Performance-Gang "God's Entertainment" Fummeln für die Kunst

Gewalt, Sex, Pöbeleien: Die Theatertruppe God's Entertainment riskiert viel - und ist immer für einen Skandal gut. Nun sind die Performer zu Gast in München, Hamburg und Berlin. Mit im Gepäck: eine mächtig geheime Produktion, angeblich halb-illegal.

Mitglieder des Theaterkollektivs God's Entertainment: Kunstschmuggler, leicht getarnt
Gods Entertainment

Mitglieder des Theaterkollektivs God's Entertainment: Kunstschmuggler, leicht getarnt

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Die Aktionen des Wiener Theaterkollektivs God's Entertainment enden mitunter böse, zum Beispiel mit einem blauen Auge, einer gebrochenen Rippe und einer zerdepperten Nase wie in der Performance "Fight Club realtekken": Zwei Zuschauer durften dort zwei Akteure über Lichtsignale steuern, die sie mit Joysticks auslösten. Wie Videospiel-Figuren schlugen und traten die beiden Akteure dann aufeinander ein, während die übrigen Gäste ihr Wettgeld auf einen von ihnen setzten.

Es war eine ebenso brachiale wie banale Produktion, die die Zuschauer als Voyeure entlarvte und mitschuldig machte, also auf eine in der Performance-Geschichte nicht eben selten gestellte Frage zusteuerte: Wie weit darf man gehen? Als Zuschauer, aber auch als Künstler.

Schmuggler und Hochstapler

In der Produktion "Love Club" ersetzte die Combo die Gewalt durch Sex: Zwei Zuschauer steuerten zwei Akteure, die sich in einem vollen Saal gegenseitig auszogen, küssten und befummelten, bis einer der beiden aufgab - und ausschied. Finalsieger wurde so nicht der schmerzfreieste Akteur, sondern der schamloseste. Mit der Aktion "Stadt ist anders" schließlich brachte God's Entertainment die Gewalt in den öffentlichen Raum: Ein weißer Darsteller prügelte einen schwarz geschminkten Darsteller mit einem Knüppel nieder, um ein Eingreifen der Passanten zu provozieren - oder, sollte es ausbleiben, fehlende Zivilcourage zu demonstrieren. Ein Test, wie er auch den Möchtegern-Enthüllungs-Reportern von RTL und Sat.1 einfallen könnte.

Das Ergebnis: In Zürich dauerte es bis zum Eingreifen eines Passanten 30 Minuten, in Wien noch länger, in Bochum hingegen viel kürzer. Schon nach 9 Minuten griff ein Mann ein und rief etwas später sogar die Polizei, was als Ergebnis einer etwas einfältigen Kunstaktion nur mäßig interessant wäre. Wenn, ja wenn auf den Notruf hin nicht zufällig die Streifenpolizisten Toto und Harry gekommen wären, die Titelhelden der gleichnamigen Sat.1-Dokusoap. Und so vermischten sich Realität, Theater und TV.

Die Produktionen von God's Entertainment sind manchen zu provokant, anderen zu platt. Eines sind sie immer: ein Gesprächsthema, ein Kommunikations-Katalysator.

Passanten beschimpfen Passanten

Nun tourt die österreichische Truppe mal wieder durch Deutschland, mit Stationen in München, Hamburg und Berlin. Am Münchner Hauptbahnhof läuft im Rahmen des Spielart-Festivals am Montag, 30. November, und am Dienstag, 1. Dezember, jeweils von 16 Uhr an ihre Performance "Passantenbeschimpfung", eine freie Adaption von Handkes "Publikumsbeschimpfung". Das Grundkonzept: Nicht Darsteller beschimpfen ihre Zuschauer, sondern Passanten beschimpfen Passanten. Die Performer von God's Entertainment werden nicht selbst aktiv, sondern casten sich ihre Akteure auf der Straße. Wer mitmacht, bekommt eine kleine Gage, was bei der Wiener Aufführung dazu geführt haben soll, dass Junkies Schlange standen - und dass sich Politiker beschwerten, wohl weil das hübsche Subventionssümmchen nicht zu etwas Wahrem, Schönem, Gutem veredelt wurde und stattdessen ans Publikum ging.

Subventions-Subversion begeht "God's Entertainment" auch mit ihrer neuesten Produktion "Kunstschmuggel", die am 4. Dezember in der Hamburger Kunstfabrik Kampnagel läuft und am 8. Dezember im Theaterdiscounter. Die Performer kündigen an, jeweils die Produktion eines hochsubventionierten Kulturbetriebs in diese vergleichsweise niedrig subventionierten Off-Häuser zu schmuggeln. Sie verraten allerdings nicht, welche Produktion aus welchem Kulturbetrieb auf welche Art und Weise überführt werden soll. Mit anderen Worten: Sie verraten fast nichts, nicht mal ihre Namen im Interview. Weil die Aktion "halb-illegal" sei, weil "staatliche Stellen" sie sonst stören könnten, weil "der Plan" sonst nicht aufgehen würde.

Man kann diese Geheimniskrämerei nervig finden, albern oder wichtigtuerisch. Und man kann auch den Verdacht bekommen, dass die ebenso kryptisch wie konfus daherplappernden Performer nicht nur gute Schmuggler abgeben, sondern auch exzellente Hochstapler. Gespannt ist man dennoch.

Zum Beispiel darauf, welchen Hamburger Kulturbetrieb sich die Gang als Opfer ausgeguckt hat. So gibt es am 4. Dezember zwei Theater-Premieren in der Stadt: "Ödipus, Tyrann" in der Regie von Dimiter Gotscheff am Thalia-Theater und "Von Mäusen und Menschen" in der Regie von Alexander Riemenschneider im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses.

Wer weiß, vielleicht ist eine der beiden Produktionen auch auf Kampnagel zu sehen.


"Passantenbeschimpfung": am 30.11. und 1.12., jeweils 16 Uhr, München Hauptbahnhof, im Rahmen des Spielart-Theaterfestivals ( www.spielart.org).

"Kunstschmuggel": am 4.12. auf Kampnagel Hamburg ( www.kampnagel.de), am 8. 12. im Theaterdiscounter ( www.theaterdiscounter.de), Beginn jeweils 20 Uhr.



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