Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Heute in den Feuilletons: "Lautstärke ist Testosteron"

In der "FR" beklagt Andreas Scholl das überholte Männerbild im klassischen Gesang. Die "Welt" verabschiedet die letzte deutsche Ballerina. Die "FAZ" erlebt in der großen Frankfurter Manierismus-Schau die Gegenwart des Cinquecento.

Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst, 24.02.2016

In der FR erkennt Christian Thomas in der großen Manierismus-Schau im Frankfurter Städel vor allem die Kunst, den Körper in Szene zu setzen. Im Positivtiven mit exzessiven Gesten und exzentrischen Blicken. Im Negativen mit nackter Gewalt: "Der Besucher wird konfrontiert mit den unbestritten ewigen Gesetzen eines Gemetzels. Der Manierismus machte daraus eine Choreographie des Grauens. Überliefert durch eine frühchristliche Legende, ist diese die entsetzliche Erzählung über die heillose Schutzlosigkeit von zehntausend Unterworfenen, ihr Ausgeliefertsein an die Willkür, gegen die, aus dem Himmel herab, eine andere als die irdische Gerichtsbarkeit gegen Kreuzigung und weitere Kulturtechniken des Abschlachtens blickt."

Ganz "großartig" findet auch FAZ-Kritikerin Rose-Maria Gropp die Ausstellung, bei der sich einige verblüffende Beobachtungen einstellen: Manche von Pontormos Arbeiten "erinnern frappierend an den zeitgenössischen amerikanischen Maler John Currin (oder umgekehrt), der sich mit seiner seltsamen Personage, was Wunder, auf die Renaissance bezieht. Mehr solcher Assoziationen stellen sich ein. Viel Gegenwart lauert aus dem nur scheinbar fernen Cinquecento zu uns herüber, künstlerische Widerständigkeit auch unter zerrütteten Zuständen. "

Besprochen werden außerdem die laut Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung "spektakuläre" Hieronymus-Bosch-Schau in 's-Hertogenbosch ( Berliner Zeitung ) und die Stephen-Shore-Retrospektive im C/O Berlin ( Tagesspiegel ).

Bühne, 24.02.2016

Für die FR unterhält sich Stefan Schickhaus mit dem Countertenor Andreas Scholl unter anderem über Geschlechterrollen in der Oper und wie dort noch immer ein eisernes Regiment herrscht: "In der Klassik - anders als in der Popmusik - definiert sich Maskulinität ja noch immer durch Schalldruck und Dramatik. Lautstärke ist Testosteron. Aber was ist das für ein Mann-Bild? Selbst im Mittelalter mussten Männer Gedichte schreiben können und nicht nur das Schwert schwingen. Im Pop gilt Falsettieren schon lange als sexy und zugleich männlich. In der Oper abseits der Barockmusik-Szene ist das noch etwas anders. Da ist es noch etwas besonderes, wenn man eine Heldenrolle mit einer scheinbar nicht heldenhaften Stimme besetzt."

Im Standard verteidigt die Intendantin des Wiener Volkstheater, Anna Badora, ihre als Selbstzensur heftig kritisierte Entscheidung, das Stück "Homohalal", eine "bitterbös-satirische Flüchtlingsdystopie", vom Spielplan zu nehmen: Die Zeit sei über diese Form hinweggefegt, Flüchtlinge kein Randthema mehr: "Seither beherrscht es die Agenden der Öffentlichkeit, ist aber auch eine Frage von Leben, Tod und Zukunft für viele hunderttausend Menschen. Seit Köln ist die Auseinandersetzung darüber militant geworden und die öffentliche Meinung hat sich deutlich gedreht."

Als letzte deutsche Ballerina in einer klassischen Kompanie verabschiedet Manuel Brug in der Welt Beatrice Knop, die heute an der Deutschen Oper noch einmal im "Schwanensee" tanzt: Die Königin, nicht Odette, denn Knop war ideal für die bösen Mädchen. Aber: "Liebreiz und Lyrik muss man lernen und zulassen, diese Lektion hat sie gelernt, denn selbst die allergrößte Tanzkunst ist immer nur Talent, Technik, Wille, Intuition und sehr viel learning by doing."

Weiteres: In der FAZ bringt Frank Pergande Hintergründe zu den Plänen, das Theater Rostock in ein Opernhaus umzuwandeln.

Besprochen werden Tarek Assams in Frankfurt gezeigte Choreografie "Penelope wartet" ( FR ), ein tanzender Kongress an der Wiener Volksoper und Gioachino Rossinis "Otello" am Theater in der Wien (FAZ) und Stephan Kimmigs Inszenierung von John von Düffels Tragödienzusammenstellung "Orest. Elektra. Frauen von Troja" am Schauspiel Stuttgart (SZ).

Literatur, 24.02.2016

In der NZZ rühmt Jörg Plath die offenbar kanonische Romantrilogie "Steuerlose Städte" des griechischen Exil-Literaten Stratis Tsirkas von 1965, die von den Wirren der Kommunisten im Zweiten Weltkrieg erzählt und jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt wurde: "Tsirkas' Protagonist Manos Simonidis kämpft gegen die Linie der moskautreuen Partei und ihre Unterwerfung unter die Briten. Sie bedeutet den Tod für viele: Nach einem Matrosenaufstand 1944 schicken die Briten die schwierigen Verbündeten auf einen militärisch sinnlosen Todesmarsch, Truppenteile werden in Wüstenlagern interniert. Die KP reagierte auf Tsirkas' Darstellung der ideologischen Differenzen in 'Der Club' so erbost, dass sie den Autor ausschloss... Immer aber ist in dieser Trilogie die Tragödie der Kommunisten nur ein Teil von jener des griechischen Exils."

In der Zeit berichtet die Schriftstellerin Ulla Lenze jetzt auch Online von ihrer Reise nach Basra, wo sie mit irakischen Schriftstellerinnen diskutierte.

Besprochen werden Heinz Strunks "Der goldene Handschuh" ( SZ ), Tom Coopers "Das zerstörte Leben des Wes Trench" ( SZ ), Ilija Trojanows Roman "Macht und Widerstand" ( NZZ ), Wolfram Siemanns "Metternich"-Biografie ( NZZ ), eine Wiederauflage von Irmgard Keuns "Kind aller Länder" ( Freitag ), Karen Duves "Macht" ( ZeitOnline ) und Pierre Guyotats "Eden Eden Eden" (FAZ).

Film, 24.02.2016

Besprochen werden Michael Moores "Where to Invade Next?" ( SZ , Berliner Zeitung ), die neue Netflix-Serie "Love" ( Berliner Zeitung ) und Tom McCarthys "Spotlight" (FAZ).

Musik, 24.02.2016

(Via slippeddisc.com) Der neunzigjährige György Kurtag und seine Frau Marta spielen vierhändig eine Bach-Transkription von Kurtag.

Weitere Artikel: Musiker können sich dagegen wehren, wenn Extremisten ihre Stücke auf politischen Veranstaltungen spielen, erfährt Alex Rühle im SZ-Gespräch mit dem auf Medienrecht spezialisierten Anwalt Konstantin Wegner. In der Presse stellt Samir H. Köck nach dem Wiener Konzert der Eagles of Death Metals fest, dass jenseits der starken Symbolkraft vor allem der Macho-Rock steht. "Herrenwitze als Musik", winkt auch Karl Fluch im Standard ab.

Besprochen werden das Album "Und aus den Wolken tropft die Zeit" von Isolation Berlin ( Freitag ), sowie Konzerte von Roger Hodgson ( FR ), Ambiq ( taz ) und Kula Shaker (FAZ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Ideen, 24.02.2016

Sehr scharf wendet sich Kamel Daoud in einem Briefwechsel mit dem New Yorker Journalisten Adam Shatz, den Le Monde abdruckt, gegen eine Petition von 19 Akademikern, die ihm nach zwei Texten über Köln "Islamophobie" vorwarfen (unsere Resümees). "Sie leben nicht in meiner Haut und meinem Land, und ich finde es illegitim, wenn nicht skandalös, dass einige von ihnen mich der Islamophobie beschuldigen - von Terrassen westlicher Cafés aus, wo Komfort und Sicherheit herrschen." Nun beschließt er zu schweigen: "Ich höre mit dem Journalismus auf und werde mich nur noch mit Literatur befassen. Ich werde den Bäumen und den Herzen lauschen. Lesen. Selbstvertrauen und innere Ruhe zurückgewinnen. Forschen. Nicht abschwören, aber weiter gehen als das Spiel der Wellen in den Medien." In der NZZ resümiert Marc Zitzmann die jüngste Debatte.

Außerdem: In der taz schreibt Micha Brumlik zum 60. Geburtstag Judith Butlers. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath.

Europa, 24.02.2016

Niemand darf den Menschen den Glauben an ein besseres Leben nehmen, meint der serbische Schriftsteller Vladimir Arsenijevik in einem kurzen Text im Tagesspiegel: "Schmerz, Furcht und Ohnmacht reisen im Gepäck von Millionen Flüchtenden, die seit undenklichen Zeiten über den Globus ziehen. Und auch die blinde Hoffnung, welche der Titan Prometheus der Menschheit zugleich mit dem Geschenk des Feuers vermachte. Dieses ganz spezielle Gut ist den Flüchtenden weder zu nehmen noch zu rauben. Es ist schlichtweg unveräußerlich."

Auf Zeit online fasst der deutsch-irakische Schriftsteller Najem Wali das etwas konkreter. Er konstatiert einen mangelnden Realitätssinn vieler Flüchtlinge: die Erwartungen an Deutschland seien oft viel zu hoch. "Vor ein paar Tagen etwa habe er zwei Landsleute getroffen, die aus ihrer Asylbewerberunterkunft im weißen Ostberlin ins multikulturelle Kreuzberg gekommen waren, weil hier eine irakische Zahnärztin praktiziert, erzählt Wali. Als sie ihn im Wartezimmer um Rat baten, nahm er kein Blatt vor den Mund: 'Zu Hause wart ihr Paschas, hier werdet ihr nichts sein', sagte er den beiden Männern ins Gesicht. Die einzigen Gewinner ihrer Flucht seien ihre Kinder. Diese würden Deutsch lernen, Selbstbewusstsein tanken und ihnen rasch den Rang ablaufen. 'Du bist sehr hart', habe der Jüngere erwidert. So sei das aber, gab Wali zurück."

Jörg Häntzschel reflektiert in der SZ die Schwierigkeit, einem Ereignis wie dem von Clausnitz, sprachlich gerecht zu werden: "Begriffe wie 'Barbaren' distanzieren die Gewalttäter von den Leuten, die bald als AfD-Abgeordnete in die Parlamente einziehen, dabei gibt es zwischen den geistigen und tatsächlichen Brandstiftern größte Nähe. Die Pegida-Frau Tatjana Festerling etwa lobte die Busblockade von Clausnitz und sprach vom 'Mut der Bürger' - von Wut war nicht die Rede. Begriffe wie 'Krawall' und 'Exzess' lassen die Taten unkontrolliert und spontan erscheinen, tatsächlich stecken hinter ihnen Pegida, AfD und die Köpfe aus ihrem Umfeld."

Kulturpolitik, 24.02.2016

Londons ehemaliger Rotlichtbezirk King's Cross wird seit einigen Jahren gentrifiziert, berichtet in der NZZ Marion Löhndorf, die das tatsächlich gar nicht so schlecht findet. Denn das alte Viertel mit seinen Drogenbanden und notorisch verschmutzten Luft war auch nicht so toll. Zumal man sich heute Mühe gibt, alte Gebäude zu renovieren statt abzureißen: "Die wichtigsten historischen Gebäude - die Stars des Viertels - wie die Güterhalle und die Gaskessel blieben erhalten und wurden einer neuen Bestimmung zugeführt. In den ehemaligen Getreidespeicher und in die Güterhalle zog Central Saint Martins, eine der weltbesten Designschulen, ein. Modestudenten sind von dort aus in weniger als drei Stunden in Paris."

In Berlin frisst die Gentrifizierung gerade ihre Kinder, kann man einem Tagesspiegel-Interview mit Irina Liebmann und Anne Jelena Schulte entnehmen. Die beiden Autorinnen haben Mieter eines Hauses in Prenzlauer Berg 1980 und 2015 befragt und festgestellt: die ehemaligen Verdränger haben jetzt selbst Furcht, verdrängt zu werden. "Im Vergleich zu derzeitigen Neumieten wohnen sie günstig. Eine Bewohnerin erzählte, dass der Vermieter ihr gesagt habe, dass er ständig Angebote von Interessenten bekommt, die die doppelte Miete bezahlen würden", erzählt Anne Jelena Schulte.

Geschichte, 24.02.2016

Wer Polen und die Schrecken des 20. Jahrhunderts verstehen will, muss Jan Gross lesen, empfiehlt Götz Aly in der Berliner Zeitung. Er hat den von seiner konservativen Regierung scharf kritisierten polnischen Historiker gerade im Lesesaal von Yad Vashem in Jerusalem getroffen, wo Gross an einem neuen Buch arbeitet: "Jan Gross interessiert sich für das Verhalten der Menschen, nicht für glatte Nationalpädagogik, er wechselt gerne die Perspektiven. Anders als die meisten seiner deutschen Kollegen schreibt er wundervoll klar, knapp und dennoch quellenstark. Wer die Schrecken des 20. Jahrhunderts besser verstehen will, der lese Jan Gross und mache sich mit ihm über den Warschauer Politikzirkus lustig."

Die regierende PiS-Partei in Polen arbeitet derweil an einem neuen Zensurgesetz zum "Schutz des guten Rufs Polens", das jenem ähnelt, das als "Lex Gross" 2007 vom Verfassungsgericht kassiert worden war, berichtet Gabriele Lesser in der taz. "Dieses Mal kann Gross nicht auf die Verfassungshüter vertrauen. Diverse PiS-Gesetze haben das Verfassungsgericht weitgehend gelähmt, sodass das neue Wissenschaftszensurgesetz rechtskräftig werden könnte. Im Namen des 'guten Rufs Polens' könnten Gross und die Forscher des Warschauer Zentrums zur Erforschung des Holocaust ins Gefängnis gehen, weil sie sich mit Themen wie Pogromen, Kollaboration und Antisemitismus beschäftigen. Die PiS will einen längst überwunden geglaubten Mythos beleben: die Polen als 'ewige Opfer und Helden der Geschichte'."

Politik, 24.02.2016

Viel retweetet, erstaunlicher Weise auch von Medienhierarchen, wird ein Denkstück der Politologin und Kolumnistin Danielle Allen, die in der Washington Post kritisiert, dass Journalisten dazu beitragen, das Publikum an die Ausfälle Donald Trumps zu gewöhnen und eine Selbstbeschränkung für Medien fordert: "Vielleicht sollten wir unsere Scheinwerfer nicht auf Beleidigungen richten, das Mikrofon ausmachen, wenn jemand andere niederschreit, Standards wieder einführen, die festlegen, was als ein akzeptabler Beitrag zur Debatte gilt. Das scheint journalistischen Normen zu widersprechen, ja, aber warum soll Trump nicht Amzeigen bezahlen, um seine faulen und aufrührerischen Ideen zu verbreiten? Auch so hat er noch einen großen Zugang zu freier Meinungsäußerung. Es ist Zeit, eine klare Linie zu ziehen."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Eine Kooperation mit...


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: