People-Magazin "Life & Style" Cameron Diaz aus Chemnitz

Kleider machen Beute: Mit dem neuen People- und Fashion-Magazin "Life & Style" eilt der Bauer-Verlag Deutschlands Jung-Frauen zur Lebenshilfe. Das dürfte sich auszahlen - denn wer will nicht aussehen wie Cameron Diaz?

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Wer spürt sie nicht, die Carrie Bradshaw in sich? Ilka Peemöller jedenfalls scheint fest davon überzeugt, dass ein wenig von der Stadtneurotikerin aus "Sex and the City" in uns allen steckt, zumindest in Deutschlands Frauen. Denn Peemöller will dieser Carrie Bradshaw in der deutschen Frau etwas verkaufen: "60 Must-haves für die Carrie in uns".

So steht es auf dem Titel des neuen People-Magazins "Life & Style", erstmals zu kaufen am heutigen Donnerstag, für 1,90 Euro. Zu sehen sind auf dem Cover ein paar dieser "Must-haves": Bikinis, Sonnenbrillen, Armreifen, und Bags. Und natürlich lächelt Carrie Bradshaw vom Titelblatt herunter, beziehungsweise die Schauspielerin Sarah Jessica Parker, der Peemöller, Chefredakteurin des Blattes, in großen Lettern die Frage unters Lächeln geknallt hat: "Küsst sie den Richtigen?"

Dieser Mix aus Kuss-Mirakel und Mode-Must-Haves ist programmatisch für das Blatt aus dem Verlagshaus Bauer. Als Symbiose aus Klatsch- und Kleider-Magazin kommt "Life & Style" daher und versucht so, drei Fragen ihrer zukünftigen Leserinnenschaft zu beantworten: Wen küsst Frau Bradshaw/Frau Parker denn so? Was trägt sie am Leib, wenn sie wen küsst? Und: Kann auch ich aussehen wie die? Um das auf den Punkt zu bringen, haben Bauers Werber einen Claim für "Life & Style" entwickelt, der lautet: Must-Heft. Muss das sein?

Offenbar ja, folgt man der Zielgruppen-Logik des Must-Heftes. Eine, sagen wir mal, an Mode interessierte Schwabinger Zahnarztgattin kann Carrie Bradshaws Manolo-Blahnik-Stilettos einfach beim Dealer ihres Vertrauens ordern. Aber Carrie steckt ja in allen, also auch in der Arzthelferin aus Chemnitz oder in der Marketing-Assistentin aus Oer-Erkenschwick. Nur fehlt denen meist das Geld, um modisch so zu glänzen wie Carrie.

"Life & Style" soll da Abhilfe schaffen, eine Art Fashion-Lebenshilfe für RTL2-Zuschauerinnen zwischen 18 und 39 Jahren geben. Und vermutlich hätte niemand ein passenderes Titelthema als "Sex and the City" wählen können, jener jetzt verfilmten Serie, die so großartig von der Warenförmigkeit des modernen Menschen berichtet.

In der ersten Ausgabe lernt das Publikum eine junge Dame namens Vanessa Schulz kennen. Sie ist Friseurin, 23 Jahre alt, verfügt über ein "Style-Budget" von 280 Euro im Monat und wohnt in Frankfurt (wobei die Redaktion leider nicht verrät, ob Oder oder Main). Vanessa Schulz möchte aussehen wie Cameron Diaz - und "Life & Style" sorgt dafür.

Ein Ring für sieben Euro, da kann man nicht meckern

Das sieht so aus: Links ein Foto von Frau Diaz, kokett stemmt sie die linke Hand in die Hüfte, sie trägt einen edlen schwarzen Trenchcoat, sündhaft teure Diamanten schmücken Finger und Handgelenk. Und rechts daneben ein Foto von Frau Schulz, in der gleichen Pose, die Redaktion hat ihr einen schwarzen Trenchcoat von Gestuz übergezogen, der kostet günstige 149 Euro, und an den Finger hat man ihr einen Ring von Pimkie gesteckt, für sieben Euro, da kann man nicht meckern.

"Nachstylen" heißt das bei "Life & Style". Das Heft bietet viele solche Nachtstyle-Tipps, bei denen die Redaktion stets angibt, wo und zu welchem Preis Hotpants, Bolero-Jäckchen oder Ripp-Tops zu haben sind, die dem ähneln, was Sarah-Angelina-Beckham letzte Woche vor den Paparazzi-Kameras dieser Welt zur Schau trug. Dabei empfiehlt "Life & Style" allerdings nicht irgendetwas, sondern, darauf legt man wert, pflegt ein journalistisches Credo, das Chefredakteurin Peemöller luzide so formuliert: "Drei Stars müssen ein Teil schon getragen haben, bevor wir sagen: Das ist heiß."

An dem wöchentlichen Star-Shopping-Guide sollen sich auch die den Anzeigenkunden erfreuen. H&M, Mango, Zara & Co., glauben die Bauer-Werber, suchten ja geradezu neue Partner, denn deren Kollektionen wechselten mittlerweile wöchentlich, da gäbe es nichts auf dem Markt und da wolle man jetzt rein, mit 450.000 Druckauflage.

Der Zeitschriften-Gigant Bauer setzte 2007 rund 1,7 Milliarden Euro um. Das Familienunternehmen verlegt Evergreens wie "Bravo" oder "TV Movie", hat aber auch den neuen Hit "Intouch" im Programm, ein 2005 gegründetes People-Magazin, das mit Zellulite- und Koma-Abschüssen von Britney & Co. eine sagenhafte Erfolgsstory schreibt: 312.435 Exemplare verkaufte das Heft im ersten Quartal 2008 wöchentlich, 21,5 Prozent mehr als im Jahr davor.

Diese Erfolgsstory will Bauer nun wiederholen, keinesfalls aber gefährden, beeilt man sich zu versichern: "Intouch" und "Life & Style" seien zwar verwandt, aber nur Schwestern, keine Zwillinge. "'Intouch' ist unsere Cameron Diaz, die sich Abends mit ein paar Jungs eine Dose Bier aufreißt, 'Life & Style' eher eine Kate Hudson, die ihren Ruf als Stil-Ikone pflegt", sagt Thomas Schneider, der den schönen Titel "journalistischer Geschäftsleiter" bei Bauer führt.

Dennoch tummeln sich die Schwestern natürlich gemeinsam im People-Segment, einem der wenigen Bereiche des Print-Marktes, der noch wächst oder zumindest stabil bleibt. Die "Bunte" etwa, so etwas wie die alte Klatschtante der beiden Bauer-Schwestern, setzte im Einzelverkauf im ersten Quartal 2008 erstmals mehr Hefte ab als der Illustrierten-Vergnügungsdampfer "Stern". Wenig verwunderlich also, dass die Verlage ins People-Geschäft drängen, zuletzt warfen der süddeutsche Klambt-Verlag und die Briten von Northern Shell eine deutsche Ausgabe des Magazins "OK" auf den Markt.

"60 Must-haves für die Heidi in uns"

Wie die "OK" greift "Life & Style" auf internationale Hilfe zurück. Die 35-köpfige Hamburger Redaktion von Bauers "Life & Style" kann sich bei Bedarf beliefern lassen von 80 Redakteuren aus New York und Los Angeles. Die produzieren dort die US-Ausgabe des Heftes, die der Bauer-Verlag 2004 auf den Markt brachte und die derzeit rund 850.000 Exemplare verkauft.

Wie in der "OK" ist deutsche Prominenz in "Life & Style" fast komplett abwesend, stattdessen hat man den US-Celebrity- Style-Blogger Perez Hilton engagiert, "deutschlandweit exklusiv", wie Chefredakteurin Peemöller stolz verkündet. Deutschland habe nun mal keine Stars, sagt Bauers Chef-Journalist Schneider, "bestenfalls noch Heidi Klum".

Die hat es in der ersten Ausgabe von "Life & Style" auf die Horoskope-Seite gebracht: als Geburtstagskind der Woche, immerhin. Nur eine Frage der Zeit also, bis die "60 Must-haves für die Heidi in uns" kommen.

Das wäre ein feiner Titel, vielleicht sogar besser als der jetzige, denn vermutlich steckt in der deutschen Frau ja mehr bodenständige Heidi aus Bergisch Gladbach als neurotische Carrie aus New York City. Aber das ist eine andere Geschichte.



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