Heute in den Feuilletons "Das Geräusch ist elementar"

Alle freuen sich über den Büchner-Preis für den Lyriker, Plattensammler und Wörterbuch-Junkie Marcel Beyer. Berauscht dichtet Hallgrimur Helgason in der "Welt" die isländische Sommersaga. "SZ" und "FAZ" lassen sich vom modernisierten Stockhausen-Sound überwältigen.


Efeu - Die Kulturrundschau

Architektur, 29.06.2016

Oliver Wainwrigth blickt im Guardian etwas verstört auf die gigantische Kultur-Akropolis in Athen, die Renzo Piano im Auftrag der Stavros Niarchos Foundation gebaut hat und die nur aus Licht, Luft und Wind zu bestehen scheint. Ein tolles Geschenk für den bankrotten Staat: "Mit der ganzen Macht privater Philanthropie wurde das Stavros Niarchos Kulturzentrum mit großen Fanfaren und Feuerwerk am Wochenende eröffnet. Nein, das heißt eröffnet wurde es nicht. Sowohl der Nationalbibliothek als auch der Oper wurden fünf Millionen Euro gestiftet, um sie hier anzusiedeln, doch darüberhinaus bleibt die Finanzierung unklar. Die Regale der Bibliothek, die eigentlich zwei Millionen Bücher fassen könnten, stehen leer. Die Parktore bleiben geschlossen. 'In schwierigen Zeiten wie diesen, braucht der Mensch Hoffnung', sagt Renzo Piano, 'ein gutes Gebäude zu entwerfen ist eine wichtige bürgerschaftliche Geste. Es gibt Hoffnung auf eine bessere Welt'."

Literatur, 29.06.2016

Der Büchnerpreis geht in diesem Jahr an den Lyriker, Essayisten und Romancier Marcel Beyer. Die Kritiker reagieren freudig: "Das wurde auch Zeit", ruft Gerrit Bartels im Tagesspiegel aus. Ähnlich geht es Helmut Böttiger auf ZeitOnline, der sich darüber freut, dass nach Rainald Goetz im vergangenen Jahr nun zum zweiten Mal ein der Gegenwart erfreulich zugewandter Autor ausgezeichnet wird: Der mit einer "legendären" Plattensammlung ausgestattete, langjährige Spex-Autor "spürt verborgene Verbindungen in der Geschichte auf, er zeigt Zusammenhänge, und er verfährt musikalisch." (Bild: Dontworry, CC BY-SA 3.0)

Judith von Sternburg erliegt in der FR dem "Zauber von Beyers Wortfunden" und bescheinigt dessen Lyrik, anschlussfähig zu sein "an die große, rätselhaft gewordene und darum abgedrängte Dichtung des Mittelalters, des Barock, an die europäischen Wörtersammler und Anspieler, die sich auskannten in den Geschichten der Heiligen und der Schriftkunst, die sich unter Umständen aber auch einen Spaß daraus machten, rabelaishaft Listen über ihre Leser auszugießen".

Im Tagesspiegel lobt Gregor Dotzauer Beyers "Widerständigkeit gegen ein unbefragt realistisch-mimetisches Literaturverständnis" und stellt fest: "Höher geht es in der deutschen Literatur seiner Generation nach dieser Wahl kaum noch hinaus. Es wird deshalb spannend, in welchen Regionen sich die Akademie in den kommenden Jahren umsehen will." In der SZ führt Lothar Müller durch das Schaffen des "Wörterbuch-Junkies". Christoph Schröder unterstreicht in der taz: "Der Klang und die Musikalität von Sprache sind es, die Beyers literarische Forschungen grundieren und vorantreiben. Das Geräusch ist elementar." Und auf anderthalb FAZ-Seiten berichtet der Preisträger selbst unterdessen von seinem Besuch bei Friederike Mayröcker in Wien, deren Lyrik ihn maßgeblich beeinflusst hat. In der Welt schreibt Richard Kämmerlings. Hier ein Überblick über Marcel Beyer in unseren Presserundschauen und Artikeln.

Völlig berauscht vom isländischen EM-Erfolg gegen die englische Mannschaft dichtet der Schriftsteller Hallgrímur Helgason in der Welt die "Sommernachtssaga", die sich allerdings auch dem schwedischen Trainer Lars Lagerbäck verdankt: "Er war genau der Mann, den wir brauchten, ein 'langweiliger' Schwede, der strukturiert, geduldig und langfristig dachte, etwas, was wir in Island nicht mehr kennen. Wir, die wir das allerundisziplinierteste Volk sind, alles nebenbei erledigen, immer zu allem bereit sind und überzeugt, dass am Ende schon alles gut gehen wird. Daher unser optimistischer Kampfgeist. Doch wenn man dazu schwedische Disziplin addiert, kommt eine Fußballmannschaft heraus, die jedes andere Team auf der Welt schlagen kann und jetzt im Viertelfinale der Europameisterschaft steht."

In der NZZ singt Schriftsteller Albert Ostermaier eine Hymne auf den Torwart. Ein einsamer Sisyphos auf der Torlinie sei er, der immer herbeisehnt, was er abwehren muss: "Er soll der personifizierte Schrecken sein, medusenlockig, soll mit dampfenden Nüstern und Minotaurusmiene den Gegner auf seine Hornhände nehmen, aber zugleich, wenn keine Gefahr droht, die Ruhe selbst sein, wie es wieder einmal der Maier Sepp auf den treffendsten Punkt brachte: 'Ein Torhüter muss Ruhe ausstrahlen. Er muss aber aufpassen, dass er dabei nicht einschläft.'"

Weiteres: Bei tell erlaubt sich Samuel Hamen vor den Tagen der Literatur in Klagenfurt, anhand der dieses Jahr eingeführten Autorenclips einige "unverschämte Mutmaßungen" über die Autoren und deren Texte anzustellen. Claus Jürgen Göpfert ( FR ), Christoph Schröder (SZ) und Florian Balke (FAZ) schreiben zum Tod der Schriftstellerin Silvia Tennenbaum.

Besprochen werden unter anderem Alexandra Kleemans "A wie B und C" ( Tagesspiegel ), André Kubiczeks "Skizze eines Sommers" ( Tagesspiegel ) und Wytske Versteegs "Boy" ( FR ).

Bühne, 29.06.2016

In Basel hat Lydia Steier den "Donnerstag" aus Karlheinz Stockhausens "Licht"-Zyklus zur großen Begeisterung der Kritik auf die Bühne gebracht. SZ-Kritiker Egbert Tholl hat hier tatsächlich die Zukunft des Werks gesehen, "weg vom Musealen, weg von der Ästhetik der Achtzigerjahre": "Das raubt dem 'Donnerstag' wohltuend das Mystische und zeigt ihn als Individualentwurf radikaler Kunst, ja als Gegenentwurf heute herrschender Versuchsanordnungen." Lotte Thaler von der FAZ berauscht sich unterdessen am schieren Sounderlebnis: "Es ward Licht in Basel. Alle denkbaren Einwände gegen das Libretto, alle berechtigten Zweifel an seiner religiösen Hybris werden durch Stockhausens Musik überwältigt. Klangbänder grundieren die Partitur, Schnalzlaute setzen geräuschhafte Akzente, virtuose Gesangsakrobatik wird mit Lamento-Passagen durchsetzt, ostentative Wiederholungen durchkreuzen die harmonische Tiefenverankerung, aufgeregtes Atmen unterbricht die lyrische Keuschheit." Nur dass die Inszenierung den Komponisten am Ende "postum als Geistesgestörten" erkläre, gehe "eigentlich zu weit".

Weiteres: In der Nachtkritik verschafft Wolfgang Behrens einen Überblick über die aktuellen Theatermagazine.

Besprochen werden der Auftakt des "Infektion!"-Festivals an der Berliner Staatsoper mit Hans-Werner Kroesingers "Die Luft hier: scharfgeschliffen" ( Tagesspiegel ), Emanuel Gats in Berlin gezeigte Choreografie "Sunny" ( Tagesspiegel ), ein Auftritt von Dorrance Dance in Darmstadt ( FR ), eine Stuttgarter "Maria Stuart" in der Regie von Anna Bergmann ( Nachtkritik , SZ) und Calixto Bieitos Münchner Inszenierung von Fromental Halévys "Die Jüdin", die Walter Dobner in der Presse zumindest musikalisch auf hohem Niveau erlebte, Marco Frei in der NZZ dagegen zähflüssig, FAZ).

Kunst, 29.06.2016

Im Tagesspiegel schreibt Rolf Brockschmidt über in Deutschland weitgehend unbekannten Maler, Bildhauer und Architekten Alonso Cano, der im Rahmen einer Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie über Spaniens goldenes Zeitalter der Kunst wiederentdeckt werden kann: "Zu den bedeutenden Gemälden Canos zählt 'Christus in der Vorhölle' (1646), das auch nach Berlin kommt und lange vor Velázquez' Venus die Eva als Rückenakt darstellt. Cano gilt zudem als produktivster und bester Zeichner seiner Zeit, was man an der Zeichnung 'Der heilige Sebastian' in Berlin studieren kann. Bei allen Erfolgen überschattet die Ermordung seiner zweiten Frau Canos Leben, zumal man ihn der Tat verdächtigt."

Weitere Artikel: Aus Anlass der Ausstellung schreibt der Kunsthistoriker Henrik Karge über andalusische Kirchenarchitektur des 16. und 17. Jahrhunderts. Für den Freitag unterhält sich Hendrik Hassel mit dem Kriegsfotografen Christoph Bangert.

Besprochen werden Michel Houellebecqs Kunstausstellung "Rester Vivant" im Palais de Tokyo in Paris ("eine narzisstische Nabelschau, der es an Humor nicht mangelt", schreibt Annabelle Hirsch in der taz) und eine Ausstellung der drastischen Fotografien von Ken Schles, Jeffrey Silverthorne und Miron Zownir in den Deichtorhallen in Hamburg (FAZ).

Film, 29.06.2016

Völlig hin und weg ist in der Berliner Zeitung Patrick Wellinski von Hou Hsiao-Hsiens "The Assassin", dem Schwertkampffilm-Debüt des ansonsten auf gediegen inszenierte Dramen spezialistierten taiwanesischen Auteurs. Auf ein rasantes Spektakel darf man allerdings nicht hoffen, vielmehr bleibe der Filmemacher seinem Schaffen treu: "Es ist die reine Schönheit von kunstvoll arrangierten Bildtableaus mit ihren leuchtenden Details: die altchinesische Frisur der Gouvernante; das sorgsam gestickte, dunkelblaue Gewand ihres Mannes; die geräuschlos aus der Ferne flatternden roten Bändchen an den Kriegeruniformen ... Von diesen Augenblicken will man stundenlang erzählen und schwärmen. Denn was hier visuell überwältigt, ist nicht das Spektakel, sondern der Wille zur Ordnung und Harmonie." Auf ihrem Blog nähert sich Katrin Doerksen der visuellen Schönheit des Films mit einer sehr schönen Video-/Bildcollage.

Die Filmkritiker trauern um Bud Spencer. Sehr ausführlich würdigt Georg Seeßlen auf Zeit Online das gemeinsame Schaffen des bärigen Italieners und dessen Kompagnon Terence Hill: Das Duo war der "perfekte Ausdruck eines neuen, ernüchterten Optimismus nach den ersten schweren Krisen des Nachkriegskapitalismus. Als Nachfolger des Picaro, von Don Quijote und Sancho Pansa, der Commedia dell'arte, der großen Tramps des amerikanischen Stummfilms, schlugen sie sich durch eine Welt, die nicht mehr ganz heil war, gewiss nicht, aber auch nicht so apokalyptisch und ausweglos verdorben wie in den anderen italienischen Genrefilmen zuvor."

In seinem Blog schreibt Oliver Nöding: Spencer "war der Held wider Willen, ein Mann, der sich immer wieder gegen sich selbst entschied, um das Richtige zu tun. Diese Rolle erfüllte er nicht nur mit Bravour (all die Szenen, in denen er knurrend klein bei gibt, mit dem Schicksal hadert, dass er nicht ein anderer ist, und seinen Partner, dieses rechtschaffene Aas, verflucht), er zeigte damit auch, dass man kein leuchtender Wohltäter sein muss, um ein Held zu sein."

Perlentaucher Thomas Groh prüft posthume, durch ein Boulevard-Magazin vorgebrachte und allenthalben wiederholte Vorwürfe gegen Michael Jackson, er habe Kinderpornografie besessen. Mit einiger Mühe liest er den online gestellten Polizeibericht und stellt fest - Jackson hat nur allgemein zugängliche Fotobücher besessen: "In erster Linie ist diese ganze Angelegenheit vor allem ein Lehrstück über journalistische Kultur im Zeitalter potenzierter Empörungswilligkeit. Es zeigt sich, mit welchen kleinen semantischen Verschiebungen sich ein Maximum an öffentlicher Welle hervorrufen lässt."

Außerdem: In der Welt denkt Holger Kreitling darüber nach, was Bud Spencer zum Idol für all die Kinokinder machte, die auch als Erwachsene noch vom Dampfhammerschlag träumen. Weitere Nachrufe in FR , taz und Berliner Zeitung . Die FAZ-Autoren erinnern sich und BR Klassik hat die schönsten Spencer/Hill-Soundtracks zum Nachhören zusammengestellt.


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 29.06.2016

Ziemlich sauer sind die Schriftsteller Nora Bossong und Aljoscha Brell in der der taz über den Brexit: "Nicht zuletzt sind wir wütend auch auf uns selbst, auf unsere Generation, die nach 1980 Geborenen. Dieses Europa, das Europa der offenen Grenzen, ist unser Europa. Anders als Cameron können wir nicht zurücktreten und die Verantwortung unseren Nachfolgern überlassen. Unsere Nachfolger sind unsere Kinder. Diese Kinder werden uns fragen, wo wir waren, als die Populisten das europäische Projekt zugrunde gerichtet haben. Was werden wir ihnen dann antworten?"

Er hätte für Remain gestimmt, schreibt der in Italien lebende britische Autor Tim Parks in der SZ, aber das jetzt einsetzende Bashing der Brexit-Anhänger findet er ignorant: "All dies wäre zu verstehen, wenn die Europäische Union bedeutende Erfolge aufweisen, wenn sie Solidarität demonstrieren und die vielen Probleme ihrer Mitglieder lösen könnte oder wenn die Gemeinschaft wenigstens eine Galionsfigur hätte, mit der man sich identifizieren könnte. Jemanden, von dem man sagen könnte: 'Wie schlimm es auch werden wird, ich habe Vertrauen in ihn, ich glaube, ihm oder ihr liegen die Interessen meines Landes am Herzen, sind die Jugendarbeitslosigkeit in meiner Stadt ein Anliegen, sei es in Newcastle oder Reggio Calabria.' Können wir das ernsthaft von Jean-Claude Juncker oder von Angela Merkel sagen?"

Die britische Jugend, die wählen ging, hat zu 75 Prozent gegen den Brexit gestimmt - aber kann es auch sein, dass die Jugend zu 70 Prozent erst gar nicht abgestimmt hat? In einem erhellenden Kommentar im Guardian arbeitet Hannah Jane Parkinson die derzeit kursierenden Gerüchte und Zahlen die Wahlbeteiligung der britischen Jugend beim EU-Referendum betreffend auf. Die Daten belegten lediglich, dass die Wahlbeteiligung in Gegenden mit einer jüngeren Bevölkerung geringer ausgefallen war. Konkrete Zahlen hätte nur Sky Data geliefert, allerdings basierend auf einer Wahlabsichtsbefragung vor dem Referendum. Hieb- und stichfeste Zahlen gebe es nicht, da keine Nachwahlbefragung stattgefunden hätte. Trotzdem sei eine seit längerem bekannte Tendenz zu erkennen: eine durchschnittlich geringe Wahlbeteiligung der 18- bis 35-Jährigen. Parkinson ist enttäuscht. "Einige Gleichaltrige erzählten mir, sie hätten nicht gewählt, weil sie nichts von der Wahl gewusst hätten. Und das trotz der enormen Summen, die für eine Jugend-Wahl-Kampagne ausgegeben wurden. Youtube-Werbung, Werbung die wie Club-Schilder aussahen. Das alles war ein außergewöhnliches Novum. David Cameron warb um die britische Jugend. Prominente wie Lily Allen, Keira Kneightley, Idris Elba und Emma Watson animierten, wählen zu gehen."

Jeremy Corbyn ist von den Labour-Abgeordneten im britischen Parlament zu achtzig Prozent das Misstrauen ausgeprochen worden, bleiben will er trotzdem. Zur traurigen Figur des Labour-Führers und seinen ergebenen Anhängern, die für die EU nicht einen Finger krumm machen wollten, schreibt Jan Feddersen in der taz: "Es ist dies ein neuerlicher Beweis, dass diese Partei Kontakt und Tuchfühlung zu den Prekarisierten fahrlässig eingebüßt hat. Labour, das ist - wie so viele Sozialdemokratien in Europa - eine Partei geworden, die sich mehr um Islamfragen, Kritik an Israel, Postkoloniales, LGBTI*-Themen oder kulturelle Geschmacksfragen kümmert, als es für ihren politischen Erfolg auch in den White-&-Colored-Trash-Gegenden, den Zentren der englischen Industrie, nötig wäre."

Nun fordern Populistinnen von Marine Le Pen bis Sarah Wagenknecht ebenfalls EU-Referenden. "Die Kaskade dieser Aufrufe", schreibt Nicholas Vinocur bei politico.eu, "zeigt, dass eine der Lektionen aus dem Brexit von Macht und Unvorhersehbarkeit direkter Demokratie handelt und wie sehr dies die europäische Politik der nächsten Jahre prägen wird."

Auch für die Ernährung wird der Brexit Konsequenzen haben, erläutert Bee Wilson im New Yorker: "Schon warnt der Präsident der National Farmers' Union, Meurig Raymond, dass Preise für Nahrungsmittel wegen des schwachen Pfunds und der Abhängigkeit Britanniens von Importen steigen könnten. Als ein Land, das nur 54 Prozent seiner Nahrungsmittel selbst produziert, sieht Britannien angesichts schwankender Märkte verletzlich aus." Und dann fehlen auch noch die polnischen Landarbeiter!

Im Interview mit dem Tagesspiegel hofft Katarzyna Wielga-Skolimowska, Leiterin des Polnischen Kulturinstituts in Berlin, dass nach dem Brexit "Deutsche und Polen jetzt näher zusammenrücken".

Über der Brexit-Aufregung ist eine antisemitische Episode untergegangen, die Martin Schulz und das EU-Parlament insgesamt in reichlich trübem Licht dastehen lässt, schreibt Alex Feuerherdt in seinem Blog Lizas Welt. Just am Tag der Brexit-Abstimmung redete vor dem EU-Parlament der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas: "Der palästinensische 'Präsident'... hatte unter anderem behauptet: 'Bestimmte Rabbis in Israel haben ihre Regierung sehr klar dazu aufgefordert, unser Wasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten. Ist das nicht eine eindeutige Anstiftung zum Massenmord gegen das palästinensische Volk?' Für seine Rede erntete Abbas von den Parlamentariern und ihrem Präsidenten nicht etwa deutliche Kritik, sondern im Gegenteil viel Applaus." Martin Schulz nannte die Rede "inspiring", das EU-Parlament klatschte brav Beifall.

"Juden wurden im ganzen Mittelalter beschuldigt, europäische Brunnen zu vergiften", kommentiert Yair Rosenberg bei Tablet, "vor allem zur Zeit der großen Pest. Solche Verleumdungen führten regelmäßig zu Pogromen und sind über die Jahrhunderte immer wieder wiederholt worden. Bemerkenswerter Weise hat kein europäischer Offizieller bisher Abbas für diese fanatischen Aussagen zurechtgewiesen, trotz der verstörenden Geschichte dieser Art übler Nachrede auf dem Kontinent."

In der FAZ unterhält sich Anna Prizkau mit Vertretern der BDS, der Israel-Boykott-Bewegung, die mit ihren Aufrufen den Hass auf Israel schürten.

Die FAZ hat David Schalkos Artikel über einen heraufziehenden Faschismus in Österreich online gestellt: "Poster rufen zum Mord am Bundeskanzler auf. Die sogenannten Identitären ziehen mit Bengalischen Feuern durch das nächtliche Wien. Im Minutentakt überbrüllen die Rechten jede politische Diskussion, um sie auf ein Thema zu reduzieren: Den Untergang des Abendlandes aufgrund von Islam und Flüchtlingen. ... Die Rechte sucht nicht das Gespräch. Sie grenzt sich selbst aus, um ihre Anhänger bei der Stange zu halten. Ein konstruktiver Diskurs wäre gefährlich. Er würde die Inhaltslosigkeit der Rechten entlarven. Denn letztendlich lässt sich alles auf einen Satz reduzieren: Die da oben sind für Immigration, und wir da unten müssen diese ertragen. Wir gegen die. Ein Klassenkampf, der längst klassenübergreifend funktioniert."

Riesengroß ist die Rekonstruktion der Kölner Silvesternacht durch das Zeit-Magazin, die jetzt mit vielen Videos und Visualisierungen online steht: "Die erste Anzeige wegen sexueller Belästigung erstattet eine junge Frau um Mitternacht auf der Polizeiwache Stolkgasse, nur wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Die Führungskräfte der Polizei erfahren erstmals gegen ein Uhr, dass Frauen seit Stunden sexuell belästigt werden. Mittlerweile warten 30 bis 50 Personen in dem kargen Raum der Polizeiwache. "

Religion, 29.06.2016

Nissim Behar, Libération-Korrespondent in Tel Aviv, erzählt die Geschichte der Esti Weinstein, deren Schicksal offenbar die israelische Öffentlichkeit erschüttert. Sie wurde vor einiger Zeit tot aufgefunden und hat ein 180-seitiges Manuskript hinterlassen, in dem sie über das ultraorthodoxe Leben für Frauen schreibt und außerdem über ihre Ausgrenzung spricht, nachdem sie sich zur Säkularen erklärt hatte. Auszüge aus diesem Manuskript sind in israelischen Zeitungen veröffentlicht worden: "Bei den meisten Ultraorthodoxen wird jede Person, die sich zur Säkularen erklärt, als tot betrachtet. Die Familienmitglieder brechen den Kontakt mit ihr ab. Einige organisieren gar eine symbolische Beerdigung und tragen Trauer. Genau dies ist vor acht Jahren Esti Weinstein geschehen: Von einem Tag auf den anderen haben ihre Familie, ihre Freunde die Tür vor ihr veschlossen. Sie durfte auch keinen Kontakt mehr mit sechs ihrer sieben Töchter haben. Nur eine der Töchter, Tami, hatte den selben Weg gewählt wie sie."

Ideen, 29.06.2016

Für den Kulturhistoriker Philipp Blom spaltet sich Europa heute zwischen denen mit einem liberalen Traum und denen mit einem autoritären Traum. Ökonomisch kann der liberale Traum bedeuten, dass der Starke den Schwachen drangsaliert, sagt Blom im Interview mit dem Standard. "Und dann hat dieser liberale Traum auch noch einen Fehler, und das ist jener, dass Freiheit auch als Zwang empfunden werden kann. Freiheit heißt auch Entwurzelung. Auf Englisch unterscheidet man in 'Sense of Space' und 'Sense of Place' - der liberale Traum hat einem den Space, den Raum um sich herum, ermöglicht, aber den Place, die Identität, die Herkunft, zum Teil geraubt. Das ist ein schwieriger Lebensentwurf, der viele Menschen überfordert. Der autoritäre Traum, der nicht in Individuen, sondern in Kollektiven - Völker, Nationen oder Religionen - denkt, der gibt vor, dazu eine Alternative zu bieten. Dieser Traum verbindet die Rekruten vom IS mit den identitären Bewegungen in Europa, aber auch mit Donald Trump, Putin oder Erdo¿an."

In der NZZ denkt der Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker über den Islam nach und seine angeblich für immer festgezurrte Auslegung. Selbst die meisten Muslime sehen das nicht so, schreibt er mit Bezug auf die Studie "Muslime in Deutschland" von 2007: "Die zugrunde liegende Annahme eines unveränderlichen Wesenskerns von Religionen ist empirisch vielfach widerlegt. Eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Islam erkennt man daran, dass sie ebendiese Tatsache berücksichtigt."

Medien, 29.06.2016

Die Medienzeitschrift kress pro hat zu den Honoraren der Fußballer-Experten Oliver Kahn und Mehmet Scholl bei ZDF und ARD recherchiert. Scholl soll demnach angeblich 1,6 Millionen Euro Honorar pro Jahr bekommen, resümiert Bülend Ürük die Recherchen bei kress.de: "Sowohl ARD als auch ZDF schweigen auf Nachfrage, offizielle Details gibt es zu den Vereinbarungen nicht, sie werden geheim gehalten. Allerdings greift eins nicht - der Verweis, man müsse diese Honorare wegen der 'Marktsituation' bezahlen. Denn bei den Privatsendern (außer Sky mit Franz Beckenbauer) sieht das Honorar für die Fußballexperten schon ganz anders aus. kress pro schreibt: 'Prominente Ex-Profis wie die Weltmeister Olaf Thon oder Andreas Möller verdienen bei der Übertragung der Europa-League-Spiele auf Sport1 rund 1.500 bis 2.000 Euro pro Auftritt. Generelle Aussagen zu den Honoraren sind schwer, weil die Interessenlagen der Ex-Kicker unterschiedlich sind: Manche suchen die Bühne, andere das Geld. Einige auch beides', schreiben Wiegand und Rittinghaus."

Die ARD habe aber ausgesprochen verärgert auf die Meldung reagiert und scharf dementiert, schreibt Meedia mit dpa: "Allerdings folgte auf das Dementi auch keine Transparenz. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky nannte auch am Dienstag keine genauen Zahlen, was das Experten-Honorar betrifft." Auch ARD-Vorsitzende Karola Wille dementiert im Gespräch mit Michael Hanfeld in der FAZ.

Markus Wiegand, Chefredakteur von kress pro, verteidigt die Zahlen in seinem Editorial (nicht online) recht selbstbewusst und merkt an: "Allein für den Sportrechte-Etat eines Jahres (rund 182 Millionen Euro) könnte das ZDF mehr als 2.000 Journalisten (!) beschäftigen, die statt Halligalli beim Sport-Ballaballa für den Informationsauftrag und damit den Kernauftrag der Öffentlich-Rechtlichen arbeiten würden."

(Via turi2 ) Die BBC ist dagegen von der Regierung gezwungen worden, die höchsten Gehälter zu nennen, berichtete der Guardian im Mai. Heute kamen die Zahlen, berichtet John Plunkett ebendort: "Die Zahl der Leute, die zwischen 500.000 und 5 Millionen Pfund im Jahr verdienen - die höchste Kategorie bei der BBC - fiel von 9 im Jahr 2014/15 auf 7 im letzten Budgetjahr. Die Gesamtsumme für die größten Stars - zu denen wohl der 'Match of the Day'-Moderator Gary Lineker und Talkshowmoderator Graham Norton gehören - fiel um 25 Prozent von 8 Millionen auf 6,6 Millionen Pfund."



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