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Heute in den Feuilletons: "Kunstlosigkeit als Kunstgriff"

Die Anschläge von Brüssel beherrschen die Medien. Außerdem: Die "Presse" sieht in der neuen Bekenntnisliteratur à la Knausgard einen Rückfall hinter moderne Erzähltheorien. Und die "taz" fragt, wann es AC/DC in "Spex" und "Emma" schaffen werden.

Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 23.03.2016

Im Blog der NYRB stellt Robyn Creswell das syrische Filmkollektiv Abounaddara vor, das seit Jahren eine immense Porträtsammlung von Syrern im Krieg bei Vimeo ins Netz stellt: "Im Gegensatz zu den makabren Gewohnheiten der Fernsehberichte zeigen die Filme von Abounaddara, die meist zwei bis drei Minuten dauern, nicht Berge von Toten, sondern Individuen, die - meist direkt in die Kamera - sprechen. Diese Filme, in denen Fußballspieler der Nationalmannschaft ebenso auftreten wie trauernde Eltern, frühere Gefangene des IS, Intellektuelle und Flüchtlinge, sind kraftvolle Porträts einzelner Syrer, doch können sie schwer entziffert werden, auch weil wir so wenig über ihre Geschichte und ihren Hintergrund erfahren. Doch die Zurückhaltung von Informationen ist beabsichtigt. Die Filme beginnen und enden mitten im Geschehen, der Zuschauer muss sich die Bedeutung selbst zusammenreimen. Sie zwingen uns zum Hinsehen und Nachdenken."

Besprochen werden die Komödie "Rock The Kasbah" mit Bill Murray (ein "Desaster", ächzt Tobias Kniebe in der SZ) und Laurie Andersons "Heart of a Dog" (FAZ).

Literatur, 23.03.2016

In der Presse bläst Bettina Steiner zur Attacke auf die neue Bekenntnisliteratur. Sie kann in den Romanen von Karl Ove Knausgard, Tomas Espedal oder Benjamin von Stuckrad-Barre keine neue Aufrichtigkeit erkennen, sondern beschädigten Narzissmus: "Der Norweger Karl Ove Knausgard geht hinter die modernen Erzähltheorien zurück und es interessiert ihn auch nicht, dass man sich neuen Studien zufolge nicht an ein Ereignis erinnert, sondern nur an die letzte Erinnerung daran. In seinem Zyklus 'Mein Kampf', dessen einzelne Romane programmatisch kurze Titel wie 'Spielen', 'Träumen' oder 'Lieben' tragen, wird die eigene Biografie naiv und plan erzählt, wobei es zum Erfolgsrezept der neuen Bekenntnisliteratur gehört, dass man sich nie gewiss sein kann, ob Wiederholungen, Banalitäten und Leerläufe passieren - oder ob sie gewollt sind: die Kunstlosigkeit als Kunstgriff, um den Anschein der Authentizität zu wahren."

Besprochen werden Senthuran Varatharajahs "Vor der Zunahme der Zeichen" ( SZ , Tagesspiegel ), John Irvings Roman "Straße der Wunder" ( Welt ), Rodolphe Töpffers Comicvorläufer "Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois" ( SZ ), Siegfried Lenz' "Der Überläufer" ( Zeit ), Irma Nelles' "Der Herausgeber. Erinnerungen an Rudolf Augstein" ( FR ),Friedrich Christian Delius' "Die Liebesgeschichtenerzählerin" ( Tagesspiegel ) und Antje Rávic Strubels "In den Wäldern des menschlichen Herzens" (FAZ). Mehr im Netz über Literatur in unserem Metablog Lit21.

Kunst, 23.03.2016

Petra Kipphoff besucht für die NZZ die bereits vielgefeierte Manierismus-Ausstellung im Frankfurter Städel und beschreibt sehr genau, wie die bildschönen Idyllen der Renaissance bei Jacopo Pontormo, Rosso Fiorentino und Agnolo Bronzino zu "erotisch angehauchten Komödien" verfremdet wurden. Andrea Köhler schreibt über Laura Poitras' Ausstellung "Astro Noise" im New Yorker Whitney Museum. Auf ZeitOnline porträtiert Andrea Böhm den libanesischen Künstler Abed al-Kadiri.

Besprochen werden die Ausstellung "The Turn" mit KünstlerInnen des Arabischen Frühlings im Wiener Kunstraum Niederösterreich ( Standard ), die Ausstellung "Demo:Polis" in der Akademie der Künste in Berlin ( taz ), eine Franz von Assisi gewidmete Kunstausstellung in Ascoli Piceno ( SZ ), eine Ausstellung mit Reisebildern von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson im Kupferstichkabinett in Berlin ( Tagesspiegel ) und die Ausstellung "Dadaglobe" im Kunsthaus Zürich ( Tagesspiegel ).

Architektur, 23.03.2016

Eines der bedeutendsten Zeugnisse der russischen Revolutionsarchitektur ist von Rost und Abriss bedroht, meldet Niklas Maak in der FAZ: Der von Wladimir Schuchow konstruierte Radioturm in Moskau: "Schuchow war der Erfinder des Stahlnetzturms. Seine Hängedächer und Gittertürme in Form von Hyperboloiden ließen den Eiffelturm wie eine etwas ungelenke Materialverschwendung aussehen: Gleich nach der Oktoberrevolution von 1917 wurde der Ingenieur beauftragt, für die Komintern-Radiostation an der Moskauer Schabolowka-Straße einen 350 Meter hohen Sendemast zu entwerfen."

Musik, 23.03.2016

Frank Schäfer sorgt sich in der taz sehr um sein Lieblingsgenre: Kokettierte man im Heavy Metal früher noch mit drohender Taubheit, sehen sich die alten Recken, sofern sie denn noch leben, auf der Bühne heute mit tatsächlichem Gehörverlust konfrontiert, wie aktuell im Fall Brian Johnson von AC/DC zu beobachten. Wer könnte künftig für Ersatz sorgen? Vielleicht eine Frau? Beißt sich das nicht mit den teils rustikal sexistischen Fantasien der AC/DC-Texte? Schäfer meint: "Eine Frau würde aus diesem Schlicht-und-Simpel-Sexismus ein polyvalentes, mehrfach kodiertes Queer-Gender-Dingsbums machen. Oder in schöner Ironie offenlegen, dass diese Texte nichts weiter sind als großmäuliger, hirnverbrannter, nichtsnutziger, aber eben doch auch ganz hübsch klingender Quatsch. Und AC/DC würden damit auch noch die letzte Bastion nehmen - Spex, Emma und all die anderen."

Weiteres: In der taz porträtiert Josef Wirnshofer den auf Ambient und House spezialisierte Label- und Plattenladenverbund Public Possession Records aus München.

Besprochen werden der Reggae-Dokumentarfilm "Lee Scratch Perry's Vision of Paradise" ( SZ ), ein Konzert von Michael Kiwanuka ( Tagesspiegel ) und ein Konzert von Jonas Kaufmann ( Tagesspiegel ).

Bühne, 23.03.2016

Im Standard berichtet Helmut Ploebst vom Osterfestival in Innsbruck, wo das tunesische Choreografenpaar Aïcha M'Barek und Hafiz Dhaou mit ihrem Stück "Sacré Printemps!" auftrat: "Es geht um den Versuch einer Bewältigung des Aufstands und seiner Folgen, aber auch ums Prinzip: 'Die Freiheit ist manchmal abwesend, aber sie verschwindet nie.'"

Besprochen werden Antú Romero Nunes' "Vampyr"-Inszenierung an der Komischen Oper Berlin ( NMZ , mehr im gestrigen Efeu), Ragnar Kjartanssons Melodram "Krieg" an der Berliner Volksbühne ( Welt ), Dmitri Tcherniakovs Kombi-Inszenierung von Tschaikowskis "Nussknacker" und "Iolanta" in Paris ( SZ), eine in Halle gezeigte Puppentheaterversion von Florian Illies' Roman "1913" ( taz ), Robert Carsens Wiener Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oper "Agrippina" (FAZ) und Calixto Bieitos Nürnberger Inszenierung von Leoš Janáceks Oper "Aus einem Totenhaus" (FAZ).

Design, 23.03.2016

In der DDR waren Werner Klemkes Designarbeiten allgegenwärtig, schreibt Jens Bisky in der SZ. Eine Ausstellung im Museum der Dinge in Berlin bietet nun eine Gelegenheit zum Wiedersehen, die Bisky dankbar wahrgenommen hat: "Der Minimalismus der Gestaltung gewinnt heute einen eigenen Reiz. Die DDR liegt nun lange genug zurück, um deren versunkene Warenwelt nicht länger nostalgisch oder aburteilend zu betrachten. Der Blick ist frei für gelungene Lösungen, gutes Handwerk, recycling-freundliche, Reparaturen ermöglichende, im Materialverbrauch sparsame Produkte."


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 23.03.2016

Schwerpunkt Brüssel

Der Tag nach den Attentaten von Brüssel. Christophe Berti, Chefredakteur von Le Soir in Brüssel, spricht im Leitartikel von einem Gefühl, das ihn bedrängt. Es ist "schrecklich, diffus und intensiv zugleich. Das Gefühl, dass dieser Dienstag in Brüssel nicht das Ende, sondern der Beginn von etwas ist. Der Beginn eines anderen Lebens, einer Gesellschaft, die belastet ist, verschlossener, härter, weniger sorglos und vielleicht - eine große Angst - hasserfüllter Gegen dieses Gefühl müssen wir kämpfen."

"Eine Attacke auf die europäische Legitimität", betitelt Pierre Briançon seinen Kommentar, ebenfalls in politico.eu: "Das letzte, was Europa noch gebrauchen konnte, war der Eindruck, dass es seine Bürger nicht vor Terrorismus und 'Krieg' schützen auf seinem eigenen Boden kann - um das Wort zu gebrauchen, das der französische Premier Manuel Valls gestern wieder benutzte. Nach acht Jahren Wirtschaftskrise, einem massiven Flüchtlingsstrom, dem Verlust von Vertrauen in die Institutionen und Skepsis über ihren Zweck sieht die Union nach den Brüsseler Anschlägen aus wie ein Teil des Terrorismus-Problems."

Beschwichtigende Worte findet Susan Mücke von den Krautreportern. Man solle einsehen, "dass Terroranschläge auch ein Zeichen der Hilflosigkeit sind, dass jeder Syrer und Iraker, der sich nicht Isis anschließt, der lebende Beweis ist, dass das sogenannte Kalifat von Isis nicht lebenswert ist. Es gilt zu verstehen, dass Gewalt tatsächlich keine Strategie ist, um Konflikte zu lösen."

Und ganz finster klingt Jürg Altwegg, der in der FAZ über Streit zwischen Belgien und Frankreich schreibt: "Frankreich ist Paris und Belgien die Provinz. Von einer Schicksalsgemeinschaft ist nach den Anschlägen in Brüssel erbärmlich wenig zu spüren. Die innenpolitische Instrumentalisierung des Terrors und die Schuldzuweisungen gehen munter weiter."

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Ein Gutes hatten die jüngsten Landtagswahlen, meint der in Sachsen-Anhalt lebende Schriftsteller Christoph Hein im Interview mit der Berliner Zeitung: Jetzt weiß man wenigstens, wo die Leute stehen. Die Grenzen für Flüchtlinge öffnen will er auch nicht und zeigt lieber mit dem Finger auf andere: "Das geht nicht. Dann wären die reichen Länder besonders gefährdet. Sie würden als erstes untergehen. Nein, aber wir werden Menschen bleiben müssen. Wir werden human arbeiten müssen. Es gibt Schuldige für diese Flüchtlingskrise. Diese Menschen lebten früher in Diktaturen, deren Führer uns nicht angenehm waren. Dann beschlossen die USA, dass wir die alle wegknallen und seitdem ist Chaos in den Ländern mit Hunderttausenden Toten und Millionen Flüchtlingen."

Religion, 23.03.2016

All jene, die behaupten, der Terror habe "nichts mit dem Islam zu tun", gehören für Jochen Hoerisch, der im Mannheimer Morgen schreibt, zu den "problematischsten und entschiedensten Eurozentrikern. Sie verkennen, dass auch ein Multimillionär wie Osama bin Laden muslimisch-wahabitisch inspirierter Massenmörder sein kann - und dass er Wert darauf legt, als streng religiöser Muslim wahrgenommen zu werden. So stellt sich die Frage, wie man in öffentlichen Diskussionen mit der ersichtlichen Pathologieanfälligkeit des gegenwärtigen Islams umgehen soll, auf den sich massenmörderische Islamisten ausdrücklich berufen."

Zehntausende Kinder in den USA, Irland, Mexiko und vielen anderen Ländern sind in den letzten fünfzig Jahren von Priestern vergewaltigt worden, schreibt Caroline Fourest in ihrem Blog. Nun tut sich etwas in der Kirche. Aber tut sich auch das Richtige? "In großer Verwirrung hat die Kirche versucht, Empfehlungen auszuarbeiten, um pädophilen Vergewaltigungen vorzubeugen. Seit Benedikt XVI. haben die Empfehlungen zur Folge, dass Täter nicht mehr gedeckt werden, was ein großer Fortschritt ist. Für die Früherkennung von Fällen fordern sie, dass über jede homosexuelle Tendenz bei jungen Seminaristen berichtet wird... Als hätten Homo- oder Heterosexualität irgendetwas damit zu tun, ob jemand kleine Jungen oder Mädchen vergewaltigt. Diese Verwirrung ist nicht nur ein Zeichen schrecklicher Vorurteile. Sie verrät eine große Ratlosigkeit und stellt die Fähigkeit der Kirche in Frage, das große Übel, das sie zerfrisst, zu bewältigen."

Denkmalpfleger und Kunsthistoriker aus ganz Deutschland haben die Katholische Kirche in Berlin in einem Offenen Brief vor dem geplanten, 40 Millionen Euro teuren Umbau der Hedwigskathedrale gewarnt, berichtet in der Berliner Zeitung Nikolaus Bernau: "Es handele sich um 'Teilabriss, Denkmalzerstörung und Teilneubau' eines der bedeutendsten Kunstwerke der Nachkriegszeit. Dies gehöre zwar juristisch der Kirche, darüber hinaus aber auch einer weltweiten 'Erbengemeinschaft'. [...] Die Liste der Unterzeichner umfasst so ziemlich alle deutschen Denkmalpfleger, Historiker und Kunsthistoriker, die sich mit der Kunst der Nachkriegszeit auseinander gesetzt haben, aber auch Architekten wie Volkwin Marg."

Geschichte, 23.03.2016

Leicht lokalpatriotisch liest sich ein namenloser Blogeintrag in der Dublin Review of Books, der behauptet, es habe in Irland nie Antisemitismus gegeben - und das trotz des großen Einflusses katholischer englischer Autoren wie GK Chesterton oder Hilaire Belloc, die sehr wohl Antisemiten waren. Aber wie auch immer: Karacho hat eine im Blog zitierte zeitgenössische Antwort Aodh de Blacams (alias Hugh Blackhams) auf Chestertons Behauptung, Juden hätten die Engländer bei der Bekämpfung der irischen Unabhängigkeitsbewegung angetrieben: "De Blacam betont, dass es Gewalt gegen Zivilisten schon im Jahr 1798 und zur Zeit Williams und Elizabeth' I. gegeben habe: 'War Oliver Cromwell ein Jude?', fragt er. 'Bezahlten ihn Juden, um Frauen in Kirchen aufzuschlitzen, waren es Juden die Iren als Sklaven verkauften? War der Edelmann und Dichter Edmund Spenser, der dazu aufrief, 'alle, die das Vieh die Hügel hochtreiben', zu peinigen, Jude? Aber angesichts all des Elends und der zum Himmel schreienden Verzweiflung fällt den Chesterbellocites (die ich so bewundere) kein anderes Mittel ein, als ein unglückliches Volk im Exil, das kaum einen Einfluss auf die englische Politik hat, an den Pranger zu stellen."

Felix Ackermann schreibt in der FAZ über die Schwierigkeit der Litauer, die eigene Beteiligung am Holocaust zu thematisieren - auch wenn es wichtige institutionelle Initiativen und mutige Historikerinnen wie Ruta Vanagaite gibt: "Noch gedenkt man an der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften am Fuße des Burgbergs von Wilna des Waldbruders Jonas Noreika ausschließlich als eines Opfers des Stalinismus. Noreika wurde 1947 im Gebäude des heutigen Genozid-Museums, des damaligen Sitzes des sowjetischen Geheimdienstes, wegen seiner Beteiligung am bewaffneten Widerstand gegen die sowjetische Besatzung Litauens hingerichtet. Dass er zuvor im August 1941 auch die Erschießung von Juden im nordlitauischen Zagare mit organisierte, ist bekannt, aber für die Akademie der Wissenschaften kein Grund, die Ehrentafel zu entfernen."

Ideen, 23.03.2016

In der FAZ denkt Mark Siemons mit Carl Schmitt und Hannah Arendt darüber nach, wie sich der Widerspruch von universalen Menschenrechten und nationaler Souveränität auflösen ließe und schließt: "Die katastrophischen Ereignisse, die die Flucht von Millionen erzwingen, machen aus einem vermeintlich akademischen Zwiespalt eine höchst praktische, überlebenswichtige Frage: Wie kann ein Europa aussehen, das weder seine alten noch seine neuen Bewohner zu Aliens macht? Bisher hat man nicht den Eindruck, als wollte sich Europa auf eine solche Frage einlassen."

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