Heute in den Feuilletons "Etwas leicht Perverses"

Der Chefkurator der Biennale erklärt sein Konzept der "Frankfurter Rundschau". F.C. Delius begeistert sich in der "FAZ" für den "frechsten Dichter aller Zeiten". Die "taz" beschäftigt sich mit Fassbinders latentem Antisemitismus.


Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 21.05.2015

"Wenn es eine Aussage meiner Biennale gibt, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt, dann die, dass ich das Apolitisch-Dekorative um jeden Preis vermeiden wollte", erklärt der Chefkurator Okwui Enwezor sein Konzept für die Kunstbiennale von Venedig im Gespräch mit Max Dax in der FR: "Ich bin angetreten, um den Besucher zu erschöpfen. Das hat etwas leicht Perverses. Zu viele einmalige Performances finden zu oft zur gleichen Zeit statt - und das permanent bis zum 29. November. Der fragmentierte Blick, die Unmöglichkeit, es alles zu erfassen, bedeutet, dass wir unserer Intuition folgen müssen. Vergessen wir nicht: Wir leben in einer Welt, und dazu zähle ich die Kunstwelt als ihr Abbild, in der wir die uns zumutbare Erkenntnis stets hübsch und konsumierbar verpackt vorgesetzt bekommen. Der Begriff des 'Kuratierens' verkommt in diesem Kontext zu einem Handlanger."

In Venedig gibt es unter anderem auch einiges an moralischer Betroffenheitskunst zu sehen, berichtet Thomas Steinfeld in der SZ, der am ehrenvollen Ansinnen derselben zwar keinen Zweifel hat, ihr aber dennoch einen blinden Fleck attestiert: "So arbeitet eine Kunst, die mit erhobenem Zeigefinger auf Dinge weist, an deren schrecklicher Bedeutsamkeit sie partizipieren will, ihrer eigenen Geltung wegen und ohne dass es sie etwas kostete. Und so entsteht der Widerspruch einer Kunst der moralischen Geste, die ein allseits beklagtes Übel der Welt spektakulär noch einmal anklagt, ohne zu reflektieren, dass sie diesem Übel ihre großen Auftritte verdankt." Für die FR besichtigt Daniel Kortschak den Biennale-Beitrag Neuseelands.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "1945 - Niederlage, Befreiung, Neuanfang" im Deutschen Historischen Museum in Berlin ( Freitag ), die Ausstellung "ImEx-Kunstwende" in der Alten Nationalgalerie in Berlin ( Berliner Zeitung ), ein Bildband über die Geschichte der Speakers' Corner in London ( Freitag ), eine Ausstellung über Karl Wilhelm II. und dessen Gründung Karlsruhes im Badischen Landesmuseum (SZ) und die Ausstellung "GegenKunst" in der Pinakothek der Moderne in München (FAZ).

Literatur, 21.05.2015

Mit den unterschiedlichen Zielgruppen von Politik und Literatur befasst sich der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss in dem Referat, mit dem er seine Diskussion mit dem Bundesrat Alain Berset zum Abschluss der Solothurner Literaturtage einleitete und das die NZZ dokumentiert: "Wir diskutieren heute in diesem alten Landhaus, das Menschen erbaut haben, von denen die letzte Erinnerung längst verblasst ist. Niemand unter uns war beim Bau dieses Hauses geboren - und hier entzündet sich die Leidenschaft des Dichters. Er versucht, mit den Toten ins Gespräch zu kommen, um ihre Geschichten zu hören und sie den Lebenden zu erzählen. Für den Politiker sind die Toten die meiste Zeit uninteressant. Sie haben schliesslich kein Stimmrecht... Manchmal aber ergreifen die Toten ungebeten das Wort, und hier beginnen für die Politik die Probleme. Sie wird deshalb immer versuchen, die Toten im Schweigen zu halten. Der Politiker weiß: Ihnen fehlt vielleicht die Präsenz und das Stimmrecht, aber gewiss nicht die Stimme."

In einer großen Würdigung Dantes, der vor 750 Jahren geboren wurde, begeistert sich der Schriftsteller Friedrich Christian Delius in der FAZ für den "frechsten Dichter aller Zeiten". Marie Luise Knott stellt im Tagesspiegel Ulf Stolterfohts Kleinverlag Brüterich Press vor, der sich nach Selbstauskunft auf "schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis" spezialisiert hat. Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) gratuliert dem Schriftsteller László Krasznahorkai zur Auszeichnung mit dem Man Booker International Prize 2015. Die Zeit druckt eine Rede, die Giovanni di Lorenzo auf der Turiner Buchmesse gehalten hat. Außerdem bringt die FAZ den letztes Text ihres am Dienstag gestorbenen Architekturkritikers Dieter Bartetzko: Es handelt sich um eine Rezension von Ulfrid Kleinerts Buch über die Königin von Saba.

Besprochen werden Barbara Köhles Foto- und Gedichteband "Istanbul, zusehends" (SZ), Carolin Callies Gedichtband "fünf sinne & nur ein besteckkasten" ( NZZ ), Jon Bauers Debütroman "Steine im Bauch" ( NZZ ) und László Krasznahorkais Erzählungsband "Die Welt voran" (FAZ).

Bühne, 21.05.2015

Dmitrij Belkin (taz) bekundet zwar, kein Interesse daran zu haben, Fassbinders latenten Antisemitismus, wie er sich etwa in dessen umstrittenen Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" von 1974 niederschlug, zu verteidigen. Aber im Vergleich zum heutigen Philosemitismus auf dem Theater und im Fernsehen fehlt ihm einer wie Fassbinder dann doch. Dieser habe "auf dramatische Ambivalenzen des deutsch-jüdischen Verhältnisses nach dem Holocaust hingewiesen... Im heutigen Deutschland wird den Juden fast ausschließlich die Opferrolle zugeschrieben. Künstlerisch betrachtet gibt es die Rolle des Juden als vollwertige Schauspielrolle, mit allem, was zu den menschlichen Komödien und Tragödien dazugehört, nicht. Sie sind ausgeschlossen. Im medialen philosemitischen Brei tauchen sie bestenfalls auf als diffuse Schatten, als gefürchtete Statisten."

Überaus ergriffen berichtet Helmut Mauró in der SZ von Achim Freyers Wiener Inszenierung von Salvatore Sciarrinos Oper "Luci mie traditrici": "Immer wieder hat man den Eindruck, der Komponist greife einem tief ins Unbewusste. Mit Musik im herkömmlichen Sinn hat das nichts mehr zu tun, Sciarrinos Klangkunst ist davon so weit entfernt wie die Erde von der Milchstraße, und doch berührt sie das innerste Wesen von Musik. Sciarrino schafft einen akustischen Reiz, der unmittelbar ins Fühlen und Denken vordringt." Da positioniert man die Erde auch schon mal außerhalb der Milchstraße.

Besprochen werden ein von Anselm Weber inszenierter "Besuch der alten Dame" am Theater Bochum ("Was für eine langweilige, gedankenarme Aufführung", stöhnen Martin Krumbholz in der SZ), Christoph Marthalers Liederabend "Isoldes Abendbrot" am Theater Basel ( NZZ ), Thomas Ostermeiers Uraufführungsinszenierung von Yasmina Rezas "Bella Figura" an der Berliner Schaubühne (Zeit) und Eric de Vroedts Bochumer Inszenierung von Judith Herzbergs "Leas Hochzeit" ("als würden sich Botho Strauß und George Tabori zum Federball treffen", schreibt Andreas Rossmann in der FAZ).

Musik, 21.05.2015

Mit schwärmerischer Lust lässt sich Thomas Groß (Zeit) durchs "Halbseidenuniversum" des Austropop-Nachwuchses in Wien treiben. Ein Modell für die Berliner Philharmoniker? Im Tagesspiegel stellt Corina Kolbe das Orchester Spira Mirabilis vor, das in Selbstorganisation und Eigenverantwortung auf einen Dirigenten verzichtet. Beim dreitägigen Festivalkongress "upgrade" in Donaueschingen wurde diskutiert, wie sich neue Musik besser vermitteln ließe, berichtet Tobias Gerber in der NZZ. In der Zeit nimmt Ulrich Stock Abschied von B. B. King. Für The Quietus unterhält sich Sand Avidar mit der Musikerin Danielle de Picciotto, die ihr Leben in der Berliner Undergroundszene für ein Nomadenleben eingetauscht hat.

Besprochen werden das experimentelle Black-Metal-Album "The Ark Work" von Liturgy ("permanente Anstrengung, Zumutung, Überwältigung", frohlockt Jens Uthoff in der taz beglückt), neue Alben von Róisín Murphy ( The Quietus ) und Paradise Lost ( The Quietus ) sowie ein Konzert von Ian Anderson ( FR ).

Film, 21.05.2015

Endspurt in Cannes. Bislang berichten die Kritiker von einem eher durchwachsenen Jahrgang. Auch Paolo Sorrentinos neuer Film "Youth", der mit Michael Caine und Harvey Keitel gleich zwei gediegene alte Herren der Schauspielkunst vorweisen kann (in die sich Wenke Husmann von ZeitOnline denn auch fast verliebt), lässt die meisten enttäuscht zurück. Für Joachim Kurz (kino-zeit.de) markiert dieser Film "einen Stillstand oder gar einen Rückschritt im Schaffen" des Regisseurs. Der Film wirke "auf Dauer recht eitel und selbstverliebt, als pures l'art pour l'art, als erstarrter Ästhetizismus, der in jeder Szene die eigene Genialität unter Beweis stellen will." Auch Daniel Kothenschulte (FR) hat, wie auch ein Großteil der internationalen Kritik (hier im Überblick), allenfalls laue Freude an dem Spektakel: Ihm mangelt es, wie stets bei Sorrentino, an der Subversion. "Er ist ein Populist in seiner Kritik am Luxus im Gewand des Luxus, wozu für ihn auch moderne Kunst gehört." Wesentlich mehr Freude hatte Kothenschulte dafür am "sensationellen" neuen Pixarfilm "Inside Out", von dem sich auch Joachim Kurz (kino-zeit.de) "emotional berührt" zeigt.

Außerdem lief Jia Zhang-Kes neuer Film "Mountains May Depart", der die Filmkritik sehr für sich einnahm. Was für eine "furiose" Rückkehr ins Kino für den von der chinesischen Obrigkeit gegängelten Regisseur, freut sich etwa Joachim Kurz auf kino-zeit.de: Und was "für ein großartiger, humanistischer und emotionaler Film, der in seinen kleinen Geschichten mehr von China zu vermitteln weiß, als viele andere Filme." Große Begeisterung auch auf critic.de, wo Michael Kienzl den Film für "eine Symphonie" hält: Dieser sei "weniger an geschlossenen Erzählsträngen interessiert als am virtuosen Spiel mit Motiven, ihrer Wiederholung und Variation." Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel) findet den kapitalismuskritischen Gestus des Films sehr imponierend. Cristina Nord (taz) bezeugt neben "jeder Menge toller Momente" noch einen charmant irritierenden Vorführfehler, bei dem ein Standbild und ein Schwenk einander durchkreuzten: "Interessant jedenfalls, dass ein DCP - also das Speichermedium für den Film - und der digitale Projektor auf eine Weise kooperieren, die dem menschlichen Willen eine Nase dreht." Internationale Stimmen zum Film auf KeyFrame Daily .

Außerdem lief der Dokumentarfilm "Hitchcock/Truffaut" des Filmkritikers Kent Jones über die legendären Gespräche der beiden Meisterregisseure, die als Grundlage für den Filmbuchklassiker "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" dienten. Bei der Pressevorführung musste sich die anstürmende Presse beinahe schon stapeln, wie wir von David Steinitz in der SZ erfahren. Der Film biete allerdings "wenig Neues, dafür viel hübsche Nostalgie." Auf KeyFrame Daily sammelt David Hudson internationale Stimmen.

Weitere Besprechungen von der Croisette in den laufend aktualisierten Berichterstattungen von kino-zeit.de, critic.de, epdFilm, film-dienst, KeyFrame Daily und Negativ Film . Für ein schnelles Stimmungsbild ist dieser Kritikerspiegel von critic.de sehr brauchbar. Und Katrin Doerksen begleitet das Festival weiterhin mit der Fotokamera.

Außerdem: Fabian Tietke (Freitag) berichtet von der Formenvielfalt bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Den Berliner Kinogängern empfiehlt Thomas Groh ( taz ) eine Vorführung von Dario Argentos exzessivem Horrorklassiker "Suspiria" im Brotfabrikkino am morgigen Freitag. In der Zeit schreibt René Aguigah zum Ende von Mad Men.

Und Neues aus dem regulären Kinobetrieb: Besprochen werden Mark Reeders "B-Movie: Lust und Sound in West-Berlin 1979-1989" ( Perlentaucher , critic.de , ZeitOnline ), Jean-Gabriel Périots "Une jeunesse allemande" ( Perlentaucher , Freitag , taz ), Alonso Ruizpalacios' "Güeros" (unsere Berlinale-Kritik), Brad Birds neuer Science-Fiction-Film "A World Beyond" mit George Clooney ( NZZ , Welt , Tagesspiegel ), Stina Werenfels' "Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern" ( critic.de , Filmlöwin ), Michael Winterbottoms "The Face of an Angel" ( Berliner Zeitung , taz ), "Hedi Schneider steckt fest" von Sonja Heiss ( NZZ ), der Dokumentarfilm "Parcours d'amour" von Bettina Blümner ( NZZ ) und Eran Riklis' "Mein Herz tanzt" (SZ).

Architektur, 21.05.2015

Allen Schauwerten zum Trotz: "Protz ist nicht das Programm... Demut und Erfindung halten sich die Waage", meint Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel beim Durchschreiten des neuen, von Rem Koolhaas gestalteten Gebäudes der Fondazione Prada in Mailand. Christian Thomas ( FR ) und Swantje Karich ( Welt ) schreiben zum Tod des FAZ-Architekturkritikers Dieter Bartetzko. Für die FAZ begutachtet Rainer Schulze die Pläne für das Frankfurter Romantikmuseum - nicht ohne sich darüber zu grämen, nie erfahren zu können, was sein gerade verstorbener Kollege über diese wohl zu sagen gehabt hätte.


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 21.05.2015

Im Gespräch mit Georg Blume wettert der Philosoph Alain Finkielkraut in der Zeit gegen die geplante Reform des französischen Schulwesens: "Wir müssen die französische Geschichte nicht als patriotischen Roman lehren, aber mit ihrem Licht und Schatten. Die Reformer hingegen wollen eine Geschichte lehren, die aus unseren Verbrechen besteht, eine Weltgeschichte, die dem Islam größeren Platz einräumt, damit die Kinder arabischer Abstammung mehr Anerkennung spüren und die Einheimischen ihre Arroganz verlieren. Das ist nicht die Schule des Wissens, sondern eine Lügentherapieschule. Im Namen des Zusammenlebens der Kulturen führt man die Propaganda ein."

Überwachung, 21.05.2015

Die Zeit bringt den CDU-Politiker und Vorsitzenden des NSA-Untersuchungsausschusses Patrick Sensburg mit der Netzaktivistin Constanze Kurz an einen Tisch. Dabei geht es um die Frage, worin eigentlich die Aufgabe von Geheimdiensten in einer Demokratie bestehen können. Sensburg: "Ich bin überzeugt, dass wir Geheimdienste brauchen, aber sie müssen nicht die gleiche Philosophie verfolgen wie die Amerikaner: erst einmal so viele Daten wir möglich zu sammeln und hinterher zu recherchieren. Wenn man nur auf Signalaufklärung setzt statt auch auf 'Human Intelligence', dann steht man vor einem riesigen Berg von Daten, die kein Mensch mehr analysieren kann." Und Kurz: "Das stimmt nicht, die NSA kann diese Daten sehr wohl analysieren. Nur hat das Weiße Haus gerade selber einen Bericht vorgestellt, in dem nicht ein einziger Fall von effektiver Terrorbekämpfung bei dieser riesigen Sammelwut herausgekommen ist. Die NSA stand mit runtergelassenen Hosen da. Aber nicht, weil sie in den Daten ertrinkt. Sondern weil sie andere Interessen verfolgt. Es geht um Macht."

In der FAZ meldet Jürg Altwegg helle Freude bei den Schweizer Tourismusbehörden über die Neukartografierung des Landes durch Google Street View. Menschen, Autokennzeichen und sensible Orte - Frauenhäuser, Bordelle oder Psychiatrien - mussten nach Intervention des obersten Datenschützers unkenntlich gemacht werden. Bleibt "eine einzige Postkarte in 3D".

Gesellschaft, 21.05.2015

Nichts verbindet die globale Welt so sehr wie Katzenvideos, weiß Dirk Pilz in der Berliner Zeitung und sucht nach einer Erklärung: "Das Katzenvideo ist so beliebt und das Katzenquälvideo so verpönt, weil das Erfreuen an Katzenfilmen respektive das Erregen über Katzenquälereien es einem erlaubt, wenigstens für ein paar Katzenvideominuten lang weder an sich selbst noch an all die anderen Menschen noch an das große Ganze denken zu müssen. Denn denkt man daran, muss man fürchten, verrückt zu werden."

Für ein großes Porträt in der Zeit trifft Uwe Jean Heuer Larry Page im Silicon Valley und erkennt in ihm den Homo Faber des Internetzeitalters, für den Effizienz und technischer Fortschritt höchster Ausdruck von Vernunft sind: "Verzichtet man auf Daten oder erschwert man deren Sammlung, geht Fortschritt verloren." Ähnlich sieht er die Sache mit dem Steuerzahlen.

Beim Global Summit of Women in Sao Paulo erfährt Alexandra Borchardt in der SZ nicht nur, dass nicht nur Frauen in Westen Schwierigkeiten haben, sich in Führungspositionen zu etablieren: "Mit genau denselben Themen ringen auch Frauen in Malaysia, Indien, Brasilien und Südafrika, die zusätzlich mit häuslicher Gewalt und fehlenden Bildungschancen für Mädchen zu tun haben."

Ebenfalls in der SZ spricht Cathrin Kahlweit mit dem Historiker Dean Vuletic über die politische Dimension des Eurovision Song Contest, etwa für Austragungsland Österreich: "Die Österreicher sagen immer, sie gewännen sonst nichts - außer Skirennen."

Medien, 21.05.2015

In der taz berichtet Ambros Weibel von den herzlichen Beziehungen, die Nahost-Experte Jürgen Todenhöfer zum Assad-Regime unterhielt. Die Website NOW dokumentiert seine Mails an Assads Medienberaterin Sheherazad Jaafari, die er als "Dear princess of the Middle East" hofierte: "Am 18. Dezember schreibt Todenhöfer: 'In Germany I am beeing heavily criticised for allegedly beeing to friendly about your president and not critical enough. But that's live. I have some great ideas for you and your country.' Und ergänzt hellsichtig: 'But unfortunately emails are not very confidential.'"

Auf Slate gibt es ein weiteres Interview mit dem Zeichner Luz über Charlie Hebdo, sein Buch "Catharsis" und die erste Nummer nach dem Anschlag: "Ich musste mich wirklich zwingen. Ich hatte allen gesagt, ich könnte nicht mehr zeichnen, aber am nächsten Tag fing ich gleich damit an. Ich lachte und weinte gleichzeitig." Auf Rue89 fordert Pierre Haski, Charlie Hebdo zu vergesellschaften, um zu verhindern, dass "einige wenige" dieses öffentliche Gut für sich allein reklamieren.

Religion, 21.05.2015

Im FR-Interview mit Joachim Frank spricht der Religionssoziologe Detlef Pollack über Modernisierung, Säkularisierung und die Verbindung von Religion und Politik: "Die Verbindung mit nicht-religiösen Inhalten - wie etwa politischen oder nationalen - wirkt für die Religion vitalisierend, so lange die Menschen sie als zweckdienlich erachten. Aber auch nur so lange. Danach kommt es zu Abstoßungsbewegungen. In den USA etwa gehen viele gerade aufgrund der politischen Interpretation des Evangeliums auf Distanz zur Religion. Oder denken Sie an die Rolle der orthodoxen Kirche in Russland. Sie gilt als Stabilisatorin des Putin-Regimes. Aber damit ist sie Teil des Herrschaftsapparats."

Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel von Stephen Greenblatts Berliner Mosse-Lecture über die Bekehrung des Augustinus, die der amerikanische Literaturwissenschaftler "mit stiller agnostischer Lust" als Geschichte einer sehr weltlichen Erektion erzählte, die zur Lustfeindlichkeit im Christentum führte: "Wenn man aus der Verkettung ihrer biografischen Elemente etwas Universelles für das Semesterthema 'Konversionen' lernen kann, ist es die Art und Weise, wie jemand einem zufälligen lebensgeschichtlichen Ereignis im Nachhinein Notwendigkeit verleiht: Autobiografische Konsistenz, legt Greenblatt nahe, gibt es nur um den Preis teleologischen Denkens - gerade in der radikalen Umkehr mitten im Leben."

Wie eng das Verhältnis zwischen Luther und den Fürsten wirklich war, erfährt Matthias Kamann in der Welt nicht in der gleichnamigen Torgauer Ausstellung, sondern beim Spaziergang durch die Stadt: "Torgau steht für das Bündnis zwischen administrativ beschlagenen, wortmächtigen und religiös wild entschlossenen Intellektuellen einerseits und Herrscherhäusern andererseits, die sich von jener Elite sowohl zu tieferer Frömmigkeit führen als auch dabei helfen ließen, ihre Gebiete effektiver zu verwalten und sich selbst mit neuen Befugnissen auszustatten. Somit fällt neues Licht auf das alte Problem, ob die Reformation von unten kam, von aufbegehrenden Volksmassen, oder von oben, von machtbewussten Fürsten. Entscheidend war wohl das Dazwischen."

Geschichte, 21.05.2015

Im Freitag weist Erhard Schütz darauf hin, dass der Angriff auf das Passagierschiff Lusitania im Ersten Weltkrieg durch ein deutsches U-Boot in Großbritannien und den USA - anders als bei uns - nicht vergessen ist. Sven Felix Kellerhoff berichtet in der Welt, dass die Pferdestatuen von Hitlers Reichskanzlei bei einem Hehler entdeckt wurden.

Politik, 21.05.2015

Im Guardian meldet Kareem Shaheen, dass Palmyra jetzt doch unter die Kontrolle des IS gefallen ist: "Aktivisten der Stadt und des syrischen Observatory for Human Rights erklärten, dass ein Großteil von Palmyra am Mittwoch gefallen sei, kurz nachdem Assads Regime die meisten Zivilisten evakuiert hätte und die Truppen in die westlichen Hochburgen zurückgekehrt seien."

Der Politologe Herfried Münkler hat den Begriff der asymmetrischen Kriegführung geprägt - nun ist er selbst das Opfer einer solchen. Im Gespräch mit Adam Soboczynski in der Zeit verteidigt er sich gegen die im Blog Münkler-Watch vorgebrachte anonyme Kritik an seiner Vorlesung "Politische Theorie und Ideengeschichte" an der HU Berlin: "Man wirft mir zum Beispiel vor, dass Frauen als Denkerinnen in der Vorlesung zu wenig Beachtung finden. Wenn ich die Ideengeschichte von Platon bis heute darstelle, sind intellektuelle Frauen eben in der Minderheit. Ich arbeite in dieser Einführungsveranstaltung einen relevanten Kanon ab und betreibe keine Postcolonial Studies. Es heißt dann, das sei eurozentristisch und rassistisch. Ich kann die Geschichte aber nicht nach Belieben verändern, damit sie ins politische Raster einiger Leute passt."

Doris Akrap unterhält sich mit dem kroatischen Philosophen Srecko Horvat über dessen marxistisches Subversiv-Festival und die Zukunft des Kapitalismus. Mit Straßenprotesten oder dem Dasein als Chapagnerlinker will sich Horvat nicht mehr zufrieden geben: "Es muss ein neues Modell von Demokratie entwickelt werden. Und ich glaube nicht, dass es die Idee der Multitude von Antonio Negri und Michael Hardt ist. Es ist nicht verwunderlich, dass der Titel des neuen Buches der beiden 'Leadership' sein wird. Beeinflusst von dem Erfolg von Syriza und Podemos wollen sie nun zeigen, dass die horizontale Demokratie mit einer Vertikalität verbunden werden muss."



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