Heute in den Feuilletons Erotikmassagen für den guten Zweck

Der "Tagesspiegel" schreibt über einen Film, den die sexuellen Dienstleistungen seiner Macher finanzieren sollen. Deutsche Theaterregisseure haben keine Ahnung vom Kapitalismus, schäumt der "Freitag". Clemens Setzt schreibt in der "Zeit" über die "Benutzerfreundlichkeit" der IS-Enthauptungsvideos.


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 25.09.2014

Ulf Erdmann Ziegler flaniert für den Perlentaucher durch die große Baselitz-Retro im Münchner Haus der Kunst und kommt seinem Innersten auf die Spur: "Die fürchterliche Frage, ob man beim 'Gegenstand' bleibt oder ihn in 'Abstraktion' zu überführen habe, mit der eine Generation von Eleven sich quälte bis zum Abgewöhnen, hat Baselitz vor vierzig Jahren in ein dialektisches Schema überführt. Einerseits malt er 'etwas', weil man muss; andererseits löscht er das Motiv in einem gestischen Rausch. Seine unzweifelhafte Meisterschaft verdankt sich einer Gestik des Zweifels, sein Können dem Verwerfen, seine Eleganz dem Ungeschick."

Außerdem: Für die FAZ besucht Niklas Maak in München die beiden großen Ausstellungen zu Georg Baselitz im Haus der Kunst und über Künstlerinnen um 1900 im Stadtmuseum. Auch Wolfgang Ullrich besuchte die Baselitz-Ausstellung, für die Zeit, und entdeckt vor allem: "Herrschaftliches". Philipp Meier stellt in der NZZ drei Ausstellung japanischer Kunst und Kultur vor.

Bühne, 25.09.2014

Wie bringt man Kapitalismuskritik auf die Bühne? Außer Andreas Kriegenburg mit seiner Horvath-Inszenierung "Glaube Liebe Hoffnung" bekommt das derzeit kein deutscher Theaterregisseur so richtig hin, kritisiert Martin Eich im Freitag: "Die Kosmen der Milliardenjongleure sind vielen Theatermachern offenbar so fremd wie systemische Zustandsbeschreibungen. ... Regisseur Frank-Patrick Steckel, der schon länger das Gewohnheitsrecht der lautesten Fanfare im Kulturbetrieb wahrnimmt, verdammte vor drei Jahren eine Steuerpolitik, die dafür verantwortlich sei, dass 'seit zwei Jahrzehnten (…) die staatlichen Einnahmen sich halbiert' hätten. Tatsächlich waren die von 338 auf 510 Milliarden Euro gestiegen. Sachkenntnis und Recherche? Ohne uns."

"Hokuspokus - oder großes entgrenztes Theater?" Diese Frage stellt sich Martin Krumbholz von der Nachtkritik in Claudia Bosses Düsseldorfer Inszenierung "catastrophic paradise": "'Abandonned Zones', aufgegebene Zonen heißt das Schlüsselwort, es bezieht sich einerseits auf postkoloniale Territorien in Afrika und anderswo. Andererseits aber auch auf abgeschriebene ästhetische Positionen wie die Trennung Bühne/Zuschauerraum, Schauspieler/Tänzer und letztlich, zumindest in der Idee, die zwischen Akteur und Zuschauer."

Mounia Meiborg berichtet über die Entscheidung des Theater Darmstadt, mit Samuel Koch und Jana Zöll zwei Schauspieler im Rollstuhl regulär ins Ensemble aufzunehmen: "Theater hat, anders als der Film, mehr Möglichkeiten zur Abstraktion, zur Verwandlung, Verfremdung. Viele Regisseure machen heute kein psychologisches Illusionstheater mehr. Aber viele besetzen die Rollen immer noch so. ... Wenn es eine Verwandlung gibt, dann meist in eine Richtung: Gesunde spielen Kranke."

Weitere Artikel: Die Zeit hat aus ihrer letzten Ausgabe Jana Simons Porträt der Maxim-Gorki-Intendantin Shermin Langhoff online gestellt. Ulrich Seidler freut sich in der Berliner Zeitung über Jürgen Holtz' Auszeichnung mit dem Konrad-Wolf-Preis.

Besprochen wird Hans Blocks in der Box des Schauspiel Frankfurts aufgeführte Hamsun-Inszenierung "Mysterien" ( FR ).

Film, 25.09.2014

Christian Petzolds "Phoenix" beschäftigt die Filmkritik auch weiterhin (mehr): In der Welt lobt Anke Sterneborg die beiden Hauptdarsteller, Nina Hoss und Ronald Zehrfeld, die "aus diesem Kammerspiel in der kleinen, spärlich eingerichteten Souterrainwohnung einen atemraubenden Pas de deux voller Andeutungen und Nuancen [machen]. Im Widerstreit von Erkennen und Verdrängen, von Hoffnung und Ernüchterung scheinen ein paar sehr schmerzhafte Wahrheiten über Verdrängung und Verarbeitung in Deutschland auf. Dass das niemals gestrig wirkt, sondern beklemmend gegenwärtig, hat auch mit Petzolds behutsamer Herangehensweise an die geschichtliche Rekonstruktion zu tun, die bei ihm eher eine Vergegenwärtigung ist".

Außerdem zum Film: Matthias Dell deutet "Phoenix" im Freitag auch wegen des Todes von Harun Farocki, Petzolds langjährigem Ko-Autor, als Zäsur im Schaffen des Regisseurs. Für die SZ unterhalten sich Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler mit dem Regisseur. Außerdem haben SZ und FAZ nun auch ihre Kritiken aus ihren gestrigen Printausgaben online gestellt. Und ein Podcast-Hinweis: Auf critic.de unterhalten sich Frédéric Jaeger, Ekkehard Knörer, Lukas Foerster und Thomas Groh unter anderem auch ausführlich über "Phoenix".

Ganz Feuer und Flamme ist Ekkehard Knörer in der taz für die Gag-Filme von Pierre Étaix, die in Berlin das Brotfabrik-Kino zeigt: "Alles Erzählen ist nur das Errichten von Bühnen für auf den Millimeter getüftelte Scherze. ... In den Gags von Pierre Étaix gerät die Welt aus dem Gleis, ein Mann verstrickt sich ins Eigenleben der Dinge und verheddert sich bei der Verwirklichung der eigenen Pläne."

Weitere Artikel: Florian Buchmayr berichtet im Freitag von seinen ersten Schritten auf Netflix. Einige Filmemacher finanzieren ihren Dokumentarfilm über Sexarbeit ihrerseits mit dem Anbieten erotischer Dienstleistungen, berichet Jan Oberländer im Tagesspiegel. Jan Schulz-Ojala gratuliert Michael Douglas im Tagesspiegel zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden die Ausstellung "Pasolini Roma" im Martin-Gropius-Bau in Berlin ( taz ), Baran bo Odars Thriller "Who Am I" ( Berliner Zeitung , ZeitOnline , Welt ), Mike Cahills Science-Fiction-Liebesdrama "I Origins" ( Welt ), Hirokazu Kore-Edas "Like Father, Like Son" ( taz , Tagesspiegel , Zeit) und Britta Langes Buch über den Science-Fiction-Propagandafilm "Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner" aus dem Jahr 1916 ( Freitag ).

Musik, 25.09.2014

In der SZ eilt Jens-Christian Rabe den für ihr neues Album von der Kritik gescholtenen Indie-Poppern von Alt-J zu Hilfe: "Echtes künstlerisches Versagen hört sich ganz anders an."  Nach dem Musikfest Berlin zieht Frederik Hanssen im Tagesspiegel Bilanz. Und Eric Pfeil schreibt im Rolling Stone weiterhin fleißig Poptagebuch, unter anderem empfiehlt er ganz ausdrücklich das Musikblog des russischen Linguisten George Starostin: "Gegenwärtig bespricht der Mann ALLE Alben von Black Sabbath und die Solo-Werke von Agneta Fälskög. Davor waren Black Box Recorder und Billy Joel dran. Wärmstens empfohlen, die Seite. Ich sehe gerade: Jetzt hat er auch mit den Frida-Soloalben angefangen."

Christopher Hogwood ist gestorben. Hier spielen er und seine Academy of Ancient Music Haydns Sinfonie Nummer 64.

Besprochen werden Konzerte von Gus Gus und Goat ( Berliner Zeitung , Tagesspiegel ), sowie neue Alben von Banks ( FR ) und Tweedy ( ZeitOnline ).

Literatur, 25.09.2014

Nils Minkmar schreibt in der FAZ über den Skandal um Hilary Mantels Maggie-Thatcher-Kurzgeschichte, in der die Eiserne Lady kurzerhand umgebracht wird (alle Links bei uns) und stellt eine fällige Frage: "Als Deutscher liest man diese Kurzgeschichte voller Neid. Wo sind die etablierten, preisgekrönten deutschen Autorinnen und Autoren, die die offenen Fragen der jüngsten westdeutschen Vergangenheit so komprimiert formulieren könnten? Die sich überhaupt für Zeitgeschichte interessieren und den Stoff kunstgerecht aufbereiten könnten?"

Weitere Artikel: Für seinen neuen E-Book-Verlag "Hanser Box" kann Joachim Güntner dem Hanser Verleger Jo Lendle in der NZZ nur halbherzig gratulieren: In Amerika werden kürzere Texte schon lange als reine E-Books vermarktet. Viel Verständnis für die Osloer Demonstranten, die Peter Handke als "Faschisten" beschimpft haben, zeigt Helmut Schümann im Tagesspiegel: "Gut gebrüllt." Die FR dokumentiert Thomas Gebauers Dankesrede anlässlich der Verleihung der Goethe-Plakette. In der NZZ stellt Roman Bucheli die Shortlist zum Schweizer Buchpreis vor. Außerdem jetzt online aus der FAS: Cord Riechelmanns staunender Artikel über den demonstrativ zur Schau gestellten körperlichen Verfall von Michel Houellebecq. Für die FAZ besucht Andreas Platthaus Kafka-Biograf Reiner Stach. Außerdem gratuliert er dem Schriftsteller Ralph Dutli zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden Wolfgang Herrndorfs postum veröffentliches Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" ( taz ), Gerhard Roths "Grundriss eines Rätsels" ( Freitag ), Eduardo Halfons "Der polnische Boxer" ( FR ), Henrik Rehrs Comic "Der Attentäter" ( Tagesspiegel ), die Ausstellung "Anton Tschechows Reise nach Sachalin" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (SZ) und Eberhard Rathgebs "Das Paradiesghetto" (FAZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 25.09.2014

Der österreichische Autor Clemens J. Setz konfrontiert sich mit Enthauptungsvideos und der perfiden Medienstrategie des "Islamischen Staats". Im Gegensatz zu dem Video von der Enthauptung Nicholas Bergs vor einigen Jahren, das wirklich den Akt der Ermordung zeigt, sind die Snuff Videos von IS insofern "benutzerfreundlich", als in ihnen der Schnitt durch die Kehle und das Abtrennen des Kopfes ausgespart bleiben, schreibt Setz in der Zeit. Dass die Clips nur die Momente vor und nach dem Mord zeigen, begünstigt ihre enorme Verbreitung. Die Gestalter "haben die Reaktion durchschnittlicher Internetnutzer vorausberechnet: das Wegsehen bei zu brutalen, zu blutrünstigen Szenen. Aber sie wollen, dass jeder dranbleiben kann. Diese Bilder sind 'für alle' gedacht, nicht nur für einige Gore-Freaks, die nachts auf einschlägigen Webseiten herumhängen."

Zum dritten Mal veröffentlicht der in Berlin lebende irakische Schriftsteller Najem Wali in der taz Auszüge aus seiner Online-Korrespondenz mit einer anonymen Irakerin: "Posting Nummer 4 - 20. August: 'IS spricht Chinesisch. Es soll tatsächlich chinesische Krieger bei IS geben. Das haben gestern Flüchtlinge, die aus Dijala kamen, erzählt. Jetzt wird der Kampf richtig global. Oder surreal?'" (Hier der erste und zweite Teil.)

Diese kleine Reportage des französischen Fernsehen zeigt das Leben in Raqqa, Syrien, unter IS-Herrschaft. Sie wurde mit versteckter Kamera gedreht. Beeindruckend vor allem eine Szene in einem Internetcafé, in der junge Französisinnen im Niqab ihren Eltern erklären, das sie nicht nach Hause zurückkehren wollen. Etwa 150 Französinnen sollen sich dem IS angeschlossen haben. (Informationen zum Mord an dem französischen Bergführer Hervé Gourdel in Algerien, hier in Le Monde.)

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel denkt Peter von Becker über die ausgestellte Grausamkeit des IS nach: "Die ISler sind so die ersten 'porn warriors' des digitalen Zeitalters." In der Zeit schreibt Khuê Pham einen Nachruf auf die Piratenpartei, die sie nach den Austritten von Christopher Lauer und Anke Domscheit-Berg am Ende sieht.

Europa, 25.09.2014

"Das Nachkriegseuropa steckt bereits wieder in der Vorkriegszeit", mahnt Michail Schischkin im Tagesspiegel. Der Ernst der Lage werde jedoch weitgehend verkannt: "Die Europäer sind noch nicht bereit für die neu eingetretene Realität. Lasst uns in Ruhe! Macht alles wieder so, wie es war: Arbeitsplätze, Gas, Frieden! ... Soll die Welt wirklich in einer Katastrophe versinken, nur weil die Ukraine nach Europa möchte? Schließlich spricht Putin perfekt Deutsch! ... Moskau verteidigt in der Ukraine seine Interessen! Vielleicht sind in Kiew ja wirklich Faschisten an der Macht? Warum sollen wir die dann unterstützen und mit Russland streiten? Putin schlägt Frieden vor! Wir wollen Frieden!"

Die Ukraine ist für Russland nur ein "Versuchsfeld", das eigentliche Ziel ist die Zerstörung der EU, glaubt Timothy Snyder. Im Gespräch mit Alice Bota in der Zeit definiert der Historiker Putins Strategie: "Erstens gibt es die Unterstützung von europäischen Rechtsextremen mit dem Ziel, die EU-Institutionen zu zerstören. Zweitens versucht Putin, mit den Regierungen einiger EU-Mitglieder im Energiebereich zu kooperieren, und es gibt auch ideologische Anknüpfungspunkte, Ungarn ist dafür ein gutes Beispiel. Drittens arbeitet das russische Regime daran, Parlamente von schwachen EU-Mitgliedsstaaten wie Bulgarien und Kroatien zu kaufen. Und Russland führt einen Informationskrieg: Die Europäer sollen nicht nur davon abgehalten werden, ihre eigenen Interessen zu verteidigen. Sie sollen sich auch Moskaus ideologisch-konspirativen Blick auf die Welt zu eigen machen."

Überwachung, 25.09.2014

Außerdem meldet (unter anderem) Zeit digital, dass Edward Snowden und Alan Rusbridger mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet werden. Laut Presse hat die Entscheidung der in Stockholm beheimateten Right-Livelihood-Award-Stiftung einen Eklat ausgelöst: "Schwedens Außenminister, Carl Bildt, war das 'zu heftig', wie der Rundfunk SVT berichtet. Die für heute anberaumte Pressekonferenz zum Alternativnobelpreis wurde abgesagt. Berichten zufolge auf Anweisung Bildts."

Geschichte, 25.09.2014

Die FAZ druckt die Rede von Bundespräsident Gauck zur Eröffnung des Historikertags, in der sich die Frage findet, "ob die Geschichte nicht dabei ist, über die Gegenwart und die Zukunft zu siegen... Hat man noch vor nicht allzu langer Zeit anklagend von der 'Geschichtslosigkeit' oder 'Geschichtsvergessenheit' der Gegenwart gesprochen, so scheint mir heute geradezu das Gegenteil zuzutreffen."

Beim Historikertag wird erstmals auch die Geschichte des Pop abgehandelt. Die Welt bringt aus dem Anlass einen Vortrag Bodo Mrozeks über die frühe Elvis-Presley-Fankultur.

Medien, 25.09.2014

In der Zeit-Glosse wirft David Hugendick schon mal einen Blick in die Zeitung von morgen: Karl Daily.

Internet, 25.09.2014

(Via turi2 ) Alexander Pschera beobachtet bei Cicero "die Entstehung eines selbstbewussten neuen konservativen Milieus, das aus dem Geist der Netz-Opposition erwächst", und spielt damit vor allem auf die netztkritischen Artikel in den Feuilletons an. Dieser Konservatismus ist laut Pschera vor allem eins: nicht neugierig: "Neugierig zu sein und zu bleiben ist aber der Motor von Erkenntnis und gesellschaftlicher Entwicklung. Es ist der erklärte Auftrag der Aufklärung, neue Technologien zu nutzen und sozial zu strukturieren, um sie in den Dienst der Neugierde zu stellen. Das Netz ist eine Maschine des Staunens. Und als solches sollte es gesehen und diskutiert werden."

Gesellschaft, 25.09.2014

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat ein ausführliches Vorwort für eine Neuveröffentlichung von Bhimrao Ramji Ambedkars Essay "Annihilation of Caste" aus dem Jahr 1937 verfasst (siehe auch unsere Magazinrundschau vom 7. März). Im Gespräch mit Jan Ross (Zeit) stellt Roy dem subversiven Ambedkar den konservativen Gandhi gegenüber, der das Kastensystem zeitlebens verteidigte: "Gandhis Doktrin der Gewaltlosigkeit ruht auf einem Fundament von dauernder, brutaler, extremer Gewalt - denn das ist das Kastensystem. Es kann ohne die Androhung und Anwendung von Gewalt nicht aufrechterhalten werden. Selbst heute noch laufen Dalits [Angehörige der niedrigsten Klasse], die den Status quo infrage zu stellen wagen, Gefahr, einem regelrechten Ritualmord zum Opfer zu fallen."

Ebenfalls in der Zeit schreibt Ulrich Greiner einen ganzseitigen Artikel über Reproduktionsmedizin und das Ende der Genealogie. Das Dossier beschäftigt sich mit dem Thema Embyonenspende.



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