Pekings Designer-Viertel Am Ende kommen Touristen

Das Szenequartier Nanluoguxiang gilt als die heiße Meile in Peking. Für die Olympischen Spiele putzt die Regierung das Gebiet jetzt zum Vorzeige-Viertel heraus. Nicht alle sind begeistert: Die ansässigen Modedesigner und Künstler reagieren mit sanfter Rebellion.

Aus Peking berichtet


Die Straße war ungepflastert und dreckig. Zum Spielen klauten das kleine Mädchen und ihre Freunde damals Klopapier aus der nächsten öffentlichen Toilette. Heute schaut Guai-Guai, siebzehn Jahre alt und Kellnerin, aus dem klimatisierten "NLGX"-Cafe auf hellgrün aufschießenden Bambus und neu verlegtes Straßenpflaster und sagt: "Früher war hier alles sehr simpel."

Guai-Guai ist mit dem Wandel der Straße aufgewachsen. Doch sie ist eine der wenigen alteingesessenen Bewohnerinnen der Nanluoguxiang, einem 800 Jahre alten Hutong im Pekinger Trommelturmviertel. Hutongs, so heißen Pekings traditionelle Gassen, die auf beiden Seiten mit Platanen und einstöckigen, grauen Hofhäusern gesäumt sind. Seit junge chinesische Designer und Gastronomen vor einigen Jahren die Straße entdeckten, haben die meisten Nachbarn von Guai-Guai ihre Wohnungen gewinnbringend vermietet und zogen in moderne Hochhäuser.

"IN", "Woo" oder "JMAX" steht auf den Schildern an den umgebauten Hofhäusern, in denen die Unternehmensgründer selbst entworfene Kleider, Porzellan oder Schmuck verkaufen. Trendbewusste Chinesen und Backpacker bevölkern mit ihren Laptops die kleinen Cafés und Bars, die mal im lichten Landhausstil, mal im traditionellen Teehausdesign gestaltet sind.

In einer Seitengasse wirbt das "Hutongren Idea Culture Hotel" mit einem modifizierten Propagandaplakat aus der Kulturrevolution und dem Slogan: "We are all hutongren" - wir sind alle Hutong-Leute. Nicht nur Ausländer mögen dieses Flair. Regelmäßig suchen Modejournalisten der lokalen Fernsehsender und Stadtmagazine die Gegend nach neuen Straßen-Styles ab.

Michel Sutyadi, ein Deutscher mit chinesischen Eltern, gründete vor einem halben Jahr gemeinsam mit zwei weiteren Auslandschinesen das Ladencafé "NLGX". Das Label, benannt nach den Anfangsbuchstaben der Straße, will die Nanluoguxiang als eigenständiges Viertel vermarkten. Nun muss die Karte im Internet aktualisiert werden, die Touristen durch die sich rapide verändernde Straße leiten soll. Allein seit Januar sind zu den rund 70 Bars und Geschäften 15 Neuzugänge hinzugekommen, wöchentlich werden es mehr. Nachts blitzen aus den Baustellen die Funken der Schweißgeräte, Lackgeruch weht auf die Straße.

Sanfte Rebellion auf T-Shirts

Unter dem Labelmotto "Preserve-Create" versucht der Deutsch-Chinese Sutyadi mit seinen Designs den Zeitgeist der Straße einzufangen. Sein momentaner Bestseller ist ein T-Shirt mit zwei großen Schriftzeichen: "Bu Chai" - "nicht abreißen". Mit "Chai" markiert die Regierung zum Abriss bestimmte Häuser. Das Shirt ist eine sanfte Rebellion gegen die umstrittene Stadtentwicklungspolitik Pekings, die bereits einen Großteil der historischen Hutongs zerstört und die Bevölkerung in Hochhaussiedlungen am Stadtrand umgesiedelt hat.

"Das T-Shirt kommt gerade bei den jungen Chinesen gut an", sagt Sutyadi. "Die Bewahrung der Tradition ist momentan ein heißes Thema in Peking." Deswegen veranstaltete kürzlich das "Cultural Heritage Protection Center" (CHP) im NLGX-Cafe einen Informationsabend. Die Nichtregierungsorganisation, die sich für den Schutz der traditionellen Hutongs einsetzt, suchte unter den Besuchern der Nanluoguxiang nach Unterstützern.

Dabei ist die 800 Jahre alte Straße eine Vorzeigemeile für Pekings Denkmalschutz. Nachdem in den letzten 50 Jahren die Zahl historischer Hutongs in Peking von 3000 auf 1000 schrumpfte, stellte die Regierung 1990 rund 40 Prozent der historischen Innenstadt rund um die Verbotene Stadt unter Denkmalschutz.

Dort finden sich, wie in der Nanluoguxiang, die meisten historischen Stätten von touristischem Wert: zum Beispiel ehemalige Residenzen von Prinzen und mächtigen Eunuchen oder das Geburtshaus der chinesischen Kaiserin Wan Rong. Wohngegenden, die solche Sehenswürdigkeiten nicht aufweisen konnten, wurden dagegen zum Abriss freigegeben: Nur 200 Meter südlich der Nanluoguxiang liegen die Überreste einer alten Hutong-Nachbarschaft.

Elend zwischen Bauzäunen

Die Nanluoguxiang und ihre 16 Seitenstraßen wurden dagegen 2006 im Rahmen des vorolympischen "1-Milliarde-Yuan-Plans" renoviert, mit dem die Regierung wichtige Kulturdenkmäler generalüberholen ließ. Staatliche Baufirmen pflasterten die Straße neu, renovierten die Fassaden und die öffentlichen Toiletten. Davon profitieren neben den Anwohnern vor allem die Cafébesitzer, deren Räumlichkeiten wie viele Hofhäuser keine eigenen sanitären Anlagen besitzen. Ein Schub für die Entwicklung der Straße.

Matthew Hu, Leiter des Cultural Heritage Protection Centers, betrachtet das Ergebnis bei einem Spaziergang mit gemischten Gefühlen: "Die Hauptstraße eines Hutong-Viertels ist eigentlich ein Treffpunkt für die Menschen, die in den Seitenstraßen leben." Und ein Ort, wo sich Privatleben und Öffentlichkeit vermischen. Noch finden sich zwischen den jugendlichen Flaneuren kleine Grüppchen von Senioren, die auf Hockern am Straßenrand miteinander plaudern. Nachts können Barbesucher alte Männer in Boxershorts zum öffentlichen Klo schlurfen sehen. Hu sorgt sich dennoch: "Seit die Touristen da sind, erhöht sich das Tempo in der Straße. Die Unruhe verändert den gemächlichen Lebensstil der Anwohner."

Touristenraten für Kaffee

Auch die Preise steigen: Rund 30 Yuan, umgerechnet drei Euro, zahlen Besucher hier inzwischen für einen Eiskaffee. Für junge Chinesen, die nach dem College ein Monatsgehalt von 200 bis 300 Euro bekommen, immer noch ein Luxusgut. Inzwischen sind die billigen Imbisse und Kioske in der Minderzahl. Wer bleibt, passt sich an: Die Mutter der Kellnerin Guai-Guai bekocht in einem gemieteten Raum Touristen, die auf der Suche nach Authentizität mit Rikschas in das Viertel gekarrt werden.

Wie NLGX-Gründer Michel Sutyadi verstehen sich viele Laden- und Barbesitzer der Nanluoguxiang als Vorreiter der jungen chinesischen Kreativszene und Hüter der lokalen Kultur. Doch die Regierung hat ein Eigeninteresse an der Straße entwickelt. Wenige Wochen vor den Olympischen Spielen wurde das erst vor zwei Jahren verlegte Pflaster jetzt erneut aufgerissen und die alten Stromleitungen unterirdisch verlegt. Statt der hässlichen Masten leuchten dort nun neue, auf alt gemachte Straßenlaternen. "Die Regierung hat gemerkt, dass hier viel Geld zu machen ist", erklärt sich Sutyadi das Geschehen.

Ein Indiz dafür ist das buntbemalte Portal im altchinesischen Stil, das am Südende der Straße aufgestellt wurde. Mit solchen Portalen markiert die Regierung Sehenswürdigkeiten und Einkaufsstraßen. Eine goldumrandete Infotafel zur Geschichte der Straße schließt mit den Worten: "Mit seinem beeindruckenden historischen Erbe ist die Nanluoguxiang zu einer Gegend für Tourismus und kulturelle Kreativität in der altertümlichen Stadt Peking geworden."

Die Olympiatouristen können kommen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.