Heute in den Feuilletons "Tabubruch geht anders"

Herrscht in Deutschland Gesinnungsterror, wie die "Zeit" meint? Überhaupt nicht, findet die "Welt". Nicht im Vergleich zu den USA, findet die "SZ". Weite Wege und posthumanistisches Rauschen erlebt die "FAZ" bei der Biennale in Istanbul. Der "Tagesspiegel" hört einen hypnotischen Schönberg.


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 05.09.2015

In Kassel kämpfte sie für das Wahlrecht von Bienen und Erdbeeren, nun verteilt die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev ihr buchstäblich ausufernd verzweigtes Programm der Biennale in Istanbul auf so viele, weit auseinander liegende Orte, das man ohne Karte und lange Reisen aufgeschmissen wäre, berichtet Kolja Reichert in der FAZ, der etwas matt zusammenfasst, was einem hier unter anderem geboten wird: "ein physischer Knotenpunkt der Geistesgeschichte (Trotzkis Haus); die suggestiven Gesten eines Gegenwartskünstlers; ein posthumanistisches Hintergrundrauschen; und vor allem - weite Wege. ... So kämpft man sich tagelang durch die Stadt und erreicht doch nie das Gefühl, dass man eine Ausstellung gesehen hat."

In der FR führt uns Daniel Kortschak durchs Programm der Ars Electronica, deren Schwerpunkt das Thema "Mobilität der Zukunft" darstellt. In der Berliner Zeitung stellt Günter Marks die ethnologischen Sammlungen aus Berlin-Dahlem vor. Besprochen wird die Ausstellung "Tanz auf dem Vulkan" im Stadtmuseum in Berlin ( Tagesspiegel ).

Film, 05.09.2015

In seinen Interviews zur "Königin der Wüste", die diese Woche anläuft (unsere Kritik hier), zeigt sich Werner Herzog so erfreulich unbescheiden wie eh und je. Gegenüber Patrick Heidmann (FR) äußert er sich über seine Zusammenarbeit mit Hollywoodstars, die bei ihm angeblich Schlange stehen: Nicole Kidman "wäre mir überallhin gefolgt. Vorausgesetzt natürlich, dass das Team und ich die gleichen Bedingungen gehabt hätten. Deswegen hat sie sich mit den Dromedaren auch in einen Sandsturm schicken lassen: weil wir alle mitgegangen sind - und jeder von uns wusste, dass das so vor uns noch niemand gemacht hat." Und für das in Hollywood grassierende Wehklagen hat er auch wenig übrig, wie wir seinem Gespräch mit Matthias Hopf auf Moviepilot entnehmen können: "Ich bin der Einzige, glaube ich, der nicht dieser Kultur der Wehleidigkeit angehört. In der Filmbranche gibt es, glaube ich, keinen, der mit relativ kleinem Budget so große Sachen auf die Leinwand bringt. 'Fitzcarraldo' zum Beispiel ist ein großer Film, der mit fast keinem Geld hergestellt wurde."

In ihrer Venedigberichterstattung für die taz erklärt Cristina Nord unterdessen, was geschieht, wenn die für Netflix entstandene Kiew-Doku "Winter on Fire", die restaurierte Fassung von Sergei Eisensteins "Alexander Newski" und Sokurows "Francofonia" einander die Türklinke in die Hand gebe. Im Tagesspiegel bringt Christiane Peitz ihre Festivalnotizen, unter anderem sah sie in "Black Mass" Johnny Depp mit "lächerlicher Halbglatze", was aber immerhin für "klassisches Genrekino" gut war. Für die Berliner Zeitung berichtet Frank Olbert. Und in der SZ schwärmt Thomas Steinfeld von Alexander Sokurows Essay über den Louvre, "Francofonia": "Selbstverständlich ist das gebildetes Kino, aber die Bildung hat hier einen besonderen Sinn: Denn es gibt sie nicht ohne das Bewusstsein von Vergeblichkeit."

Für das Buch Zwei der SZ ist Tobias Kniebe zu den unverschämt erfolgreichen Pixar-Studios in die USA gereist. Und Michael Hanfeld hat für die FAZ Dieter Hallervorden besucht, der heute 80 Jahre alt wird.

Musik, 05.09.2015

Im Tagesspiegel berichtet Udo Badelt vom Auftakt des Musiksfests Berlin mit John Adams' "Chamber Symphony", aufgeführt vom Frankfurter Ensemble Modern, und Kollege Frederik Hanssen erzählt vom Schönberg-Konzert mit Daniel Barenboim, bei dem man lernen konnte, wie meisterlich schon Schönbergs erste, von ihm als vollgültig verstandener Wurf war: "Ein Gedicht Richard Dehmels, in dem eine Frau ihrem Geliebten bei einem nächtlichen Spaziergang eröffnet, dass sie von einem anderen schwanger ist, und der Mann verspricht, das im Mutterbauch wachsende Menschenwesen als sein eigenes anzusehen, inspiriert Schönberg zu einem Streicherstück, das Wagners hypnotische 'Tristan'-Klänge mit der Dichte von Brahms' Kammermusik sowie Richard Strauss' Konzept der sinfonischen Dichtung verbindet." "Großartig" war das, lobt Christiane Tewinkel in der FAZ: "Rauschender Beifall."

Weitere Artikel: Im Interview mit Robert Rotifer für die Berliner Zeitung teilt Ur-Punk John Lydon wie eh und je nach allen Seiten aus: Ihr Fett kriegen unter anderem IT-Konzerne, die klassische Musikindustrie und deren Nachfolger, London und West-Berlin, das ja nun wie Ost-Berlin sei, weg - sein Schlusswort: "Viva la Revolución, möge sie eine passive sein." Mit der Initiative "Zeit zu handeln!" positioniert sich eine Gruppe deutscher Rockbands gegen Rassismus, meldet Jens Uthoff in der taz. Und Sylvia Prahl berichtet von ihren Erlebnissen beim Berliner Forever-Now-Festival, wo man als Besucher Yogamatten zu improvisierter Musik klatschen lassen und dann so lange meditieren kann, "bis sich das nicht zusammengehörend Erscheinende von Esoterik und Realität gut ineinander [fügt]".

Besprochen werden das Debüt von Schnipo Schranke ( Jungle World ), ein Konzert von Linkin Park an der Alten Försterei in Köpenick beim 1. FC Union Berlin ( Welt , Berliner Zeitung ), das Debüt "Company" von Will Archer ("fantastisch gelungen", jubelt Ji-Hun Kim auf Das Filter), das Soundcloud-Album von Miley Cyrus ( Pitchfork ), das neue Album vom Fetten Brot ( FAZ ), ein Konzert des Schlagzeugers Martin Grubinger ( FR ) und Sidos neues Album VI" ("es erreicht auf der Naidoo-Skala für deutschen Christenpop - von drei wie Dreifaltigkeit, bis sieben wie Vollkommenheit - eine glatte sechs", urteilt Julia Friese in der Welt ).

Literatur, 05.09.2015

Joseph Wälzholz besucht für die Literarische Welt den heute 98-jährigen Übersetzer Juri Elperin in seiner Wohnung in Berlin Charlottenburg. Elperin erzählt ihm von seinem höchst bewegten Leben in der Sowjetunion und seinen Begegnungen mit den großen russischen Autoren: "Richtig angriffslustig wird er, wenn es im Gespräch um Übersetzungskritik geht. In Peredelkino lernt Elperin Boris Pasternak kennen und begleitet ihn des Öfteren auf Spaziergängen. Man habe Pasternak geradezu am Arm rütteln müssen, wenn man ihm auf der Straße begegnet sei und mit ihm habe sprechen wollen: Pasternak schaute da eigentlich immer in die Luft, das heißt, er war so höflich, niemanden in die Verlegenheit zu bringen, ihn, Pasternak, die Persona non grata, grüßen zu müssen."

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline amüsiert sich Christoph Schröder über aktuelle Buchbetitelungsmoden. Patrick Bahners besucht für die FAZ die öffentlichkeitsscheue Schriftstellerin Anne Tyler, die ihre Einfälle für neue Romane in einer blauen Schachtel hinterlegt, selbst wenn diese schwarzweiß ist. Im FAZ-Kurzgespräch verkündet der Schriftsteller Douglas Preston gegenüber Felicitas von Lovenberg, dass mal wieder mindestens ein Weltuntergang aus dem Internet droht: "Amazon ist dabei, den freien Ideenfluss in unserer Demokratie zu beschränken."

Besprochen werden u.a. Andrei Mihailescus Debütroman "Guter Mann im Mittelfeld" ( NZZ ), Rafik Schamis "Sophia oder Der Anfang aller Geschichten" ( FR ), Clemens J. Setz' "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" ( taz, SZ) und Kazuo Ishiguros "Der begrabene Riese" (FAZ).

Architektur, 05.09.2015

Nach langen Auseinandersetzungen hat in Kassel die Grimmwelt eröffnet. Für die FR hat Christian Thomas das Gebäude besucht und war überrascht: Es ist weder verschroben gediegen noch klassizistisch. "Von nun an sind Exponate und Installationen, Screen oder das gute alte Buch eingehaust worden hinter einer modernen Fassade. Es ist keine von knuspriger Gestalt. ... Terrassenartig ist das Gelände des Weinbergs geformt, treppenartig fügt sich darin ein das Museum mit seiner köstlichen Travertinfassade. Dahinter, in einem Aufgang, wird auf den Stufen geschrieben stehen: treppe und trappa, tropp und drapp, drabka und drabina. Auch die Treppe findet ein Bild dafür, dass die Brüder Grimm einem ungeheuren Reichtum an etymologischen Varianten entschieden nachgingen."

In der Welt warnt Uwe Schmitt vorsorglich: "Sollten sich chinesische Reisegruppen in die 'Grimmwelt' zu Kassel verirren, die Frösche küssen, an Zöpfen Türme erklimmen und Rotkäppchen aus dem Wolfsbauch befreien wollen, wird große Ratlosigkeit ausbrechen. Nichts liegt der Ausstellung ferner als der disneyeske Selfie-Aktivismus Orlandos. Es sollen die Grimms in Kassel wohl gehört, gefühlt, gesehen werden; aber tief, nicht flach, ruhig denkend, nicht kreischend selbstvergessen. Deutsch, mit anderen Worten, in einer Welt, nicht Out of this World. Das ist gut so."

Bühne, 05.09.2015

Na, Tabubruch geht anders, meint in der Welt Barbara Möller, die sich beim Rimini-Protokoll-Abend "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" in Weimar eher gelangweilt hat: "Zwei Stunden mäandert das Pro und Contra dahin. Den machtvollsten Augenblick erfährt dieser Theaterabend, wenn sich Alon Kraus zu voller Größe erhebt und die ersten Sätze aus 'Mein Kampf' auf Hebräisch vorträgt: 'Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, dass das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies ...' Im Übrigen ist diese Collage aus persönlichen Erinnerungen, Einspielern - Eichmann in Jerusalem, Knesset-Debatte über die von israelischen Historikern verlangte Übersetzung ins Hebräische - und Auszugslesungen vor allem politisch korrekt. Routiniert wie alles, was Helgard Haug und Daniel Wetzel seit Jahren machen."

Jens Bisky fehlte zwar die Spannung, doch sah er immer "große geschichtspolitische Intelligenz" am Werk, schreibt er in der SZ: "Der Nazi-Dreck wird als Material, Quelle, Überbleibsel behandelt, nicht rückblickend auratisiert und mystifiziert, wie das in Filmen und Fernsehdokumentationen immer wieder gewinnbringend geschieht. Tazlerin Katrin Bettina Müller findet den Abend als "kollektive Theaterlektüre sinnvoll, aber auch steif und sperrig": Eine "Anstrengung - aber eine angemessene." FAZler Hubert Spiegel erlebte einen weitgehend "hölzernen" Abend, der ihn nostalgisch an Taboris Farce "Mein Kampf" aus dem Jahr 1987 denken lässt. Christian Eger bescheinigt dem Projekt in der Berliner Zeitung, " ein gut recherchiertes Sozial-Feature, sozusagen ein szenisches Hörspiel mit sichtbaren Menschen" zu sein. In der nachtkritik lobt Frauke Adrians den Abend als "skurril, hintersinnig, detailverliebt".

"Nein. Einfach nein", empört sich Simon Strauss in der FAZ nach dem Besuch eines Projekttags am Deutschen Theater Berlin, wo sich eine Handvoll Regisseure unter der Überschrift "Götter - Ein Abend über Glaubensfragen" mit Lessings Ringparabel befassten: "Man kann doch nicht ernsthaft einen Abend zu einem der brennendsten, gefährlichsten Themen dieser Tage veranstalten, und dann fällt einem nicht mehr dazu ein als eine Quizshow und ein bisschen spirituelles Speeddating." Auch Wolfgang Behrens von der Nachtkritik stößt sich an der "Häppchen-Mentalität" der Veranstaltung, selbst wenn "die größte Zumutung", aber "damit vielleicht auch der interessanteste Teil des Abends" bereits nach 20 Minuten überstanden ist.


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 05.09.2015

"Das Menschengeschlecht ist durch Migration zu dem geworden, was es heute ist", schreibt der Berliner Politologe Herfried Münkler in der NZZ und erklärt die irrationale Ablehnung, die Migranten häufig entgegenschlägt: "Je komplexer und normativ anspruchsvoller eine Gesellschaft ist, desto verwundbarer ist sie durch migrantische Veränderungen. Mit statistischen Extrapolationen bis weit ins nächste Jahrzehnt erwartungssicher gemacht, nimmt sie den Zustrom von Migranten als Gefahr und nicht als Chance wahr... Man kann es auch einfacher formulieren: Es sind satte, zumeist überalterte Gesellschaften, die sich einer als bedrohlich empfundenen Herausforderung stellen müssen, aber nicht stellen wollen."

In der Literarischen Welt plädiert der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss für eine neue Weltinnenpolitik: Aufhebung der Grenzen und eine transnationale Kooperation bei der Verteilung der Flüchtlinge. Deren Aufsplittung in Asylsuchende und Wirtschaftsflüchtlinge findet er unsinnig: "Die Freiheit, nach seinem eigenen Glück zu streben, ist einer der zentralen Werte unserer Gesellschaft. Fußballspieler, Showstars und Wirtschaftskapitäne, die wir für ihre Tellerwäscherkarrieren bewundern - sie alle erzählen Fluchtgeschichten."

Alle empören sich über Ungarns Umgang mit Flüchtlingen, dabei wird dort doch bloß das von der EU vorgegebene System umgesetzt, wundert sich Christoph von Marschall im Tagesspiegel: "Wer sich unsolidarisch verhält, wer Flüchtlinge nach Norden weiter schickt wie Griechenland und Italien, erspart sich Ärger und Kosten. Wer sich bemüht, seine europäischen Pflichten zu erfüllen wie Ungarn, wird an den Pranger gestellt: 'Zäune!' 'Deportationen!' empören sich die Selbstgerechten, als sei die Sicherung der Staatsgrenze - jawohl, auch mit Zäunen - ein Skandal. Und die Verbringung von Asylsuchenden in Aufnahmelager eine Schande, weil die Betroffenen doch weiterreisen wollen und vielleicht irrtümlich meinen, sie könnten ihr Asylland frei wählen."

In der taz bringt Frank Lüddeke das Berliner Stadtschloss als geeignetes Flüchtlingsquartier ins Spiel: "Auch die zentrale Lage spräche für das Vorhaben. So ist das Stadtschloss fußläufig vom Hauptbahnhof erreichbar. Sogar eine Anreise mit dem Schiff ist denkbar. Und die Nutzungsänderung muss den ursprünglichen Zielen der Schlossbefürworter gar nicht widersprechen. So heißt es auf der Website des Fördervereins Berliner Schloss e. V.: 'Berlin stellt sein Zentrum dem Dialog der Völker der Welt zur Verfügung, im Zeitalter der Globalisierung eine große Geste, mit der sich Deutschland als Teil der Völkergemeinschaft und derer Kulturen versteht und einbringt.' Eben."

Gesellschaft, 05.09.2015

Gerade hatte die Zeit einen Schwerpunkt (mehr hier) zum neuen "Gesinnungsterror" und der grassierenden Meinungslosigkeit. Jetzt widmet sich auch Welt und SZ dem Thema. In der Welt findet Christian Meier den Vorwurf überzogen: "Als ein Beispiel dafür, wie der 'Gesinnungsterror' laut Zeit besonders hart zuschlägt, dient die vom WDR aus der Mediathek entfernte, dann wieder eingestellte Ausgabe von 'Hart aber fair' zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Natürlich absurdes Theater. Aber kein Beleg für 'Denkverbote', wie sie Iris Radisch ausgemacht haben will. Denn der für den WDR peinliche Vorgang beweist ja gerade, dass Versuche, tatsächliche oder vermeintliche Provokationen nachträglich zu tilgen, scheitern."

Wer mit der Formel "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" auf einen vermeintlichen Gesinnungsterror aufmerksam machen will, sollte mal den Blick auf amerikanische Universitäten richten, meint in der SZ Peter Richter. Dort verlangen Studentenorganisationen sogenannte Trigger-Warnungen bei Themen, die irgendjemanden - Trigger-Warnung! - verletzen könnten: "Ein Kollege sei von einer Studentin gebeten worden, das Wort 'verletzen' nicht mehr zu benutzen, auch nicht in der Formulierung 'das Gesetz verletzen', weil es traumatisch auf sie wirken könne. Das Beharren darauf, dass schon die Benennung einer Verletzung wie eine semiotische Voodoopuppe selbst eine Verletzung hervorruft, führt in der Konsequenz natürlich dazu, dass im Prinzip schon Trigger-Warnungen selbst zu Triggern werden und am besten jedes Thema, bei dem sich jemand verletzt fühlen könnte, gleich ganz vermieden wird. Neben Sex, Gewalt, Klassenunterschieden und so weiter betrifft das in den USA immer auch das Verhältnis der weißen Mehrheit zu den ethnischen Minderheiten und zu Immigranten."

Kulturpolitik, 05.09.2015

In Berlin hat der "Ideenwettbewerb" für das am Kulturforum geplanten Museum der Moderne begonnen, berichtet Bernhard Schulz im Tagesspiegel und hofft verhalten auf eine Belebung des öden Areals: "Ja, nicht alle Bedenken sind ausgeräumt - ihrer gibt es viele und wird es immer geben. Als Bremssand. Doch nun kommt Bewegung auf, werden Gehirne angestrengt, Entwürfe er- und bedacht. Es besteht erstmals seit Jahrzehnten die Aussicht, aus dem unwirtlichen Ort einen wirtlichen zu machen. Ein Stück Stadt vom Besten. Im Herzen Berlins."

In der FAZ mokiert sich Andreas Kilb darüber, "dass von den zweihundert Millionen Euro, die das geplante Museum der Moderne am Berliner Kulturforum kosten soll, glatte neunzig Millionen für 'Sonstiges' reserviert sind, wie ein Experte des Bundesbauamts erläuterte - also für Planungskosten, Risikovorsorge, Sicherheitsanlagen, Transport 'und Möblierung'. Ja, eine Sitzbank, die ist teuer!"

Internet, 05.09.2015

In der taz fordert Beate Rusch, geschäftsführende Leiterin des Kooperativen Bibliotheksverbundes Berlin-Brandenburg, das staatlich finanzierte Forschungsergebnisse im Sinne des Open Access kostenlos online publiziert werden, anstatt privatwirtschaftlichen Verlagen horrende Summen einzubringen: "Es geht um viel Geld: 2011 erwirtschafteten die Wissenschaftsverlage weltweit 9,4 Milliarden US-Dollar, 70 Prozent durch Subskriptionsgebühren von Bibliotheken. Den Markt teilen sich international agierende Konzerne wie Elsevier, Wiley-Blackwell, Thomson Science, Springer und Taylor & Francis. Ihre Gewinnmargen liegen schätzungsweise bei 20 und 30 Prozent."

Medien, 05.09.2015

Maren Urner, Mitinitiatorin des im Herbst startenden Onlinemediums Positive Daily, stellt in der taz das Konzept des konstruktiven Journalismus vor: "Dabei werden neben Problemen und Herausforderungen auch bereits umgesetzte oder mögliche Lösungen diskutiert. Erste Studien haben gezeigt: Texte mit Lösungen führen bei den Leser*innen zu mehr Verständnis, positiven Emotionen und einer erhöhten Handlungsbereitschaft. Das heißt: Die Auswirkungen sind gegenteilig zu denen, die die problemfokussierte Berichterstattung auslöst."

Geschichte, 05.09.2015

"Wer so spricht wie der Herr Bundesverteidigungsminister, der schießt auch" - dieser Ausspruch des FDP-Abgeordneten Reinhold Maier, geäußert bei einer Bundestagssitzung im Jahr 1958 über die Rolle der Bundeswehr in der Nato, hat die Wahrnehmung von Franz Josef Strauß nachhaltig geprägt. In der FAZ stellt Patrick Bahners das Zitat in seinen Kontext und rehabilitiert den morgen vor hundert Jahren geborenen, für seine "Wortgewalt" berüchtigten Strauß: "Die Rede des Verteidigungsministers war eine geradezu akademisch gründliche Entfaltung der Prinzipien der Abschreckungsdoktrin im Lichte der doppelten Katastrophe der deutschen Außenpolitik im zwanzigsten Jahrhundert. Wenn einige Antworten von Strauß auf Zwischenrufe Assoziationen des Schützenkönigtums weckten, lag das daran, dass es Treffer waren: 'Sie machen eine Aktion gegen den Atomtod - ja, glauben Sie, dass wir eine dafür machen?'"

Auf Zeit online erinnert Claudia Roth an Strauß: "Er war sicher kein Schleimer oder Opportunist, auch wenn wir heute relativ sicher wissen, dass er viel Schmierstoff gebraucht hat, um seine Netzwerke am Laufen zu halten. Die Frage ist, ob ein Politiker, ein Charakter wie Strauß in der heutigen Mediendemokratie noch erfolgreich funktionieren würde. Vermutlich nicht. Schon damals galt er vielen - mich eingeschlossen - als blanke Zumutung. In der heutigen, oftmals glatt geschliffenen öffentlichen Auseinandersetzung wäre er wohl endgültig nicht mehr wettbewerbsfähig."

Für die FR hat Christian Thomas die gestern eröffnete "Grimmwelt" in Kassel besucht und berichtet, "dass in den vier Wänden einer fabelhaften Architektur, die einen reichen Krimskrams-Kosmos ausbreitet, so etwas wie ein multimedialer Zettelkasten schillernd Ordnung bringt."

Urheberrecht, 05.09.2015

Weil sie vor drei Jahren das populäre Internetmeme "Socially Awkward Penguin" verbreiteten, wurden die Betreiber des deutschen Blogs Geeksisters kürzlich von Getty Images abgemahnt, das die Rechte an der dem Meme zugrundeliegenden Pinguinfoto hält, berichtet Eike Kühl auf Zeit digital. Der Rechtsanwalt Björn Leineweber erklärt, warum seiner Auffassung nach im Fall von Memes das oft angeführte Zitatrecht nicht greift: "'Wort und Bild stehen meist nicht derart in Verbindung, dass der Text ein eigenständiges Werk darstellt, in dem die Anführung des Bildes als Zitat notwendig ist', sagt Leineweber. Wer aber nun ein Meme verbreitet, zitiert eben nicht nur den Text, sondern verbreitet auch das potenziell urheberrechtlich geschützte Bild. Und selbst wenn das Zitatrecht greifen würde, müsste in jedem Fall die Originalquelle genannt werden - was im Fall von Internetmemes in den meisten Fällen schlicht nicht möglich ist."

Auf Netzpolitik.org plädiert Leonhard Dobusch dafür, dass sich das Urheberrecht in solchen Fällen am Markenrecht orientieren solle. Dort verliert ein Unternehmen seinen Vergütungsanspruch an einer Marke, wenn diese "in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht und damit ihre Unterscheidungskraft gem. § 8 Markengesetz verliert. Passiert ist das beispielsweise mit der früheren AEG-Marke 'Fön' und in Österreich mit Sonys 'Walkman'. In so einem Fall dürfen auch andere Firmen ihre Produkte mit dieser Bezeichnung versehen, die Marke geht verloren. Kein Wunder also, dass Google nur wenig Freude mit der Eintragung des Wortes 'googeln' in den Duden hatte. Wenn ein Meme im Internet weite Verbreitung gefunden hat und auf tausenden von Webseiten mit immer neuen Texten versehen zum Einsatz kommt, warum sollte in so einem Fall nicht auch der Vergütungsanspruch entfallen können?"



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