Heute in den Feuilletons Liebesgeschichte mit Mikroerschütterung

Die "SZ" fragt nach dem Schauen von "Anomalisa", ob wir alle ferngesteuert sind. Die "FAZ" erkennt in Trickfilmbewegungen den Rhythmus der Liebe. Und im "Standard" erklärt Apichatpong Weerasethakul die meditativen Bewegungen seiner Kamera.


Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 20.01.2016

Große Trauer herrscht in Italien: Ettore Scola ist tot, und selbst Premier Matteo Renzi bekundet seine Betroffenheit, wie unter anderen Zeit Online und FAZ . Auf Slate.fr kann Jean-Marc Proust gar nicht mehr glauben, wie schmutzig, hässlich und gemein bei Scola die Armen waren und ruft noch einmal ein herzliches: "Familie, ich hasse Dich".

Rundum entzückt zeigt sich das Feuilleton von Charlie Kaufmans aufwändig produzierten, sehr erwachsenen Puppentrick-Film "Anomalisa". Dieser Film "ist wie nichts, was es zuvor gab", schwärmt Susan Vahabzadeh in der SZ: Zwar habe der Regisseur schon früher "von der Entfremdung der ganzen Welt erzählt, aber diese Vorstellung, dass alle ferngesteuert sind und einander nicht als Individuen wahrnehmen - die war wohl nie so klar wie hier."

Auch Dietmar Dath schmilzt in der FAZ dahin angesichts dieser "zerbrechlichen, aber kraftvollen Filmdichtung" und gerät dabei ins Philosophieren über den Zusammenhang zwischen Stoptrick und Liebe: Denn Trickfilmbewegungen seien "den Rhythmen einer großen, schlimmen Liebesgeschichte angemessener als jede andere Erzählweise, ihrem Stocken und Strömen, ihrem Starren und Blinzeln. Denn solche Liebesgeschichten wälzen sich zwar unaufhaltsam voran, tun das aber in winzigen Sprüngen, die bei 'Anomalisa' nicht nur das, was man sieht, mit Mikroerschütterungen spicken, sondern auch das hervorragende Sounddesign bestimmen."

Im Interview mit Robert Weixlbäumer im Standard spricht der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul über "Cemetery of Splendour", die Traumfiguren des Kinos und seine meditativen Filme: "Für mich ist Meditation keine Religion, sondern eine Philosophie. Eine praktische Sache, in der man seine Denkmuster zu entdecken sucht. In der Meditation kann man sehen, wie die Gedanken laufen. Wie eine Kamera, die sich in diverse Richtungen bewegt. Man kann das gut aufs Kino beziehen.

Außerdem: Was macht die Lynch'sche Atmosphäre aus, fragt ein aktueller Videoessay zum 70. Geburtstag von David Lynch. Außerdem hat Spex einen Essay von Georg Seeßlen über "Twin Peaks" aus dem Jahr 2010 online gestellt. Weiterhin gratulieren Kai Müller ( Tagesspiegel ), Tim Slagman ( NZZ ) Fritz Göttler ( SZ ), Andreas Kilb (FAZ).

Musik, 20.01.2016

Auf "The Catastrophist", ihrem ersten neuen Album seit sieben Jahren, zeigen sich die Chicagoer Post-Rock-Meister Tortoise sanft gewandelt, erklärt Cameron Cook auf Pitchfork: "'The Catastrophist' bears a subtle yet marked style change for the band - from sprawling and loose to something more cohesive, but nonetheless experimental enough so as to not alienate their core fans. The enjoyability of The Catastrophist is in this leap of faith, the idea that no mold is beautiful enough to remain unbroken, even if its new shape may be foreign and strange. In this case, the risk pays off." Für Popmatters hat sich Jennifer Kelly mit Dan Bitney von Tortoise unterhalten. Auf Soundcloud kann man sich die erste Singleauskopplung aus dem Album anhören.

Weiteres: Für die Berliner Zeitung plaudert Dagmar Leischow mit der Popsängerin Ellie Goulding. Edo Reents ( FAZ ), Andrian Kreye (SZ) und Michael Pilz ( Welt ) schreiben Nachrufe auf Glenn Frey von den Eagles. Besprochen wird ein Konzert von Sebastian Laverny ( FR ), das neue Album "The Waiting Room" der Tindersticks ( Standard ) und ein Konzert des Pianisten Daniil Tifonovs im Wiener Konzerthaus ( Presse )

Bühne, 20.01.2016

In Berlin diskutierten die beiden Dramaturgen David Heiligers und Roman Reeger über den zu beobachtenden "Einbruch von Wirklichkeit an den Bühnen" in den vergangenen Monaten, berichtet Matthias Kreienbrink im Tagesspiegel.

Besprochen werden Hakan Sava¿ Micans am Maxim Gorki in Berlin aufgeführte Inszenierung von Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun?" ( taz ), Leos Janáceks "Katja Kabanowa" in Wiesbaden ( FR ) und Karin Henkels Inszenierung von Eugène Labiches "Die Affäre Rue de Lourcine" am Deutschen Theater in Berlin ( SZ , mehr dazu im gestrigen Efeu).

Literatur, 20.01.2016

In der NZZ preist Irene Binal Edwige Danticats Roman "Kein anderes Meer", der klar und bildreich von der Suche nach einem besseren Leben auf Haiti erzähle: "Chèche lavi wird diese Suche auf Kreolisch genannt.... Ihren Geschichten haftet immer auch etwas Lebensbejahendes an, ihre Figuren trauern, aber sie lassen sich von ihrem Schmerz nicht verschlingen, sie sind trotz Leid und Enttäuschungen weiterhin auf der Suche nach dem Leben, dem besseren, erfüllten Leben, das sich hinter chèche lavi verbergen mag."

In seinem Nachruf auf Michel Tournier bekennt Thomas Laux in der NZZ, dass ihm vor allem Tourniers mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Roman "Der Erlkönig" heute recht esoterisch anmutet. Tilman Krause betont in der Welt Tourniers ästhetisch-erotisches Verhältnis zu Deutschland. Nachrufe schreiben zudem Axel Veiel ( FR ), Jörg Altwegg (FAZ) und Joseph Hanimann (SZ).

Besprochen werden Oleg Chlewnjuks Stalin-Biografie ( NZZ ), Funny van Dannens "An der Grenze zur Realität" ( taz ), Alban Nikolai Herbsts "Traumschiff" ( Zeit ), Max Bronskis "Mad Dog Boogie" (SZ) und James McBrides "Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford" (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in unserem fortlaufend aktualisierten Metablog Lit21.

Design, 20.01.2016

Mit seinem zur Berliner Fashion Week in den Kinos startendem Dokumentarfilm "The True Cost" über die Missstände der globalen Textilfabrikation zeichnet Regisseur Andrew Morgan nur ein unzureichendes Bild, meint Heike Holdinghausen in der taz: Der Regisseur skandalisiere lediglich, ohne die regen Debatten innerhalb der Branche und die steten Verbesserungen der letzten Jahre im Gesamtbild zu berücksichtigen. Er zeige "nichts, was das Dampfbad der Empörung abkühlen könnte. Insofern ist 'The True Cost' letztlich unpolitisch." Dagny Lüdemann von ZeitOnline schätzt an dem Film unterdessen gerade "die ganz große Systemkritik".

Kunst, 20.01.2016

Besprochen werden die Porträtfotografie-Ausstellung "Das sind wir" in der Berlinischen Galerie ( Tagesspiegel ), die Ausstellung "Double Vision: Albrecht Dürer & William Kentridge" im Kulturforum Berlin ( taz ) und eine Adolf Fleischmann gewidmete Ausstellung im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt (FAZ).

Architektur, 20.01.2016

Dankwart Guratzsch stellt sich in der Welt hinter Daniel Fuhrhop, der in der Streitschrift "Verbietet das Bauen!" dafür plädiert, statt weiter neu zu bauen, erst einmal die alten Bestände zu sanieren. Guratzsch hält das gerade wegen des Zuzug der Flüchtlinge für richtig: "Wenn jetzt von den großen Verbänden der Bau- und Immobilienwirtschaft, von Bundes- und Landespolitikern sowie Wirtschaftsinstituten lauthals gefordert wird, einen massenhaften Wohnungsneubau anzukurbeln, so handelt es sich dabei um nichts anderes als unverfrorene Klientel- und Lobbypolitik. Tatsächlich müsste keine einzige Wohnung neu gebaut werden, denn in Deutschland stehen 1,7 Millionen Wohnungen leer - alle hervorragend infrastrukturell erschlossen, alle baugenehmigt, die meisten in Streulage (die unerwünschte Gettobildungen vermeiden hilft), die meisten förderfähig."

Rem Koolhaas soll mit seinem Rotterdamer Architekturbüro OMA das Kadewe neu gestalten. Dezeen präsentiert die Entwürfe. In der FAZ beschreibt Alfon Kaiser, wie wir uns das Kaufhaus der Zukunft vorstellen sollen:"Das Kaufhaus wird gewissermaßen durch kreuzförmige Schnitte in vier Quadranten eingeteilt. Jedes dieser Viertel bildet eine Art Turm mit einem Atrium in der Mitte, so dass man sich dank kleinerer Geschossflächen und über die vertikale Gliederung leichter orientieren kann. Jedes Atrium ist anders gestaltet."


9Punkt - Die Debattenrundschau

Medien, 20.01.2016

Die Fotografin Leila Alaoui, die bei einem islamistischen Anschlag in Ouagadougou vor einigen Tagen verwundet wurde, ist im Alter von 33 Jahren gestorben, berichtet Dan Bilefsky in der New York Times. Wir bringen hier einen Screenshot von ihrer Website, auf der sie unter anderem die großartige Porträtreihe "The Moroccans" präsentiert - Porträts, die in der Ausstellung in Lebensgröße gezeigt werden und die sie in einem mobilen Studio aufgenommen hat. In Le Monde berichtet Raoul Mbog, dass Alaoui in Westafrika recherchierte, um für Amnesty International eine Dokumentation über Gewalt gegen Frauen in Westafrika zu drehen.

Vor den Landtagswahlen scheint die AfD nicht viel Chance auf Fernsehdebatten zu haben, meldet turi2: "Der SWR knickt unter dem Druck der Regierungsparteien ein und lädt keine kleinen Parteien zur 'Elefantenrunde'. Die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer (SPD) und Amtskollege Winfried Kretschmann (Grüne) aus Baden-Württemberg hatten mit Boykott gedroht, falls AfD-Vertreter im Studio sitzen... SWR-Intendant Peter Boudgoust sagt, er habe den angedrohten Boykott mit 'zusammengebissenen Zähnen' akzeptiert."

Petra Sorge erklärt bei Cicero.de, warum sie diese Entscheidung für richtig hält: "Wo ist eigentlich das Problem? Die beiden AfD-Spitzenkandidaten bekommen am großen Wahlabend im jeweiligen Regionalfenster 10 Minuten Interviewzeit, und das in einer guten Programmschiene (21:15 bis 21:45 Uhr). Debatte wird hier weder abgewürgt noch verschwiegen." Und FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld fragt die Damen und Herren aus den Regierungsfraktionen, "warum sie die AfD fürchten wie der Teufel das Weihwasser".

Weiteres: Am Rande der dld-Konferenz in München hat sich Sissi Pitzer vom Bayerischen Rundfunk mit Jeff Jarvis über die Zukunft des Journalismus unterhalten. In der NZZ schildert Matthias Müller die immer härtere Gangart, die China gegen missliebige ausländische und inländische Journalisten einlegt.

Gesellschaft, 20.01.2016

Integration war lange Zeit in keinem der politischen Diskurse in Deutschland angesagt, schreibt Welt-Autor Thomas Schmid in seinem Blog: "Es ist noch nicht lange her, dass die Forderung, Einwanderer mögen bitte Deutsch lernen und sich der Gesellschaft gegenüber öffnen, von den Multikulturalisten der einfältigen oder böswilligen Art als Ungeheuerlichkeit und als eine Art Staatsrassismus abgelehnt wurde - alles nachzulesen bei Claudia Roth, Katrin Göring-Eckardt und auch Cem Özdemir. Hier liegen große Versäumnisse, die Genannten und ihr Umfeld täten gut daran, schnell von ihrem hohen Sockel herunterzusteigen. Aber es gilt eben auch: Die deutschen Institutionen (die christlichen Kirchen eingeschlossen!) und der Staat haben ebenfalls weithin versagt."

Im britischen Magazin Standpoint ist die britische Feministin und Autorin Julie Bindel entsetzt. wie viele Feministinnen heute Frauenrechte propagieren, gleichzeitig aber vor dem Frauenbild des Islam kapitulieren. In Frankreich, lernt sie, ist das auch nicht anders. "Sie war schockiert", erzählt ihr Ana Pak, eine iranische säkulare Feministin, die nach Frankreich floh, nachdem sie im Iran mehrere Male wegen ihrer Proteste gegen die Theokratie verhaftet worden war, "als ich feststellen musste, dass die französische Linke vor den Islamisten kapitulierte und dass ich schon bald als islamophob bezeichnet wurde, weil ich mich dieser Doktrin widersetzte. Ich hatte nie aufgehört, gegen die Islamisten zu arbeiten und zu kämpfen, erst im Iran und dann in Frankreich. Im Iran gehörte ich zur Linken, aber die Linke hat ihre raison d'être verloren. Sie benutzt in ihren Kampagnen jetzt die gleichen Wörter wie die Islamisten."

In der SZ erinnert die französische Journalistin Cécile Calla daran, dass es vor allem Frauen in den Banlieues sind, die leiden: "In diesen tristen Hochhaussiedlungen, wo vor allem Zuwanderer und Franzosen aus den ehemaligen Kolonien Nordafrikas wohnen, wo Arbeitslosigkeit, Bildungsferne und fehlende Infrastruktur das Leben prägen, waren und sind junge Frauen immer wieder Opfer von Gruppen junger Männer. Das Martyrium eines dieser Opfer, Samira Belill, die mit 14 Jahren von mehreren jungen Männern in ihrer Cité vergewaltigt wurde, löste 2002 einen Schock aus, ebenso der Tod der 17-jährigen Sohane Benziane, die bei lebendigem Leib verbrannt wurde."

Neulich zirkulierte überall die Meldung der NGO Oxfam, dass die 62 reichsten Personen der Welt so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Bastian Brinkmann hat die Zahlen für sueddeutsche.de geprüft und schreibt: "Die Zahl ist mit ziemlicher Sicherheit falsch. Denn die Methodik des Berichts ist an dieser Stelle gewagt. Oxfam bedient sich beim Vermögensbericht der Bank Credit Suisse. Demnach besitzt das reichste ein Prozent der Menschheit nach Abzug aller Schulden genauso viel Vermögen wie die übrigen 99 Prozent. Dann greifen die Oxfam-Analysten zur Reichenliste des Wirtschaftsmagazins Forbes - und zählen von Platz eins ausgehend die Milliarden zusammen." Das Blöde ist nur, so Brinkmann, dass die beiden Studien methodisch überhaupt nicht zu vergleichen sind - der Artikel zitiert bereits die Antwort von Oxfam auf die Rercherche, die die Stichhaltigkeit der Kritik in Zweifel stellt.

Politik, 20.01.2016

Can Dündar, der Chefredakteur von Cumhüriyet, sitzt seit November für Berichte im Gefängnis, nach denen der türkische Geheimdienst MIT Waffen an islamistische Rebellen in Syrien geliefert haben soll. Im Interview mit dem Guardian zeigt er sich auch aus seiner Zelle heraus schön angriffslustig - diesmal gegen die EU: "Wir haben die Europäische Union immer als einen Anker angesehen, ein Vorbild, das die demokratische Standards in der Türkei auf ein internationales Niveau heben würde, nicht als einen Unterstützer von Diktatoren... Wenn die EU jetzt, um den Zustrom von Flüchtlingen zu stoppen, die Türkei in ein riesiges Konzentrationslager verwandelt und darüber hinwegsieht, wie Erdogan die Demokratie, die Menschenrechte, die Pressefreiheit und den Rechtsstaat herabsetzt, dann verwirft die EU ihre grundlegenden Prinzipien, um ihren kurzfristigen Interessen zu wahren."

In Tunesien tritt jetzt eine jener Phasen der Enttäuschung ein, die wahrscheinlich noch die besten Revolutionen gefährden, erzählt der Politologe Mohamed Limam im Interview mit Christina Omlin von Qantara.de: "Was positiv ist: Das politische System hat sich in diesen fünf Jahren wirklich demokratisiert. Es gab friedliche Regierungswechsel, über weite Strecken transparente Wahlen, es existiert heute ein pluralistisches Parteiensystem. Von diesem politischen Systemwechsel hat die Bevölkerung aber erwartet, dass sich ihr tägliches Leben verbessern würde. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Kaufkraft nimmt ab, die Arbeitslosigkeit zu, die Sicherheitslage verschlechtert sich seit Monaten spürbar. Die Leute sind nicht nur enttäuscht, sie haben die Nase voll von allem was mit Politik zu tun hat."

Richtig sauer ist der gefeierte schwarze Essayist Ta-Nehisi Coates bei Atlantic über den linken demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, der Reparationen an Schwarze wegen des historischen Verbrechens der Sklaverei aus pragmatischen Gründen ablehnt (die Chancen einer solchen Idee im Kongress seien nichtig): "Für all jene, die sich dafür interssieren, wie die Linke ihre verschiedenen Radikalismen hierarchisiert, ist Sanders' Antwort erhellend. Das Schauspiel eines sozialistischen Kandidaten, der die Idee der Reparationen als 'spalterisch' ablehnt (es gibt wohl kaum ein politisches Label, das für die Amerikaner spalterischer ist als das des 'Sozialisten') wird nur von Sanders' unglaubhaftem Posieren als Pragmatiker übertroffen. Sanders' Feststellung, dass die Chance für Reparationen im Kongress 'nichtig' sei, trifft auch für viele andere Forderungen seiner Strömnung zu."

Weiteres: In der SZ beklagt der indische Schriftsteller Kiran Nagarkar den religiösen Wahnsinn der nationalistische Hindu-Partei von Premierminister Narendra Modi.

Europa, 20.01.2016

Ziemlich düster klingt, was der Islamforscher Gilles Kepel im Interview der FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel im politischen Teil (dem eigentlichen Debatten-Feuilleton der Zeitung, wie wir seit kurzem wissen) über sein Heimatland sagt: "Frankreich wird von einer Aristokratie aus hohen Beamten regiert, die sich aus der Steuerkasse alimentiert. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, das Wirtschaftswachstum springt nicht an. Die gut ausgebildeten Kinder der Mittelschicht wie auch meine eigenen verlassen das Land, wenn sie es können, und bereichern lieber Großbritannien oder Amerika." Und hier noch eine Aussage Kepels zu seinem Kollegen Olivier Roy, der nicht den Islam zu den Ursachen der Radikalisierung zählt: "Olivier Roy bietet den politischen Eliten die Thesen, die ihre eigene Faulheit rechtfertigen."

Weitere Artikel: Im Feuilleton der FAZ finden sich einige "Maximen zur Freiheit und zur Sicherheit" des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Paul Kirchhof.

Geschichte, 20.01.2016

"Es gibt keinen Skandal." Mit diesen Worten stellte gestern auf einer Pressekonferenz in München Intendant Nikolaus Bachler erste Ergebnisse des von ihm initiierten Forschungsprojekts "Bayerische Staatsoper 1933-1963" vor. In der SZ bittet Johan Schloemann zu differenzieren: Gewiss, es gab "so gut wie keine Versuche, eine direkt erkennbare Nazi-Propagandakunst zu installieren", meint er. "Die Kollaboration funktionierte anders: Man musste als Künstler kein Nazi sein, um dem Naziregime zu helfen. Nachdem die Wagnerfreunde - mit dem Staatsoperndirigenten Hans Knappertsbusch als treibender Kraft - 1933 den unzuverlässigen Republikaner Thomas Mann aus München vertrieben hatten, musste man sich kaum die Finger schmutzig machen. Die hervorragend ausgestattete Weltklasseoper sollte einfach nur mit handwerklich gediegenen, aber natürlich Avantgarde und Moderne ausschließenden Aufführungen dem Ruhm Deutschlands und der deutschen Kunst dienen. Und die Ehrenloge frei halten."

Außerdem: In der NZZ bespricht Ulrich M. Schmid die Stalin-Biografie des russischen Historikers Oleg Chlewnjuk.



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