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Heute in den Feuilletons: "Ein Smartphone mit Twitter-App in den Händen eines narzisstischen Rapstars"

In der "Welt" spricht Laura Poitras über ihre Ausstellung "Astro Noise" und warnt vor dem freien Campieren im Jemen. Critic.de erinnert an die Frivolität des deutschen Kinos in den Sechzigern. Die "taz" analysiert die Internetstrategien aktueller Popstars.

Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 10.02.2016

Morgen beginnt in Berlin die Berlinale. Die Retrospektive fokussiert sich auf das deutsche Kinojahr 1966 als Umbruchsjahr. Auch wegen ihrer kanonisierenden Funktion sind die Retrospektiven Stoff für hitzige Debatten. Critic.de wird die Retrospektive daher mit einem Komplementärprogramm von Kritiken zu Filmen begleiten, die nicht in das Raster des Kuratoriums passten. Rainer Knepperges hat dazu den Auftakttext verfasst: "Noch 2012 war 1962 als Datum des Aufbruchs festlich in Fels gehauen worden. Der Glaube an die unbedingte Gültigkeit des Oberhausener Manifests verbietet es, die Frivolität und den Internationalismus des kommerziellen deutschen Kinos der 60er mit offenen Augen zu würdigen. Eines hielt ich im Vorfeld allerdings für unmöglich: dass 'Mädchen Mädchen' von Roger Fritz nicht im Programm sein würde. Das Sensationelle dieses Films hat Sano Cestnik einmal schön festgehalten in der Beobachtung, 'dass bei Fritz fast alle Figuren bei ihren Auftritten gleich wichtig erscheinen. Und alle strahlen sie Erotik aus.'"

Außerdem dokumentiert die FAS jetzt auch online, wie Dominik Graf dem überbordenden Bürokratismus der hiesigen Fernseh- und Filmproduktion die Leviten liest. Er beschreibt eine Struktur, deren Elemente geradezu darauf ausgelegt zu sein scheinen, einander gegenseitig zu lähmen, um die Produktion von Mittelmaß zu begünstigen, und fordert daher den Zusammenhalt zwischen Autoren und Regisseuren zum Schutz brillanter Ideen: "Heute kann sich ein deutscher Produzent, der eine rasante Szene liest, nicht mehr wirklich darüber freuen. Sein erster Impuls ist nicht: Großartig! Sondern: Was wird der/die RedakteurIn sagen? ... Keiner liest also mehr wirklich das, was er zu lesen kriegt in den Drehbüchern - er liest durch die Zeilen hindurch auf die Machbarkeit und die Beschränkungen hin. Darüber hinaus: 'Autoren-Brillanz nervt' (Originalzitat). Liebe? Nada."

Emphatisch bespricht Hanns-Georg Rodek eine Ausstellung in der Kunsthalle Bremen, die Alain Resnais' Film "Letztes Jahr in Marienbad" als ein Schlüsselwerk der Moderne rekonstruiert: "Wenn heutzutage schon nichts mehr zu enden scheint, weder die Krisen noch die Kriege noch die Krimiserien, dann ist es tröstlich zu wissen, wann die Malaise unserer chaotisierten Welt begann. Das lässt sich exakt bestimmen: am 25. Juni 1961. An diesem Sonntag feierte der Film 'Letztes Jahr in Marienbad' Premiere, über den der Regisseur Jacques Rivette gesagt hat: 'Die Welt ist zerbrochen, sie ist in eine Reihe von winzigen Teilen zersplittert, und es geht darum, das Puzzle wieder zusammenzusetzen."

Weiteres: Sehr angetan ist Tagesspiegel-Filmkritiker Jan Schulz-Ojala vom neuen dffb-Leiter Ben Gibson, der am 15. Februar sein neues Amt antreten wird.

Besprochen werden der Berlinale-Eröffnungsfilm "Hail Caesar" der Coenbrüder ( Berliner Zeitung ), Jason Moores Komödie "Sisters" mit Amy Poehler und Tina Fey ( ZeitOnline ), ein Band mit Filmkritiken von Brigitte Desalm (SZ) und der Superheldenfilm "Deadpool" (FAZ).

Kunst, 10.02.2016

Im Interview mit Lukas Hermsmeier in der Welt spricht die Filmemacherin Laura Poitras über die Snowden-Archive, Überwachung und ihre Ausstellung "Astro Noise" im New Yorker Whitney Museum, zum Beispiel über die Installation, die den Nachthimmel über dem Jemen zeigt: "Der Name der Installation heißt 'Bed own Location', ein militärischer Begriff, der den Schlafort von Menschen beschreibt, die Ziele sind. Was die Kuration angeht: Man hat stets diesen sensiblen Balanceakt zwischen notwendiger Exposition, damit man die Kunst wertschätzen kann, und zu viel Erklärung, wodurch die Kunst vielleicht weniger wachrüttelnd wirkt. Ein schmaler Grat. In gewisser Weise wollen wir die Leute auch desorientieren. Hätte ich nur ein paar Fakten auflisten wollen, hätte ich das schließlich ganz einfach im Internet machen können."

Im Guardian verteidigt Frieze-Chefredakteur Dan Fox das Prätentiöse gegen das allgemein hochgeschätzte Authentische: Wie soll man sonst über sich hinauswachsen? "Klasse, Lebensstil und die Ablehnung der Anmaßung sind eng verbunden mit Fragen des Geschmacks. Wenn also für die einen etwas prätentiös ist, für die anderen aber fesselnd und innovativ, heißt das jedoch nicht, dass jede Debatte über Prätention nur ein Streit über Geschmacksfragen ist. Mit dem Attribut 'prätentiös' wird eine Person beschrieben, die sich jenseits der legitimen Grenzen ihrer Klasse oder Qualifikation bewegt, es geht also darum, Geschmack sozial zu konditionieren."

Beck ist der "moderne Meister unter Deutschlands Cartoonisten", meint Andreas Platthaus in der FAZ nach dem Besuch einer Ausstellung im Caricatura-Museum in Frankfurt. Schätzenswert sei vor allem dessen "Wortwitz. Was Beck mit der Sprache anstellt, hat in Deutschland nicht seinesgleichen, und dabei wählt er als Mittel nicht einmal vorrangig Wortspielerei, sondern vor allem eine Visualisierung von Begriffen und Redensarten in Bildern, die Sprache wörtlich nehmen, sie umkehren, korrigieren, verwandeln."

Besprochen werden Julian Rosefeldts im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehende Installation "Manifesto" mit Cate Blanchett ( Tagesspiegel ) und die Ausstellung "Artist and Empire" in der Tate Britain (FAZ).

Literatur, 10.02.2016

Der Merkur hatte im Grünen Salon der Volksbühne zum Gesprächsabend über kleine und große Formen in der Gegenwartsliteratur geladen. Marc Reichwein befindet in der Welt, dass zumindest in der Performance das Kurzform-Team aus Kathrin Passig und Holger Schulze das Langform-Duo Kathrin Röggla und Ulrich Peltzer ausstach: "Die Slideshow Passig/Schulze schlug die schwadronierende Debattierwerkstatt Röggla/Peltzer nach Punkten und Thesen. Übrigens genau 60 an der Zahl. So viele Slides hatten Passig/Schulze parat, darunter Aphorismen wie 'Die kleine Form ist optimistisch. Aus ihr kann noch was werden.'"

In der taz resümiert Dirk Knipphals den Abend, den er "interessant unbefriedigend" fand: "Denn er hat gezeigt, dass die Voraussetzungen für so ein Gespräch über neue und alte Literaturformen auf Augenhöhe noch gar nicht recht gegeben sind. Selbst wenn sich alle Beteiligten bemühen, wenig aggressiv aufzutreten, ist vielleicht die Vorstellung, dass es hier um hegemoniale Auseinandersetzungen innerhalb der Kultur geht, sehr stark in den Hinterköpfen." In seinem Blog dokumentiert der Merkur einen Kommentar von Eva Geulen zur Diskussion zwischen Holger Schulze und Kathrin Passig (hier die Slides dazu).

Besprochen werden Efrat Gal-Eds Biografie über den Dichter Itzik Manger ( Tagesspiegel ), William Boyds "Die Fotografin" ( Tagesspiegel ), Ta-Nehisi Coates' "Zwischen mir und der Welt" ( Spex , mehr), Abbas Khiders "Ohrfeige" (SZ, mehr) und Andrei Mihailescus Debüt "Guter Mann im Mittelfeld" (FAZ). Außerdem nun online: Der aktuelle Leichenberg mit Krimibesprechungen von Thomas Wörtche.

Mehr über Literatur im Netz in unserem Metablog Lit21.

Bühne, 10.02.2016

Dass die neue Direktorin des Londoner Globe Theatre, Emma Rice, Shakespeare wieder populärer machen will, sieht Marion Löhndorf in der NZZ mit Skepsis, aber auf die Frauenquote ist sie gespannt: "Seit langem schon haben sich auch Schauspielerinnen von Asta Nielsen bis Fiona Shaw und Cate Blanchett Shakespeares große Männerpartien zu eigen gemacht, und Phyllida Lloyd führte bei durchweg weiblich besetzten Shakespeare-Dramen in London Regie. Doch Emma Rice will aus der Ausnahme die Regel machen."

In der Berliner Zeitung spricht Lena Schneider mit dem französischen Regisseur Jean Bellorini, der am Berliner Ensemble Nikolai Erdmans "Selbstmörder" inszeniert. Für die SZ war Charlotte Theile beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen des Theaters am Neumarkt in Zürich.

Musik, 10.02.2016

Anlässlich neuer Alben von Beyoncé, Rihanna und Kanye West wirft tazler Christian Werthschulte einen genaueren Blick auf die Internetstrategien der Künstler. Nur Beyoncé trägt demnach mit ihrem Superbowl-Auftritt im Fernsehen ganz dick in den alten Medien auf. Dass Rihanna für ihr sehr heterogenes Album keinen Produzenten an mehr als einen Song lässt, deutet Werthschulte schon als Versuch, "ein Album für das Spotify-Zeitalter" vorzulegen, das darauf angelegt sei, "auf so vielen unterschiedlichen Playlists wie möglich abgespielt zu werden." Und während Rihanna mit ihren 33 Millionen Instagram-Followern "Marketing mit niedrigen Fixkosten" betreibe, bei dem "ein Smartphone mit Twitter-App in den Händen eines ­narzisstischen Rapstars eine ganze Promokampagne ersetzen kann", gibt sich Kanye West einen werbewirksamen Twitter-Beef mit Kollegen.

Für die FAZ hat Max Nyffeller das Stuttgarter Neue-Musik-Festival Eclat Eclat besucht, bei dem sich "der Drang zu Aussagen" Bahn gebrochen habe: "Die Sehnsucht nach einer neuen Radikalität, die das Eclat-Programm wie ein heimliches Motto durchzieht, ist in der heutigen Musikszene überall spürbar, sie bleibt aber merkwürdig diffus. In der Postmoderne sind die Ziele des Protests so zahlreich wie die musikalischen Stile."

Besprochen wird das neue Album von Get Well Soon ( taz ).

Architektur, 10.02.2016

Mit großem Interesse liest Andrea Gnam in der NZZ Philipp Meusers Studie über den sowjetischen Plattenbau, der vor allem dank einer Lizenz für das französische Plattenbausystem "Camus" starten konnte: "Den ästhetischen Paradigmenwechsel im sowjetischen Bauen, das zunächst mit der Typenprojektierung einzelner Bauteile wie Fenster und Türen begann, mit der man vor allem Zeit und Kosten sparen wollte, leitete Chruschtschow 1955 mit der vehement durchgesetzten Vorgabe ein, jede 'Unmäßigkeit' im Bauen in Form von Fassadengestaltung oder hochwertigen Baumaterialien zu unterlassen und so kostengünstig und zügig Wohnraum für alle zu schaffen."


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 10.02.2016

Die taz veranstaltet ein Pro und Contra zu Varoufakis. Jan Feddersen schreibt: "Hatte Syriza, hatte Varoufakis ein Programm, sein Land zu reformieren? Nein, der einzige Klingelton, der von diesem Mann in die europäische Agora hineinplärrte, war einer, der klang wie: 'Subventioniert uns weiter wie bisher, sonst sind wir sauer!'" Martin Kaul dagegen: "Er proklamiert laut und fordernd eine Idee von Europa, die den Sozialdemokraten abhandenkam. Sein Mittel ist der große Auftritt - ja und?"

In Frankreich gibt es viel zu wenige Taxis dank beschränkter Lizenzierungen. Diejenigen, die eine Lizenz haben, protestieren gegen jede neue Konkurrenz und mehr noch gegen Uber, schreibt Nicholas Vinocur in Politico.eu: "In Frankreich sind die Beziehungen zwischen den Taxifahrern und dem Innenministerium tief - seit mindestens hundert Jahren. Oberflächlich liegt es daran, dass das Ministerium die Taxi-Lizenzen ausgibt, ihre Gesamtzahl streng begrenzt und so den Sektor reguliert. Aber manche Akteure in der Branche sagen, dass die Polizei die Taxifahrer auch als ein Netzwerk von Informanten sehen, das gepflegt werden muss - und als potenzielle Arbeitgeber nach der Rente für alternde Polizisten."

Der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio spricht im Interview mit der FR über Migration, die Europäische Union und die durch die Flüchtlingspolitik zu Tage getretene Polarisierung der Gesellschaft, die der Demokratie schade: "Fatal ist es, wenn Kritik an der Regierungspolitik als 'geistige Brandstiftung' denunziert wird. Wer die Grenzen für Schutzsuchende in einem kritischen Augenblick öffnet, darf weder beschimpft, noch gar für sexuelle Übergriffe der Kölner Silvesternacht verantwortlich gemacht werden. Wer kritische Fragen nach den Rechtsgrundlagen der aktuellen Migrationspolitik stellt und die Rückkehr zu kontrollierter Einreisepraxis verlangt, fördert weder den Rechtspopulismus noch gar kriminelle Anschläge auf untergebrachte Menschen. Solche wechselseitigen Zurechnungen signalisieren einen Verlust an bürgerlicher Debattenkultur."

Die SZ bringt, wohl aus Anlass der Münchner Sicherheitskonferenz, eine Beilage über "Krisen und Sicherheit". Joachim Käppner unterhält sich mit dem Historiker Ulrich Herbert, der sich Sorgen um Europa macht: "Viele halten Deutschland für so stark, dass sie es für alles verantwortlich machen - andererseits ist Deutschland weltweit wahnsinnig beliebt. Es gibt hier ein viel drängenderes Problem: den Vertrauensverlust in die EU, der in vielen Ländern zu spüren ist. Dieses Europa ist das der Generation von Helmut Kohl und François Mitterrand und ihrer Vorgänger. Es war eher ein Projekt, das von oben kam, von Staatsmännern, welche die Konsequenz aus den Schrecken des Zweiten Weltkrieges zogen. Sie gingen davon aus, der wirtschaftlichen Einigung werde auch eine politische folgen. Doch die Bindekraft dieses Konzepts lässt nach."

Politik, 10.02.2016

Donald Trump hat bei den Vorwahlen in New Hampshire triumphiert. Ezra Klein fasst sich bei Vox.com an den Kopf: "Trump ist ein ernsthafter Kandidat für die Nominierung zu den Präsidentschaftswahlen. Sein Triumph bei den eigentlichen Wahlen ist unwahrscheinlich, aber keineswegs unmöglich. Er ist kein Witz, kein Clown. Er ist der Mann, der bald über Krieg und Frieden entscheiden könnte, der..., der zuständig wäre, Richter am Supreme Court zu ernennen und Amerika in der Gemeinschaft der Nationen repräsentieren würde. Dies ist kein politisches Entertainment. Es ist Politik." Über Hillary Clinton kursiert unterdessen eine von Gawker aufgebrachte Geschichte, die zeigt, wie sie sich - im Jahr 2009! - mit Journalisten absprach: Du kriegst mein Redemanuskript vorab, wenn Du meinen "muskulösen" Diskurs lobst. Im Guardian erklärt Kate Garding in einem unaufgeregten Artikel, warum es bei aller Liebe für Bernie Sanders klüger ist, Hillary Clinton zu wählen.

Der Libération-Blogger und Arabien-Experte Jean-Pierre Filiu kommt auf den grausamen Tod des italienischen Forschers und Journalisten Giulio Regeni in Kairo zurück - seine Leiche wurde vor einigen Tagen in Kairo aufgefunden und zeigt eindeutige Foltermale. Man vermutet, dass der Sicherheitsdienst von Abdel Fattah al-Sisi hinter Regenis Ermordung steckt: "Zwei Professorinnen aus Cambridge haben eine internationale Petition von Universitätsleuten lanciert um zu fordern, dass die ganze Wahrheit über Giulio Regenis Tod ans Licht gebracht wird. Diese Petition wurde als offener Brief an den Präsidenten Sisi im Guardian und in Il Manifesto veröffentlicht. Die Affäre erregt in Italien großes Aufsehen und kann nicht als Angelegenheit eines einzelnen Landes gesehen werden. Wie ein britischer Freund schreibt: Es geht auch um einen Angriff auf die Freiheit der Forschung."

Abgeordnete dürfen seit kurzem in einem eigens eingerichteten Lesesaal einen Einblick in den Verhandlungstext zum Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) nehmen. Doch dürfen sie den Text weder abschreiben, noch fotografieren, noch sich Notizen machen oder anschließend darüber sprechen. Malte Kreutzfeldt zitiert in der taz Grünenfraktionschef Anton Hofreiter, der nach seinem Besuch im Lesesaal klagt: "Ich kann weder mit den Bürgern darüber reden, noch können wir in den Ausschüssen darüber reden, noch kann ich einen Juraprofessor befragen: Den Satz habe ich so verstanden, aber bedeutet das auch wirklich das?"

Das ist keine Transparenz, das ist nur die Illusion von Transparenz, höhnt - ebenfalls in der taz - Svenja Bergt. "Die Abgeordneten haben zwar nicht annähernd genug Befugnisse, um die aus den Lesesitzungen gewonnenen Informationen irgendwie in die öffentliche Debatte einfließen zu lassen. Aber gerade so viel, dass hinterher niemand sagen kann, es sei doch alles geheim gewesen."

Außerdem: Das Atomabkommen könnte für die Reformer im Iran nach hinten losgehen, fürchtet Bahman Nirumand in der taz. Zwar seien alle froh darüber, "doch damit sind gleichzeitig auch die Erwartungen, dass er für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgt und das Land öffnet, ins Unermessliche gewachsen".

Geschichte, 10.02.2016

Marc Zitzmann besucht für die NZZ das von Rudy Ricciotti gebaute Mémorial du camp de Rivesaltes bei Perpignan, das an das größte französische Internierungslager im Zweiten Weltkrieg erinnert: "Die Geschichte des Lagersystems ist von harten Einschnitten und von fließenden Übergängen gekennzeichnet. Der Wechsel von der Notstandslogik der Dritten Republik (1939-40) zur Ausgrenzungspolitik des Vichy-Regimes (1940-42), dann zum Vernichtungswahn der deutschen Besatzer (1942-44), endlich zur 'Säuberungspraxis' der Résistance und der allmählich wiederhergestellten Republik (1944-46) war für jene Lagerinsassen, die über mehrere dieser Phasen hinweg in Haft verblieben, mitunter kaum erkennbar."

Wissenschaft, 10.02.2016

Gentechnik könnte helfen, die Mücken, die Zika übertragen, auszurotten, meint Thilo Spahl bei den Kolumnisten: "Skrupel, Aedes aegypti in Lateinamerika auszurotten, sind schon gar nicht angebracht, denn die Mücke ist dort noch nicht einmal heimisch, sondern wurde von Menschen eingeschleppt. Sie jetzt wieder loszuwerden würde keine Lücke in irgendwelche Ökosysteme reißen. Tatsächlich war der größte Teil Südamerikas in den 1970er Jahren dank konsequenter Bekämpfung mit DDT schon einmal frei von Aedes aegypti. Es gibt genug andere Mücken. Auf eine, die gleich drei schwere Krankheiten auf Menschen überträgt, kann man gerne verzichten."

Kulturpolitik, 10.02.2016

Damit schöne neue Wohnungen für das "neue Berliner Bürgertum", so der Senat, entstehen konnten, wurde trotz aller Warnungen von Denkmalschützern dicht an der Friedrichswerdersche Kirche gegraben. Jetzt zeigt sich, dass die Warnungen berechtigt waren: Die Kirche hat neue Risse. In der Berliner Zeitung reagiert Nikolaus Bernau bitter: "Bevor jetzt wutbürgerliche Lesermailschreiber ihre Tastatur aufschlagen: Unsere Beamten und auch die meisten Politiker sind meistens ziemlich kompetent. Sie wissen, was sie tun, sie tun es mit Blick auf die Wähler, also auf uns! Bevor also in dieser Stadt Denkmalpfleger und Fachbeamte nicht mehr populistisch als unfähige Bremser bezeichnet werden, muss wohl ein echtes Desaster passieren. In Köln brauchte es schließlich auch die Katastrophe des Stadtarchiv-Einsturzes, bis sich die breitere Bevölkerung bewusst wurde: Das gehört nicht irgendwem, sondern uns."

Und in der Welt fragt Dankwart Guratzsch: "Wie weit reicht die Gewährleistungspflicht eines Bauherrn? Die Frage könnte Berlin schon bald in eine peinliche Lage bringen."

Weiteres: In der NZZ stellt Andrea Gnam eine Studie zum sowjetischen Plattenbau vor. Die Franzosen streiten um den Circonflexe, den die Académie abschaffen will, berichtet Matthias Heine in der Welt. Linguisten in beiden Teilen Koreas arbeiten derweil an einem gemeinsamen Wörterbuch, erzählt Fabian Kretschmer in der taz.

Ideen, 10.02.2016

Sind Programmiersprachen die neuen Universalsprachen? Ja schon, meint Peter Glaser in einem inspirierenden Artikel in der NZZ und verweist auf interessante Parallelen: "Sprache zu verstehen, ist für nichtmenschliche Systeme eine harte Nuss. Dabei scheint ein Vergleich zwischen literarischen Sprachen und Programmiersprachen zu zeigen, wie nahe große Softwareprojekte und alte Epen einander stehen. Was vormals Refrains waren, heißt nun Schleife oder Loop. Die sogenannten reservierten Wörter der Programmiersprachen decken sich mit Besonderheiten aus der Lyrik, wo ein Begriff wie 'Rose' nicht einfach nur für eine rote Blume steht. Und Epen wie auch komplizierte Programme sind komplexe Überlieferungssysteme über Generationen hinweg..."

Eine sehr lebendige und zugleich seltsam altmodische Debatte führen Ta-Nehisi Coates und Cedric Johnson, der sich im Jacobinmag in einem offenen Brief gegen Coates' Forderung nach Reparationen für die Schwarzen in den USA wandte, dabei aber ausgerechnet mit dem Beton- und Uraltargument des "Nebenwiderspruchs" hantiert: Rassismus sei wie Sexismus und andere Formen der Diskriminierung ein bloßes Epiphänomen der Ausbeutung von Armen durch die "Investorenklasse". Sozialer Ausschluss diene allein dazu, "Ausbeutung in einer Weise voranzubringen, die für die Investorenklasse so vorteilhaft wie möglich ist". Darauf antwortet Coates in Atlantic: "Nein. Sozialer Ausschluss erzeugt mindestens ebenso oft Solidarität, wie er sie bekämpft. Sexismus ist nicht einfach oder in erster Linie ein Mittel, der Investorenklasse Profit zu bringen. Er ist auch ein Mittel, um Solidarität zwischen 'Männern' herzustellen, so wie Fremdenfeindlichkeit Solidarität zwischen 'Einwohnern' herstellt und Homophobie für Solidarität zwischen 'Heterosexuellen' sorgt. Was einer ist, ist oft genauso wichtig wie, was einer nicht ist und der Akt des Ausschlusses ist bei der Definition dieser Communities - Männer, Heteros, Weiße - oft so wichtig, dass man sich fragt, ob diese Kategorien in Abwesenheit des negativen Kriteriums nicht verschwinden würden." Nun wäre noch die Frage, ob das bei "Schwarzen", "Schwulen", "Frauen" nicht ebenso gelten würde.

Medien, 10.02.2016

Pavel Lokshin porträtiert in der NZZ den Blogger Alexei Kowalew, der Manipulationen russischer Medien aufdeckt. Was er dabei gelernt hat? "Propaganda wird nicht von irgendwelchen Bürokraten gemacht, sondern von Journalisten. Wer von 'Kreml-Propaganda' spricht, entzieht diesen die Verantwortung für ihr Tun. Beim staatlichen Ersten Kanal schuften schließlich keine Zombies, sondern intelligente, gebildete Menschen mit Eigeninitiative - und ohne Prinzipien."

Außerdem: Viola Schenz stellt in der NZZ das neue, in Leipzig und Berlin gegründete Online-Magazin JournAfrica vor. "Für JournAfrica schreiben und liefern ausschließlich afrikanische Journalisten, Blogger, Fotografen, Karikaturisten. Es versteht sich als das 'erste deutschsprachige Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika'. Mit Geschichten aus erster Hand." Das Geld - etwa 30.000 Euro - kommt vorerst vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Spenden und kleineren Stiftungen. Da geht doch noch was!

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