Heute in den Feuilletons "Das Bild brummt nicht mehr, es klingt"

Frank Castorfs Inszenierung von Hebbels "Judith" lässt auch für den wackersten Volksbühnenmasochisten nichts zu wünschen übrig, versichert die "Berliner Zeitung". Die Kunstkritiker feiern zwei neu restaurierte Caspar-David-Friedrich-Gemälde.


Efeu - Die Kulturrundschau

Bühne, 22.01.2016

"Was war denn das jetzt?", fragt sich Nachtkritiker Wolfgang Behrens spät in der Nacht nach den fünf Stunden, die Frank Castorfs mit Artaud und Baudrillard vermengte Inszenierung von Friedrich Hebbels "Judith" dauert, auf dem Rosa-Luxemburg-Platz vor der Volksbühne in Berlin. Zu sehen gab es von Hebbel inspiriertes "wildes Denken", aber auch "jenseits des Hebbel-Textes wird viel Wildes und Wirres geraunt: Man hört von Riten und Kulten, von Heliogabal und vom Schisma des Irshu (wer, bitte, kann mir sagen, was das ist?), von der Scheidung des Geistes ins männliche und weibliche Prinzip, von der radikalen Andersheit und von der ursprünglichen Kraft des Hasses. ... Es ist zum Weglaufen! Und es ist faszinierend!"

Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel wäre dann tatsächlich lieber weggelaufen, allein, der Weg war verstellt: Das Publikum saß auf der Bühne, während im Zuschauerraum das Geschehen stattfand. "Es ist im Grunde ein aus allen Fugen geplatzter, wahnsinnig gewordener René-Pollesch-Chor in Eurythmie-Gewändern."

In die Volksbühne geht man allerdings ohnehin zum Leiden, wirft Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung ein. Und in dieser Hinsicht "lässt [die Inszenierung] auch für den wackersten Volksbühnenmasochisten nichts zu wünschen übrig. In aller Ruhe kann man die Stufen des seelischen Schmerzes und der geistigen Unterwerfung hinabsteigen. ... Als dann auch noch auf leisen Sohlen ein Kamel hereingeführt wird (...) und man in seinen dunkelfunkelfragenden und irgendwie auch schuldbewussten Blick gerät, wird einem ganz warm ums Herz bei dem Gedanken, dass es vielleicht genau so eine von den Macken der Menschen überforderte Kreatur war, die da vor Angst ins Theater geschissen hat."

Zu sehen gibt es "fünf Stunden Collage über Krieg, Religion und Moral", ächzt Simone Kaempf in der taz, doch "es lohnt sich, dafür hinzugehen". Von vorzüglich schlechter Laune berichtet Peter Laudenbach in der SZ: "Wer angesichts dieses überhitzten Deliriums nicht zum Anhänger von Aufklärung, Vernunft und Rechtsstaat wird, dem ist nicht einmal mehr von Frank Castorf zu helfen." Irene Bazinger von der FAZ winkt nur müde ab: "Die Inszenierung von Frank Castorf vermag auch das netteste Kamel nicht mehr zu retten". Ach nee, meint in der Welt Jan Küveler in einer hochamüsanten Kritik: "Trotz allem: kein schlechter Castorf, auch wenn das komisch klingt. Sein Theater hat Züge einer transzendentalen Meditation, einer Geistesalchemie, in der, wenn man ihn nur stundenlang köcheln lässt, aus Kamelmist Gold wird. Derart indoktriniert möchte man um Mitternacht, wenn alles vorbei ist, zum Erschöpfungsglauben übertreten."

Besprochen werden außerdem Margarita Broichs Porträtband "Alles Theater" ( FR ), Monika Gintersdorfers Inszenierung von Gintersdorfers/Klaßens "Der Botschafter" im Berliner Hebbel am Ufer ( Nachtkritik ), die Mannheimer Uraufführung von Noah Haidles "Götterspeise" in Zino Weys Inszenierung ( Nachtkritik ) und zwei Inszenierungen von Hans Zenders "Winterreise" in Coburg und in Luxemburg (FAZ).

Musik, 22.01.2016

Sehr tief verbeugt sich Sophie Jung in der taz vor der in Berlin liebenden Musikerin Mary Ocher, die gerade ein neues Album veröffentlicht hat: Bei welchem Musikstil sie sich auch gerade bedient, "Mary Ochers Gesang bleibt dabei immer eine feste Größe. Virtuos bebt ihre Stimme, dehnt sich, springt und trällert, bis ihre Schwingungen plastisch vor Augen erscheinen. Nun also bringt die Königin des subkulturellen Vibrato unter dem Titel 'Your Government' ein neues Album heraus. Doch ihr Gesang hat starke Widersacher. Jeder der 14 Songs wurde mit zwei Schlagzeugern eingespielt. Mit ihnen gemeinsam hat sie die Kompositionen entwickelt." Hier das Album im Stream und außerdem ihr aktuelles Video.

Weiteres: In der NZZ porträtiert Hans Keller die kapverdische Sängerin Lura. Für die SZ erfragt Marcel Anders beim Pop-Professor und Musikmanager Jeff Jampol, wie man tote Popstars vermarktet.

Besprochen werden Sarah Buechis Jazzalbum "Shadow Garden" ( NZZ ), ein Auftritt der Rapperin Little Simz ( Tagesspiegel ), Amy J. Bergs Dokumentarfilm "Little Girl Blue" über Janis Joplin ( SZ ), ein Dokumentarfilm über die grönländische 70s-Rockband Sumé ( Jungle World ), ein Konzert von Fraktus ( taz ) und das neue Album der Liga der gewöhnlichen Gentlemen samt einem Sampler über die deutsche Mod-Szene der 80er ( taz ).

Film, 22.01.2016

In Nürnberg ist Anfang Januar der 15., vom Filmblog "Eskalierende Träume" organisierte Hofbauerkongress über die Bühne gegangen, ein familiäres Filmfestival, das sich auf nicht-kanonisierte bis übel beleumundete Nischenfilme insbesondere der deutschen Filmgeschichte spezialisiert hat. Für critic.de haben sich Lukas Foerster und Michael Kienzl mit großer Begeisterung auf Entdeckungsreise begeben und sich im Anschluss darüber unterhalten. Ein gutes Beispiel für das Konzept ist für Foerster "Blue Angel Cafe", der im Joe D'Amato gewidmeten Schwerpunkt lief: Bisher war er "einfach nur einer jener Filme, auf die man in den 1990ern im Spätprogramm der Privatsender unter dem insbesondere für Teenager natürlich verlockenden Programmzeitschriftenvermerk 'Erotik' stoßen konnte. ... Die wunderschöne 35mm-Kopie, die in Nürnberg zu sehen war, macht den Film dagegen als das sichtbar, was er selbstverständlich schon immer war: als ein durch und durch klassisch inszeniertes, ungeheuer kraftvolles, sinnliches, düsteres Melodram, das zeigt, wie Menschen von Gefühlen vernichtet werden können - und wie das Leben trotzdem weitergeht."

Für DeutschlandradioKultur hat Matthias Dell die Veranstaltung besucht. Der Filmkritiker Oliver Nöding hat in seinem Blog sämtliche beim Kongress gezeigte Raritäten detailliert besprochen. Die Bloggerin Katrin Doerksen berichtet ebenfalls von ihrem ersten Kongressbesuch. Hier außerdem das tolle Titellied des wiederentdeckten "Blue Angel Cafe".

Rapper und Schauspieler Ice Cube ("Straight Outta Compton") will in die Debatten um die mangelnde Diversität bei den Oscars gar nicht erst einsteigen, erklärt er gegenüber Frauke Gust in der Berliner Zeitung. Für ihn zählen allein die Fans: Denn dieser Film "mit lauter unbekannten Schauspielern, ohne großen Star, läuft richtig gut. Läuft nicht nur richtig gut, sondern übertrifft mit über 200 Millionen US-Dollar Einspielergebnis alle Erwartungen. Die Leute sind in den Film gegangen, weil es ein guter Film war. Ein Film wie dieser feiert einen internationalen Durchbruch. Nicht, weil es ein guter schwarzer Film ist, sondern, weil es ein guter Film ist. Der Oscar-Scheiß soll doch laufen - wir geben nichts drauf!"

Weiteres: In der Welt porträtiert Iris Alanyali die amerikanische Komikerin Amy Schumer. Auf Artechock empfiehlt Dunja Bialas das Programm der 10. Mittelmeerfilmtage in München und schreibt außerdem über die Filme von Hamaguchi Ryusuke, die die Münchner Reihe "Neues asiatisches Kino" in einer Werkschau präsentiert.

Besprochen werden David Gordon Greens "Die Wahlkampfhelferin" mit Sandra Bullock ( FR , Standard , critic.de ), Charlie Kaufmans "Anomalisa" ( Welt , Artechock , critic.de , unsere Kritik hier), "Valley of Love" mit Isabelle Huppert und Gérard Depardieu als Ex-Liebespaar in der Wüste ( Tagesspiegel ), Stephan Ricks Film "Die dunkle Seite des Mondes" ( NZZ ) und John Crowleys "Brooklyn" mit Saoirse Ronan ( NZZ , Artechock , critic.de ).

Literatur, 22.01.2016

Für die SZ liest Thorsten Glotzmann die ersten Lieferungen von Tilman Rammstedts täglich per WhatsApp und Email verschicktem Fortsetzungsroman. Die SZ bringt einen Vorabdruck von Mircea Cartarescus Nachwort zu Panaït Istratis im März erscheinendem Roman "Kyra Kyralina". In der NZZ schreibt Marc Zitzmann zum Tod der Schriftstellerin und Modejournalistin Edmonde Charles-Roux.

Besprochen werden Ben Lerners "22:04" ( Tagesspiegel ), Comicstrips von Flix und Mawil ( NZZ ), .

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in unserem ständig aktualisierten Metablog Lit21.

Kunst, 22.01.2016

Nachgedunkelter Firnis, schlechte ältere Restaurationen und Bearbeitungen haben ihre Spuren nicht allein auf Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" und "Abtei im Eichwald" hinterlassen, sondern auch in deren Rezeptionsgeschichte, wie man jetzt, nach einer behutsamen, neuen Restauration nachvollziehen kann, erklären die Kritiker nach Besuch der Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin. In der Welt ist Marcus Woeller hin und weg von dem Ergebnis: "Der 'Mönch am Meer', die Ikone der deutschen Frühromantik, ist nun ein strahlend blaues Bild, kein grünlich-bräunliches mehr. Eigentlich sollte es ein dunkelblaues werden, das haben die umfangreichen Untersuchungen der Chefrestauratorin Kristina Mösl und ihrer Mitarbeiterin Francesca Schneider ergeben. Doch dann entschied sich Caspar David Friedrich für die Übermalung großer Teile der Himmelslandschaft mit einer zweiten Farbschicht. Hellblau, Rosa, Gelb und Weiß. Und plötzlich steht man, des Atems beraubt, vor einem neuen Bild. Genauso die 'Abtei im Eichwald'." Auch Andreas Kilb in der FAZ staunt über letzteres: "Das Bild brummt nicht mehr, es klingt." In der SZ freut sich Kia Vahland: Das Ergebnis "strahlt. Die Bilder leuchten hell und hart, blenden das Auge in ihrer farblichen Klarheit."

Besprochen werden die Ausstellung "Double Vision. Albrecht Dürer & William Kentridge" im Berliner Kupferstichkabinett ("Dass der Rundgang durch sieben thematische Sektionen dieses Doppelauftritts dann einerseits ein Feuerwerk der visuellen Erlebnisse und optischen Lehrstunden ist und andererseits den fast privaten Reiz des Kupferstichkabinetts behält, ist ein besonderer Reiz der Ausstellung", lobt Petra Kipphoff in der NZZ ) und Maren Gottschalks Warhol-Buch "Factory Man" ( SZ ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 22.01.2016

Scharf, bitter und spöttisch kommentiert Peter Pomerantsev in Foreign Policy die Meldung, dass Alexander Litwinenko nun auch nach einer offiziellen britischen Untersuchung auf Geheiß Wladimir Putins umgebracht wurde - wer hätte je anderes vermutet? Aber "wie soll sich Britannien verhalten, wenn jene Mächte, von deren Geld es abhängt, das britische Gesetz verhöhnen?" Pomerantsev erinnert daran, dass die britische Regierung eine offizielle Untersuchung des Mordes zunächst verhindern wollte und führt das auf die Wirtschaftsbeziehungen und den Status Londons als goldenes Hinterzimmer der russischen Oligarchen zurück: "BP (formerly British Petroleum) gehört zwanzig Prozent der staatlichen russischen Ölfirma Rosneft, die von Putins engem Verbündeten Igor Sechin geleitet wird. Die russischen Reichen, die sehr stark im Londoner Immobilienmarkt investiert haben, erhalten ein Viertel jener 'Investorenvisa', die das Vereinigte Königreich all jenen aushändigt, die eine Million Pfund dafür bezahlen."

Medien, 22.01.2016

Michael Hanfeld kann in der FAZ der rheinland-pfälzischen Spitzenkandidatin der CDU, Julia Klöckner, die nun bei der Elefantenrunde des SWR abgesagt hat, nur zustimmen - zuvor hatte sich der SWR auf Forderungen der Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz (SPD) und Baden-Württemberg (Grüne) eingelassen, die auf keinen Fall mit der AfD diskutieren wollten. Klöckner begründet ihre Absage damit, dass so auch die FDP und die Linkspartei von der Debatte ausgeschlossen sind: "Julia Klöckner tut den Schritt, den der SWR zuvor selbst hätte gehen müssen: sich nicht von den Regierungsparteien vorschreiben lassen, wer vor der Landtagswahl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erscheinen darf, sondern den Grundsätzen der Staatsferne und Chancengleichheit folgen."

Stefan Niggemeier leitet aus den Vorgängen im SWR in seinem neuen Blog Übermedien die Forderung ab: "Die ARD braucht klare Regeln für ihre Vorwahl-Debatten. Sie muss festlegen, wen sie in Zukunft zu diesen Runden einladen will. Die Vorgaben müssen nachvollziehbar sein, fair, journalistisch begründet - vor allem aber müssen sie abstrakt sein, unabhängig von den Parteien, die sie jeweils betreffen."

Wolfgang Michal denkt in seinem Blog über das Dilemma des Medienjournalismus nach: "Die traditionellen Medien beschäftigen und bezahlen ihre Medienkritiker ... nicht nur wie Hofnarren, sie bestimmen auch deren Agenda. Kaum ein Medienkritiker setzt eigene Themen - vielmehr hecheln sie den Themen nach, die von den Medien gesetzt werden."

Gesellschaft, 22.01.2016

Deutschland ist leider nicht fähig zu intelligenter Polemik. Je länger die Debatte zu Köln dauert, desto schematischer wird sie. Entweder die Autoren vertreten die Position des #ausnahmslos-Aufrufs, der den Antirassismus über den Antisexismus stellt. So argumentiert etwa Monika Hauser von medica mondiale, die im FAZ-Interview messerscharf analysiert, "dass das Thema nur dann wirklich gesellschaftlich eine Rolle spielt, wenn es politischen Zwecken dient". Und Charlotte Wiedemann in der taz wünscht sich einen Feminismus, der auch mit Kopftuch funktioniert. Oder es werden gleich die "faschistischen Strukturen des Islam" beschworen, die man aber nicht benennen dürfe - so Viola Roggenkamp in der Jüdischen Allgemeinen. Und natürlich ziehen "Politik und Medien am selben Strang, die Medien lancieren eine Kampagne, die Politik begrüßt diese Kampagne", so Alexander Kissler bei cicero.de.

Europa, 22.01.2016

In der NZZ blickt Beat Stauffer fassungslos auf eine völlig verfehlte Einwanderungspolitik in der EU, die gerade bei den Maghrebstaaten dafür sorgt, dass "der algerische Germanist, die tunesische Psychologin oder der ägyptische Informatiker vergeblich vor den Botschaften und Konsulaten europäischer Länder anstehen, während bildungsferne 'Flüchtlinge' mit gewaltigem Aufwand alphabetisiert werden müssen. Und es ist schwer erträglich, wenn junge Homosexuelle oder Künstler, die unter den bleiernen Traditionen ihrer Länder leiden und mancherorts gar ihr Leben riskieren, in ihren Ländern bleiben müssen, während Beachboys, Schlitzohren und grobschlächtige Naturen aller Art illegal einreisen. Diese Migranten sind es dann auch, die europäische Behörden mit falschen Pässen und mehreren Identitäten auf Trab halten."

1200 türkische Akademiker haben eine regierungskritische Petition zum Kurdenkonflikt unterzeichnet, meldet Spon. Präsident Erdogan hat bereits angekündigt, dass sie dafür bezahlen werden: "Erdogan bezichtigte die Unterzeichner der Komplizenschaft mit den 'Terroristen' der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Die Polizei hatte am Freitag 18 Unterzeichner der Petition festgenommen und später wieder freigelassen. Sie müssen sich aber weiterhin wegen des Vorwurfs der 'Terrorpropaganda' verantworten. Gegen die weiteren Unterzeichner sind Ermittlungen wegen 'Beleidigung des Staats' im Gange. Mehrere Universitäten leiteten zudem Disziplinarverfahren gegen Mitarbeiter ein." Inzwischen haben sich 2608 deutsche Wissenschaftler in einer Online-Petition mit ihren Kollegen solidarisiert.

Auch deutsche Künstler melden sich laut Spon zu Wort: Sie fordern in einer eigenen Petition Angela Merkel auf, sich bei ihrem heutigen Treffen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu für mehr Rechtsstaatlichkeit in der Türkei einzusetzen.



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