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Heute in den Feuilletons: "Die Deutschen ziehen sich so an, wie sie sich benehmen"

Die ersten Reaktionen auf Lav Diaz' Mammutfilm "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" bei der Berlinale: Erschöpft, aber glücklich. Im "Zeit"-Magazin erklärt Demna Gvasalia von Balenciaga: Ich liebe die Art, wie sich die Deutschen kleiden. Wow.

Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 19.02.2016

Der größte Kraftakt der Berlinale ist überstanden: Acht Stunden hat der gestern im Wettbewerb gezeigte philippinische Historienfilm "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" von Lav Diaz gedauert, gezeigt wurde der Film in einer Kombination aus Presse- und Galavorführung mit einer Stunde Pause. Susanne Lenz von der Berliner Zeitung gerät mitunter ins Meditieren: "Hier im Dschungel ist die philippinische Seele zu Hause, hier wuchert das Chaos, der Überfluss. Es ist dies der Raum, der die Philippiner geprägt habe, wie Lav Diaz es in einem Interview gesagt hat. Und in 'Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis', wie der Titel übersetzt heißt, lässt dieses Volk den katholischen Glauben der Kolonisatoren zurück und trifft im Dschungel auf seine eigene Mythologie." Beim in der Pause verfassten Zwischenbericht zeigt sich Perlentaucher Lukas Foerster als intimer Kenner von Lav Diaz' Werk restlos begeistert: Der Film ist schon nach gerade mal vier Stunden "das beste, was ich auf dieser Berlinale bislang gesehen habe." Der Film spielt vor allem im Dschungel, dennoch "wirken die Bilder äußerst beengt... Diaz' Dschungel hat eigentlich überhaupt keine Ausdehnung, er ist nicht kartografierbar, nicht durchquerbar. Ein zirkulärer Raum: Wohin man sich auch wendet, man kommt immer wieder bei derselben Hütte an."

Weiteres: Im Tagesspiegel spricht Christiane Peitz mit Philipp Scheffner, der mit zwei (in der taz besprochenen) Filmen im Forum vertreten ist. Im Freitag ärgert sich Matthias Dell über die große Menge an Smartphones, die bei den Pressevorführungen zu besichtigen sind. Barbara Möller berichtet in der Welt vom Berlinale Talent Campus.

Im einzelnen besprochen werden u.a. Asli Ösges "Auf einmal" ( Berliner Zeitung ), Porträtfilme über William S. Burroughs und Robert Frank ( taz ), Don Cheadles Miles-Davis-Biopic ( Tagesspiegel ), Emilie Deleuze' "Jamais Contente" ( Tagesspiegel ), Ulrike Ottingers "Chamissos Schatten" ( Tagesspiegel ), die Dokus "Weekend" und "Who's Gonna Love Me Now" ( Tagesspiegel ) und Maximilian Feldmanns und Luise Schröders "Valentina" ( Tagesspiegel ).

Abseits der Berlinale: In der FR informiert Stefan Sauer über die prekäre soziale Absicherung von Filmschaffenden.

Aus den aktuellen Kinostarts besprochen werden Peter Landesmans Recherche-Thriller "Erschütternde Wahrheit" ( FR ) und die Komödie "Zoolander 2" mit Ben Stiller und Owen Wilson ("kann sich sehen lassen", konstatiert Bert Rebhandl als Fan des ersten Teils in der FAZ).

Musik, 19.02.2016

Hin und weg ist Manuel Brug von Max Emanuel Cencics Karlsruher Inszenierung der Händel-Oper "Arminio" mit dem Regisseur in der Titelrolle. Schon das Stück selbst - Hermann der Etrusker singt "als Kanarienvogel" - ist ein Knaller, und wurde hier auch noch und gemütlich, aber packend inszeniert: "Weil - ganz seltener Fall - hier der Regisseur mit dem Titelhelden identisch ist, fand der Theatermacher Cencic allzeit den richtigen Rhythmus, um die niemals langweiligen Da-Capo-Arien dramaturgisch zu beschleunigen: Seine Helden können beim Singen wandern, gefesselt werden, Schnaps picheln und sogar recht unterhaltsamen Sex haben. Aber nichts ist Effekt, immer haben die antiken Größen für ihre Glanzpartien auch Zeit für ein eindrückliches Close-Up an der Bühnenrampe."

Außerdem: Gregor Dotzauer ( Tagesspiegel ) und Peter Hagmann ( NZZ ) gratulieren dem Komponisten György Kurtág zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Salvatore Sciarrinos "Lohengrin" in Zürich ( NZZ ), ein Konzert von Lang Lang mit dem National Symphony Orchestra Washington unter Christoph Eschenbach ( Tagesspiegel ), das Berliner Konzert von Grimes ( Tagesspiegel , FAZ), das neue Album von Jack Garratt ( ZeitOnline ) und ein Konzert von Massive Attack ( Berliner Zeitung ).

Literatur, 19.02.2016

In Peru gilt Lesen eher als Mittel der Information und des Lernens denn als Vergnügen. Das will die Casa de la Literatura Peruana in Lima ändern, erzählt in der NZZ Martina Läubli, die das Literaturhaus besucht hat: "Die klug konzipierte Schau 'Intensidad y Altura de la Literatura Peruana' zeigt die Facetten hiesiger Literatur. Zu entdecken gibt es, gerade auch für europäische Besucher, viel - von Hörstationen mit überlieferten Geschichten auf Quechua, Awajún oder Tikuna bis zu den Gedichten von César Vallejo und konkreten Wort-Bildern eines Jorge Eduardo Eielson. Die Literatur wird als Ergebnis kultureller Pluralität präsentiert - gibt es in Peru doch 47 Sprachen."

Weiteres: Barbara Villiger Heilig gratuliert in der NZZ dem Tessiner Autor Alberto Nessi zum Schweizer Grand Prix Literatur. Samuel Moser stellt Nessis neuen Erzählband "Milo" vor.

Besprochen werden außerdem Abbas Khiders "Ohrfeige" ( Zeit ), Karen Duves "Macht" ( FAZ ) und Kamel Daouds "Der Fall Meursault" (SZ, hier unsere Leseprobe).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in Lit21, unserem Metablog zur Bücher-Blogosphäre.

Bühne, 19.02.2016

Für die Nachtkritik befragt Sascha Westphal Johan Simons zu dessen Plänen für das Schauspielhaus Bochum, das er ab 2018 leiten soll. In der Nachtkritik berichtet Sabine Leucht vom Festival Europoly an den Münchner Kammerspielen.

Besprochen werden Jean Bellorinis Inszenierung von Nikolai Erdmans "Selbstmörder" am Berliner Ensemble ( FR ), Lars-Ole Walburgs Hannoveraner Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns Musical "Amerikanisches Detektivinstitut Lasso" über den Serienmörder Fritz Haarmann ( Nachtkritik ) und Klaus Gehres in Dortmund nach Motiven von Heiner Müller, Sylvester Stallone und David Morrell aufgeführter Live-Film "Rambo plusminus Zement" ( Nachtkritik ).

Design, 19.02.2016

Im Zeit-Magazin stellt Claire Beermann den neuen Chefdesigner von Balenciaga vor. Demna Gvasalia heißt er, ist in Georgien geboren und 2000 mit seinen Eltern nach Düsseldorf gezogen. Im Gespräch singt er ein kleines Loblied auf den deutschen Modesinn: "Ich liebe die Art, wie sich die Deutschen kleiden: pragmatisch und bodenständig. Manchmal vielleicht etwas trocken, aber auch das finde ich inspirierend. Der Stil der Deutschen interessiert mich viel mehr als der Stil der Italiener oder Franzosen. Die Deutschen ziehen sich so an, wie sie sich benehmen: ordentlich und strukturiert. Mir gefällt diese Mentalität."

Kunst, 19.02.2016

1979 kam Uli Sigg nach China. Er sollte für den Schindler-Konzern ein Joint Venture aufbauen "mit einer stark leninistisch-maoistisch geprägten, in heruntergekommenen Fabrikhallen frühindustriell wirkenden chinesischen Mannschaft", erzählt in der NZZ Peter A. Fischer, der einen "einzigartigen" Film von Michael Schindhelm über den Schweizer Manager und späteren Diplomaten und Kunsthändler gesehen hat. "Eingehendere persönliche Kontakte mit Chinesen sind verboten. Mitglieder des Verwaltungsrates halten ellenlange Monologe, die es besser nicht zu unterbrechen gilt. [...] Ein Schweizer, der schließlich doch entsandt wird, bannt Zeitgeschichtliches auf Filmrollen, inklusive der vielen an der Fabrikstraße aufgehängten Anzeigen, die sich als Verkündung von in der Nähe vollzogenen Hinrichtungen entpuppen."

Eher halb zufrieden verlässt Magdalena Kröner Boris Beckers' Schau "Staged Confusion" im LVR-Landesmuseum Bonn. Die FAZ-Kritikern hätte "sich mehr Konsequenz gewünscht: wenn schon Chaos, dann richtig. Mehr Unordnung, weniger Symmetrie. Mehr neue Bilder zum Thema, weniger Bekanntes. So gibt die Ausstellung bestenfalls eine Ahnung von dem, wohin sich Beckers Werk entwickeln könnte. Oder auch nicht."

Weiteres: Nicola Kuhn berichtet für den Tagesspiegel von der Dhaka Art Summit. Kerstin Stremmel schreibt in der NZZ den Nachruf auf den Fotografen Ernst Scheidegger. Besprochen wird die Ausstellung "Verborgene Schönheit: Kunstformen der Natur" im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt (FAZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 19.02.2016

Ein düsteres, grobkörniges Foto Warren Richardsons, das einen Flüchtling an der ungarisch-serbischen Grenze zeigt, der ein Kind durch den Stacheldrahtzaun reicht, hat den World Press Photo-Award gewonnen. Politico.eu gibt eine Übersicht über die anderen Fotos dieses Jahres - das Hauptthema war die Flüchtlingskrise. Es fällt auf, dass die Jruy in diesem Jahr von der Madonnen- und Pietà-Ästhetik abgekommen ist, unter der sie in den vorigen Jahren litt. Bei Time äußert sich der Fotograf zu dem Preis und zu den Umständen, in denen das Foto entstand.

Vor dreißig Jahren stürzte die Marcos-Diktatur. Warum sind die Philippinen - anders als Taiwan und Südkorea - keine Erfolgsgeschichte geworden, fragt sich Marko Martin in der Welt. Seine Antwort: Die Revolution war gar keine. "Travestie der Demokratie, die aus Institutionen und Werten sinnentleerte Versatzstücke macht, gerade gut genug, um wirkliche Machtverhältnisse zu kaschieren. Denn bereits die vor dreißig Jahren stattgefundene 'Revolution' hatte keine nachhaltige Transformation, ja noch nicht einmal einen Elitenwechsel eingeleitet, sondern lediglich ein theatralisches Stühlerücken innerhalb der sogenannten 'großen Familien' provoziert. So ist die nunmehr 87-jährige Imelda Marcos, schon im Jahre 1991 aus dem hawaiianischen Luxusexil in 'ihr' bitterarmes Land zurückgekehrt, noch immer Mitglied des Kongresses, wo sie ohne jegliches Schuldgefühl weiterhin die Fäden zieht."

Heute wird in Osnabrück nun der umstrittene syrische Dichter Adonis mit dem Erich-Marie-Remarque-Preis geehrt. Andreas Fanizadeh fasst in der taz nochmal alle kritischen Stimmen zusammen: "Die Jury unter Vorsitz von Professor Wolfgang Lücke und die Stadt halten stoisch an ihm fest. Man habe einstimmig für Adonis votiert, heißt es. Der Jury gehören neben Osnabrücks Oberbürgermeister Wolfgang Griesert die Politikerin Rita Süssmuth sowie die Publizisten Heribert Prantl, Hubert Winkels und Johano Strasser an."

Ideen, 19.02.2016

Jens Bisky liest in der SZ  den neuen Band "Bürokratie" des Kapitalismuskritikers David Graeber. Für dessen "Grundriss einer Kritik der gegenwärtigen Bürokratie spielt die Technologie eine zentrale Rolle, genauer: die Technologie in der gesellschaftlichen Imagination. Gemessen an dem, was um die Mitte des 20.Jahrhunderts erwartet wurde, nimmt sich der technologische Fortschritt bescheiden aus. Noch immer fehlen fliegende Autos, Kolonien auf dem Mars und Unsterblichkeitspillen. Erklärt wird dies meist durch eine Herabsetzung der früheren Träumereien, zu versponnen, zu naiv. Wirklich? Graeber sieht die Ursache dafür in einer Verlagerung der Investitionen: Nicht länger gefördert wurden Technologien, die zu alternativen Zukunftswelten hätten führen können, sondern 'Technologien, die Arbeitsdisziplin und soziale Kontrolle fördern'". An den anderen Utopien arbeitet ja gerade das Silicon Valley!

Überwachung, 19.02.2016

Im Streit Apple gegen das FBI wägt Patrick Beuth auf Zeit online die Argumente ab und gibt zu bedenken: "Perfekte Technik ist Dual-Use. Kompromittierbare Technik auch. Beide können für gute wie schlechte Zwecke benutzt werden [...] Solange es wesentlich mehr Menschen gibt, die sich vor Kriminellen oder ausufernder, Grundrechte missachtender staatlicher Überwachung schützen wollen, als es Kriminelle gibt, die sich vor der Strafverfolgung verstecken wollen, muss perfekte Verschlüsselung das Ziel sein. Selbst GCHQ-Direktor Robert Hannigan erkennt das an. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz sagte er: '"Verschlüsselung ist fundamental für unsere Wirtschaft, unsere Privatsphäre und unsere Sicherheit. Wir brauchen die stärksten Formen der Verschlüsselung.'"

Inzwischen versuchen amerikanische Politiker Apples Weigerung, seine Smartphones für die Geheimdienste zu entsperren, gesetzlich auszuhebeln, meldet tsch. auf Zeit online: "Ein Gesetzentwurf des Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses des US-Senats, Richard Burr, soll laut einem Zeitungsbericht Strafen für Unternehmen vorsehen, die Gerichtsanordnungen zum Entschlüsseln von Daten missachten."

Medien, 19.02.2016

turi2 zitiert Bild, und wir zitieren turi2. Es geht ohnehin um eine Studie der KEF, die über Mittelvergabe bei den Öffentlich-Rechtlichen entscheidet: "ARD und ZDF senden immer häufiger Wiederholungen, zitiert die Bild aus einer Studie der KEF. Die Sender hätten 2014 über 1200 'Erstsendestunden' weniger ausgestrahlt als noch 2005. Das meiste Geld für neue Inhalte fließe in den Sport, so die Studie." Und der Rest in die Renten der Ehemaligen.

Geschichte, 19.02.2016

Die Verdun-Gedenkstätte ist neu gestaltet worden, meldet Francebleu.fr. Sie "präsentiert mehr als 2.000 Sammlungsstücke, und künftig wird nicht mehr der franzöaischen Soldaten, sondern aller Kämpfer  von Verdun gedacht, unabhängig von der Nationalität. Symbol dieses heute geteilten Gedenkens wird die offizielle Eröffnung des Mémorial durch Präsident François Hollande und Kanzlerin Angela Merkel am 29. Mai sein." Das Foto zeigt einen durch Geschosse aufgerissenen Schützengraben.

Europa, 19.02.2016

Nun bringt auch das FAZ-Feuilleton mal einen Beitrag zu den aktuellen Debatten um die Flüchtlinge. Es schreibt der inzwischen fast unvermeidliche Armin Nassehi, der eine Parallele zwischen verunsicherten Kleinbürgern in Deutschland und verunsicherten Neubürgern aus islamischen Ländern zieht, die sich beide in ihren Kulturalismus ein schlössen. Darauf müsse konservative Politik reagieren: "Wie wir eine Ökonomie für Schwache brauchen, die trotz geringen Bildungsgrades Nischen für Arbeit finden müssen, wie wir auch eine Pädagogik für Schwache benötigen, die deren Fähigkeiten fördert, so brauchen wir vor allem eine Politik für Schwache. Konservativ zu sein bedeutet zunächst, sich den konkreten Lebensbedingungen derer zu stellen, für die unrealistische Angsterwartungen durchaus real sind, ob sie uns passen oder nicht."

Die SZ veranstaltet ein Umfrage unter europäischen Autoren, die sich vorstellen sollen, wie ein zerfallenes Europa jenseits von EU und Schengen aussehen würde. In seiner Konkretheit überzeut der Einwurf des Athener Autors Nikos Dimou: "Griechenland ist nur ein winziger Teil Europas, es macht gerade mal zwei Prozent seiner Bevölkerung und noch weniger seiner Wirtschaftsleistung aus. Aber es hat immerhin den Namen und die Idee beigesteuert. Wenn für andere Länder ein Zerfall Europas negativ ausfiele - für uns wäre er eine Katastrophe. Die ganze Welt weiß, dass wir uns in einer düsteren finanziellen Situation befinden. Dazu kam nun noch die Flüchtlingskrise. Wir brauchen Hilfe - 'all the help we can get', alle Hilfe, die wir brauchen können. Und außerhalb Europas gibt es für uns keine Helfer."

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