Performance Die Kuh, die Kunst, der Flatz und das Fleisch

Provokation oder Kunst? Der Extremkünstler Wolfgang Flatz ließ zwecks fleischlicher Bewusstwerdung eine tote Kuh über dem Prenzlauer Berg abwerfen und badete dazu als Pseudo-Jesus im eigenen Blutrausch. Die Menge schwankte zwischen Sensationsgier und Gleichgültigkeit...

Von Cristina Moles Kaupp


Martialisch, roh, pathetisch: Autoaggressor Wolfgang Flatz liebt das Extrem
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Martialisch, roh, pathetisch: Autoaggressor Wolfgang Flatz liebt das Extrem

Faszination Fleisch. Offene Wunden, in denen Leben pulsiert. Saftiges Rot auf blass schmerzender Haut. Stoff, aus dem Alpträume sind. Manche hacken Kunst daraus: martialisch, roh, pathetisch wie die Arbeiten des Österreichers Wolfgang Flatz, bekannt für spektakuläre autoaggressive Aktionen. Für 500 Mark ließ er sich bereits mit Dartpfeilen bewerfen, versuchte sich als Fußabtreter in der Münchner Kunstakademie oder klatschte als menschlicher Glockenschlägel zwischen zwei Stahlplatten - bis zur blutigen Bewusstlosigkeit. Und nun stieß er eine Kuh aus dem Himmel, direkt über dem Prenzlauer Berg.

Es ist Donnerstagabend, kurz nach 21 Uhr. Rund 3000 Menschen stehen wie gebannt vor der alten Backfabrik, schwankend zwischen Faszination und Ekel. Tierschützer stechen mit ihren Transparenten in den Himmel. "Perversität gegen Tiere hat keine Grenzen" steht darauf und "Auch Tiere haben Rechte". Doch ihre Klagen konnten das Spektakel nicht verhindern: Eine tote Kuh gilt als Lebensmittel, und das Herumwerfen von Lebensmitteln ist nicht verboten. Stumm verteilen sie nun Flugblätter und verstehen die Welt nicht mehr.

Um sie herum tobt junge Sensationsgier, Hamburger kauend und mit abgebrühten Sprüchen schnell dabei. "Ich will Kühe", muht jemand, eine Schickse quäkt um ihr Outfit bangend: "Bis wohin fliegen die Fleischfetzen denn?"

Am Kran hängender Künstler: "Spring doch!"
REUTERS

Am Kran hängender Künstler: "Spring doch!"

In der Baugrube vor der Backfabrik tut sich was. Scheinwerfer flackern auf, ein Baufahrzeug bohrt sich wütend knatternd in die Erde - die Ouvertüre. Im Hintergrund gähnen die fensterlos klaffenden Etagen des entkernten Fabrikgebäudes. Mittendrin eine Leinwand. Darauf zoomt sich Flatzens blutüberströmtes Antlitz vor und zurück, synchron zu den satten Rhythmen seiner aktuellen Single "Gib mir Dein Fleisch" - harscher Industrial-Sound von vorgestern, aufgemotzt mit der Elektronik von heute - kalter Kaffee.

Vor dem Bauzaun wird das Muhen und Buhen immer lauter. Bis sich ein Baukran in Bewegung setzt. Daran ein Körper in weißem Tuch mit blutigen Flecken: Flatz. Wenige Meter schwebt er über den Köpfen seiner uniformierten Musiker, die auf dem Dach ihre Percussions dreschen. Das Bündel bewegt sich: Nackt und mit ausgebreiteten Armen streckt sich Flatz in die Christus-Pose. "Spring doch", feixt es. Blutgier erwacht.

21.44 Uhr: Der Hubschrauber mit dem toten Vieh an Bord rattert heran. Gehäutet, kopflos und auf BSE geprüft hängt es an der Nabelschnur der Kunst. Positioniert sich über der Baugrube, wird ausgeklinkt, saust 40 Meter in die Tiefe. Synchron zum dumpfen Aufprall lecken Feuerzungen, wölkt sich schwarzer Rauch. Es stinkt. Vorbei? Aber nicht doch. Noch muss die Melodie vom "Wiener Blut" erklingen, vier Paare wiegen sich in Schutt und Walzertakt. Wie sinnig.

Missbrauchter Kuh-Kadaver: Der stille Protest des Opfers
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Missbrauchter Kuh-Kadaver: Der stille Protest des Opfers

Vorbei am Grill mit den saftigen Nackensteaks strömen die illustren Geladenen dann in die Ausstellung, zu Freidrinks und den handlich und vakuumverpackten Fleischfetzen an den Wänden. Handsigniert gibt's das kleinste Oeuvre für nur 200 Mark. Kunst oder Provokation? Stellt sich die Frage heute wirklich noch? Flatz' Anliegen klingt denkbar dürftig, es stammt aus einer Zeit, in der auf Konzerten Tierblut ins Publikum floss. Über 20 Jahre ist das her. Heute ist Flatz 48 und dieser Attitüde treu geblieben. Er verbrämt seine Aktionen mit Chiffren des Kannibalismus und Christentums. "Die Geschichte der Menschheit ist durchtränkt von den Wundflüssigkeiten des unsinnigen Kampfes gegen die Macht des Fleisches", schreibt er in der "Süddeutschen Zeitung". Seine Kunst sei sein Weg, sich seines Fleisches, seiner Existenz zu vergegenwärtigen. Ein Mensch will Fleisch werden mit aller Macht. Und missbraucht dazu ein Lebewesen. Provokation der Provokation wegen? Um jeden Preis? Mord als Kunst?

Mitternacht ist's. Flatz steht mit seiner Band Treibstoff live und pur im dreckigen Keller: "Gib mir dein Fleisch/ich geb dir meins/dann sind wir eins", knarzt er ins Mikrophon. Wie banal. Draußen in der Baugrube liegt noch immer ein Kadaver. Unbeachtet, notdürftig zugedeckt von einer weißen Plastikplane. Nur der rohe Hintern schaut heraus. Der stille Protest des Opfers.



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