlage des Nachkriegsdeutschlands, im Westen zumindest.

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Pegida-Aufmarsch: 15.000 gegen den Islam
Im Osten war die Sache nach 1945 anders - und Pegida zeigt, dass dieses Land, so wie es manche befürchtet hatten, mit der Wiedervereinigung tatsächlich nationaler und rechter geworden ist.

Das Klima von Angst und Opportunismus, wie es in Dresden besonders gut zu beobachten ist, ist dabei durchaus zeittypisch - auf den Ruinen des Neoliberalismus, so scheint es, werden gerade die Koordinaten der kommenden Zeit neu verhandelt. Und die Freiheit hat es da besonders schwer.

Dazu passt etwa die fatale Entscheidung von Sony, den satirischen Film "The Interview" über das Mordkomplott an einem nordkoreanischen Diktator nicht in die Kinos zu bringen, nachdem Hacker erst Hollywood-Interna und -Gossip veröffentlicht hatten und dann mit Terror drohten: Zuerst gibt man die Freiheit der Kunst auf und dann die Freiheit überhaupt.

Und auch die Meldung von dieser Woche, dass der Europäische Gerichtshof die Hamas von der Liste der Terrororganisationen streicht, passt in diese Einschüchterungszeit: Denn wie, wenn nicht als Terroristen, soll man Menschen bezeichnen, die dafür sind, ein anderes Land, Israel, zu vernichten?

Es war, mit anderen Worten, keine gute Woche für die Freiheit.

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insgesamt 97 Beiträge
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kommentator222 19.12.2014
1. Die Rechts - Links Einteilung in der Politik passt nicht mehr.
Sie hatte im 19. und im 20. Jahrhundert gestimmt. Inzwischen hat sich die Welt so sehr verändert, dass das Schema keinen Sinn mehr macht. Und mit schematischem Denken an die komplexen Verhältnisse heran zu gehen, kann man nur machen wenn man nicht selber entscheiden muss.
koenigludwigiivonbayern 19.12.2014
2.
Man kann nicht gleichzeitig Denkverbote begrüßén und gegen Denkverbote sein. So einfach ist das.
never-stop 19.12.2014
3. Medien
Ich weiß ja nicht welche Medien sie konsumieren Herr Diez, aber ich habe auf meiner täglichen Tour von SPON über ZEIT zu SZ, eventuell noch FR, TAZ und Tagesspiegel, noch keinerlei Verständnis für Pegida entdecken können! Im Gegenteil nur einhellige Empörung. Die allerdings so reflexhaft, selbstzufrieden und oberflächlich wirkt dass sie erheblich zu nerven beginnt. Denn man könnte doch tatsächlich auch mal schauen was es zu bereden gibt, statt jedes Mucken gegen Islamismus und fehlende Immigrationskonzepte mit der Nazikeule zu erschlagen. Ich frage mich langsam ob ich irgendetwas nicht mitbekommen habe: einen Konsens dass bestimmte Dinge kategorisch aus der öffentlichen Diskussion heraus gehalten werden MÜSSEN, weil sie sonst zu schrecklichen Dingen führen können, wie brennenden Asylantenheimen? Aber ist das so? Kann man nicht darüber reden ob ein politisch Verfolgter, ein Kriegsflüchtling und eine Wirtschafts-Emigrant gleiche Rechte eingeräumt werden? Und wie es funktionieren soll dass die Regierungen Solidarität und Respekt untergraben mit ihrer HartzIV-Politik und Steuerschonung für Reiche, aber gleichzeitig Großzügigkeit von den Normalbürgern gefordert wird? Von Leuten gefordert die selbst die Rechnung dafür niemals selbst begleichen werden?
Alexander_Meier 19.12.2014
4. Denkfehler zum Grundgesetz
Zitat: "man müsse als direkte Konsequenz aus Pegida eine Einwanderungspolitik entwerfen, die sich "strikt an den Interessen des eigenen Landes" orientiert - was dem Grundrecht auf Asyl diametral entgegen steht." Hier liegt der (bewusste?) Denkfehler, der sich aus mangelnder Kenntnis oder bewusster Fehlinterpretation des Grundgesetzes speist: Das Grundrecht auf Asyl garantiert politisch Verfolgten vorübergehend Schutz vor Verfolgung, dasselbe nach der Genfer Konvention gilt für Kriegsflüchtlinge. Beides hat vorübergehenden Charakter, man flieht vor Gefahr und muss wieder gehen, wenn diese zu Ende ist. Etwas völlig anderes ist die dauerhafte Einwanderung, die auch anders behandelt werden muss, wie es Länder wie Kanada, Australien und NZ, also "Einwanderungsländer", auch tun. Hier ist durch ein Punktesystem auf die Interessen des Aufnahmelandes abzustellen. Bei uns erfolgt aber Einwanderung, zahlenmäßig unbegrenzt und ohne Punktekontrolle, durch die Hintertür des Asylrechts. Das wollen viele nicht. Ist das so schwer zu verstehen, wenn man etwas will. was klassische Einwanderungsländer schon haben?
Daniel M. 19.12.2014
5. Na das war knapp.
Bis zu dem Absatz, der die Eigenzensur von Sony Pictures thematisierte, dachte ich wirklich, Georg Diez schreibt von einem Rechtsruck. Dabei zeigt er gerade in den beiden letzten Absätzen, dass es eher ein Linksruck darstellt, aus falschen Gründen sich selbst zu beschränken oder eine alte Forderung der Ultralinken zu erfüllen und die HAMAS von der Terrorliste zu streichen. Also alles beim Alten.
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