Heute in den Feuilletons "Eine reiche Palette an Berührungen"

Liebe, Begehren, magnetische Körper - Jubel über Sasha Waltz' "Romeo-und-Julia"-Choreografie. Deutsche Stadtplaner könnten manchem in Aleppo das Dach über dem Kopf retten, meldet die "Welt". Die "taz" hörte deutsche Autoren über die Welt grübeln.


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 20.04.2015

Nach Premieren in Paris und Mailand wurde Sasha Waltz' Choreografie der Berlioz-Oper "Romeo und Julia"-Oper nun auch an der Deutschen Oper in Berlin aufgeführt. Großes Lob von Katrin Bettina Müller in der taz, die schon mit dem von Ronnita Miller gesungenen Prolog von der Sache überzeugt ist: "Während ihre Stimme dem Unbeschreibbaren der Liebe die Konturen des Überwältigenden gibt, sieht man in Sasha Waltz' Inszenierung (...) ein Hinschmelzen von Einzelnen und Gruppen, ein Sichaneinanderschmiegen der Körper, ein Zulassen von Nähe und Berührung, von Hingabe und Aufgehobensein. Intim und spielerisch zugleich ist dieses Bild der Liebe, Begehren und Erfüllung noch ohne Furcht vor Verlust." Auch Sandra Luzina vom Tagesspiegel verfällt ins Schwärmen: "Die Israelin Yael Schnell und der Kubaner Joel Suaréz Gómez veranschaulichen den Magnetismus der Körper - die beiden können gar nicht genug voneinander bekommen. Sasha Waltz ersinnt hier eine reiche Palette an Berührungen (...) Die Tänzer verkörpern zudem auf glaubhafte Weise die extremen Gefühle: Verzückung und Verzweiflung, Zärtlichkeit und Raserei, Liebeslust und Todesverachtung."

Ronald Pohl hatte ein "Rendezvous mit dem Nichts", genauer mit Eugène Labiches Schwank "Die Affäre Rue de Lourcine" in der Inszenierung von Barbara Frey am Burgtheater. Der Standard-Kritiker meint das übrigens nicht negativ: "Frey kümmert sich um die Gesetze des Vaudeville-Schwanks genau gar nicht. In diesem Albtraum schlagen keine Tapetentüren, kein Bürger versteckt Belastungsmaterial. ... Frey und ihre wundervollen Schauspieler interessiert die Begehung einer Traumlandschaft, zu der das Wachbewusstsein normalerweise keinen Zutritt findet. Diese Labiche-Unternehmung spielt nicht in der Belle Époque des Zweiten Kaiserreichs. Sie gehört ins 20. Jahrhundert. Damals drangen die Vertreter der Avantgarde in die hintersten Winkel der Psyche vor, wo sie den Stein der Weisen zu finden hofften." (Weitere Kritiken in der Presse , SZ, FAZ).

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung unterhält sich Irene Bazinger mit Barrie Kosky über dessen Inszenierung von Arnold Schönbergs "Moses und Aron" an der Komischen Oper in Berlin.

Besprochen werden Verdis "Traviata" im Opernhaus Zürich ( NZZ ), das am Heimathafen Neukölln aufgeführte Stück "Ultima Ratio" über Flüchtlinge aus Afrika ( taz ), Milo Raus "The Civil Wars", mit der die Berliner Schaubühne das F.I.N.D.-Festival eröffnet ( taz ), Vasily Barkhatovs in Mannheim aufgeführte Inszenierung von Hector Berlioz' Oper "La Damnation de Faust" ( FR ), Richard Siegals Choreografie, die die Ballettfestwoche in München eröffnet ("eine orgiastische Tanz-Explosion", jubelt Eva-Elisabeth Fischer in der SZ).

Film, 20.04.2015

In Dortmund ging gestern das Internationale Frauenfilmfestival zu Ende. Auf Filmlöwin berichtet Sophie Charlotte Rieger von ihren Entdeckungen. Sehr beeindruckend fand sie etwa Sepideh Farsis Kammerspiel "Red Rose" über eine Frau, die sich 2009 in den Protesten gegen das Teheraner Regime engagiert: "Farsi zeigt ein anderes Bild der iranischen Frau, als es vermutlich in unseren Köpfen existiert, und dekonstruiert damit Stereotype. Aber nicht nur deshalb ist ihr Werk bewundernswert. Mit diesem Film hat sie eine Entscheidung für die Kunst getroffen. Weder sie noch ihre Schauspieler_innen können - zumindest unter den aktuellen Bedingungen - jemals in den Iran zurückkehren." Auch Jasmila Zbanics von Jacques Tati inspirierte Komödie "Love Island" hat sie sehr begeistert, genau wie Agnieszka Zwiefkas Dokumentarfilm "Die Königin der Stille" über ein gehörloses Roma-Mädchen mit einer Vorliebe für Bollywood-Filme. In der FAZ berichtet Oliver Jungen vom Festival, das sich mit "massenhaft erstklassigen Filme aus aller Welt" als bestes Argument für die Frauenquote im Film anführen lässt.

Weitere Artikel: Nina Rehfeld trifft sich für die FAZ mit Robert Rodriguez, um mit ihm über seine für Netflix entstandene Fernsehserien-Adaption seines Horrorklassikers "From Dusk Till Dawn" zu plaudern. Im Tagesspiegel wirft Kerstin Decker einen Blick auf das Programm des Berliner Festivals FilmPolksa. Und Christiane Peitz porträtiert die Protagonisten aus Gerd Kroskes neuem, am Donnerstag anlaufenden Dokumentarfilm "Striche Ziehen".

Architektur, 20.04.2015

Während im syrischen Aleppo noch die Bomben fallen, plant man anderswo bereits den Wiederaufbau der Stadt. In Syrien selbst, wo die Regierung die ausgebombten Areale an saudische Investoren verkaufen will. Aber auch in Deutschland, wo eine handvoll Architekten genau dies verhindern will, berichtet Werner Bloch in der Welt. Laut Bloch lässt Assad die Stadt systematisch kaputtbomben: "Nun will das Regime verhindern, dass die Besitzer der Altstadthäuser zurückkehren. Einträge im Grundbuch wurden gelöscht, ganze Katasterämter sollen abgefackelt worden sein, um den Grundbesitz an Investoren verschachern zu können. Nützen würde das wohl vor allem dem reichsten Mann Syriens, dem Schwager von Präsident Assad, einem Multimilliardär, der einen Großteil der syrischen Wirtschaft beherrscht. Allerdings könnten ausgerechnet die deutschen Stadtplaner dem einen Riegel vorschieben. Denn sie haben während ihrer Zeit in Aleppo minutiös das Stadtarchiv und die Katasterämter digitalisiert... in Deutschland finden sich Kopien, die die Besitzverhältnisse zurechtrücken."

Weitere Artikel: Im zweiten Teil seiner FAZ-Textreihe über den Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt freut sich Dieter Bartetzko auf die zwar historisch orientierte, aber zeitgenössisch aktualisierte Wiedererrichtung des Hauses Markt 30. In der Zeit schwärmt Wofgang Nagel von Niklas Maaks Buch "Wohnkomplex - Warum wir andere Häuser brauchen": "Eines der wichtigsten Architekturbücher der letzten Jahre." Mehr zu dem Buch hier.

Literatur, 20.04.2015

Die deutsche Literatur zieht es zurück zur Debatte, zur politischen Intervention, zur Kapitalismuskritik. Oder zumindest jenen Teil der deutschen Literatur, der sich am Wochenende gemeinsam mit Literatur- und Kulturwissenschaftlern zu dem Symposium "Richtige Literatur im Falschen" im Brecht-Haus in Berlin einfanden. Schade fand es Dirk Knipphals von der taz allerdings, dass die Tagung sich eher mit den Rahmenbedingungen zur Schaffung von Kontroversen befasste, statt sich beherzt in diese zu stürzen. Und dass die Beschreibung der weltpolitischen Sachlage mitunter doch sehr auf Schlagworte aus dem altlinken Wörterbuch runterbrach: "Damit aber kann man gewiss Aktionismus munitionieren, aber doch keine differenzierten Beschreibungen auf Höhe der jeweiligen konkreten Problemlagen liefern. Herauszuarbeiten, an welchen Punkten linke Literatur sich hüten muss vor vorschnellen linken Abstraktionen, wäre großartig gewesen. Tatsächlich ist das Feld der Literatur nicht der richtige Ort, um politische Zentralperspektiven einzuziehen. Im Zweifel sollte sie immer bei den gesellschaftlichen Ambivalenzen bleiben." Auch Sabine Wagner (Tagesspiegel) kommen manche der Diskussionen und Statements sehr bekannt vor. In der Welt zitiert Mladen Gladic: "Irgendwie wirkt das Treffen so, als hätte es vor dreißig Jahren stattfinden können, sagt Michael Wildenhain."

Weiteres: Thomas Wörtche (CrimeMag) kann es fast nicht glauben, wie vorgestrig und "wirr" Lisa Kupplers kürzlich in der FAZ veröffentlichte Kritik am deutschen Durchschnittskrimi ausgefallen ist: "Warum druckt die FAZ das?" Stefan Gmünder stellt im Standard das neue österreichische Literaturmuseum vor. Andrea Tebart freut sich in der Berliner Zeitung über 70 Jahre Pippi Langstrumpf. Zum Tod von Günter Grass hat das DRadio Kultur seine in den 60er Jahren entstandenen Aufnahmen der Schülergespräche des Schriftstellers aus dem Archiv geholt. Der Bayerische Rundfunk bringt den zweiten Teil von Elfriede Jelineks "Wirtschaftskomödie".

Besprochen werden Bücher von und über Danilo Kiš ( Jungle World ), Emily Dickinsons "Sämtliche Gedichte" ( FR ), die Autobiografie des Cartoonisten OL ( Jungle World ), Antonia Baums "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren" ( Tagesspiegel , mehr), Ricardo Piglias "Munk" (SZ) und neue Hörbücher, darunter eine von Lars Eidinger eingelesene Aufnahme von David Foster Wallace' Erzählung "Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Jan Volker Röhnert Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht "Eiswasser an der Guadelupe Str." vor:

"warme Dunkelheit mit
Neonlichtern, Baumschatten
hinter den Häusern, ver
..."

Musik, 20.04.2015

Harald Eggebrecht hat für die SZ das erste Konzert des Geigers Frank Peter Zimmermann besucht, nachdem sich dieser von seiner innig geliebten, jahrelang gespielten Stradivari trennen musste - und das Ergebnis, nun auf einer Guarneri gespielt, wusste auf eigene Art zu überzeugen: "Statt der Süße und dem sich unter seinen Händen so selbstverständlich frei aufschwingenden Klang der 'Lady Inchquin' klang die Guarneri nun im besten Sinne angriffslustiger, bissiger, in der Tiefe erdiger, ja, grimmiger und in der Höhe brennender in der Intensität. ... Angenommen, er würde das Instrument längere Zeit erkunden, dann würden sich gewiss noch weitere Nuancen auftun."

Mit großer Freude meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel, dass die 92 Jahrgänge des früher in Berlin gratis verteilten "Führer durch die Konzertsäle Berlins" vollständig digitalisiert wurden: "Man muss weder Musikologe sein noch Narziss, um beim Blick in diesen Spiegel des Klassiklebens süchtig zu werden. Nur zu gerne gibt man angesichts dieses historischen Schatzes der Lust am Stöbern nach."

Trotz Hype kein Hype: Warum eigentlich fand das vor wenigen Monaten ziemlich hochgejazzte Album der Supergroup Future Brown beim Publikum so überschaubaren Anklang? Mit etwas zeitlichem Abstand wagt Jan Kedves in der SZ vorsichtige Ursachenforschung: Vielleicht ja deshalb, weil das streckenweise "grandiose" Album mit seinen altbackenen Sounds oft merklich durchhängt: "Hier fehlt eindeutig das utopische Moment, das die übrigen Stücke verbindet und das nicht zuletzt Albumtitel und Name des Projekts versprechen. ... Den Künstlern hätte selbst auffallen können, dass dieser Retro-Grime nicht auf ihr Album passt. Es hätte vor allem aber auch ihrem Label auffallen können."

Außerdem: Christoph Dallach (Zeit) spricht mit Giorgio Moroder, der von Daft Punk aus dem Ruhestand zurückgeholt wurde. Die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende spricht im Interview mit dem Standard über ihre erstaunliche Kindheit. Thomas Stillbauer (FR) berichtet von der Musikmesse in Frankfurt. Besprochen wird ein Konzert von Diana Damrau ( SZ ).

Kunst, 20.04.2015

Halst man der Kunst der jungen "digital natives" nicht das falsche Päckchen auf, wenn man ihre Werke immer nur auf Fragen von Identität im Zeitalter der sozialen Netzwerke reduziert? Mit dieser Frage kommt jedenfalls Sven Behrisch von der Zeit aus der Ausstellung "Surround Audience" der New Yorker Triennale, die genau diese Frage in den Vordergrund rückt, dabei aber völlig außer Acht lässt, dass Künstler zu allen Zeiten mit ihren Identitäten gehadert haben, so Behrisch: "Vom Glauben an die Kraft junger Kunst bleibt da nur wenig übrig. Eher ein eigentümlicher und auch hochmütiger Anspruch von Relevanz, der da an eine junge Generation gestellt wird: als würde für sie die Autonomie der Kunst nicht gelten, sondern stattdessen die Pflicht, die Stichpunkte der zeitgenössischen Kulturkritik abzuarbeiten, um ausstellungswürdig zu sein."

Weitere Artikel: Für die taz sieht sich Ulf Erdmann Ziegler die Schau "Lucian Freud und das Tier" im Museum für Gegenwartskunst in Siegen an und staunt: "Freuds Malerei war offen, offen zu einem unbestimmten Ende hin: eine totale Empirie, die alles berührt, sogar das Sofakissen." Thomas W. Kuhn berichtet im Tagesspiegel von der Art Cologne. ZeitOnline bringt eine Strecke mit Wim Wenders' derzeit in Düsseldorf ausgestellten Fotografien.

Besprochen werden die Michael-Beutler-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin (der Marcus Woeller in der Welt eine begeisterte Besprechung widmet), Gauguin-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel ( FAZ ), die Sebastio-Salgado-Ausstellung im C/O Berlin ( Berliner Zeitung ), die Cranach-Ausstellungen in Thüringen ( FAZ ), eine Ausstellung der Sammlung Roberto Longhi im Musée Jacquemart-André in Paris (FAZ) und die Ausstellung "Von der Schönheit der Natur - Die Kammermaler Erzherzog Johanns" in der Albertina in Wien (FAZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 20.04.2015

Die Flüchtlingskatastrophe bewegt alle Medien. Stefan Kornelius plädiert in der SZ nicht unbedingt dafür, Einwanderung zu liberalisieren, möchte aber mehr Präsenz der EU im Mittelmeer: "Wenn die EU Katastrophen verhindern und die Migrations-Welle beherrschen will, dann muss sie die Dimension akzeptieren: Sie muss Todeskähne früher abfangen, Migranten auch in großer Zahl und schnell ein Aufnahmeverfahren ermöglichen - und die Menschen nach klaren Regeln auch abweisen und sicher in ihre Heimatländer zurückbringen."

Mark Rice-Oxley macht im Guardian auf die Mitverantwortung der EU für die Katastrophe aufmerksam, die Italien in der Frage der Rettung der Flüchtlinge allein ließ: "Die italienische Rettungsmission Mare nostrum wurde im Oktober abgebrochen, weil niemand in Europa dazu beitragen wollte, nicht zuletzt wegen der Kosten, die sich auf 9 Millionen Euro im Monat beliefen. Statt dessen wurde eine wesentlich begrenztere EU-Mission eingerichtet, mit einem Drittel des Budgets, weniger Schiffen und Personal und einer Aufgabenstellung, die nicht in der Suche nach Opfern bestand. Resultat: 50 Mal so viele Tote bisher."

Reinhard Müller schreibt in der FAZ: "Es ist nicht zynisch festzustellen, dass auch eine große europäische Seenotrettungsflotte vor der afrikanischen Küste die Ursachen der oft tödlichen Massenflucht nicht beseitigt. Diese Ursachen liegen in Afrika und anderen Krisenherden. Auch das entbindet natürlich Europa nicht von seiner Verantwortung, die sich aus historischen Gründen, dem eigenen Anspruch und seiner konkreten Politik ergibt."

Für die taz recherchierte Mirco Keilberth an der libyschen Küste, von der mittlerweile jeden Tag zwischen 300 und 700 Flüchtlinge aufbrechen: "Manchmal müssen die Gruppen von jeweils zwölf Leuten auch in verlassenen Häusern über Tage auf die Boote warten. Wer gegen das Kommunikationsverbot verstößt, wird hart bestraft, immer wieder werden Leichen mit Folterspuren am Strand gefunden... Die Strände Garabulis sind seit zwei Jahren Ausgangspunkt für Hunderte Boote, die sich auf den Weg nach Lampedusa oder Sizilien machen. Es sind oft kleinere Milizen, die nach den ausbleibenden Zahlungen des Verteidigungsministeriums mit dem Schmuggel eine neue Einnahmequelle gefunden haben."

Im Tagesspiegel ist nachzulesen, wie Veronica Frenzel bereits vor einem Monat den Brandenburger Harald Höppner porträtierte, der gestern bei Günter Jauch die Schweigeminute initiierte und der den Rettungskutter Sea Watch auf den Weg brachte, um Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu fischen.

Geschichte, 20.04.2015

Sehr instruktiv liest sich Markus Wehners Sonntags-FAZ-Interview mit dem Historiker Norman Naimark, für den kein Zweifel daran bestand, dass die Ereignisse in der Türkei vor hundert Jahren als "Völkermord" zu bezeichnen seien. Das Osmanische Reich sei überzeugt gewesen, "dass die Deportation und Vernichtung der Armenier für ihren militärischen Erfolg notwendig waren. Eine aktuelle Studie zeigt, dass es Anfang 1916 eine zweite Entscheidung gab, jene Armenier zu vernichten, die ihre Deportation in die Wüstenstädte in Nordsyrien überlebt hatten." Angesichts der aktuellen Debatte wäre man dankbar, wenn die FAZ dieses Interview online stellte!

Im Feuilleton der FAZ schreibt Regina Mönch zur Zurückhaltung der deutschen Politik: "Wem also nutzt die starre Haltung der deutschen Regierung, die unermüdlich versichert, auf diesen Begriff, den des Völkermordes, verzichten zu wollen, weil es darum nicht gehe? Geht es um Wählerstimmen oder um einen Nato-Bündnispartner? In Umfragen und in eigentlich allen Medien ist das Echo auf diese Debatte nahezu einhellig: Ein Völkermord ist ein Völkermord und muss darum so benannt werden."

Für die SZ besucht Tim Neshitov den Sohn von Soghomon Tehlirian, der 1921 in Berlin den türkischen Großwesir und Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern, Talât Pascha, erschoss: "Sein Vater wurde damals zwar gefasst und vor ein Geschworenengericht in Moabit gestellt, aber die Geschworenen - ein Steinmetz, ein Juwelier, ein Schlosser, ein Apotheker - sprachen Soghomon Tehlirian frei: Wegen Unzurechnungsfähigkeit, weil der junge armenische Student seine Familie im Massenmord verloren hatte. Der Prozess war aber auch zu einem Gerichtsverfahren über die von Talât Pascha veranlassten Gräueltaten geworden, von denen die deutsche Öffentlichkeit nun zum ersten Mal ausführlich erfuhr."

Rue89 bringt einen Dokumentarfilm von Claire Koç, der erzählt, wie heutige Türken ihre armenische Herkunft entdecken und in der türkischen Gesellschaft Forderungen nach Anerkennung stellen.

Gesellschaft, 20.04.2015

Elisabeth Wellershoff reist für die NZZ zu den Navajo-Indianern in den USA, die mit einer Rückbesinnung auf ihre Kultur aus Armut, Alkoholismus und familiärer Gewalt auszubrechen versuchen: "Bei einer Arbeitslosenrate von 45 Prozent ist die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht groß. 'Wer Glück hat, landet in der Tourismusbranche oder beim Militär. Die Kids haben kaum Vorbilder, wenn es um Bildung geht.' Trotzdem würden die Leistungen besser. Elliott glaubt, das habe mit der Identitätsfrage zu tun. 'Viele junge Diné pflegen heute wieder einen selbstbewussten Umgang mit den Traditionen', sagt er und zupft sich an einem Ohrring. Er selbst mag lieber Punkrock, doch er versteht den neuen Trend. 'Traditionelle Tänze, Initiationsrituale, Besuche beim Medizinmann, Sprachprogramme an Schulen - das alles wird wieder wichtig.'"

Andrea Köhler (NZZ) wollte schnell noch einmal nach Kuba, bevor die Amerikaner kommen, und erlebte, wie alle dem Ende des Embargos entgegensehen: "Che Guevara aber ist überall. Auf Geldscheinen, Postkarten oder T-Shirts: El Che ist das Touristen-Maskottchen eines Unrechtssystems, das Andersdenkende unbarmherzig verfolgt. Allein im März wurden 610 kubanische Dissidenten festgenommen. Und während im Fernsehen stundenlang die Reden des toten venezolanischen Castro-Freundes Hugo Chávez laufen, wird die Zensur des Internets, in deren Ausübung Kuba derzeit die Weltspitze einnimmt, schon dadurch gewährleistet, dass kaum ein Kubaner Netzzugang hat."

Ebenfalls in der NZZ erinnert sich Bernd Noack an die guten alten Dinge wie schmiedeeiserne Schuhabkratzer, die einst die Hauseingänge zierten.

Europa, 20.04.2015

Mit Blick auf Marine Le Pen und ihren Vater und die Medien, die von einer "King-Lear-Tragödie" schreiben, bekennt Bernard-Henri Lévy in La règle du jeu, dass er "die Schnauze voll hat von dieser Vatermordkomödie über eine Tochter, die sich der Überreste des unwürdigen Greises entledigt und das Familiengeheimnis ausspuckt. Angesichts dieser lamentablen Farce und der durchdringenden Gerüche, die aus den Küchen einer Partei kommt, welche sich alles in allem gleich geblieben ist, bleibt für linke und rechte Republikaner nur ein einziger Imperativ: nicht in die Falle der Entdiabolisierung gehen, die bis jetzt nur ein Manöver ist."

Kulturpolitik, 20.04.2015

Tim Renner erklärt im Interview mit Claudius Seidl und Mark Siemons in der FAS, warum Chris Dercon von Tate Gallery seiner Ansicht nach in der Volksbühne ganz und gar nicht fehl am Platze wäre. Schon unter Frank Castorf habe es gegeben, "wovor jetzt manche warnen, wenn man von einem interdisziplinären Theater redet: Konzerte von Yoko Ono oder Patti Smith. Installationen von Gregor Schneider. Performances von Jonathan Meese. Insofern war die Volksbühne immer der Ort, an dem Berlin sich selbst definiert hat. Als eine Stadt, die auch in den Künsten vorgegebene Grenzen überwindet. Und genau das haben auch Castorf und Christoph Marthaler dort getan, und vielleicht am aggressivsten und besten Christoph Schlingensief."

Medien, 20.04.2015

Hadley Freeman bringt im Guardian einen ausufernden, aber auch leicht tränendrüsigen Hintergrund zum Ausscheiden Jon Stewarts aus der "Daily Show" (die man im hiesigen Netz ja gar nicht mehr sehen durfte) und zeigt noch einmal seine "bewegende" und auf den zweiten Blick recht flaue Intervention nach den Charlie-Hebdo-Massakern. Eins ist für sie klar: "Stewart lobt gern sein Team, aber er war ins Script stets tief einbezogen, was für Gastgeber einer Show eher ungewöhnlich ist, er schrieb und korrigierte sie bis zur letzten Minute, und darum wird die Show ohne ihn ziemlich anders sein."

Ideen, 20.04.2015

Bocksgesang im Tagesspiegel. Der emeritierte Englischprofessor Hans-Dieter Gelfert formuliert noch einmal den Kanon des allgemeinen Kulturverfalls: "Wer einst ins Theater ging, um 'Macbeth' zu sehen, muss heute damit rechnen, dass der Titelheld von einer Frau, vorzugsweise nackt, gespielt wird und der Text nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem Original hat. Zeitgenössische Musik wird als so ungenießbar empfunden, dass man sie im Konzertprogramm nach Sandwich-Art zwischen zwei Klassiker packen muss; und in einem Sammelband wie 'Lyrik von jetzt' (2003) findet sich kein einziges Gedicht, das im Gedächtnis des Lesers so hängen bleibt wie die Verse klassischer Anthologien."



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