Heute in den Feuilletons "Im Home-Markt versenkt"

Arthouse-Filme wie "The Lobster" kommen viel zu selten ins deutsche Kino, findet die taz. Die "Zeit" wundert sich über den Streit um die Volksbühne. Und "Fader" prophezeit mit dem französischen Duo PNL eine neue Ära des Rap.


Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 23.06.2016

Großes Vergnügen haben die Filmkritiker an Yorgos Lanthimos' Groteske "The Lobster", in der es um eine Gesellschaft geht, die ihre Mitglieder mit drastischen Maßnahmen in Paarbeziehungen zwingt. Dass der hierzulande trotz eines angesehenen Regisseurs, einem prominenten Cast und begeisterten Cannes-Kritiken vor einigen Monaten bereits auf DVD veröffentlichte Film jetzt doch noch ins Kino kommt, ist dem hartnäckigen Engagement einiger Filmtheater zu verdanken, erklärt Andreas Busche in der taz: "Sony ist nicht erst seit 'The Lobster' dafür berüchtigt, 'schwierige' Arthouse-Filme äußerst stiefmütterlich zu behandeln. Im Frühjahr brachte der Unterhaltungskonzern das Holocaustdrama 'Son of Saul' nur ins Kino, weil es kurz zuvor für den Auslandsoscar nominiert worden war. ... Das David-Foster-Wallace-Roadmovie 'End of the Tour' mit Jesse Eisenberg wurde gleich auf dem Home-Markt versenkt. Das Verhalten von Sony ist symptomatisch für die gesamte deutsche Verleihlandschaft bis hinein in den Arthouse-Sektor."

Dabei birgt "The Lobster", wie Christiane Peitz im Tagesspiegel verspricht, "einen Heidenspaß". Bereits im vergangenen Dezember lief der Film auch bei einem Festival in Berlin und wurde von Jochen Werner als in seiner "Großzügigkeit ... großer, humanistischer Film" im Perlentaucher gelobt. Auch Felix Zwinscher lobt den Film in der Welt - bis es zum Ende kommt.

Auf weniger Liebe stößt Nicolas Winding Refn und dessen neuer, bereits in Cannes kontrovers diskutierter Modebetriebs-Horrorfilm "The Neon Demon". Dietmar Dath bezeugt in seiner online von der FAZ nachgereichten Besprechung zwar manch gelungene Momente, auf die aber auch stets Missglücktes folgt: "Die Kraftanstrengung, mit der jemand hier den garstigsten und zugleich leckersten Film über die Geschwisterliebe von Schönheit und Abscheulichkeit machen wollte, beeindruckt zwar als Kunstmühe, erschöpft dann aber auch alle Mittel, die sie auffährt." In der taz meint Thomas Groh: "Wenn 'Neon Demon' als Kritik am Modebetrieb konzipiert sein soll (es gibt Gründe zur Annahme, dass er das, gelinde gesagt, nur am Rande verfolgt), als eine Darstellung der umfassenden Aushöhlung von Subjektivität dieses Betriebs, dann ist der Film von einem allumfassenden Defätismus gekennzeichnet: Zu dieser tödlich fixierenden Welt gibt es kein Äußeres mehr, von dem aus sich noch darüber sprechen ließe."

Die SZ begleitet die heutige Eröffnung des Filmfests München, das sich insbesondere auch ums deutsche Kino verdient macht. Mit Maren Ades Cannes-Erfolg "Toni Erdmann" als Eröffungsfilm zeigt das Festival allerdings auch, schreibt David Steinitz in der SZ, dass im Vergleich dazu "viele Filme trotz hübscher Ideen ziemlich blass" wirken. Steinitz' Kollege Tobias Kniebe hat unterdessen Werner Herzogs Internetdoku "Lo and Behold" gesehen. Fritz Göttler empfiehlt Albert Serras "La mort de Louis XIV" mit Jean-Pierre Léaud.

Apropos "Toni Erdmann": Anlass seines Erfolgs in Cannes hat der Freitag beim französischen Filmwissenschaftler Pierre Gras eine Expertise zur Einschätzung des deutschen Kinos aus französischer Sicht eingeholt. Sein Fazit: Dem deutschen Kino fehle "die Kontinuität der großen Namen. Man sollte also wünschen, dass das Fördersystem in Deutschland gezielt ästhetisch und thematisch anspruchsvolle Filme unterstützt, damit aus den Talenten von heute die großen Filmautoren von morgen werden."

Weiteres: In der taz empfiehlt Silvia Hallensleben eine Werkschau der Filme von Miron Zownir im Berliner Lichtblickkino. Für ZeitOnline porträtiert Alexander Krex das Videodrom, das cinephile Mekka unter Berlins Videotheken. In der NZZ erfreut sich Katja Baigger an "synästhetischen Gemeinschaftserlebnissen" im Open-Air-Kino.

Besprochen werden Maya Newells Dokumentarfilm "Gayby Baby" ( taz ), Claudia von Alemanns Filmporträt der Fotografin Abisag Tüllmann, "Die Frau mit der Kamera", und James Watkins Thriller "Bastille Day" mit Idris Elba und Richard Madden (beide Perlentaucher , FAZ).

Musik, 23.06.2016

Im amerikanischen Musikmagazin Fader stellt uns Atossa Abrahamian das französische Musiker-Duo PNL vor und sieht mit den Brüdern Ademmo und N.O.S. (zusammen PNL) eine neue Ära des Rap heraufziehen. "Politische Spezifizität, ganz zu schweigen von der Sprachbarriere, haben früher die Reichweite des französischen Rap auf die Metropole und ihre früheren Kolonien begrenzt. Aber PNLs unvergleichlicher Sound und ihre starke ästhetische Sensibilität haben das Potential, zu einem globalen Publikum zu sprechen. Im Jahr 2016, wo so viele Twentysomethings durch die Drohung einer fehlenden Zukunft und die Liebe zum Rapper 'Future' vereint sind, kombinieren PNL diese beiden, um die Welt, die sie einfordern, als ihre eigene zu begreifen."

Besprochen werden ein Auftritt von Mark Padmore ( FR ), ein Konzert von Udo Lindenberg ( FR ) und ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Fanny Ardant ( Tagesspiegel ).

Kunst, 23.06.2016

Marc Zitzmann unterhält sich für die NZZ mit vier Forschern über das Pariser Musée du Quai Branly für außereuropäische Kunst, das vor zehn Jahren eröffnet wurde. Nicola Kuhn besucht für den Tagesspiegel die Eröffnung des Erweiterungsbaus der Tate Modern. Daniele Muscionico sieht für die NZZ Weltkunst im erweiterten Bündner Kunstmuseum in Chur. Judith von Sternburg betrachtet für die FR den Altenberger Altar im Frankfurter Städelmuseum. Besprochen wird die Ausstellung "Peter Keetman: Gestaltete Welt - Ein fotografisches Lebenswerk" im Museum Folkwang in Essen (SZ).

Literatur, 23.06.2016

In einem Essay für die FAZ berichtet der Schriftsteller Stephan Wackwitz von seinen Re-Lektüren der Essays Wilhelm Lehmanns, die ihm vor Augen führten, welches Potenzial Gedichte bergen, wenn es darum geht, eigene Lebensstationen abzurufen oder auch die anderer Menschen in die eigenen einzuflechten. "Eigentlich ist das ein Wunder. Das Wunder derjenigen Aufhebung der Zeit, die nur in Gedichten stattfinden kann. Ein Wunder und ein Trost, den nur die Literatur uns gibt. Sie tröstet uns hinweg über das Vergehen der Zeit, darüber, dass wir sterben müssen, dass wir in Wahrheit unablässig sterben und dass jeder Moment, den wir zu erleben glauben, schon vorbei ist, wenn er uns zu Bewusstsein kommt. Literatur gehört zu den Dingen, die uns gegen die unaufhebbare Verzweiflung des Lebendigseins eingefallen sind."

In der NZZ unterhält sich Andreas Breitenstein mit dem Autor Héctor Abad über das glückliche Volk der Kolumbianer und sein neues Buch "La Oculta", das er erst nach einer langen Schreibkrise fertig stellen konnte. In dem Roman verarbeitet Abad viele eigene Erfahrungen aus seiner Familie - der Vater war Sozialist und Atheist, die Mutter tief gläubige Kapitalistin. "Ich liebte beide, und sie sind für mich ein leuchtendes Beispiel von Toleranz: Da taten sich eine Gläubige und ein Ungläubiger in Liebe und Respekt zusammen. Ich aber lernte beide Positionen zu hinterfragen und wurde zum Skeptiker, der ich heute bin - in Bezug auf Politik, Religion, Ökonomie und alle hehren Weltentwürfe."

Weiteres: Sonja Zekri ( SZ ) und Tilman Spreckelsen (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Rafik Schami zum 70. Geburtstag. Im Freitag schreibt Enno Stahl zum Tod des Popjournalisten und Schriftstellers Wolfgang Welt.

Besprochen werden unter anderem Peter Stamms "Weit über das Land" (FAZ) und Oliver Hilmes' "Berlin 1936" (SZ) sowie Ottmar Ettes "Der Fall Jauß", das offenbar neue Akzente in der Debatte um den Romanisten setzt ( NZZ ). Mehr in Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog zum literarischen Leben im Netz.

Bühne, 23.06.2016

Für den Aufmacher des Zeit-Feuilletons sammelt Moritz von Uslar Stimmen gegen den designierten neuen Intendanten der Volksbühne, Chris Dercon, der, so die Vorwürfe seiner Gegner, für Gentrifizierung und das "bunte Einerlei der Eventkultur" (Jürgen Flimm) stehe. Doch die Volksbühne, meint Uslar, "ist längst bei denen angekommen, deren politische Einstellung und Lebenspraxis sie immer bekämpft hat, bei den Hipstern, Agenturmenschen, IT-Unternehmern".

In der nach einem offenen Brief des Ensembles wieder entfachten Debatte um die Volksbühne "sind die Argumente stets schneller als die Fakten", meint Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung und fasst den aus seiner Sicht sehr verwunderlichen Lauf der Dercon-Debatte zusammen. Außerdem hat Seidler mit Thomas Oberender gesprochen, dem Intendanten der Berliner Festspiele, denen mit einer von Dercon zur multidisziplinären Kulturstätte umgewandelten Volksbühne eine handfeste Konkurrenz ins Haus stehen könnte. Die vom Ensemble geäußerten Vorbehalte findet er nicht völlig substanzlos: "Die Volksbühne ist bereits längst 'polyglott', international und interdisziplinär, und sie hat vor langer Zeit schon Choreografen, Companies, bildende Künstler und Musiker geholt. ... Dieser Brief ist nicht aus einer bornierten Provinzialität heraus geschrieben. Es ist ein Versuch, einen Unterschied zwischen der Globalisierung des Kunstmarktes und der Arbeitswelt des Theatersystems hierzulande auszudrücken."

Die Auslastung des Staatsschauspiels Stuttgart ist seit Armin Petras' Intendanz merklich gesunken, schreibt SZlerin Adrienne Braun in einem Überblick über die Situation am Hause. Was ihr aufgefallen ist: "Während Petras als Autor und Regisseur omnipräsent, fast hyperaktiv ist, bleibt er als Intendant zurückhaltend - und scheint den Dialog auch im eigenen Haus nicht zu suchen. Anders lässt sich nicht erklären, dass in diesen drei Jahren mehrfach Produktionen herauskamen, die so katastrophal missrieten, dass man sich fragen musste, wie es an einem Staatstheater zu solchen Ausreißern kommen kann."

Weiteres: Dorion Weickmann berichtet in der SZ vom Tanzkongress des Bundes in Hannover. Für die taz resümiert Dorothea Marcus das Impulse-Festival in Düsseldorf.


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 23.06.2016

Heute stimmen die Briten darüber ab, ob sie in der EU bleiben wollen. Zur Frage, wann das Ergebnis kommt, erläutert Sybille Klormannin Zeit online: "Die 382 Wahllokale schließen um 23 Uhr deutscher Zeit. Die Stimmzettel werden vor Ort ausgezählt, das jeweilige Ergebnis im Anschluss sofort verkündet. Wann feststeht, ob die Briten bleiben oder gehen, hängt davon ab, wie schnell die Stimmen ausgezählt sind. Mit einer klaren Tendenz wird gegen vier Uhr am Freitagmorgen gerechnet."

Und "täuschen Sie sich nicht", schreibt Tom McTague bei politico.eu dazu: "Downing Street ist echt nervös in der Frage des Ergebnisses. David Cameron untertreibt nicht: "382 Ergebnisse werden im Lauf der Nacht jede für sich eintröpfeln, die in Größe und Bedeutung dramatisch variieren. Birmingham liefert mit 700.000 Stimmen die bei weitem größte Zählung. Am anderen Ende des Spektrums liegen die Isles of Scilly, die mit 1.700 Stimmen eines der ersten Ergebnisse abliefern werden."

Wenn es erst mal das "Ancien Regime" der EU hinter sich gelassen hat, wird Britannien endlich all die Reformen durchführen können, die das Land fit fürs 21. Jahrhundert machen würden, behauptet, ohne weiter auf Einzelheiten einzugehen, Robert Gascoyne-Cecil, 7. Marquis von Salisbury, Mitglied des Erbadels im britischen Oberhaus, in der Welt: "Würden die anderen EU-Staaten unserem Beispiel folgen, könnten wir in Europa à la carte zusammenarbeiten und wieder mit dem Rest der Welt konkurrieren. Lasst uns nach dem Abschied darüber reden."

Am Tag des Brexit brilliert das FAZ-Feuilleton mit einem ganzseitigen Artikel des Philosophen Hermann Lübbe, der fragt, ob die antieuropäischen Populisten in Europa nicht doch irgendwie recht haben - etwa in ihrer Kritik am Euro: "Schwerwiegende Mängel der Regeln, die die Einheitswährung solide machen sollten, liegen zutage, die inzwischen entdeckte und praktizierte Möglichkeit der Europäisierung der Staatsschulden vor allem. Die Schadensträchtigkeit der Entwicklung hat Dimensionen, die sich in der Standardabwehr verantwortlicher Parteien spiegelt: Sie sakralisieren den Währungsverbund, wie Peter Graf von Kielmansegg das genannt hat. Das bedeutet: Man beschweigt feiernd, was zu erörtern wäre. Die Konsequenz dieses Verhaltens ist demokratiepolitisch ihrerseits schadensträchtig."

Die AfD hat klare Probleme mit der Idee demokratischer Repräsentation, meint die Forscherin Liane Bednarz im Gespräch mit Tobias Dirr von der SZ: "Wenn man davon ausgeht, es gebe einen Volkswillen, den nur eine bestimmte Partei zu ergründen in der Lage ist, dann ist natürlich klar, dass die anderen Parteien diesen nicht erkennen. Wir sehen das zum Beispiel deutlich am Umgang der AfD mit den anderen Parteien. Einige ihrer Vertreter sprechen immer wieder von 'Altparteien' bzw. einem 'Altparteienkartell' und neuerdings auch abschätzig von den 'Konsensparteien'. Auch das AfD-Motto 'Mut zur Wahrheit' macht klar: Die anderen, das sind die Lügner."

Religion, 23.06.2016

Peter Weissenburger unterhält sich in der taz mit dem französischen Imam Ludovic-Mohamed Zahed, der offen als Schwuler lebt und überzeugt ist, dass der Prophet, würde er heute leben, auch gleichgeschlechtliche Ehen gutheißen würde: "'Den Islam' gibt es nicht. Es gibt nur Muslime, die sehr unterschiedliche Vorstellungen von dem haben, was wir 'Islam' nennen. Es gibt keinen 'Herrn Islam', den man anrufen kann, um zu fragen, was er - oder sie - von diesem oder jenem hält. Selbstverständlich können aus dem Islam, so wie aus jeder Zivilisationsform, Faschismus und Totalitarismus hervorgehen. Aber das passiert in allen Gesellschaften hin und wieder, speziell in Krisenzeiten."

Gesellschaft, 23.06.2016

Fußballmannschaften sind heute bunt gemischt. Mit Willkommenskultur hat das nichts zu tun, ein "Triumph des Identitären" ist es aber auch nicht, meint Dirk Schümer in der Welt. Warum also weckt "die Mannschaft" immer noch so patriotische Gefühle? "Sie produziert zeitgemäße Bindungen für coole Bindungslose, denn die Manager und Sponsoren, die sich in den Geschäftslounges der Fußballstadien drängen, haben exakt denselben internationalen Werdegang wie die Sportler, die genau wie sie für das meiste Geld ihre Arbeitgeber suchen - egal unter welcher Flagge, egal auf welchem Kontinent."

Medien, 23.06.2016

Emily Bell erläutert in der Columbia Journalism Review eine Studie über soziale und traditionelle Medien und wird dramatisch: "Vor achtzehn Monaten hatten Firmen wie Facebook, Apple, Twitter, Snapchat und Google noch eine Beziehung auf Augenhöhe zum Journalismus, nun sind sie zur dominierenden Kraft in einem neuen Ökosystem geworden". Bell spricht vor allem die direkt auf den Plattformen veröffentlichten Artikel der Medien an. Sie kritisiert unter anderem, dass "Größe wichtig ist. Kleinere und lokale Newsrooms fühlen sich links liegen gelassen, während die größeren oder netzaffineren Medien die engste Beziehung zu den Plattformen hatten." Die größte Spannung erzeuge aber die Frage, "wem der Nutzer gehört... Ist der Leser der New York Times auf Facebook ein New-York-Times-Leser oder ein Facebook-Nutzer, der in die New York Times schaut?"

Wissenschaft, 23.06.2016

Alle lieben "rote" Gentechnik. Insulin, bestimmte Krebsmedikamente, der Wirkstoff gegen Hepatitis - wird alles mittels Gentechnik hergestellt und brav geschluckt oder gespritzt. Aber wehe, eine genmanipulierte Gurke kommt auf den Tisch, dann geht das Abendland unter. "Grüne" Gentechnik ist verpönt. CRISPR/Cas9, ein Art Genom-Editor, bietet seit einiger Zeit ganz neue Möglichkeiten der Genmanipulation. Man kann damit zum Beispiel Teile eines Genoms abschneiden, auf dem eine bestimmte erbliche Krankheit sitzt: Brustkrebs, Chorea Huntington oder HIV.

In der Zeit nimmt Thea Dorn die Widersprüche in der Debatte um die Gentechnik auseinander. Warum die Hysterie bei grüner Gentechnik, wenn rote Gentechnik weithin akzeptiert ist? Sie erinnert an die Debatte, die losbrach, als Sibylle Lewitscharoff kinderlosen Frauen empfahl, ihr Schicksal einfach hinzunehmen, "statt nach dem Reproduktionsmediziner zu rufen. Allerdings frage ich mich, wie es zusammenpasst, dass diejenigen Kräfte in unserer Gesellschaft, die sich für die fortschrittlichsten halten - die selbstverständlich dafür sind, dass eine Frau die Dienste der Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen darf, die selbstverständlich dafür sind, dass sich ein Mensch, der sich in seinem Körper unwohl fühlt, einer offiziell anzuerkennenden Geschlechtsumwandlung unterziehen kann -, dass just diese Fortschrittsfreunde an vorderster Front aufmarschieren, wenn es darum geht, den Allmachtsfantasien von Genforschern Einhalt zu gebieten. Müsste nicht gerade 'die Linke' es vorbehaltlos begrüßen, wenn der Mensch mit seiner Selbstermächtigung endgültig ernst macht?"

In der FAZ hat der Präsident der Leopoldina, Jörg Hacker, schon im Mai erklärt, wie mit CRISPR/Cas auch Zellen der menschlichen Keimbahn verändert werden, die dann genetisch weitervererbt werden könnten. Hacker sprach sich in seinem so unaufgeregten wie informativen Artikel gegen Eingriffe in die Keimbahn aus, weil man noch zu wenig über die Folgen wisse. Das müsse aber nicht so bleiben: "Bertolt Brecht hat in seinem 'Galilei' darauf hingewiesen, dass die Wissenschaft die Marktplätze erobern müsse. Dies gilt ganz besonders im Hinblick auf die öffentliche Diskussion über den Einsatz der Genom-Editierung."



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