Heute in den Feuilletons "Entgleisung an Entgleisung"

Die "NZZ" entdeckt das avantgardistische Potenzial von Giacometti. Die "SZ" feiert die moderne Architektin Lina Bo Bardi. Und die "taz" bewundert Ariel Pink für seine Haltung im zeitgenössischen Pop.


Efeu - Die Kulturrundschau

Musik, 13.11.2014

Auch wenn Ariel Pink in Interviews mit schelmischer Lust Entgleisung an Entgleisung reiht und seine Songs oft genug pubertär daher kommen, kann Elise Graton (taz) diesem musikalischen Eklektiker nicht böse sein, wenn er alte Popgenres aus der Mottenkiste holt. Heute erscheint sein neues Album "Pom Pom": "New Wave ergeht sich in düsterem Gothic-Gesäusel. In all dem stilistischen Durcheinander grenzt es immer wieder an ein Wunder, wie perfekt Ariel Pink dabei stets den richtigen Ton trifft. Laut eigenem Bekunden hatte er gar nicht vor, Popmusik zu erneuern. Viel lieber kreiert er Songs, die würdevoll altern. Er beweist damit Haltung im zeitgenössischen Pop, der lieber krampfhaft jugendlich bleiben möchte." Eine weitere Besprechung bringt die Spex.

Für die FAZ hat sich Edo Reents die nun komplett ediert vorliegenden "Basement Tapes" von Bob Dylan angehört. Interessant dürfte diese Veröffentlichung allerdings wohl nur für die allerhartnäckigsten Dylan-Philologen sein: "Der eigentliche Wert der Aufnahmen lag damals und liegt auch heute, im Lichte der Schatzhebung, in etwas anderem: der Inspiration für andere."

Besprochen werden ein Konzert von Angus & Julia Stone ("Hach", seufzt Melanie Reinsch in der Berliner Zeitung), ein Helene-Fischer-Konzert ( Tagesspiegel , Berliner Zeitung , Welt ), das Album von Pink Floyd ( NZZ ), das neue Album "Auserwählt" von Uschi Brüning und Manfred Krug ( taz ), sowie das Album "Otherness" von Kindness ( taz ).

Film, 14.11.2014

Mit viel Sympathie besprechen die österreichischen Kritiker Sudabeh Mortezais Film "Macondo" über einen elfjährigen tschetschenischen Flüchtling und seine Mutter, die es in eine Flüchtlingssiedlung in Wien-Simmering verschlagen hat. So schreibt Markus Keuschnigg in der Presse: "'Macondo' ist kein Flüchtlingsdrama, sondern ein Drama, das in einer Flüchtlingssiedlung spielt: ein essenzieller Unterschied, da Mortezai das Milieu nicht einer klassischen Mitgefühlsdramaturgie zuführt, sondern ihm auf Augenhöhe begegnet, es leben lässt. Ihre Erzählung öffnet sich dadurch nach vielen Seiten: Es gibt sogar Momente im angrenzenden Waldstück, in dem sich Wölfe tummeln und wo die Betonsiedlung schnell vergessen ist, da riecht und schmeckt dieser Film gar nicht mehr nach Problemthema, sondern wird zum naturmagischen Entwicklungsroman."

Ein schon wegen seines Umfangs beeindruckendes Interview hat Dunja Bialas für Artechock mit Alexander Horwath, dem Leiter des Österreichischen Filmmuseums geführt. Neben der Viennale-Retrospektive, für die das Filmmuseum verantwortlich zeichnet, geht es dabei auch um die philologische Frage nach dem Filmmaterial. Das Österreichische Filmmuseum ist bekannt dafür, diesbezüglich äußerst konsequent zu sein: Filme sollen und werden von dem Material gezeigt, für das sie gedreht wurden - Digitalisate analoger Filme lehnt das Museum, anders als vergleichbare Kinos in Deutschland, ab: "Ich möchte das nicht als Purismus miss­ver­standen wissen. ... Es geht (...) nur um ein Trans­pa­renz- und Vertrau­ens­ver­hältnis, sowohl gegenüber den Betrach­tern als auch gegenüber den Werken und ihrer histo­ri­schen Wirk­lich­keit, also der technisch-ästhe­ti­schen Konstel­la­tion. ... Es geht darum, Leute möglichst trans­pa­rent über die Umstände aufzu­klären, in denen sich Bild­ge­schichte abge­spielt und die Öffent­lich­keit erreicht hat, weil diese mate­ri­ellen, tech­ni­schen Aspekte auch für die Werke selbst, für ihre ästhe­ti­sche Form von beträcht­li­cher Bedeutung waren. Das sollte man als Museum wieder­geben können."

Besprochen werden Jon Stewarts Debütfilm "Rosewater" ( Standard ), Dan Gilroys "Nigtcrawler" ( Zeit , Perlentaucher , Standard ), Rowan Joffes Thriller "Ich darf nicht schlafen" mit Nicole Kidman ( Tagesspiegel , Berliner Zeitung ), die romantische Komödie "Wie schreibt man Liebe?" mit Hugh Grant ( Tagesspiegel ), die Komödie "Dumm und Dümmehr" mit Jim Carrey und Jeff Daniels ( critic.de , FR , Standard ) und Xavier Dolans "Mommy" ("Man erlebt hier Intimes, Direktes, Extremes - aber Xavier Dolan begrapscht niemanden", freut sich Dietmar Dath in der FAZ).

Kunst, 14.11.2014

Wenn die Ausstellung zu Augusto Giacometti im Kunstmuseum Bern überhaupt etwas zeigt, dann dass der Verwandte von Giovanni, Alberto und Diego "durchaus avantgardistisches Potenzial" hatte, meint Simon Baur in der NZZ. "Zu Lebzeiten stieß sein Hang zur Farbe auf Unverständnis, im Volksmund war gar vom 'Konfitüren-Giacometti' die Rede. Für Augusto Giacometti war die Beschäftigung mit Farbe existenziell, ohne sie konnte er nicht sein. Im wiederentdeckten Manuskript seines Radiovortrags 'Die Farbe und ich' steht denn auch: 'Immer war es mir, also ob es ein Leben der Farbe an sich geben müsse, losgelöst von jedem Gegenstand.'"

Im Gespräch mit dem Standard beschreibt die russische Kunsttheoretikerin und Putingegnerin Ekaterina Degot das ganze Dilemma der Kunst im 21. Jahrhundert - nicht nur in Russland: "Was bildende Kunst betrifft, erwartet Degot trotz mancher kulturpolitischer Anzeichen in diese Richtung keinen Triumph einer nationalistisch kodierten und realistischen Malerei. Diese Kunst werde marginal bleiben, prognostiziert sie. Gleichzeitig sieht sie Schwächen einer formalistischen Kunst, die in unterschiedliche Richtungen gelesen werden könne. In Russland sei die Gefahr sehr groß, dass diese Kunst im Geiste 'russischer Werte' interpretiert würde, so Degot. Internationale zeitgenössische Kunst, befürchtet sie, könnte deshalb durchaus unter dem Patronat Putins instrumentalisiert werden: 'Denn damit kann die 'Weite' der russischen Seele demonstriert werden.'"

Weitere Artikel: In der FAZ trauert Andreas Platthaus um den Comiczeichner Hannes Hegen, der einst die Digedags erfunden hat.

Besprochen werden die Ausstellung "West:Berlin" im Stadtmuseum Berlin ( Berliner Zeitung ), Gareth Longs Arbeit "Kidnappers Foil" in der Kunsthalle Wien ( Standard ) und die Ausstellung "Arik Brauer - Gesamt.Kunst.Werk" im Leopold Museum in Wien ( Standard ).

Literatur, 14.11.2014

Der israelische Romancier Meir Shalev spricht im Interview mit dem Standard über die schreibende Verwandtschaft, seinen Rache-Roman "Zwei Bärinnen", der keineswegs auf eigenen Erlebnissen der Familie basiere: "Wir haben außereheliche Beziehungen, aber wir ermorden niemanden".

Weitere Artikel: Der für den Amazon-Eigenverlag "Little A" eingekaufte Lektor Ed Park verlässt den Onlinehandel-Konzern, berichtet Patrick Bahners in der FAZ (mehr dazu hier). In der SZ spricht Carsten Hueck mit Amos Oz unter anderem über dessen Freundschaft zu Siegfried Lenz. Außerdem bringt Zeit online eine Erzählung der ukrainischen Schriftstellerin Tanja Maljartschuk.

Besprochen werden u.a. Lutz Seilers "Kruso" ( CulturMag ), Thomas Pynchons "Bleeding Edge" ( CulturMag ), James Freys "Endgame" (SZ) und Jörg Lausters "Verzauberung der Welt" (FAZ).

Architektur, 14.11.2014

Mit der allergrößten Freude hat Laura Weißmüller (SZ) die Lina Bo Bardi gewidmete, "phänomenale Ausstellung" im Münchner Architekturmuseum besucht: Während man vor den männlichen Helden der Architekturgeschichte zwar Andacht halten mag, solle man dieser Architektin "nacheifern. Jetzt und zwar weltweit", schreibt sie. Und das vor allem wegen Bardis tief humanistischen Verständnisses von Architektur: "Ihr Bekenntnis zur Moderne ist eindeutig. ... Aber Lina Bo Bardi war nie radikal, zumindest nicht in dem Sinne, dass sie ein festes Programm durchboxen musste. Sie hatte kein fixes Formenrepertoire. Immer wiederkehrende Details (...) gibt es bei ihr nicht. Sie ist eben keine Architektin für die Stil-Schublade, sondern eine fürs Leben."

In der taz stellt Renata Stih Diébédo Francis Kéré vor, der gerade mit dem Schelling-Architekturpreis ausgezeichnet wurde und diesen mit den beiden anderen Nominierten Anna Heringer und Carla Juaçaba teilt.

Bühne, 14.11.2014

Im Standard lässt sich Stefan Ender von Regisseurin Lotte de Beer und Bariton Nathan Gunn erklären, warum sie Bizets frühe Oper "Les Pêcheurs de Perles" (mit Diana Damrau als Leila) im Theater an der Wien als Reality Show spielen: "Dass dies eine kluge Idee ist, findet nicht nur Lotte de Beer, sondern auch der Bariton Nathan Gunn, der den Zurga gibt. Denn: 'Ist die Freundschaft zwischen Zurga und Nadir wirklich so ungetrübt und stark? Da sind wir nicht so sicher', meint der US-Amerikaner. 'In Lottes Inszenierung verhält sich Zurga unterschiedlich - je nachdem, ob die Kamera auf ihn gerichtet ist oder nicht. Wann täuscht er Gefühle vor, wann nicht? Ich glaube übrigens, dass diese Zwiegespaltenheit in seinem Charakter auch schon Bizet klar war. Doch dies schauspielerisch darzustellen, ist natürlich eine Herausforderung."

Ein Triumph, jubelt SZ-Kritiker Martin Krumbholz nach Roger Vontobels Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Einsamen Menschen" am Schauspiel Bochum. Nicht nur, weil das Stück von großer Aktualität ist, sondern auch, weil Vontobel es richtig zu packen kriegt: "Was hier verhandelt wird, ist ungemein spannend, regelrecht aufregend, denn es geht um nichts Geringeres als um ein selbstbestimmtes Leben. ... Roger Vontobel, ein Regisseur, der gelegentlich zu Effekthaschereien neigt, hat diesmal nicht nur ein tolles Stück ausgegraben, sondern auch zielsicher den neuralgischen Punkt getroffen, der uns heute daran interessiert."

In der SZ porträtiert Wolfgang Schreiber den Regisseur Hans Neuenfels, dessen Interesse an den Schattenseiten der von ihm inszenierten Figuren gerade Anna Netrebko aus seiner Münchner Puccini-Inszenierung "Manon Lescaut" getrieben hat.

Design, 14.11.2014

Was waren das noch für Zeiten, in denen Autos alleine schon als schöne Objekte die Herzen höher schlagen ließen, grämt sich Gerhard Matzig in der SZ. Und was für einen ästhetischen Niedergang muss man in den letzten Jahren und Jahrzehnten beobachten: "Die Autos der Gegenwart sind - in der großen Mehrzahl - so unförmig, disproportional und von solch verblüffender Hässlichkeit, dass der Futurist Marinetti, der vor einem Jahrhundert noch behauptete, ein Rennwagen sei schöner als die antike Skulptur der Nike von Samothrake, das entsprechende Manifest schleunigst zurückziehen und nicht mehr fordern würde, aus Museen Parkhäuser zu machen." Und wer ist schuld daran? In Matzigs Augen Globalisierung und Trendforschung.


9Punkt - Die Debattenrundschau

Religion, 14.11.2014

Neulich wertete die Islamwissenschaftlerin und Theologin Katajun Amirpur einen Brief konservativer Islam-Gelehrter an den Islamischen Staat als Beweis, dass der Islam sich sehr wohl von der Gewalt zu distanzieren wisse. Peter Mathews wendet sich in einer Erwiderung im Perlentaucher allerdings gegen ihre rein theologische Lesart der Sache: "Nichts gegen die Idee, den Koran und die Schriften im Sinn der Menschlichkeit und der Gleichberechtigung zu interpretieren. Anders - mit Ignoranz der Moderne und der Orientierung auf das Alte (salaf) - würde der Islam auf Dauer zu einer dumpfen Religion von Verlierern werden. Nur kann man den sogenannten fortschrittlichen Muslimen nicht ersparen, dass sie sich an den philosophischen, rechtlichen und politischen Fortschritten der Menschheit orientieren."

Chris Ip wundert sich in der Columbia Journalism Review über das dezidiert progressive Bild, das Medien von dem neuen Papst zeichnen: "Der Papst ist progressiv, gewiss, aber in seinem Gebaren, nicht in seiner katholischen Lehre. Er küsst und wäscht die Füße von einem Dutzend Gefängnisinsassen - zwei davon Muslime - er tauscht den Apostolischen Palast gegen eine Zweizimmerwohnung und setzt sich damit gegenüber seinen Vorgänger ab. Die Kirche, so seine Idee, soll zum Volk gehen, sich nicht in die moralische Festung zurückziehen und warten, dass das Volk kommt. Keine dieser Refomen ist 'links' im politischen Sinn und tiefe gesellschaftliche Fragen wie etwa die Homoehe werden in einer Kirche, die strukturkonservativ ist, schlicht nicht gestellt. Franziskus hat darauf bestanden, dass nur Mann und Frau heiraten können und ist gegen ein Adoptionsrecht schwuler Paare."

In Frankreich hat sich eine Initiative von Eltern und Angehörigen gebildet, die versuchen, ihre nach Syrien und Irak abgewanderten Kinder wiederzufinden und zurückzuholen. Geholfen wird ihnen von der Anthropologin Dounia Bouzar, die eine Hilfsorganisation gegründet hat. Julie Hamaïde erzählt in Slate.fr etwa die Geschichte Foads, der seine rückkehrwillige Schwester nach Frankreich holen wollte. "Foad begibt sich auf die Suche, findet den Emir seiner Schwester und reist alleine zu ihnen. Er wird seine Schwester innerhalb von sieben Tagen nur zweimal sehen und muss ohne Nora heimkehren. 'Sie haben mich nicht ermordet, angeblich, weil sie ihren Ruf nicht beschädigen wollten' sagt er mit olympischer Ruhe. 'Die Jungs sind ihnen egal, sie wollen die Mädchen behalten, um sie zu heiraten.'"

Überwachung, 14.11.2014

Während der NSA-Untersuchungsausschuss noch die Verstrickung des BND in die Geheimdienstaffäre aufarbeitet, hat der BND beim Bundestag ein Modernisierungspaket in Höhe von 300 Millionen Euro beantragt, um seine Überwachung ausweiten zu können, berichtet Kai Biermann in Zeit digital: "Derzeit sieht es ganz danach aus, als werde der Bundestag dem BND seine Wünsche erfüllen... Bislang zumindest wurde nichts von der Liste gestrichen. Es scheint derzeit vor allem darum zu gehen, für all die Wünsche eine Rechtsgrundlage zu schaffen, also die Gesetze zu verändern, um die Technik möglich zu machen. Immerhin kommen einige der vom BND gewünschten Verfahren einer Rasterfahndung gleich."

Gesellschaft, 14.11.2014

Daniele Dell'Agli setzt seinen dezidiert religionskritischen Perlentaucher-Essay über Sterbehilfe und das Recht auf Suizid mit Blick auf einige Kinofilme, die das Thema behandeln, fort und lernt unter anderem aus Denys Arcands "Invasion der Barbaran": "Exemplarisch kann niemals das individuelle Sterben sein, sondern nur die Revolte gegen seine Normierung und gegen die Reglementierung der Lebensumstände im Alter. Und auch wenn es in Deutschland an einer Kultur des Misstrauens gegenüber staatlichen Autoritäten fehlt, so werden Auseinandersetzungen um Fragen der Selbstbestimmung schon wegen der demografischen Entwicklung an Umfang und Schärfe zunehmen." Ganz anders sieht es der superlinke Jakob Augstein in seiner Spiegel-Online-Kolumne: "Sterbehilfe gehört verboten."

Kulturpolitik, 14.11.2014

Das jahrelange Gerangel um die Neuordnung der Berliner Museumslandschaft scheint gelöst: bei den Haushaltsberatungen des Bundes beschlossen die Abgeordneten, 200 Millionen Euro für ein noch zu bauendes Museum der Moderne bereitzustellen, berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Der Umzug der Gemäldegalerie zur Museumsinsel ist mit dem Neubau für die Moderne am Kulturforum in weite Ferne gerückt und der einstige Plan, das 20. Jahrhundert im Haus der Alten Meister unterzubringen, ad acta gelegt. Die Gelder für eine derart kostspielige Rochade hätte es in absehbarer Zeit nicht gegeben. Da sind die 200 Millionen Euro mehr als der Spatz in der Hand, sondern das große Glück."

Weiteres: Nun sind die NRW-Warhols versteigert und haben tatsächlich die erhofften 120 Millionen Dollar gebracht - eine Ermutigung für alle maroden Stadtkassen! Hannes Stein hat die Versteigerung in New York miterlebt und berichtet für die Welt: "Die Gebote rasten so geschwind ins Irrwitzige, dass einem die Spucke wegblieb." In der FAZ berichtet Jürgen Kaube über gravierende Unstimmigkeiten in der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung", die sich mit dem in Deutschland so heiklen Thema der Vertreibung befassen soll.

Geschichte, 14.11.2014

Eine Frage wurde bei den Feierlichkeiten zum Jubiläum des Mauerfalls vergessen, findet Marko Martin in der Welt: "Was ist mit dem nach Liechtenstein und in die Schweiz transferierten SED-Geld, von dem die ermittelnde bundesdeutsche Kommission nur einen Bruchteil sicherstellen konnte, der jedoch immerhin 1,6 Milliarden Euro betrug? War das plötzliche Dahinscheiden des auskunftswilligen ehemaligen PDS-Finanzverantwortlichen Wolfgang Langnitschke im Februar 1998 wirklich ein zufälliger Unfalltod auf einem Zebrastreifen im beschaulichen Lugano?"

Weiteres: Ebenfalls in der Welt begibt sich Matthias Heine auf die Spur der Redensart "Du siehst aus wie der Tod von Ypern".

Europa, 14.11.2014

Extrem egoistisches Verhalten gegenüber den verschuldeten Ländern Südeuropas wirft Thomas Piketty im Gespräch mit Kerstin Krupp (Berliner Zeitung) Deutschland und Frankreich vor. Ihre eigenen Schulden haben sie nie zurückgezahlt, sondern mittels Inflation gesenkt: "1945 erreichte die Schuldenlast dieser Länder 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - fünf Jahre später waren sie quasi schuldenfrei. Hätten sie die Verbindlichkeiten allein mit ihren jährlichen Überschüssen begleichen müssen, würden sie noch heute zahlen. Stattdessen konnten sie in den Wiederaufbau investieren. Gerade diese zwei aber diktieren nun Südeuropa, seine Verbindlichkeiten samt Zinsrate zurückzuzahlen."

Medien, 14.11.2014

Das Netanjahu-nahe Gratisblatt Israel HaJom des amerikanischen Kasino-Milliardärs Sheldon Adelson hat es zur meistgelesenen Zeitung Israels gebracht. Doch damit soll nun Schluss sein, berichtet Inge Günter in der FR: "Völlig losgelöst von den Spielregeln des freien Marktes zu agieren, verstoße jedoch gegen einen fairen Wettbewerb, besagt eine Gesetzesinitiative zum Schutz der Zeitungslandschaft, die jetzt in erster Lesung in der Knesset durchkam. Auch für Israel HaJom sollen die Leser künftig bezahlen: mindestens siebzig Prozent vom Kaufpreis der billigsten Gazette im Handel."

Internet, 14.11.2014

Amazon und Hachette haben sich nach monatelangem erbittertem Streit geeinigt, melden die Agenturen. Hachette kann seine Preise nun selbst festlegen, bekommt von Amazon aber bessere Konditionen bei der Festlegung niedrigerer Preise (an denen Amazon gelegen war). Hachette-Titel werden wieder normal ausgeliefert, nachdem Amazon den Verlag mit Verzögerung bedient hatte. "Die neue Vereinbarung betrifft sowohl Print- als auch Ebooks", erläutert Laura Hazard Owen in GigaOm. Wer den Streit nochmal episch nachlesen will, dem sei Keith Gessens Geschichte in Vanity Fair empfohlen (unser Resümee).

Gar nicht zufrieden mit dem Deal ist Hillary Kelly in der New Republic: "Gewiss, es hätte Hachette kurzfristig geschadet, die Schlacht weiterzuführen, aber sie hätten nicht aufgeben sollen. Es steht viel mehr auf dem Spiel als der Preis von Ebooks." Das sehr Amazon-kritische Verlagsblog Mobylives zitiert Douglas Preston von der Initiative Authors United, die für die Hachette-Position kämpfte: "I'm relieved that Amazon and Hachette reached an agreement. If anyone thinks this is over, they are deluding themselves. Amazon covets market share the way Napoleon coveted territory."

Patrick Bahners berichtet unterdessen in der FAZ über Revirements bei Amazon Publishing, die die verlegerische Ambition des Hauses in Frage stellen.



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