Deutsche "People"-Ausgabe Blubberblasen mit Sprachfüllschaummasse

Nichts als die Wahrheit! Der deutsche Ableger des US-Magazins "People" will nicht über Gerüchte klatschen, sondern das allzu menschliche Leben der Stars beschreiben. Wie schade - denn stinknormal sind wir Leser ja schon selbst.

Von

Bauer Media Group

Star mit Kind, da macht man nichts verkehrt. Auf der Premierenausgabe des deutschen "People"-Ablegers busselt also Christina Aguilera, "Weltstar", ihrer Babytochter den apricotfarbenen Lippenstift auf die Wange. Ein erprobtes Motiv, mit dem die US-Ausgabe des Magazins schon am 23. Februar erschienen war und das der deutsche Bauer-Verlag nun also für seine erste Ausgabe übernommen hat.

Die hingebungsvolle Weltstar-Mutter, das beste Motiv, um den Magazintitel zu unterstreichen: Stars are people, too! Auch wenn das Baby deutlich properbackiger und glanzlippiger als der Durchschnittssäugling in die Kamera schnuffelt, mit vollen Windeln und nächtlichem Geplärr wird sich auch die Diva Aguilera herumschlagen müssen, denkt sich nämlich da der Leser.

Es ist die Botschaft, derentwegen schon die Künstler in der Renaissance damit begannen, die Mutter Gottes mit Kindelein zu malen: Seht her, sie thront zwar entrückt im Himmel, ist aber irgendwie auch auf dem Boden geblieben, ne. Ganz wie Aguilera, die am Ende ja vielleicht auch ein normaler Mensch ist, so wie wir, nur eben ohne Hautporen.

Voll down-to-earth-mäßig

Einem Porträt des Stars als normaler Mensch, diesem Unterfangen widmet sich auch die genreklassisch bildlastige, textknausrige "People"-Startstrecke. Wir sehen Wangenknochenbeau Benedict Cumberbatch, der nach einem Langstreckenflug ebenso schmierhaarig daherkommt wie man selbst. Wir sehen die Models Kendall Jenner und Gigi Hadid beim Anbringen von Liebesschlössern an einer Pariser Brücke, ganz wie normalbürgerliche Kitschtrinen. Und wir sehen den Oscar-Preisträger Eddie Redmayne beim Verrichten prosaischer Arbeiten: Lebensmittel einholen! In die Reinigung gehen! Und, voll down-to-earth-mäßig: Topfpflanze kaufen!

Das mag zwar sympathisch normal sein, aber normal ist man im Zweifelsfall ja schon selbst. Für eine Illustrierte, dem modernen Pendant zum Bänkelsang, geben derlei Profanitäten nicht viel her. Wie bei den Unprominenten ist bei den Promi-People das, was man nicht sieht, sondern sich nur zusammenreimt und -munkelt, doch immer viel aufregender und flirrender. Mit derlei halbseidenen Gespinsten ist in "People" allerdings nicht zu rechnen. "Wir verbreiten keine Gerüchte, wir interessieren uns nur für die Wahrheit", schreibt der Chefredakteur Tom Junkersdorf in seinem Editorial. Sehr ehrenwert, klar. Aber eben auch ein bisschen fad.

Und ermüdend deskriptiv umgesetzt. Es regiert das Was-du-siehst-ist-was-du-liest-Prinzip: Ein Textlein über den nahenden Geburtstag von Schauspielerin Eva Longoria ist mit "Happy Birthday" überschrieben, ein Foto, auf dem Schauspieler Vince Vaughn stolz seine Familie zeigt, mit "Zeigt stolz seine Familie". Und die Coverstory über Christina Aguileras Baby Summer Rain trägt im Heft die Überschrift, richtig: "Baby Summer Rain". Chapeau, hier hat Textchef Obvious einen guten Job gemacht.

Lena Gercke, ganz neu

Das Mutterschaftsinterview mit Aguilera kommt einem dann fast wie eine semiphilosophische Fortpflanzungsdenkschrift vor, so viel differenzierter sind die Antworten des "Weltstars" verglichen mit dem Drumherum. Symptomatisch etwa das Fazit des "Cinderella"-Filmtipps: Wer Märchen liebt, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

Gerade in den kleinen Häppchentexten geriert sich "People" wie ein staunendes Plapperdummchen in Heftform: "Alle sind verrückt nach Amal, 37, und George Clooney, 53", dem "verliebte Powerpaar"! "Heino ist Kult"! Geheimnisse sind "dunkel", Landschaften "beeindruckend", Einblicke "interessant" - lieblos aufgeschlagene Sprachfüllschaummasse. Der Lifestyle-Teil mit den obligatorischen Beauty-, Reise- und Rezepttipps kann den tantigen Eindruck nicht mildern ("Zucker, die süße Gefahr").

Wie ein guter Freund wolle die Zeitschrift sein, für die Stars, die "People" ganz nah an sich ranlassen, und für die Leser, denen sie "ein Kompass" sein wolle, so der Chefredakteur.

Die Titelthemen können diesen Anspruch nicht einlösen. "Herzogin Kate: Wie sie alle überrascht" - indem sie bei einem öffentlichen Auftritt besonders herzlich ist, erfährt man im Text. Das sei "ungewohnt für die Royal Family", was natürlich spätestens seit William und Kate Unsinn ist. Weiterhin sei die abermals schwangere Frau von Prinz William "offensichtlich glücklich", so die "People"-Ferndiagnose. Muss stimmen, was anderes als die Wahrheit kommt ja nicht ins Heft.

Und welche Geheimnisse hat das Model Lena Gercke, eine der wenigen deutschen Prominenten im Heft, ihrem "People"-Freund anvertraut? "Warum ich mein Leben ändere", will sie laut Titelblattzeile berichten. Die brisante Enthüllung: Sie denke heute, mit 27 Jahren, anders als zu Beginn ihrer Karriere mit 17, frisch aus der Kleinstadt. Jetzt wolle sie mehr Zeit für sich und die Familie und nur noch Jobs machen, die ihr "superwichtig" sind.

Echten Freunden würde man vielleicht doch ein paar Blubberblasen weniger servieren. Die erste "People"-Ausgabe ist eher ein flüchtiger Bekannter, dem man mal kurz von der anderen Straßenseite zuwinkt, um sich hastig in einen Kurzwarenladen zu flüchten.

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insgesamt 4 Beiträge
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dreandas 12.03.2015
1. Die Fettglasur...
... zur Sprachschaumfüllmasse, welche einen kackbraunen Fleck im Mundwinkel hinterlässt. People ist unkommentiert schon Satire und Persiflage genug... sich die gerützelte Stirn massierend...
uventrix 12.03.2015
2.
Ich frag mich immer, wieso man sich für das Privatleben von "Stars" interessiert... aber was solls, die Zeitschriften die ich lesen interessieren wahrscheinlich den ein oder anderen auch nicht... ... aber sowas bringt einen doch überhaupt nicht weiter... ;)
annoo 12.03.2015
3. Ach köstlich...
Soso, Christina Aguilera will also, dass ihre Tochter behütet aufwächst, womöglich ohne Medienrummel. Deshalb lässt sie sich mit Kind auf einem Titel ablichten. Und Stars ganz privat, klar, Lena Gerke in langer Königinnenrobe, wie man halt so in seiner Küche immer beim Zwiebel schneiden rumsteht. Der Artikel ist wirklich herzerfrischend geschrieben. Noch ein Magazin, zu dem ich noch nicht mal beim Zahnarzt oder Frisör greifen muss.
troy_mcclure 13.03.2015
4. Lasst die Leute doch
Wer meint, dafür Geld ausgeben zu müssen, darf das doch.
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