Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Heute in den Feuilletons: "Lektion in Freigeistigkeit"

Der "Standard" lernt von der Künstlerin Nilbar Güres, wie sich ein Kaktus emanzipiert. Die köstlichen Schauer des Erhabenen durchdringen die "NZZ" in Metz. Volker Koepps Film "Landstück" versöhnt den "Freitag" mit der Idee von der Austauschbarkeit des Menschen.

Efeu - Die Kulturrundschau

Design, 05.03.2016

Morgen eröffnet im Museum of Fine Arts, Boston (MFA) eine Schau, die den Einfluss neuer Technologien auf die Mode zum Thema hat, meldet Dezeen. 60 Kleidungsstücke zeigen, was man heute alles machen kann: Ledercapes, die je nach Licht, Wärme und Wind die Farbe wechseln. Kleider, die sich unabhänging von der Trägerin bewegen, ein lebendiges Kleid, dass Tweets darstellt oder ein interaktives Kleid, dass Bilder aus dem Museum darstellt, die Betrachter mit dem Ipad auswählen können.

Außerdem stellt Dezeen im Interview mit Chefredakteur Nathan Williams das neue, auf Instagram unglaublich erfolgreiche und wirklich sehr schöne Designmagazin Kinfolk aus Portland vor.

Literatur, 05.03.2016

Die deutsche Lyrik ist im Wandel begriffen, seit vergangenes Jahr der Leipziger Buchpreis an Jan Wagner ging, schreibt Hilmar Klute in der SZ. Für eine Reportage auf Seite Drei hat er sich auf die Reise quer durch Deutschland begeben und mit Lyrikern, Verlegern und Herausgebern gesprochen. Fazit: Zu beobachten sind Neid, Missgunst, Kritik, aber auch Hoffnungen darauf, dass sich Lyrik fortan besser positionieren lässt. Und: "Ist es nicht unglaublich, wie alle sich an diesem Dichter abarbeiten? Als Jan Wagner den Leipziger Preis bekam, gab es Dresche auch außerhalb der Kollegenwelt. ... Erstaunlich, wie vehement Gedichte plötzlich zu Leistungsträgern gemacht werden, nachdem man sie viele Jahre lang für marginal erachtet hatte. Und fast komisch auch, wie sich manche Kritiker in Rage bringen, wenn ein Schriftsteller etwas schreibt, ohne sich zu vergewissern, ob er deren feuilletonistischen Klassenauftrag erfüllt."

Sehr grundsätzlich um Lyrik geht es heute auch in der FAZ. Dort hält der Dichter Arno Rautenberg ein flammendes Plädoyer für die Aufwertung und Anerkennung von Kinderlyrik. "Letztlich ist das Sensibilisieren für die Poesie nichts anderes als eine Lektion in Freigeistigkeit, die helfen kann, das lustvolle und zwanglose Denken zu fördern. Freier Geist und Spiel sind gute Gefährten, um sich ans Unvorstellbare heranzuwagen."

Außerdem dokumentiert die FAZ Eva Menasses auf dem Abschlussfest des Villa-Massimo-Jahrgangs gehaltene Rede. Das luxuriöseste, da bedingungsloseste Stipendium des deutsche Literaturbetriebs macht sie darin als ein tückevolles Geschenk kenntlich: "Man kann mit dieser Freiheit gar nicht umgehen. Wenn der Alltag zu Hause, das Altbekannte, gelegentlich Klaustrophobie erzeugt, so erzeugt das Jahr in der Villa Massimo Agoraphobie, die philosophisch viel interessantere Angst ... Das Geschenk ist das eiskalte innere Wasser, das in all der Schönheit und dem Luxus zu sprudeln beginnt. Das wahre Geschenk ist die gnadenlose Selbstbefragung, die so unangenehm ist wie das Paradies."

Weiteres: In der FAZ gratuliert Rose-Maria Gropp der Schriftstellerin Silvia Bovenschen zum 70. Geburtstag. Außerdem hat die Zeit Ijoma Mangolds Homestory über Heinz Strunk online nachgereicht (unsere Rezensionsnotizen zu seinem neuen, gefeierten Roman "Der goldene Handschuh" hier).

Besprochen werden Emmanuel Carrères Buch über das Urchristentum "Das Reich Gottes" ( Welt ), Misha Glennys "Der König der Favelas" ( Welt ), Norbert Gstreins Roman "Die freie Welt" ( NZZ ), Ulrich Schmids "Technologien der Seele" ( NZZ ), Riad Sattoufs Comic "Der Araber von Morgen 2" ( taz ), Milena Busquets' "Auch das wird vergehen" ( FR ), Siegfried Lenz' "Der Überläufer" ( Tagesspiegel , sowie online nachgereicht von der FAZ), Nis-Momme Stockmanns "Der Fuchs" (FAZ) sowie neue Krimis von Ryan Gattis und Garry Disher ( Perlentaucher ).

Kunst, 05.03.2016

"Köstliches Erschauern" durchdrang Samuel Herzog in der NZZ in der Schau über das "Sublime" im Centre Pompidou in Metz. Und das lag nicht am Mirabellenschnaps, wie er versichert, sondern an der klugen Konzeption: "Hélène Guenin beschränkt sich auf die Definition von Burke und versteht das Erhabene als jene Mischung aus Anziehung und Abstoßung, die der Mensch im Angesicht der entfesselten Naturgewalten empfindet. Diese Reduktion erlaubt es ihr im Gegenzug, einen weiten Bogen zu schlagen, der zwar bei der menschlichen Auseinandersetzung mit den Mächten von Berg und Ozean beginnt, bald aber bei Fragen der Umweltzerstörung landet."

Im Standard porträtiert Anne Katrin Fessler die in Wien lebende kurdisch-alevitische Künstlerin Nilbar Güres: "Individuen, die sich nicht zwischen zwei vorgegebenen Wegen entscheiden wollen, sondern ihre eigene Richtung einschlagen - so wie sie selbst - tauchen in Nilbar Güre¿' Werk immer wieder auf. So eine freiheitsliebende Figur ist auch ihre Kaktee, eine stachelige Heldin, deren skulpturale Gestalt und deren Dornenkleid dank textilen Materials weich geraten ist. Die zähe Pflanze, die in freier Natur zu mächtiger Größe heranwächst, sprengt ihr Blumentopfgefängnis, emanzipiert sich im Laufschritt." (Nilbar Güre¿, Escaping Cactus, 2014. Foto: Galerie Martin Janda)

Beeindruckt kommt Christiane Hoffmans aus Thomas Struths Ausstellung "Nature and Politics" im Folkwang Museum Essen, vermisst in der Welt aber ein wenig den roten Faden. In der FR gedenkt Ingeborg Ruthe dem vor 100 Jahren bei der Schlacht um Verdun gefallenen Maler Franz Marc.

Besprochen werden die Ausstellung "Secret Surface" in den Kunst-Werken in Berlin ( Tagesspiegel ) und eine Ausstellung über die Künstlerfamilie Cranach im Puschkin-Museum in Moskau ( Berliner Zeitung , FAZ).

Musik, 05.03.2016

In der taz spricht Jens Uthoff mit der chinesischen Popmusikerin Helen Feng von der Band Nova Heart (hier einige Hörproben). Für den Freitag spricht Jürgen Ziemer mit der Elektrokünstlerin Fatima Al Qadiri. Der Nachlass von Claudio Abbado kommt nach Berlin, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Die FAZ hat Eleonore Bünings Bericht von ihrer Reise nach Tokio, wo die Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim einen Bruckner-Zyklus gespielt hat, online nachgereicht. Die von der Landesbibliothek Dresden erworbenen Materialien zum ersten Klaviertrio von Robert Schumann bieten einen "unvermutet tiefen Einblick in die Werkstatt des Komponisten", schreibt Jan Brachmann in der FAZ.

Besprochen werden das neue Album von Lucinda Williams ( FR ), neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Fatima Al Qadiri ( ZeitOnline ), und die Ausstellung "Total Records" im Fotomuseum Winterthur (SZ).

Außerdem: Da staunen die Popjournalisten weltweit Bauklötze: Kendrick Lamar hat gestern überrachenderweise ein neues Album via Spotify veröffentlicht (eine erste Besprechung bringt die Welt). Es heißt "Untitled Unmastered" und übt sich angefangen vom Titel über das nicht vorhandene Coverartwork bis hin zu den unbetitelten Stücken in der Kunst der Informationsverweigerung.

Bühne, 05.03.2016

Mit "50 Grades of Shame" dekonstruiert die Gruppe She She Pop an den Münchner Kammerspielen die Geschlechterrollen und -verhältnisse. Das Kritikerinneninteresse an der Veranstaltung wurde im Zuge ebenfalls zerlegt: Was hätte man daraus nicht alles machen können, stöhnt Christine Dössel in der SZ. "Aber nein. Das, was die vier weiblichen und vier männlichen Körperforscher da in 14 Lektionen hübsch schulmeisterlich und in Workshop-gruppendynamischer Cross-Gender-Verteilung auf die Bühne bringen, ist derart brav und unsinnlich und so ohne jede Not, dass man ihnen am liebsten ein Blümchen schenken möchte (für den entsprechenden Sex). Wedekind war ein Extremist dagegen."

Ein bisschen gnädiger, aber ähnlich unzufrieden schreibt Katrin Bettina Müller in der taz. Für sie bleibt das "Weggeblendete eine ungenutzte Brache". Die nachtkritik war gestern freundlicher.

Architektur, 05.03.2016

Der von Santiago Calatrava entworfene Bahnhof beim World Trade Center ist der von den Behörden bestellte "Knalleffekt" geworden, schreibt Peter Richter in der SZ über den Saurierbrustkorb: "Sieht es elegant, schnittig und sehr nach Calatrava aus? Aber wie!" Instagram werde aus den Nähten platzen, prophezeit er.

Schauderhaft findet es Gerhard Matzig in der SZ, wenn sich die Kirchen ab 1. April unter die Obhut von Unternehmensberatern begeben, wenn es um größere Bauprojekte geht: "Schon längst herrscht das Primat der Zahlen über das Terrain architektonischer Qualität. Nun auch in der Kirche, dem letzten Hort der Baukultur? Baukultur ist das Ergebnis von eingehaltenen Kosten, Terminsicherheit und Gestaltungskraft. Baukultur ergibt sich nicht aus dem Fundus der Billigbaumärkte. Baukultur ist vor allem auch ein Überschuss der Baukunst, die auf ein inneres Verstehen jenseits allen 'Managements' und aller 'Optimierung' zielt."

Mehr Toiletten, fröhlichere Farben, doch ansonsten wenig Vielversprechendes: Frederik Hanssens Ausblick im Tagesspiegel auf die nach langer Sanierung im Oktober 2017 den Betrieb wieder aufnehmende Berliner Staatsoper fällt reichlich missmutig aus: "An die Zuschauer (...) hat der Senat als Letztes gedacht."

Weiteres: Die FAZ hat Andreas Platthaus Lobeshymne auf das Len Lye Center in Neuseeland online gestellt. Besprochen werden zwei Ausstellungen über Arno Brandlhuber in Berlin und Zürich (FAZ).

Film, 05.03.2016

Mit "Landstück" kehrt der große Dokumentarist Volker Koepp zurück in die Uckermark, die er bereits 2002 im gleichnamigen Film in den Blick genommen hatte. Mit "putzigen RBB-Dokumentationen" hat Volker Koepps Kino allerdings nichts zu tun, versichert uns Matthias Dell im Freitag. Der Kritiker mag vor allem, wie Koepp den Bewohnern der Region begegnet, etwa rüstigen alten Damen, die ihre Männer überlebt haben: "In ihrer Summe verdichten sich die Lebensbilanzen der trinkfreudigen Ladys auf Chroniken, in denen das Leben als Abfolge von mühsamer Arbeit und grundsätzlicher Feierbereitschaft erinnert wird. Gerade das Austauschbare erweist sich hier als das Interessante, weil der Blick in das Gesicht der menschlichen Existenz nicht verstellt ist von der Schminke eines Individualismus, der sich mit der eigenen Bedeutsamkeit über den Umstand seiner Vergänglichkeit täuschen will." Auch FR-Kritikerin Anke Westphal hat sich ganz vernarrt in die Leute, die der Film porträtiert. Weitere Besprechungen in taz , critic.de und der FAZ.

Außerdem gratuliert FAZ-Filmkritiker Andreas Kilb Andrzej Wajda zum Neunzigsten.

Besprochen werden László Nemes' Auschwitz-Drama "Son of Saul" ( taz ) und Michael Bays Kriegsfilm "13 Hours" ( FAZ ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 05.03.2016

Man kann Geschichte nicht einfach entsorgen. Deshalb findet Timothy Garton Ash es richtig, dass die Rhodes-Statue in Oxford stehen bleiben darf, auch wenn ihr Vorbild ein ausgewiesener Rassist war. Die Debatte, die einige Studenten ausgelöst haben, fand er jedoch höchst produktiv. Vielleicht, schlussfolgert der 1955 geborene Historiker im Guardian, sollten auch die Briten anfangen, sich ihrer kolonialen Vergangenheit zu stellen: "Natürlich wusste ich, dass die britischen Imperialisten schlimme Dinge getan hatten. Aber ich glaube, es stimmt, dass man heute in Britannien Geschichte studieren und als politisch bewusster Bürger leben kann, ohne mit diesem Erbe besonders konfrontiert zu werden. Die britische Erinnerung an das Empire ist ziemlich wolkig - und das heißt auch gnädig mit uns selbst. Anders als in Deutschland quält man sich nicht mit der Frage, was der eigene Großvater getan haben mochte. Auf eine sehr britische Art sprechen wir einfach nicht darüber." Wie immer bei diesem Thema sind die Kommentare der Guardian-Leser größtenteils erschütternd.

Immer mehr Briten beantragen irische Pässe, damit sie im Fall eines "Brexit" EU-Bürger bleiben, schreibt Esther Addley und zitiert den britischen Bürger Kevin Warnes, der durch seine irische Mutter Doppelstaatler ist und diesen Status nun erneuert: "'Ich habe zwei Kinder und möchte, dass die ihre EU-Staatsbürgerschaft behalten. Sie sollen frei in Europa reisen, leben und arbeiten können.' Sobald er seinen eigenen irschen Pass zurückerhält, wird er die irische Staatsbürgerschaft für seine Töchter beantragen. 'Ohne den Brexit hätte ich das alles nicht getan.'"

Sehr instruktiv reflektiert in der Welt Dan Diner die komplexe geopolitische Lage und das Agieren Russlands, das die Muster des 19. Jahrhunderts wiederholt und Konflikte ausnutzt: "Dass Assad mit russischer Unterstützung gegen das eigene Volk Krieg führe, ist .. nur zum Teil richtig. Im Prinzip führt er inzwischen einen ethnisch-religiös eingefärbten Feldzug gegen die als andere und als feindlich empfundene sunnitische Mehrheit... Die davon ausgelöste gewaltige Fluchtbewegung stellt die Kohäsion der Europäischen Gemeinschaft in Frage. Russland dient der zunehmende Verlust europäischen Zusammenhalts nicht zuletzt dazu, die in die Ukraine, also in seinen Vorhof vorgedrungene Europäische Gemeinschaft zurückzuwerfen."

Im Interview mit Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel spricht der Lyriker Adam Zagajewski über die Situation in Polen und die polnische Angst vor Flüchtlingen: "Die Polen haben über viele Jahre keine Erfahrungen mit Fremden mehr gemacht. Besonders in der Provinz geht es noch zu wie im 19. Jahrhundert. Eine liberalere Regierung würde diese Leute vielleicht umstimmen. Die jetzige Regierung aber spielt damit, dass die Provinzler Angst vor allem Fremdartigen haben und warnt zugleich davor."

Weiteres: Der in Oxford lehrende Historiker Oliver Zimmer verteidigt in der NZZ den Nationalstaat gegen die EU vor allem mit der affektiven Bindung zur Heimat. Demnächst soll über das Schicksal der Stasi-Unterlagen-Behörde entschieden werden. Laut Sven Felix Kellerhoff in der Welt, der auch interne und externe Ränkespiele schildert, dürfte die Behörde künftig wohl ins Bundesarchiv aufgehen.

Medien, 05.03.2016

Die Medien-Gleichschaltung in der Türkei geht weiter. Gestern kam die Meldung, dass der Staat die Zeitung Zaman von Tayyip Erdogans ehemaligem Verbündeten und heutigem Erzfeind Fethullah Gülen unter staatliche Aufsicht gestellt hat. Inzwischen berichtet der Guardian mit Reuters, dass auch die Redaktionsräume der Zeitung polizeilich gestürmt wurden.

Weiteres: Stefan Niggemeier und Sascha Lobo starten bei Uebermedien ein wöchentliches Podcast "zur Lage der Medien", das sie offenbar mit ihrem Iphone-Mikrofon aufnehmen - es geht in dem einstündigen Gespräch um die sozialen Medien. Traurige Nachrichten bringt Jérôme Lefilliâtre aus Frankreich: Rue89 , einst eine Gründung freigestellter Libération-Journalisten und eines der Pioniermedien im französischen Internet, verliert die Hälfte seiner Stellen und wird zum bloßen Technik- und Netzressort der Website des NouvelObs degradiert, zu dem das Blog seit 2011 gehört. Das Feuilleton der Welt soll demnächst keine freien Journalisten mehr beschäftigen, meldet Jens Twiehaus in turi2. Das Ganze scheint zu Stefan Austs neuen Sparmaßnahmen zu gehören.

Überwachung, 05.03.2016

In ein paar ganz knappen Worten skizziert Whistleblower Daniel Ellsberg im Gespräch mit Michael Hesse von der FR, was sich seit Nixon geändert hat: "Es ist heute viel schlimmer. Die Verbrechen, die Nixon begangen hat, haben letzten Endes zu seinem Fall geführt. Heutzutage ist es so, dass diese Art von Verbrechen legal ist."

Gesellschaft, 05.03.2016

Wie Klischees über Behinderte funktionieren, erklärt die behinderte Journalistin Rebecca Maskos im Gespräch mit Tillmann Bauer von der taz: "Der Klassiker ist die Formulierung 'an den Rollstuhl gefesselt'. Doch das stirbt zum Glück aus. Viele denken trotzdem, einen Rollstuhl zu haben bedeute eine Einschränkung, die einen passiv macht. Das ist natürlich Quatsch. Ein Rollstuhl befreit ja. Wenn ich meinen Rollstuhl nicht hätte, müsste ich getragen werden. Das zeigt, was Sprache eigentlich ausmacht."

Mit bemerkenswerter Ehrlichkeit spricht Inge Jens im Interview mit Tilman Krause in der Welt über die Alzheimer-Krankheit ihres Manns Walter Jens - auch darüber, dass sie ihm die Diagnose Demenz nie mitteilte: "Ich glaube, er hätte es gar nicht verstanden, und ich bezweifle, dass er es hätte aufnehmen wollen. Was hätte es genutzt? Er hatte ja Angst. Die wollte ich nicht noch verstärken. Das Wort 'Demenz' ist zwischen uns nie gefallen.

Politik, 05.03.2016

Die neulich verbreitete These vom "autoritären Charakter", den Donald Trump bediene (unser Resümee), will Isolde Charim in ihrer Kolumne in der Wiener Zeitung nicht glauben. Sie sieht bei Figuren wie Trump, Haider oder Berlusconi ganz andere Mechanismen am Werk: "Eines trifft auf alle diese Typen zu: Sie sind alle Exzentriker. Also Leute, die schamlos, öffentlich und sichtbar genießen. Ein Genuss, der sich aus dem Brechen von Tabus, dem Überschreiten von Grenzen speist. Genau darin befriedigt sich die Sehnsucht für das faszinierte Publikum: Er lebt das 'für sie' aus... Dazu braucht es keinen profanen Leistungsträger, weder politische Erfahrung, noch ein Programm. Dafür braucht es nur einen obszönen Narzissmus."

Lesenswert im Guardian: Der südafrikanische Performer Pieter-Dirk Uys lässt seine Figur Evita Bezuidenhout erklären, warum sie eine Rassistin ist und immer eine sein wird. Auch wenn sie jetzt zum ANC gehört.

Ideen, 05.03.2016

Michael Stallknecht verfolgte für die SZ einen Münchner Auftritt des zugleich debattenermüdeten und streitlustigen Peter Sloterdijk, der unter anderem ein "Lesen in Zwischenräumen" forderte: "Dass auch ihm das nicht immer gelingt, zeigten ein paar ziemlich nuancenfreie Bemerkungen zum Thema Islam in München. Die Vorstellung von 72 Jungfrauen für jeden Mann im Paradies sei 'Transzendentalpornografie'." Im Tages-Anzeiger liest Guido Kalberer Sloterdijks neues (in den vom Perlentaucher ausgewerteten Zeitungen noch nicht besprochenes) Buch "Was geschah im 20. Jahrhundert".

In Wirklichkeit passt die "Künstlerkritik" am Kapitalismus prima zum Neoliberalismus, meint die Soziologin Alexandra Manske, die diesem Völkchen gehörig zu misstrauen scheint, in der taz: "Im Ergebnis wurden die Grundlagen der Künstlerkritik - Autonomie, Authentizität und die Emanzipation von der bürgerlichen Berufsmoral - zum kapitalistischen Anforderungsprogramm: JedeR soll heute für die eigene Arbeit brennen, Arbeitszeiten nicht so genau nehmen, Geld nicht ganz so wichtig, Selbstverwirklichung dafür umso wichtiger. Diesem kreativen Imperativ haben Kulturschaffende zum Durchbruch verholfen. Eingeschleppt im Zuge der 1968er Bewegung, ist er heute bis in die letzte Pore der Gesellschaft vorgedrungen."

Weiteres: Brigitte Hilmer schreibt in der NZZ zum 150. Todestag des Philosophen Ignaz Paul Vital Troxler.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Eine Kooperation mit...


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: