Heute in den Feuilletons "Ich will dorthin zurückgehen und leben"

"Vice" spricht mit den Eagles of Death Metal über das Massaker im Bataclan. Im "Freitag" ruft die grüne Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner den Fernsehanstalten zu: Hört endlich auf, das Filmniveau zu senken. Und Judith Holofernes feiert in der "Zeit" Adele.


Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 26.11.2015

Im Freitag fordert die grüne Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner, dass das deutsche Kino dem Zugriff der Fernsehanstalten entwunden werden muss: "Brauchen Kreative allen Ernstes staatliche Stellen und Anstalten öffentlichen Rechts, die vorgeben, besser als FilmemacherInnen zu wissen, wie Filme zu sein haben? Im Gegenteil: Sie brauchen UnterstützerInnen, die verstehen, welche Freiheiten und welche Rahmen für die Kreativität förderlich sind. Es wird immer wieder offenkundig, dass Vielfalt verhindert wird und gegen den Willen von KünstlerInnen das Niveau abgesenkt wird."

Mit "Love 3D" hat Gaspar Noé, das letzte Enfant Terrible des französischen Autorenkinos, den ersten 3D-Arthaus-Porno vorgelegt. Auch Janis El-Bira stöhnt im Perlentaucher: Eine gescheiterte Beziehung samt ungewünschtem Nachwuchs tritt "eine spielfilmlange, kein anatomisches Detail aussparende Erinnerungslawine an straffe nackte Körper im goldroten Pornolicht, an Dreier, wilden Klo-, ruppigen Hintertreppen- und schrägen Shemale-Sex [los]. Dazwischen immer wieder: Schreien, Kratzen, Hauen. Alles am Anschlag." Der Film will "ebenso hartnäckig pubertär bleiben wie sein Held", schreibt Barbara Wurm in der taz. Außerdem hat sich David Steinitz für die SZ mit dem Regisseur getroffen.

Im Freitag wirft Georg Seeßlen währenddessen einen genaueren Blick auf Steven Spielbergs neuen Agententhriller "Bridge of Spies" (mehr dazu hier), der im Kalten Krieg spielt und immerhin auf einem Skript der Gebrüder Coen basiert. Und er wird fündig: Er sieht in dem Film "ein ziemlich klares Statement des liberalen Hollywood zur Zeit. Es besagt, dass Menschlichkeit wichtiger ist als Prinzipien, die Demokratie wichtiger als die Macht." Weitere Besprechungen in der NZZ , der taz , in der Filmgazette und online nachgereicht in der FAZ .

Weitere Artikel: Skeptisch nimmt Felix Stephan von ZeitOnline die Euphorie zur Kenntnis, mit der neue Netflix-Serien wie "Master of None" und "Jessica Jones" als politische Ermächtigungsgesten wahrgenommen werden. Dem Berliner Publikum empfiehlt Tazlerin Carolin Weidner die Zeughaus-Filmreihe "Sturm und Zwang" über einstmals verbotene DDR-Filme. In der SZ schreibt Fritz Göttler über eine Münchner Reihe zum rumänischen Gegenwartskino: "Die schönsten Phantomfilme kommen immer noch aus Rumänien."

Besprochen werden die neue RTL-Serie "Deutschland 83" über Agenten im Kalten Krieg (Eckhard Fuhr ist in der Welt begeistert: Herzschmerz und Action, schwarzer Humor und politische Reflexion, was will man mehr? Lars Weisbrod meint in der Zeit: "'Deutschland 83' ist großartig geworden. Aber wann kann man 'Deutschland 15' im Fernsehen sehen?", weitere Kritiken in Freitag , Berliner Zeitung , Presse ), Joel Edgertons Psychothriller "The Gift" ( Perlentaucher , Tagesspiegel ), David Bernets Dokumentarfilm "Democracy - Im Rausch der Daten" ( Freitag ), Yared Zelekes "Ephraim und das Lamm" ( taz ), die Culture-Clash-Komödie "Highway to Hellas" von Aron Lehmann ("herzerwärmend", versichert Barbara Möller in der Welt, ZeitOnline ), Pixars Dinofilm "Arlo & Spot" ( Welt , SZ), Paolo Sorrentinos "Ewige Jugend" ( Welt , FAZ), Dario Argentos auf DVD veröffentlichter Horrorschocker "Opera" aus dem Jahr 1987 ( taz ), Grímur Hákonarsons "Hrútar - Rams", der beim Zurich Film Festival den Hauptpreis gewann ( NZZ ) und Marcel Gislers Dokumentarfilm "Electroboy" über das Leben des Schweizer Snowboarders, Models und Internetpioniers Florian Burkhardt (Zeit).

Literatur, 26.11.2015

Wer glaubt, Schriftsteller hätten es leicht, sollte Lutz Seilers Bericht in der Zeit über die Entstehung seines Romans "Kruso" in Rom lesen: "Zuerst die Anamnese: die Geschichte meiner Krankenhausaufenthalte, meiner Unfälle, Knochenbrüche, Kinder, verheiratet, 'was schreiben Sie?'. Ein schwieriger Moment."

Außerdem: Nachdem Berlusconis Mondadori die neun Verlage des konkurrierenden Medienkonzerns RCS Mediagroup geschluckt hat, will Umberto Eco jetzt einen neuen Verlag gründen, meldet die Presse. Anne-Catherine Simon lässt sich für die Presse von Amir Cheheltan erzählen, wie sehr die Perser einst Paris liebten. Für die FAZ trifft sich Tilman Spreckelsen mit dem Kinderbuchautor Jeff Kinney. Und für den Perlentaucher räumt Arno Widmann wieder zahlreiche Bücher von seinem Nachttisch.

Besprochen werden Lotta Lundbergs Roman "Zur Stunde Null" ( NZZ ), Karl-Heinz Otts Roman "Die Auferstehung" ( NZZ ), Joseph Kanons "Leaving Berlin" ( FR ), Sandra Weihs' "Das grenzenlose Und" ( FR ), Katerina Poladjans "Vielleicht Marseille" (SZ) und Edwidge Danticats "Kein anderes Meer" (FAZ).

Kunst, 26.11.2015

Der Fotografin und Medienkunst-Pionierin Margot Pilz ist derzeit eine Personale im Wiener Musa gewidmet (mehr hier). Im Interview mit dem Standard spricht sie über ihre Kunst und den Feminismus der 70er Jahre: "Wissen Sie, wie frei wir waren? Sie können sich das gar nicht mehr vorstellen. Wir waren unheimlich frei. Die jetzige Entwicklung in der Gesellschaft ist mir unheimlich, so retrokonservativ, ich spüre das sehr."

Beunruhigt und angeregt kommt NZZ-Autorin Claudia Schwartz aus der Schau "I.ch - Wie online leben uns verändert" im Vögele-Kulturzentrum in Pfäffikon: "Da sind zum Beispiel die Bilder von unfreiwillig veröffentlichter Privatheit, die der deutsche Konzeptkünstler Florian Mehnert mithilfe von Hackern unbemerkt aus zufällig ausgewähltem Smartphoneverkehr überspielte: 'Menschentracks' (2014). Mag das Urteil von Psychologen, wonach wir in den sozialen Netzwerken virtuelle Bilder von uns selbst schaffen, denen wir im richtigen Leben immer weniger genügen, auch nicht wirklich weiterhelfen. Es gibt längst Apps fürs regelmäßige Abschalten, zur Wiederherstellung des vom blauen Licht der Geräte empfindlich gestörten Biorhythmus oder einen Film über 'Das gute digitale Leben': Am Ende dieser Kunstbetrachtung steht reale Sehnsucht."

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung porträtiert Ingeborg Ruthe den Töpfer und Käthe-Kollwitz-Urenkel Jan Kollwitz. In der NZZ denkt Philipp Meier über den Preis und den Wert von Kunst nach. Dem wieder eröffneten Musée de l'Homme in Paris mangelt es an einer "schlüssigen Betrachtungsperspektive", meint ein ratloser Joseph Hanimann in der SZ. Besprochen wird die Ausstellung "Eine kurze Geschichte der Zukunft" im Louvre ("auf verstörende Weise apolitisch", meint Peter Geimer in der FAZ).

Besprochen wird die Ausstellung "Artist & Empire" in der Tate Britain in London ( FR ).

Bühne, 26.11.2015

Die Hauspolizei des Bundestags hat gegen Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit Anzeige wegen schweren Hausfriedensbruch erstattet, meldet Martin Kaul in der taz. Ebenfalls rechtlich verantworten müssen sich Theaterleute aus Mainz, die während einer Afd-Veranstaltung bei offenem Fenster so laut gesungen haben, dass laut Polizei das Versammlungsrecht der AfD verletzt wurde, wie Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung informiert. In Dresden unterdessen stemmt sich Regisseur Volker Lösch am Staatsschauspiel in einer neuen Frisch-Inszenierung gegen den Pegida-Irrsinn, berichtet Alex Rühle in der SZ nach einem Probenbesuch. Für die Zeit untersucht Peter Kümmel in Dresden, Berlin und Hamburg, wie das Theater mit der Terrorangst umgeht.

Besprochen werden Benjamin Brittens "Sommernachtstraum" an der Oper Genf ( NZZ ) und David Hares neues, in London aufgeführtes Stück "The Moderate Soprano" (FAZ).

Musik, 26.11.2015

Herbert Grönemeyer ist empört, wie Xavier Naidoo als deutscher Kandidat beim Eurovision Song Contest (ESC) abserviert wurde, meldet die Presse und zitiert aus Grönemeyers Facebookeintrag: "Xavier ist einer der besten und etabliertesten Musiker und Sänger bei uns, weder homophob, noch rechts und reichsbürgerlich, sondern neugierig, christlicher Freigeist und zum Glück umtriebig und leidenschaftlich. Wir brauchen keine Gesinnungspolizei oder Meinungsüberwachung, sondern hoffentlich 80 Millionen verschiedene Köpfe und Wahrheiten."

Weitere Artikel: Für die taz plaudert Carla Baum mit Rocko Schamonis fiktiver Technopionierband Fraktus. Jens Uthoff von der taz unterhält sich mit Miland Petrozza von der Metalband Kreator über Bataclan und die Folgen. In der taz schreibt Klaus Walter zum Tod von Cynthia Robinson.

Besprochen werden John Coltranes "A Love Supreme: The Complete Masters" ( Pitchfork ), "Mutant" von Arca ( Spex ), ein Konzert von Uriah Heep ( FR ) und Jaëls Electropop-Album "Shuffle The Cards" ( NZZ ).

Außerdem bringt die Zeit eine kleine Musikbeilage. Im Aufmacher feiert Judith Holofernes das Album von Heulboje Adele. Und auf der "Glauben und Zweifeln"-Seite der Zeit untersucht man verschiedene Verbindungen von Pop und Religion, zum Beispiel das Album von Papst Franziskus, "Wake up":  Hier "riskiert die Musik einige Hüftschwünge, gelegentlich sanft gebremst durch gregorianische Choräle, stellenweise schimmert Italo-Eheanbahnungspop durch. Ein Papst, der solchen Kompositionen seinen Segen gibt, muss Humor haben", notiert Christiane Florin.

Das Vice Magazine schließlich spricht mit den Eagles of Death Metal über den Anschlag auf das Bataclan:


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 26.11.2015

Die suggestiven "unterstellen Sie etwa"-, "wollen Sie etwa"-, "sind Sie jetzt nicht auf dem besten Wege"-, ihn in die rechte Ecke treibenden Fragen Georg Blumes elegant ignorierend, macht Alain Finkielkraut im Zeit-Interview ganz deutlich, was ihn nach den Pariser Terroranschlägen umtreibt: "Mich beunruhigt nur dieses europäische Sich-gehen-Lassen. Europa ist eine Zivilisation. An uns liegt es heute nicht mehr, sie in die Welt zu tragen. Aber wir müssen sie schützen, weitergeben, verteidigen. Ich fürchte, wir können das nicht mehr."

Man wünscht sich keinen übermächtigen Staat, aber überhaupt kein Staat ist auch keine Lösung. Belgien ist paradoxerweise beides und damit ein exzellentes Beispiel für die Nutzlosigkeit beider Ideologien, lernen wir in der New York Times. Einen Monat vor den Pariser Terroranschlägen hatte die Bezirksbürgermeisterin von Molenbeek eine Liste mit 80 mutmaßlichen Islamisten bekommen, berichtet Andrew Higgins. Darauf standen u.a. Abdelhamid Abaaoud sowie Brahim und Salah Abdeslam, die an den Anschlägen beteiligt waren. "'Was hätte ich denn tun sollen? Es ist nicht meine Aufgabe, mutmaßliche Terroristen zu verfolgen', sagte Ms. Schepmans im Interview. Das, fügte sie hinzu, 'ist Aufgabe der Bundespolizei.' Die Bundespolizei wiederum untersteht dem Innenminister Jan Jambon, einem flämischen Nationalisten, demzufolge Belgien als Staat überhaupt nicht existieren sollte." Brüssel selbst zeigt, wohin solche separatistischen Auffassungen führen: zu "sechs verschiedenen lokalen Polizeieinheiten, einer Bundespolizei ... drei Parlamenten, 19 Bezirksparlamenten und zwei Aufklärungsdiensten..."

Dass mal so ganz nebenbei "eine friedliche Bürgerrevolution, getragen von allen Generationen, vor allem aber der jungen, eine korrupte Regierung gestürzt hat, die bis vor wenigen Monaten unerschütterlich im Sattel zu sitzen schien , ist fast unbemerkt geblieben", schreibt Oliver Jens Schmitt in der NZZ. "Dieses Land ist Rumänien."

Im Interview mit Alice Bota von der Zeit erklärt Mustafa Dschemiljew, Vorsitzender der nationalen Bewegung der Krimtataren, warum seine Leute seit September die Zufahrt vom ukrainischen Festland zur Krim blockieren, statt "um die Krimbewohner zu werben": "Aber es gilt dort heute russisches Recht. Wenn wir etwa ein Referendum anstreben würden, um die Krim zurück in die Ukraine zu führen, dann wäre das nun als Separatismus strafbar. Die Meinung der Bewohner zählt nichts, solange Russland herrscht."

Politik, 26.11.2015

Kein Land - außer vielleicht Belgien - wurde in letzter Zeit so scharf kritisiert wie Saudi-Arabien. Hier liegen die Wurzeln des radikalen Islam, hier sitzen viele der Finanziers von Daesh. Thomas L. Friedman hat das Land besucht und bittet in der New York Times, zu differenzieren: Die Vorwürfe treffen zu, aber es gebe erstmals ein Klima für echte Veränderungen. Das liege zum einen an dem 30-jährigen Kronprinzen Mohammed bin Salman, der mehr Demokratie wolle. Und zum anderen hätten sich die Umstände einfach geändert: "Erstens sind die meisten Saudis jünger als 30. Zweitens hat König Abdullah vor zehn Jahre versprochen, er würde jedem Saudi, der das wünsche, ein Studium im Ausland bezahlen. Das führte dazu, dass heute 200.000 Saudis im Ausland studieren (100.000 davon in Amerika). 30.000 kommen jedes Jahr mit westlichen Abschlüssen zurück und treten in den Arbeitsmarkt ein. Man sieht jetzt überall Frauen in den Büros und mehrere Regierungsbeamte haben mir zugeflüstert, wie oft die selben Konservativen, die sich über arbeitende Frauen beschweren, sie heimlich auffordern, ihren Töchtern zu einer guten Schule oder einem guten Job zu verhelfen."

Ein wenig getrübt wird dieses schöne Bild durch folgende Meldung des Guardian: "Saudi-Arabien hat acht Stellen für neue Scharfrichter ausgeschrieben, um der steigenden Zahl der Hinrichtungen - meist durch öffentliche Köpfungen - Herr zu werden." Am Sonntag wurde der 85. Mann in diesem Jahr geköpft.

Daoud Boughezala weist in causeur.fr auf einen Vorfall hin, der in Deutschland gar nicht wahrgenommen wurde, die Köpfung eines Hirten durch Terroristen in den Bergen von Tunesien: "Am Tag des Attentats in Paris wurde der 16-jährige Mabrouk geköpft, nachdem er sich geweigert hatte, die Dschihadisten zu unterstützen. Einer seiner Cousins hat dieses Drama im tunesischen Fernsehkanal Nesmaa geschildert. Sein erschütternder, hier franzöisch untertitelter Bericht gibt uns einen Hoffnungsschimmer, was den Mut und die Hellsichtigkeit einiger arabischer Jugendlicher angeht. Aus Frankreich und Tunesien kommen zwar große Kontingente der Dschihadisten von Daesh, aber einige widerstehen der Barbarei. Und das nciht nur auf der Terrasse."

In Bahrain, wo der arabische Frühling so brutal unterdrückt wurde wie in kaum einem anderen Land, scheint sich dagegen gar nichts zu verändern. Umso empörter ist in der New York Times Sayed Ahmed Alwadaei, Direktor des Bahrain Institute for Rights and Democracy und gerade aus seinem Land zwangsausgebürgert, dass John Kerry kürzlich die Opposition in Bahrain als "Sektierer" gebrandmarkt hat: "Die oppositionellen politischen Gesellschaften (Parteien sind illegal in Bahrain), haben ganz einfache Forderungen: die Schaffung einer glaubwürdigen unabhängigen Justiz und deutliche Schritte hin zu mehr Demokratie. Weil keine dieser bescheidenen Forderungen in den vier Jahren nach dem Arabischen Frühling erfüllt wurde, entschiedenen sich die oppositionellen Gruppen, die Wahlen zu boykottieren. Nachträglich gesehen war diese Strategie ein Fehler. Sie gab der Regierung carte blanche, nach den Wahlen Oppositionsführer wie Ebrahim Sharif und Ali Salman zu inhaftieren. Menschenrechtler wie Nabeel Rajab wurden willkürlich eingesperrt. Ein anderer Bürgerrechtler, Abdulhadi al-Khawaja, verbüßt eine lebenslange Haftstrafe, ebenso der Blogger und Aktivist Abduljalil al-Singace. Laut einer Koalition aus Menschenrechtsorganisationen in Bahrain sitzen derzeit 4.000 Ärzte, Lehrer, Studenten, Journalisten, Fotografen und andere als politische Gefangene in Bahrains Gefängnissen. Viele wurden gefoltert." Zugleich kämen wichtige Daesh-Unterstützer aus prominenten Bahrainischen Familien, wie etwa der Hassprediger Turki al-Binali.

Kamel Daoud schreibt im Quotidien d'Oran über den seltsamen, aus Immobilismus rührenden Frieden in Algerien. "Tugend der Altvorderen, Lebenserfahrung, Verleugnung all der unbekannten Toten, Trauma der Überlebenden verleihen uns heute für den Moment jenen Status eines verschonten Landes. Als könnte man einen Getöteten nicht noch einmal umbringen. Und das macht uns für den Rest der Welt seltsam hellsichtig: das ganze Universum durchlebt jetzt jenes schwarze algerische Jahrzehnt, hat ein Kommentator im Internet gesagt."

Ist der Westen an dem ganzen Schlamassel im Nahen Osten schuld? Unsinn, meint in der Zeit Adam Soboczynski. Wer ist überhaupt der Westen? Die Intervention im Zweiten Golfkrieg etwa war vom UN-Sicherheitsrat abgesegnet und vereinigte in ihren Streitkräften Soldaten aus Amerika, Saudi-Arabien, der Türkei, Ägyptern, Polen, Marokko und Bangladesch: "Wer von einer jahrhundertelangen Frontstellung zwischen Abend- und Morgenland ausgeht, muss überdies ausblenden, dass der Zweite Golfkrieg der erste militärische Großeinsatz der Amerikaner im Nahen Osten überhaupt war, und nähert sich unbeabsichtigt einer der erfolgreichsten Propagandalügen der Islamisten: Der israelisch-amerikanische Kapitalismus unterjoche die arabisch-islamische Welt, die damit zum berechtigten Widerstand regelrecht getrieben würde."

Gesellschaft, 26.11.2015

Smart Citys - das bedeutet totale Überwachung. Aber es bedeutet auch ein klimaneutrales Dasein und vor allem: umfassende Fürsorge und Sicherheit. Das lernt Zeit-Redakteur Hanno Rauterberg auf einer Messe in Barcelona. Er schildert diese Vorteile so verführerisch, dass man ihnen schon fast erlegen ist, bis man am Ende des Artikels von einem kalten Guss überrascht wird: "mit der Zahl der Knoten- und Kontaktpunkte vermehren sich auch die potenziellen Schwachstellen. Am Ende reicht ein simpler Stromausfall, um einer Metropole allen Schutz zu rauben. Die empfindsame ist auch die empfindliche Stadt."

Internet, 26.11.2015

Zur digitalen Revolution hat Europa bekanntermaßen nicht so viel beigetragen. Da könnten wir sie doch wenigstens durch "unser europäisches Selbstverständnis" adeln, meint EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der in der Zeit für eine europäische "Charta der Grundrechte für die digitale Zeit" plädiert. Entwickelt werden soll sie nicht von den Bürgern direkt, sondern von den Vertretern der repräsentativen Demokratie, also von Parlamentariern und Regierungsvertretern, denn schließlich gehe es hier "weniger um den individuellen Schutz vor staatlichen Übergriffen, sondern hauptsächlich darum, die Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen vor privaten Megakonzernen zu schützen". Hm, über diese Behauptung könnte man möglicherweise erst so richtig diskutieren, wenn Edward Snowden irgendwo in Europa Asyl gewährt würde.

Kulturpolitik, 26.11.2015

Rose-Maria Gropp und Julia Voss, Kunstredakteurinnen der FAZ, entwickeln aus Anlass eines Symposium drei Thesen ur Zukunft der Museeen. Eine dvon betrifft die Digitalisierung: "Womöglich kann die Digitalisierung zudem Alternativen zum überhitzten Ausstellungsbetrieb schaffen. Institutionen erreichen das jüngere Publikum oft digital besser als mit Ausstellungsangeboten. Der Ausbau von Kunsteinrichtungen zu Medienplattformen wird daher mancherorts sehr ernsthaft betrieben."

Ohne die Süddeutsche Zeitung als Quelle zu nennen (blamable Machtpolitik à la deutscher Feuilletonjournalismus) geht Patrick Bahners in der FAZ auf Vorwürfe gegen die Gurlitt-Taskforce ein, die bisher noch keine wirklichen Ergebnisse gebracht habe (unser Resümee) und nimmt die Vorsitzende Ingeborg Berggreen-Merkel in Schutz: "Einiges von den anonymen Rügen ist manifester Unfug."

Urheberrecht, 26.11.2015

Das Bundesverfassungsgericht befasst sich gerade mit dem Sampling, einer grundlegenden Technik aller modernen Popmusik, die den Nachteil hat, auf Zitaten zu beruhen. Es geht um die Beurteilung eines Urteils des BGH, das kleinste Schnipsel unter Schutz stellte, schreibt  Michael Pilz in der Welt: "Das BGH hat mit dem Urteil vor drei Jahren die Musikkultur des freien Samplings und Zitierens soweit eingeschränkt, dass, streng genommen, nichts mehr möglich wäre, was nach Kraftwerk kam. Kein Hip-Hop und kein House. Die Popmusik würde zum großen Rauschen der Plagiatsklagen." Kläger ist übrigens Kraftwerk.



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