Heute in den Feuilletons "Theaterpädagogisch überreizte Erste-Welt-Kritik"

Die "taz" beklagt die selbstgerechte Israelkritik der Berlinale-Filme zum Nahen Osten. Außerdem: In der "Spex" feiert Georg Seeßlen den Comic. Die "NZZ" feiert eine neue Generation amerikanischer Jazzmusiker.


Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 12.02.2016

Die Spiele sind eröffnet. Mit "Hail Caesar" von Joel und Ethan Coen hat sich die Berlinale einen furiosen Auftakt mit einer nostalgisch-durchgeknallten Komödie über das klassische Studio-Hollywood gegönnt. Den Kritikern hat es bestens gemundet, denn "der Tisch ist reich gedeckt mit Feinkost aus der späten Studiokino-Zeit der fünfziger Jahre, und die Liebe zum sprechenden Ausstattungsdetail schlägt Purzelbäume auf Nadelspitzen", leckt sich Dietmar Dath in der FAZ die Finger. David Steinitz von der SZ genoss eine "herrliche Hollywood-Groteske". Tim Caspar Boehme von der taz bewundert Josh Brolin, der hier als "stoisches Zentralgestirn" funkelt. Anke Westphal von der Berliner Zeitung bemerkt neben all dem Spaß "einen starken politischen und philosophischen Beiklang." Für Daniel Kothenschulte von der FR zählt der Film zu den schönsten Eröffnungsfilmen der letzten Jahre. Marcia Pally vom Tagesspiegel fasst nach diesem Film wieder "Hoffnung, dass wir uns selbst retten können." Thomas Groh vom Perlentaucher wundert sich nicht, dass er bei all dem angehäuften Irrsinn zwischen Kommunisten, Wasserstoffbomben, schwulen Matrosen und kompliziert-einfachen Sätzen an Thomas Pynchon denken muss. Und in der Welt seufzt Hanns-Georg Rodek: "Es mag alles Lug und Trug gewesen sein, aber die Magie war wunderbar."

Zu den radikalsten Formenexperimenten des diesjährigen Forums zählt Philip Scheffners "Havarie", der eine im Original dreieinhalb Minuten dauernden Youtube-Aufnahme eines Flüchtlingsboots auf dem Meer auf neunzig Minuten streckt, während dazu Funkverkehr auf der Tonspur läuft (hier ein Filmausschnitt). Im Freitag-Gespräch mit Matthias Dell und Simon Rothöhler erklärt der Filmemacher, dass das Material ursprünglich Bestandteil eines konventionelleren Filmkonzepts gewesen sei: Doch dann fiel ihm auf, "dass die Besonderheit des Materials verlorengeht, wenn man das punktuell in die Montage einbaut. Die Konzentration, die wir suchten, das Unterlaufen von Bildpolitik und Wahrnehmungsstrategie - das funktionierte auf diese Weise nicht. Wir hatten das Gefühl, uns zu sehr in den individuellen Geschichten zu verlieren, die einem angenehmer sind und die die eigene Position, aus der man sich das anschaut, weniger in Frage stellen."

Bei den Filmen aus Israel und dem Nahen Osten übertreibt es die Berlinale mit ihrem Bedürfnis nach Solidarität auf ziemlich einseitige Weise, meint Andreas Fanizadeh in der taz: Neben Elite Zexers gelungenem "Sufat Chol" habe man aus Israel in erster Linie "eindimensional abgedrehten Antizionismus" und "theaterpädagogisch überreizte Erste-Welt-Kritik" eingeladen: "Als ob eine professionell und selbstgerechte Israelkritik unsichtbar Regie führte und den offenen Blick verstellt."

Die FR hat Daniel Kothenschultes Festival-Vorabeinschätzung online nachgereicht: Dass die Berlinale in diesem Jahr nur einen deutschen Film im Wettbewerb hat, wundert ihn gar nicht: "Jedes Jahr wird es schwieriger bei uns, Filme zu finden, die überhaupt den Ehrgeiz haben, bedeutungsvoll zu sein." Aus diesem Grund diskutierten bereits am Vorabend des Festivals internationale Kritiker über die Qualität des deutschen Kinos, berichtet Thekla Dannenberg im Perlentaucher.

Außerdem: In der taz schreibt Thomas Groh über den Fassbinder- und Scorsese-Kameramann Michael Ballhaus, den die Berlinale mit einem Goldenen Ehrenbären und einer Hommage würdigt. Silvia Hallensleben vom Tagesspiegel ist im Programm von Panorama und Forum sensiblen Männern begegnet. In den Traumwelten, die das Jugendfilmprogramm Generation 14Plus zeigt, kommt einem mitunter die Realität abhanden, versichert Maria Fiedler im Tagesspiegel. Ihre Kollegin Susanna Nieder hat unterdessen das Kinderfilmprogramm vorab gesichtet. Tazlerin Kirsten Riesselmann wirft einen Blick ins Programm der Perspektive Deutsche Kino. Dirk Knipphals (taz) war bei der Pressekonferenz der Wettbewerbsjury, wo "einige Fragen ziemlich doof" waren. Besprochen wird TomᚠWeinrebs und Petr Kazdas im Panorama gezeigter "Já, Olga Hepnarová" ( taz ).

Und in der alternativen critic.de-Reihe zu deutschen Filmen aus dem Jahr 1966, die nicht in der Berlinale-Retrospektive zum Thema zu sehen sind, stellt Lukas Foerster Alfred Vohrers "Lange Beine - Lange Finger" vor, "eine im Ganzen überschaubar originelle, aber im Kleinen spielerische und hinreichend dynamisch inszenierte Gaunerfantasie, die von bonbonbunt stilisierten, oft fast surreal ausladenden Dekors, durchgeknallten Garderoben, bizarren Frisuren, allgemeiner von einem sympathischen Sinn für offensive Artifizialität lebt."

Der Perlentaucher berichtet fortlaufend im Berlinale-Blog. Schnelle Votes gibt es im Kritikerinnenspiegel auf critic.de, an dem sich auch einige unserer Kritiker beteiligen.

Weitere Themen

Für die taz spricht Peter Weißenburger mit dem "Game of Thrones"-Schauspieler Tom Wlaschiha. In der NZZ stellt Johannes Binotto eine Reihe mit Hotelfilmen beim Zürcher Filmpodium vor. Besprochen werden Jason Moores Komödie "Sisters" mit Amy Poehler und Tina Fey ( critic.de ), die Superheldenfilm-Persiflage "Deadpool" ( Tagesspiegel ) und Micha Lewinskys "Nichts passiert" ( FR ).

Bühne, 12.02.2016

In der SZ bringt Thomas Hahn Hintergründe zur geplanten Umwandlung des Volkstheaters Rostock zu einem Opernhaus.

Besprochen werden Eva Maria Klingers Biografie des Schauspielers Helmuth Lohner ( nachtkritik ), Nicolas Charaux' harmlose Inszenierung von Roger Vitracs "Victor oder Die Kinder an der Macht" am Berliner Ensemble ( nachtkritik , Deutschlandfunk , FAZ) und Patrick Kinmonths Inszenierung von Florian Leopold Gassmanns Parodie "L'opera seria" in Brüssel (FAZler Jan Brachmann sah "eine blitzgescheite, mitleidlos komische Satire auf die ernste Oper").

Literatur, 12.02.2016

"Der Comic ist die freieste Bildform, die wir kennen", begeistert sich Georg Seeßlen im Spex-Essay. Tobias Lehmkuhl ( SZ ) und Sabine Vogel ( FR ) berichten von einer Berliner Diskussion internationaler Autoren zum Thema Massenflucht. Tagesspiegel-Kritiker Georg Dotzauer war bei einer Lesung von Alice Oswald. J.K. Rowlings "Harry Potter"-Theaterstück erscheint zur Erleichterung aller Fans auch als Buch, meldet Alexander Menden in der SZ.

Besprochen werden Navid Kermanis "Einbruch der Wirklichkeit" ( FR ), Ryan Gattis' "In den Straßen die Wut" ( SZ , Welt ) und Julia Decks "Winterdreieck" ( SZ ).

Mehr über Literatur im Netz in unserem Metablog Lit21.

Musik, 12.02.2016

Durch musikalische Bildungsprojekte entsteht derzeit ein neuer afroamerikanischer Jazz, erzählt ein namentlich nicht gekennzeichneter Autor in der NZZ und verweist unter anderem auf den Tenorsaxofonisten Kamasi Washington und den Trompeter Ambrose Akinmusire: "All dies beruhte auf dem Engagement einiger älterer Jazzmusiker, die daran arbeiteten, dass ihre Musik weitergetragen wurde. 'Im Jazz ist die mündliche Vermittlung eben ganz besonders wichtig', findet Akinmusire. 'Es braucht jemanden, der dich an der Hand nimmt und leitet. So habe ich spielen gelernt, nicht durch Bücher, sondern durch erfahrene Musiker.'"

Weiteres: Im Guardian berichtet Lanre Bakare über Kanye Wests neues Album und seine Adidas-Kollektion (Pelze und Socken), die im Madison Square Garden vorgestellt wurden. Besprochen werden ein Münchner Auftritt der Pianistin Yuja Wang ( SZ ) und Saul Williams' "MartyrLoserKing" ( taz ).

Kunst, 12.02.2016

In Julian Rosefeldts im Hamburger Bahnhof in Berlin gezeigter Video-Installation "Manifesto" dekliniert Cate Blanchett in zwölf Rollen Kunsttheorie durch und lässt dabei das Kino zurück in die Kunst diffundieren, freut sich Andreas Kilb in der FAZ: "Es ist ja klar, dass Cate Blanchett zu den Großen des Weltkinos gehört, aber was sie vor Rosefeldts Kamera macht, übertrifft alles, was man bisher von ihr gesehen hat." Zuvor besprachen SZ und Tagesspiegel die Installation.

Bei dem vor kurzem in den Schächten der Berliner Verkehrsbetriebe entdeckten Jugendzimmer-Rekonstruktionen handle es sich um ein "Kunstwerk", versichert Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung: "Einem vorzüglichen sogar. Preisverdächtig."

Besprochen wird die Ausstellung "Kunst der Vorzeit: Felsbilder aus der Sammlung Frobenius" im Martin-Gropius-Bau Berlin (SZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Gesellschaft, 12.02.2016

Die Feministin Liliane Kandel macht in der huffpo.fr darauf aufmerksam, dass der Konflikt zwischen Feminismus und multikulturellen Ideen schon vor langer Zeit ausbrach - bis in die siebziger Jahre führt sie ihn zurück. An die Adresse postkolonialer Feministinnen, die eine Internationale der Vergewaltigungen jenseits aller kulturellen Unterschiede beklagen und dies mit Zahlen über Vergewaltigungen hierzulande belegen, sagt sie: "Diesen jungen Aktivistinnen sei gesagt, dass diese Zahlen immerhin existieren, dass sie öffentlich sind und dass sie eine Bewusstwerdung und Mobilisierung erlauben. In anderen Ländern sind derartige Statistiken schlechthin undenkbar. Hier wird Vergewaltigung weder benannt noch anerkannt und noch weniger bestraft. Für einige - und nicht nur Daesh-Kämpfer - wird sie vom Koran empfohlen. In anderen Fällen riskiert eine vergewaltigte Frau den Status des Paria... Glauben diese Aktivistinnen, dass es für eine vergewaltigte Frau wirklich gleichgültig ist, ob sie darüber sprechen, es anklagen kann in der Hoffnung, dass der Täter bestraft wird, oder ob sie zum Schweigen oder gar einem grauenhaften Tod verurteilt wird, wenn es herauskommt?"

Vor fünfzehn Jahren wurde in Deutschland die "Eingetragene Lebenspartnerschaft" geschaffen, die es auch Schwulen und Lesben ermöglicht, sich auch rechtlich als Paar zu definieren. Aber warum nicht das Wort und die Institution "Ehe"?, fragt Jan Feddersen in der taz: "Deutschland hinkt diesem Schritt der vollständigen Säkularisierung des Eherechts hinterher, und das mit christlich-grundierter Absicht. Die Argumente aus der Union - aus der AfD ohnehin, die will in puncto Geschlechterdemokratie die Uhren lieber gleich sechzig Jahre zurückstellen - sind immer die gleichen: Die Ehe sei biblisch für zwei Personen gleichen Geschlechts nicht begründbar. (Unfug, nebenbei: In der Bibel steht zur Ehe gar nichts.)"

Weiteres: Andrea Köhler fragt in der NZZ, was es mit den neuen Proportionen der Barbie-Puppe auf sich hat.

Europa, 12.02.2016

Der Brexit droht. Anne McElvoy vom britischen Economist kramt in der Welt ihre ältesten Deutschen-Klischees aus der Mottenkiste - alle so ordentlich und sauber hier und alle halten sich an die vielen, vielen Vorschriften -, betont Gemeinsamkeiten - wir sind doch alle nur auf unseren Vorteil aus - und wendet sich dann an "Angie": "Es wäre also lieb, wenn Sie Europa einen kleinen Ruck geben könnten, damit wir nicht völlig von Donald Tusk abhängig sind. Jedes bisschen zählt, Frau Bundeskanzlerin. Im Gerangel um ein Ergebnis, das Dave irgendwie als Erfolg verkünden kann, sind Sie die Verbündete, auf die es ankommt."

Weiteres: In der FAZ erzählt Josoph Croitoru, wie katholische Fundamentalisten nun die Macht in renommierten Kultursendungen polnischer Staatssender übernehmen. Fleur Pellerin glaubt einen sicheren Posten als französische Kulturministerin zu haben, schreibt das Journal du Dimanche, aber nun wurde sie bei der jüngsten Kabinettsumbildung doch von der Hollande-Beraterin Audrey Azoulay ersetzt.

Wissenschaft, 12.02.2016

Sehr streng antwortet der Buchhistoriker Michael Hagner auf ein Interview des Zürcher Universitätsbibliothekars Rafael Ball, der in der NZZ am Sonntag Bibliotheken ohne Bücher gefordert hatte: "Ein Bibliothekar, der die Forderung aufstellt, man solle endlich die Hemmungen vor elektronischen Büchern überwinden, und der darüber hinaus Bibliotheken zu quasi bücherfreien Zonen erklärt, hat nicht nur seinen Beruf verfehlt, er mischt sich auch in Forschungspraktiken ein, die ihn gar nichts angehen. Käme irgendein Universitätspräsident auf die Idee, von Physikern oder Chemikern zu fordern, auf Experimente zu verzichten und nur noch Simulationen durchzuführen?"

Ganz großes Thema heute überall: der Nachweis der Gravitationswellen. Nicola Twilleey erzählt im New Yorker, was geschehen musste, damit der Nachweis geführt werden konnte: "Vor gut einer Milliarde Jahre kollidierten einige hundert Millionen Galaxien von hier entfernt zwei schwarze Löcher. Sie hatten sich seit Äonen in einer Art Balztanz umkreist, kamen sich immer näher. Als sie nur noch weniger hundert Meilen voneinander entfernt waren, gerieten sie in annähernder Lichtgeschwindigkeit ins Schlingern und setzten große Mengen Gravitationsenergie frei."

Medien, 12.02.2016

Der ehemalige taz- und heutige Welt-Korrespondent Deniz Yücel hat auf einer Pressekonferenz bei der Türkei-Reise der Kanzlerin die kritische Frage gestellt, warum der türkische Krieg gegen die Kurden gar nicht mehr angesprochen werde. Seitdem wird er von der türkischen Staatspresse angegriffen, schreibt Jürgen Gottschlich in der taz: "Die Angriffe auf Yücel sind ein weiteres Indiz dafür, dass die türkische Regierung, nachdem die inländische Oppositionspresse nahezu mundtot gemacht wurde, jetzt auch gegen ausländische Korrespondenten schärfer vorgeht. Als Erstes werden dabei Journalisten, die die türkische Staatsbürgerschaft haben und für ausländische Medien arbeiten, angegriffen." Auch die Welt berichtet.

Internet, 12.02.2016

Mark Zuckerbergs Indien-Reise war ein gewaltiger Flop, schreibt Adrienne LaFrance in Atlantic. Dort wollte er eine abgespeckte Version des Internets verbreiten, die den Indern vor allem Handy-Zugang zu Facebook geben sollte. Dann kam noch der Tweet von Facebook-Investor Marc Andreessen, der den Indern ihren Antikolonialismus vorwarf. Adrienne LaFrance erzählt die Geschichte nochmal für den Atlantic und vor allem zitiert sie die Parallelen, die die indische Autorin Deepika Bahri zwischen Facebook und den britischen Kolonialherren zog:

"1. Reite ein wie ein Retter
2. Gebrauche Wörter wie Gleichheit, Demokratie, Grundrechte
3. Maskiere die langfristigen Gewinnabsichten
4. Rechtfertige die Logik der reduzierten Verteilung als besser als gar nichts
5. Schließe eine Partnerschaft mit lokalen Eliten
6. Beschuldige Kritiker der Undankbarkeit."



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