Heute in den Feuilletons Eine Frage des Glaubens

Die Kritiker der Berlinale ziehen erschöpft erste Bilanzen und warten auf die Bärenvergabe heute Abend. In der "NZZ" wird über Blasphemie philosophiert und die "taz" porträtiert den palästinensischen Rapper Rafeeq Hamawi, der Scheichs und Götter hinterfragt.


Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 14.02.2015

Das Ende ist erreicht: Alle Wettbewerbsfilme der Berlinale wurden gezeigt. Nun warten wir nur noch auf die Preis. Sehr angetan war Sophie Charlotte Rieger (Filmlöwin) von Laura Bisputis spät im Wettbewerb gezeigten Film "Sworn Virgin", im dem vorherrschende Geschlechterrollen und Körperideale mit ruhiger Hand eine Umdeutung erfahren. "In einer wunderschönen Montage verschiedener halbnackter Körper im Schwimmbad zeigt Bispuri eindrucksvoll die Mannigfaltigkeit der menschlichen Rasse und verleiht dabei jedem Körper - egal ob dick, dünn, alt, jung, männlich oder weiblich - individuelle Schönheit. ... Der Film blickt uns direkt in die Augen und fragt: Welcher Mensch, welche Frau oder welcher Mann, willst Du sein?"

Christiane Peitz (Tagesspiegel) gehen solche Fragen allerdings eher auf den Geist: "Wer bin ich? Wer seid ihr? Wen seht ihr in mir? Es wird Zeit, dass die Frauen hinter der Kamera auch mal andere Fragen stellen." Und im Perlentaucher schreibt Thekla Dannenberg: "Abenteurerinnen vor der Kamera sind eine tolle Sache, aber hinter der Kamera wären sie das auch."

Rüdiger Suchsland unterhält sich mit Marcel Ophüls, der mit einer Berlinale-Kamera geehrt wurde, für die Berliner Zeitung. Interessant, wie sich in Ophüls Augen die Bedeutung der Kamera gändert hat: "Ganz abgesehen von den Überwachungskameras. Sie sind überall, sie beeindrucken nicht mehr. Zu meiner Zeit war eine Kamera etwas, das nicht nur beeindruckend war, sondern sogar als Waffe empfunden wurde."

Weiteres: Sebastian Schippers "Victoria" und Jafar Panahis "Taxi" waren für den Welt-Rezensten Hanns-Georg Rodek die beiden wichtigsten Filme auf der Berlinale. Andreas Kilb (FAZ) zieht Bilanz: Vor allem Hal Hartleys im Panorama gezeigter Film "Ned Rifle" wird ihm noch lange positiv in Erinnerung bleiben. Das asiatische Kino entferne sich "von westlichen Erzähltraditionen", erklärt Susan Vahabzadeh in der SZ nach ihren Sichtungen der drei asiatischen Filme im Wettbewerb. Cristina Nord ( taz ) hat sich die iranischen Filme des Festivals angesehen: In allen spielt das Auto eine wichtige Rolle. Nikolaus Perneczky taucht für den Perlentaucher in Kidlat Tahimiks "Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III" ein. Und Lukas Foerster denkt zum Abschluss der Berlinale über die Schwierigkeit nach, einen Film noch als filmisches Objekt wahrzunehmen, wenn sich so viele andere Beschreibungen aufdrängen.

Aus dem Wettbewerb besprochen werden außerdem Sabus "Chasukes Reise" ("drittklassig", stöhnt Ekkehard Knörer in der taz), Kenneth Branaghs "Cinderella"-Musical im Wettbewerb ( Welt ) und der vietnamesische Wettbewerbsfilm "Big Father, Small Father" ( Berliner Zeitung , taz ). Alle weiteren heutigen taz-Texte zum Festival hier und hier . Cargo schickt weiter munter SMS vom Festival. Stets einen schnellen Klick wert ist der mehrfach täglich aktualisierte Kritikerspiegel von critic.de. Vom Festival berichten online außerdem u.a. Filmgazette , Tagesspiegel , Berliner Zeitung , FAZ , SZ , Das Filter und kino-zeit.de . Und der Perlentaucher ist selbstverständlich ebenfalls vor Ort.

Kunst, 14.02.2015

Joan Miró verstehen kann man nur, wenn man den Einfluss der Poesie auf seine Bilder berücksichtigt, lernt NZZ-Rezensentin Ursula Seibold-Bultmann in der Ausstellung "Miró. Malerei als Poesie" im Bucerius-Kunst-Forum Hamburg: "So steht man am Anfang des Parcours vor dem noch expressionistisch gefärbten Stillleben 'Nord-Sud' (1917), das die damals eben von den Dichtern Guillaume Apollinaire, Max Jacob und Pierre Reverdy gegründete Avantgarde-Zeitschrift gleichen Titels programmatisch im Zentrum zeigt. Es folgen Beispiele von Mirós 'Peintures-poèmes' aus der Zeit ab 1924, als er die im engeren Sinne darstellende Malerei zugunsten seiner berühmten luftigen Ideogramme hinter sich gelassen hatte: Visuelle Gedichte, in denen Buchstaben oder Wortfolgen schwebende Farbräume poetisch auf den Punkt bringen. 1924 dankte Miró dem Dichter Michel Leiris dafür, ihm erklärt zu haben, wie ein einziges Wort als Startimpuls eines Textes dienen könne."

Besprochen werden Nicola Rubinsteins Schau "You are invisible Now" in der Brotfabrik-Galerie in Berlin ( taz ), die Ausstellung "Degas, Cezanne, Seurat - Das Archiv der Träume aus dem Musée d'Orsay" in der Abertina in Wien ( FR ), eine Ausstellung von Rembrandts Spätwerk im Rijksmuseum in Amsterdam ( Berliner Zeitung ) und ein Bildband über Michael Berolzheimer (SZ).

Bühne, 14.02.2015

Besprochen wird Thomas Marthalers Inszenierung von John Osbornes "Der Entertainer" in Hamburg ( taz ).

Musik, 14.02.2015

Der palästinensische Rapper Rafeeq Hamawi fordert seine Landsleute heraus, erfahren wir im großen Porträt von Andrea Backhaus in der taz: "Mit rauer Stimme erzählt er davon, wie die Traditionen hier die Menschen gefangen hielten, wie hiesige Medien Politik zu Propaganda ummünzten. Und dass man die örtlichen Scheichs und den von ihnen propagierten Gott hinterfragen solle. In jedem anderen arabischen Land wäre das schon bemerkenswert. Hier, im Norden des Westjordanlandes, ist es fast eine Sensation."

In der SZ begeistert sich Annett Scheffel für den Schlagerpop der Wiener Band Wanda.

Literatur, 14.02.2015

Im Interview mit der Welt hebt der "Gilgamesch"-Forscher Stefan Maul die politische Klugheit des Epos hervor, und seinen Witz: "Wenn zum Beispiel Gilgamesch dem Uta-napischti droht, er würde ihn, den Unsterblichen, zu Tode prügeln, wenn er ihm das Geheimnis seiner Unsterblichkeit nicht verraten würde, dann ist das doch ausgesprochen komisch. Das zeigt doch, dass dieser egomane Kerl überhaupt nicht begriffen hat, was Unsterblichkeit ist."

In einer großen Homestory in der FAZ erklärt Feridun Zaimoglu Ursula Scheer, warum er zum Schreiben keinen Computer benutzt, sondern mit Stift, Papier und Schreibmaschine arbeitet: "'Weil es so gleichzeitig organisiert und anarchisch zugeht', sagt er. Kritzeln, durchstreichen, etwas dazuzeichnen, ist alles möglich. Dieses Schreiben ist 'ein Fluss', wenig kanalisiert."

Israelische Schriftsteller zaudern, das Wort "Frieden" zu verwende, erfahren wir in der FAZ in Sandra Kegels Reisebericht aus Israel: "Es habe inzwischen eine geradezu messianische Bedeutung erlangt, hatte [Etgar] Keret gesagt, und entfalte eher eine lähmende Wirkung. Stattdessen solle man von Kompromiss reden. Das ließe sich zwar weniger gut vermarkten, zwinge aber alle Seiten dazu, zu handeln, bestenfalls zu verhandeln. "

Weitere Artikel: Im Aufmacher der Literarischen Welt stellt Michael Pilz eine grafische Reportage vor, die die Vorgeschichte der Zwickauer Zelle erzählt: "WeiSSe WØlfe" von David Schraven & Jan Feindt. Annett Gröschner sucht in Ahrenshoop nach Spuren von Thomas Brasch. Und Elmar Krekeler bittet den Schauspieler August Zirner zu Tisch. Christine Luz (taz) besucht das Liebesbriefarchiv in Koblenz.

Besprochen werden u.a. Sibylle Bergs "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" ( taz ), Ian McEwans "Kindeswohl" ( taz ), Paul Therouxs "Der Fremde im Palazzo d'Oro" ( FR ), Favel Parretts "Der Himmel über uns" ( FR ), Anton Tantners Band über die ersten Suchmaschinen - vor Google ( Welt ) und Michael Bienerts "Kästners Berlin" (SZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Religion, 14.02.2015

In einem sehr lesenswerten Text zur Blasphemie unterscheidet der Philosoph Christoph Türcke in der NZZ strikt, ob Hohn und Spott sich gegen Autoritäten richten oder gegen Schwache und Unterlegene. Blasphemiegesetze hält er daher für grundfalsch, zu mal es mit den religiösen Gefühlen so eine Sache sei: "Die fallen ja nicht klar und rein vom Himmel. Sie haben begonnen, als altsteinzeitliche Hominiden die kostbarsten Lebewesen hinschlachteten, um dafür den Schutz höherer Mächte zu erlangen. Opferschauder bildet den Bodensatz des religiösen Gefühls. Ehrfurcht und Respekt sind schon seine hochkulturellen Verfeinerungen. Zudem sind 'religiöse Gefühle' ein Missverständnis. Gefühle als solche können peinlich oder angenehm, erhebend oder bedrückend, stark oder schwach sein, aber nicht religiös oder profan."

Die Historikerin Francisca Loetz rekapituliert ebenfalls in der NZZ die lange Geschichte der Blasphemie: "Jesus Christus wurde bekanntlich als Gotteslästerer an das Kreuz geschlagen."

Europa, 14.02.2015

Im Blog der London Review of Books klärt James Meek westliche Unterhändler und Journalisten über einen, wie er meint, fatalen Irrtum in Hinblik auf Putins Politik gegenüber der Ukraine auf: "It is that Russia wants to have direct control over a small area of Ukraine - about 3 per cent of the country; the area, slightly smaller than Kuwait, now under separatist rule - and that Ukrainian forces are fighting to win this area back ... The evidence so far is that what Russia actually wants is indirect influence over the whole of Ukraine, and for the West to pay for it."

In der Welt skizziert Richard Herzinger den Preis für die Verhandlungen über die Ukraine in Minsk: "Minsk wird jetzt als Beweis für europäische Handlungsfähigkeit gefeiert. Doch nährt es auch das Misstrauen der Osteuropäer, Deutschland (mit Frankreich im Schlepptau) und Russland könnten sich über ihre Köpfe hinweg und auf ihre Kosten einigen. Um Putin Zumutungen zu ersparen, wurde bereits Polen in die zweite Reihe der europäischen Verhandlungsfront verbannt."

In der taz beklagt Stephan Meuser, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew, dass die EU selbst gegen die wirtschaftliche Talfahrt in der Ukraine nur auf ihre beliebte Austeritätspolitik setzt: "Bezeichnenderweise haben aber auch die Aktivisten des Euromaidan es bisher nicht vermocht, eigene Reformmodelle für die ukrainische Wirtschaft aufzuzeigen. Ihre wirtschaftspolitischen Forderungen erschöpf(t)en sich nahezu ausschließlich im Ruf nach einem Ende der Korruption."

Gesellschaft, 14.02.2015

In der SZ berichtet Alex Rühle von dem Vandalismus, der sich den französischen Banlieues gegen die öffentlichen Bibliotheken richtet: 72 wurden bereits angezündet. Gegen den Widerstand der Lokalpolitiker hat eine Bibliotheksleiterin eine Konferenz zum Thema durchgesetzt, auf der auch der Soziologe Denis Merklen sprach: "Als er einen 30-jährigen Maghrebiner aus dem Viertel fragte, warum ihn das so gar nicht interessiere, antwortete der: 'Sie stellen uns Bibliotheken hin, um uns einzuschläfern. Damit wir schön ruhig in unserer Ecke bleiben und Märchen lesen. Wir brauchen keine Bücher, wir brauchen Arbeit.'"

Politik, 14.02.2015

Auf Cigdem Akyol von Zeit Online macht die syrische Opposition derzeit keinen allzu überzeugenden Eindruck. Sie traf in Istanbul des Exil-Politiker Hisham Marwah, dem der Islamische Staat nicht die Hauptsorge bereitet: "'Der IS ist für uns keine allzu große Gefahr. Die Terroristen sind wie Kopfschmerzen lediglich das Symptom einer Krankheit - ihr Erreger ist das Assad-Regime', sagt Marwah. Nach Assads Abtritt, würden die Syrer mit dem Terrorproblem schon irgendwie fertig werden."

In der SZ empfiehlt Carolin Emcke Jeremy Bowens BBC-Interview mit Bashar al-Assad als ausnahmsweise mal gelungenes und zutiefst beklemmendes Interview mit einem Autokraten.

Ulf Poschardt begutachtet in der Welt Versuche der FDP, ihre Leiche wiederzubeleben.

Geschichte, 14.02.2015

Die Welt druckt einen Auszug aus dem neuen Essayband von Götz Aly, "Volk ohne Mitte" (ein weiterer Auszug aus dem Buch, der sich mit dem Ökonomen Wilhelm Röpke beschäftigt, einem der wenigen nicht jüdischen und nicht kommunistischen Intellektuellen, die in die Immigration gingen, findet sich im Perlentaucher).

Kulturpolitik, 14.02.2015

Vor der Wahl in Hamburg hat Niklas Maak in der FAZ noch einmal zur Riesenbaustelle der Elbphilharmonie recherchiert, dem "abstrakten Eisberg", der "schockgefrorenen Nordseewelle", das "leicht angetaute Alpenstück", dessen Baukosten inzwischen auf 865 Millionen Euro gestiegen sind: "Oder stellt das Ganze einen Geldspeicher dar, aus dem oben die Bündel herausquellen, die man hineinstopfen musste, bildet die scharf nach oben schießende, gezackte Dachlinie die Baukostenkurve ab?"

Die iranische Dichterin Sepideh Jodeyri, die Julie Marohs Erfolgscomic "Blau ist eine warme Frabe" über eine lesbische Liebe ins Persische übersetzt hat, berichtet im Guardian von Schikanen, denen sie jetzt ausgesetzt ist: "'I've been declared persona non grata in my own country,' Jodeyri said. 'An event organised for my recent poetry collection And Etc was cancelled, the organiser was sacked from his job, my publisher was threatened with having his licence suspended and interviews were withdrawn, all because of the negative publicity in the conservative media around my translation of Maroh's book.'"



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