Heute in den Feuilletons "Bilder des unstillbaren Zorns"

Die "taz" bewundert den Wut der Malerin Joan Mitchell. Reinhald Müller verweigert Bloggern in der "FAZ" die Pressefreiheit. Und die "SZ" denkt grundsätzlich und zeitlos über das Wahre, Gute und Schöne nach.


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 04.08.2015

Das heutige Opernpublikum ist heute viel zu sehr von Fernsehen und Kino geprägt, meint Franz Welser-Möst, der in Salzburg den "Fidelio" dirigiert, im Interview mit dem Wiener Kurier: "Früher hat auch Pathos niemanden gestört. Heute belustigt das die Leute... Ein dicker Sänger etwa wird oftmals abgelehnt. Ich habe zuletzt an der Mailänder Scala Fabio Sartori als Radames und Cavaradossi gehört. Sartori hat heute die einzige echt italienisch klingende Stimme im Tenorfach von Weltformat. Aber aufgrund seines Aussehens hat er geringere Chancen auf einen Durchbruch als Jonas Kaufmann."

Die in Bayreuth anwesenden SZ-Kritiker bringen ihre Notizen zu Castorfs wiederaufgenommener "Ring"-Inszenierung, die vom Publikum mit Jubel für Kirill Petrenko und Buhs für Castorf quittiert wurden: Andrian Kreye schließt beim von Petrenko dirigierten "Rheingold" ganz einfach die Augen. Auch Harald Eggebrecht genießt bei der "Walküre" Petrenkos Dirigat. Kia Vahland erfährt beim "Siegfried" einiges über "den Popanz von Machtkämpfen". Und Fritz Göttler sieht bei der "Götterdämmerung" die Sonne aufgehen: "Das Elend mit diesem 'Ring' [ist] vielleicht doch nicht mehr ganz so groß wie es einmal war." Manuel Brug stellt in der Welt dagegen zu seiner Überraschung fest, dass Petrenko ihn nicht abheben lässt: "Ist doch wieder Castorfs antiillusionistischen, rüde gebrochenen Absichten näher als der großen 'Ring'-Katharsis. Vielleicht deshalb auch der Unmut?"

Besprochen werden Stephan Kimmigs Salzburger "Clavigo" ( Tagesspiegel ), die bei den Salzburger Festspielen aufgeführte "Komödie der Irrungen" ( FR , SZ), Bellinis "Norma" mit Cecilia Bartoli bei den Salzburger Festspielen ( Standard ) und Elke Heidenreichs und Marc-Aurel Floros' in Rheinsberg uraufgeführte Oper "Adriana" ( FR ).

Film, 04.08.2015

Sehr entsetzt ist der Filmhistoriker Dirk Alt im Freitag darüber, dass die Zerstörung von historischen Nitro-Filmrollen nach ihrer Umkopierung oder Digitalisierung gängige Praxis im Bundesfilmarchiv ist: "Ganz abgesehen von der Tatsache, dass bislang kein tragfähiges Modell zur Langzeitarchivierung digitaler Daten vorliegt, dem man einen Schatz wie das deutsche Filmerbe ruhigen Gewissens anvertrauen könnte, wäre der Dokumentenwert des Originals in Anbetracht der beliebigen Manipulierbarkeit digitaler Bildinformation unrettbar verloren. Dokumentenwert haben nur die Ausgangsmaterialien, die filmischen Artefakte des analogen Zeitalters: Ihr erinnerungspolitischer Wert kann kaum hoch genug veranschlagt werden."

Besprochen wird Tom Cruises "Mission: Impossible - Rogue Nation" ( Standard ).

Kunst, 04.08.2015

Ziemlich großartig findet Annegret Erhard (taz) die im Kunsthaus Bregenz ausgestellten Malereien von Joan Mitchell: Sie war eine Kämpfernatur, was man auch in ihren Bildern sehe. Sie lassen "gestisch und dabei sehr präzise im Umgang mit Rhythmus und Farbe die schönsten, glühendsten, dicht und transparent zugleich strukturierten abstrakten Landschaften entstehen (...). Emotional aufgeladene Orte der Erinnerung, mal dynamisch und kalligrafisch inspiriert in einem Geflecht frei geschwungener Linien, mal kraftvoll in ein düster geschichtetes Farbknäuel gepresst. Daneben stehen breite Pinselschraffuren in Gelb und immer wieder blaue, Lake-Michigan-blaue Farbfelder. Manche sagen, es sind Bilder der Wut, des unstillbaren Zorns."

Weiteres: In der Presse resümiert Johanna Hofleitner die Kunst im Salzburger Sommer. Christiane Meixner (Tagesspiegel) gratuliert Paul McCarthy zum 70. Geburtstag. Besprochen wird die Baselitz-Ausstellung der Albertina in St. Petersburg ( Standard ).

Literatur, 04.08.2015

Im Freitag-Gespräch erklärt Thomas Meinecke Juliane Löffler, warum er sich als Feminist versteht: Dies habe nicht zuletzt auch mit den Männern zu tun, die ihm zum allergrößten Teil nicht geheuer sind. Auch in seinem Schreiben schlage sich das nieder: "Ich taste mich in einer Versuchsanordnung an Problemkonstellationen heran. Das Infragestellen, das diffizilere Denken und Formulieren kommt überwiegend von Autorinnen, auch in der Theorie, etwa von Silvia Bovenschen oder Judith Butler. Das macht für mich die ganze Lust am Schreiben aus: dieses Ozeanische, Texte, die nach allen Seiten offen sind. Das ist etwas sehr Unmännliches."

Noch machen die Wörter die Wirklichkeit - auch was die Gleichstellung der Geschlechter angeht, schreibt die Historikerin Marion Detjen im Fischer-Blog 114. Und doch wird es immer Versuche geben, eigene Wirklichkeiten zu schaffen: "Ich bin Feministin, aber habe keine feministische Tradition: keine Linie, an die ich anknüpfen könnte, keine Vorgänger, um mir den Rücken zu stärken, keine Vorbilder, um ihnen nachzueifern. Meine Wirklichkeit ist durch Worte gemacht, die mein Körper teilweise als wahr und teilweise als falsch erkennt und deren Ambivalenz auszuhalten mich einen Großteil der Kraft kostet, die ich brauche, um selbst wirklichkeitsbildend zu werden."

Weitere Artikel: Oliver Grimm besucht für die Presse Gary Shteyngart in Manhattan und plaudert mit ihm über Amerika, Russland und Israel. August und noch kein Reiseziel für den Urlaub? Im Ullsteinblog Resonanzboden empfiehlt Krimiautor Richard Fasten die Oderhaff-Region um die Gemeinde Altwarp. Ralph Trommer ( taz ) und Lars von Törne ( Tagesspiegel ) berichten von der Eröffnung des der Disneyübersetzerin Dr. Erika Fuchs gewidmeten Museums für Comic und Sprachkunst in Schwarzbach an der Saale.

Besprochen werden der zweite und der dritte Teil von Jeff VanderMeers "Southern Reach"-Trilogie ( taz ), Leopold Federmairs Roman "Im Nebel tasten und davon berichten" ( Standard ), Evelyn Grills Erzählband "Fünf Witwen" ( NZZ ), Graham Greenes "Reise ohne Landkarten" ( NZZ ), Ralf Rothmanns Roman "Im Frühling sterben" ( NZZ ), Ulrike Draesners "Mein Hiddensee" ( FR ), Deniz Utlus "Die Ungehaltenen" ( Tagesspiegel ), Erdmut Wizislas "Begegnungen mit Benjamin" ( Tagesspiegel ),

Musik, 04.08.2015

Nach 22 Jahren ist mit "Dance Me This" das letzte noch zu Lebzeiten fertiggestellte Album von Frank Zappa erschienen. Handelt es sich dabei um Stückwerk und zusammengeklaubte Restaufnahmen? Mitnichten, dieses Album ist "integral", freut sich Peter Kemper in der FAZ: Es wirkt "in seiner kalkulierten Sperrigkeit wie eine eigene Galaxie inmitten des ausufernden Zappa-Universums". Mehr dazu auch auf Popmatters .

Oobah Butler reist für The Quietus ins ferne Berlin-Lichtenberg, wo Studenten der UdK mit Cashmere Radio aus einer Cocktailbar heraus ein Online-Radio für elektronische Avantgardemusik betreiben: "Cashmere Radio may just be the back door entrance into one of the most complex and aloof contemporary music scenes."

Weitere Artikel: Ned Raggett (The Quietus) spricht mit Roger O'Donnell von The Cure über dessen zahlreiche Nebenprojekte. Für die FAZ berichtet Jan Brachmann von den ersten Konzerten der Salzburger Festspiele, wo ihm die "immense Könnerschaft" des ORF- Radio-Symphonieorchester Wien unter Cornelius Meister beim Boulez-Konzert besonders imponiert. Felix Michel berichtet in der NZZ vom Menuhin-Festival Gstaad. Außerdem bringt The Quietus einen Auszug aus Sylvie Simmons wiederaufgelegter Biografie über Serge Gainsbourg.

Besprochen werden das Berliner Björk-Konzert ( taz, Berliner Zeitung, Tagesspiegel, SZ), Tame Impalas CD "Currents" ( Welt ), das Album "Death Magic" von Health ("Hans Zimmer fürs Berghain", meint Thomas Vorreyer in der Spex, Pitchfork ), das neue Album von Joss Stone ( FAZ ), ein Konzert von Myles Sanko und Roachford ( FR ) und ein Tributalbum zu Ehren von Nina Simone ( taz ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Medien, 04.08.2015

Ganz bitter und krass verweigert FAZ-Redakteur Reinhard Müller im großen Leitartikel auf Seite 1 den Bloggern (auch der Netzpolitik?) die Pressefreiheit: "Heute kann jeder Einzelne unbegrenzt viele Menschen erreichen. Wenn man daraus aber den Schluss zieht, dass sich jeder selbsternannte Blogwart auf die Pressefreiheit berufen kann, hätte das weitreichende Konsequenzen, etwa für das Zeugnisverweigerungsrecht wie auch für die Gesetze zum Schutz vor einer Gefährdung der Sicherheit. Tatsächlich ist die freie, also nicht vom Staat oder von Internetgiganten finanzierte Presse ohnehin im Schwinden begriffen." Nur die Presse ist also frei, die Bürger sollen das Maul halten. Auf der Medienseite der FAZ sieht es der Staats- und Medienrechtler Christoph Degenhart immerhin ein bisschen anders.

Bild
darf keine Reporter zum Prozess gegen zwei mutmaßliche IS-Terroristen mehr schicken, nachdem die Zeitung die Personen unverpixelt gezeigt hatte, schreibt turi2. Bild protestiert: "Um Angst und Schrecken zu verbreiten, posierten die Täter mit abgeschlagenen Köpfen, doch wenn die Terroristen sich vor einem deutschen Gericht verantworten sollen, dürfen sie plötzlich nicht mehr erkannt werden. Das sei 'absurd', so Bild.de-Chef Julian Reichelt. Besonders heikel macht den Fall die Tatsache, dass sich einer der Angeklagten in einem NDR-Interview erkennbar vor der Kamera zu den Tatvorwürfen geäußert hatte."

In der Presse staunt Anne-Catherine Simon über die unfassbare Medienkarriere des Yanis Varoufakis: "Für ein paar Monate hat Yanis Varoufakis den guten linken Macho und verwegenen Einzelkämpfer auf die westliche Weltbühne zurückgebracht; nur dass er nicht wie Che Guevara allmählich vom politischen Aktivisten zum Popstar und Sexidol wurde, sondern - obwohl beim Amtsantritt fast unbekannt - in wenigen Tagen dazu gemacht wurde." Dem Geheimnis seiner Krisen-Erotik kommt sie mit Rudolph Steiner auf die Spur, für den "der Schlachtruf von der Freiheit der Völker" immer auch die "Balzstimme des Hahnes" war.

Gesellschaft, 04.08.2015

Sowohl in Indien als auch in Pakistan sind Hunderte pornografischer Websites gesperrt worden. Devjyot Ghoshal stellt in Quartz die beiden Aktivisten in Pakistan und in Indien vor, die ihre Länder dazu gebracht haben - aus moralisch religiösen Gründen. Kamlesh Vaswani setzte in Indien eine Petition auf, die sich so las: Pornografie "ist so furchtbar, dass manche es gar nicht erkennen, bis es zu spät ist, und die meisten geben es nicht zu. Sie ist schlimmer als Hitler, schlimmer als Aids, Krebs oder jede andere Epidemie, eine größere Katastrophe als der nukleare Holocaust, und sie muss gestoppt werden." Viele Nutzer werden die Sperren allerdings umgehen können, meint Ghoshal.

Die israelisch-jüdische Debatte über Israelis in Berlin geht weiter. Der Philosoph Omri Boehm wendet sich in der Welt gegen die Attacken des Journalisten James Kirchick (unser Resümee) gegen angeblich allzu linke Israelis, die das heutige Berlin idealisierten, und zitiert als einen Hauptgrund, nach Berlin zu gehen, das Einziehen fundamentalistischen religiösen Denkens in die israelische Armee (ein Soldat kam ins Gefängnis, weil er ein Schinkenbrot aß, ein General schickte seine Soldaten mit religiösen Parolen in die Schlacht): "Kirchick lamentiert über die 'kleine, aber sehr laute Gruppe' in Berlin lebender Israelis, die 'es sich zur Aufgabe gemacht hat, Israel öffentlich an den Pranger zu stellen'. Das ist Unsinn, denn gerade heute ist es die Pflicht jedes israelischen Patrioten, der sich um sein Land sorgt, den politisch-theologischen Fundamentalismus zu bekämpfen."

David Grossman schreibt in der FAZ über rassistisch-religiöse Kräfte in Israel, die ein Attentat gegen eine palästinensische Familie und eines gegen schwule Mitbürger zu verantworten haben: "Von Tag zu Tag entfalten sich bei uns finstere fanatische, in ihrem Extremismus hermetische Elemente, entzünden sich selbst im religiös-nationalistischen Feuer und sind blind gegenüber den Grenzen, die die Wirklichkeit, die Moral und der gesunde Menschenverstand ihnen setzen sollten."

Nicht sportlich, aber symbolisch sieht Micha Brumlik in der taz die Makkabiade in einer Liga mit Christos Reichstagsverhüllung: "Christos Verhüllung fungierte als eine Art Geisteraustreibung, als ein Exorzismus durch Kunst. Zwanzig Jahre später wird Berlin Zeugin eines weiteren Exorzismus: Die Makkabiade auf dem Gelände des Berliner Olympiastadions soll Berlin und das von den Nationalsozialisten so genannte 'Reichssportfeld', auf dem 1936 Hitlers Olympische Spiele stattfanden, von den Geistern dieser Vergangenheit befreien."

Außerdem: Daniela Segenreich-Horsky erzählt in der NZZ die Geschichte der Armenier in Israel. In der FAZ schreibt Lena Bopp über neue Studien zu "Gehaltsgeschlechtern und Rentengefälle". Thomas Steinfeld denkt in der SZ sehr grundsätzlich und zeitlos über das Wahre, Gute und Schöne nach, auch unter Berücksichtigung modernerer Kunstbegriffe und des Freihandelsabkommens. Und Caroline Fetscher erzählt im Tagesspiegel das allzu wahre Märchen von der Bärenstadt, die genau so viele Schulden hat wie das Eulenland.

Europa, 04.08.2015

Auf den griechischen Inseln, behaupten die Touristen, spüre man nichts von der Krise, im Tagesspiegel kann die Autorin Amanda Michalopoulou das bestätigen, aber auch erklären: "Auf Naxos bin ich nicht den gekrümmten Gestalten begegnet, wie ich sie aus Athen kenne, ich habe auch niemanden gesehen, der im Müll herumwühlt. Das ist auf die Autarkie der Insel zurückzuführen, auf den Gemüseanbau, die Käsereien. Und auf ihre Geografie: Naxos hat keine ausbaufähigen Buchten, und so haben sich die Einwohner schon früh dem Ackerbau und der Viehzucht zugewandt. Auf der Insel redet man nicht sonderlich viel von der Regierung und der Troika. Die Leute reden lieber von ihren Tieren und ihrem Käse und was sie in ihrem Garten anpflanzen wollen."

(Via Politico.eu ) Roger Cohen schreibt in der New York Times zur europäischen Krise: "Europa ist gefangen zwischen jenen, die reinwollen, jenen, die rauswollen, und jenen, die es zerstören wollen. Jene, die reinkommen, sind verzweifelt, jene die rauswollen, sind verärgert und die Zerstörer schwenken Fahnen. Dieser dreifache Angriff macht die 28 Mitgliederstaaten der EU zum ersten Mal anfälliger für Brüche als fähig zu weiterer Integration."

Barbara Oertel stöhnt in der taz über all die politischen Fehler und Versäumnisse, die sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko leistet. Von unsauberen Einzelwahlen bis zur ausbleibenden Entmachtung der Oligarchen: "Was sagt uns das alles? Dass Kiew nach 2004 ein zweites Mal Gefahr läuft, die Chance auf eine grundlegende Umgestaltung des Landes zu verspielen."

Geschichte, 04.08.2015

Honorige Schweizer Bürger halfen der fast bankrotten DDR Ende der achtziger Jahre sich zu refinanzieren und waren dabei, als nach der Wende DDR-Vermögen versteckt wurde, schreibt der Schweizer Journalist und Historiker Ricardo Tarli in der Schweiz am Sonntag: "Erst jetzt, 25 Jahre nach dem Ende der DDR, kommen dank der Auswertung von Stasi-Akten und von bislang gesperrten Staatsschutzakten aus dem schweizerischen Bundesarchiv die Geschäfte der Stasi in der Schweiz ans Licht: Die Palette reicht von Geldwäscherei über Waffenhandel bis zu Schmuggel von Elektronik. Brisant: In das Stasi-Netzwerk waren prominente bürgerliche Schweizer Politiker verstrickt."



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