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Heute in den Feuilletons: "Macht und Ohnmacht der Bilder"

Der Goldene Bär für die Lampedusa-Doku "Fuoccoammare" spaltet die Kritik. Die "Presse" untersucht unser Sprechen über Migranten. Und der "Standard" spürt dem Geburtsort der Moderne in Dalmatien nach.

Efeu - Die Kulturrundschau

Film, 22.02.2016

Mit dem Goldenen Bär für Gianfranco Rosis Dokumentarfilm "Fucoammare" (hier unsere Kritik), der den Lebensalltag der Bevölkerung von Lampedusa mit dem Leid der dort ankommenden Flüchtlinge kontrastiert, ist am Wochenende die Berlinale zu Ende gegangen. Die Kritik streitet, ob es sich bei dieser Auszeichnung um eine politische Entscheidung handelt oder nicht.

Schon auch, aber nicht nur, meint Tim Caspar Boehme in der taz. Rosi finde "bleibende Bilder für politische Fragen", anders etwa als das leer ausgegangene Abtreibungsdrama "24 Wochen" (unsere Kritik), der einzig deutsche Wettbewerbsbeitrag: "Die Berlinale ist eben kein ausschließlich politisches Festival. Um es in Meryl Streeps Worten zu sagen: Man muss politische Einsichten immer noch mit Kunst verbinden." Auch SZ-Filmkritiker David Steinitz verteidigt den Film gegen den Vorwurf, dass es sich einmal mehr um einen typischen Berlinalegewinner im Sinne von gut gemeint handele: Der Film ist auch "eine eindrucksvolle Meditation über die Grenzen der Dokumentation und die Macht und Ohnmacht der Bilder." Im Großen und Ganzen fand er den Wettbewerb allerdings "sehr wechselhaft".

In der FAZ fühlt sich Dietmar Dath von Rosis Film, aber auch vom chinesischen Wettbwewerbsbeitrag "Crosscurrent" von Yang Chao (hier unsere Kritik) daran erinnert, "dass es weniger darauf ankommt, ob ein Film eine Erneuerung des Kinos anstrebt oder erbringt als vielmehr darauf, ob er die Erneuerung des Wirklichkeitsbegriffs erzwingt, den sich Leute beim Zusehen provisorisch bauen und dann im Filmverlauf mit dem Mut der Neugier verwandeln müssen."

Susanne Ostwald ist in der NZZ nicht einverstanden mit der Entscheidung: "Fraglich ist, ob die Empathie durch voyeuristische Reize angesprochen werden darf." Skepsis äußert auch Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel: Der Goldene Bär für Rosi sei "ein Votum für den aktuellen politischen Konsensfilm". Als heimlichen Star des Festivals hat er im übrigen die Literatur identifiziert: "Inbrünstig wurde vor der Kamera aus Gedichten, Briefen, Romanen zitiert." Bereits am Freitag lobte Perlentaucher Lukas Foerster die Berlinale im Rückblick als "Flickenteppich des Weltkinos". Welt-Autor Hanns-Georg Rodek durfte mit zum Mitternachts-Dinner der Bären-Gewinner.

Hier unsere Berlinale-Presseschauen im Überblick und hier unser eigenes Berlinaleblog mit den Besprechungen und Artikeln unserer Filmkritiker.

Weiteres: In der SZ schwärmt Fritz Göttler von den auf DVD wiederveröffentlichten Filmen des Regisseurs Luigi Bazzoni: Sie "dokumentieren den Übergang - und den Zwiespalt - zwischen dem Neorealismus und dem Giallo, dem legendären Genre des Serienmörder-Slasher-Kinos." Die FAZ hat Verena Luekens Bericht von ihrem Besuch beim Experimentalfilmemacher Jonas Mekas online gestellt.

Besprochen werden Florian Gallenbergers "Colonia Dignidad" ( SZ ) und die neue Netflix-Serie "Love" ( ZeitOnline ).

Architektur, 22.02.2016

Liegt der Geburtsort der Moderne am Mittelmeer?, fragt Maik Novotny im Standard, der in der Ausstellung "Dobrovic in Dubrovnik" im Zagreber Architekturzentrum Oris den europäisch-serbischen Architekten Nikola Dobrovic entdeckt, der seine Villen voller Licht, Luft und Sonne in der Inselwelt um Dubrovnik baute: "In der Tat sind Dobrovics Häuser keine aus dem Nichts gelandeten Kopfgeburten, sondern genau auf Topografie und Klima zugeschnitten. Seine Begeisterung für die wuchtige Festungsmauer von Dubrovnik mündete in der tapetenartigen Steinfassade seiner Villa Svid, die wie ein archaischer Tempel im rauen Gelände steht, aus dem sie geformt scheint. Bei der Villa Adonis wiederum ließ der Architekt den Steilhang, auf dem sie steht, wie einen Tunnel durch das Haus laufen."

Musik, 22.02.2016

Besprochen werden ein Konzert von Ivo Pogorelich ( SZ ) und diverse Neuveröffentlichungen, darunter "First Comes The Night" von Chris Isaak (FAZ).

Kunst, 22.02.2016

Die Zeit hat Benedikt Erenz' Text über Hieronymus Bosch, aus dem wir am 18. Februar zitiert hatten, online nachgereicht. In der FR bespricht Alexandra Wach die große Bosch-Schau in 's-Hertogenbosch.

Besprochen wird Heidi Speckers Fotoband "Re-Prise" ( taz ).

Bühne, 22.02.2016

Stephan Kimmigs Stuttgarter Inszenierung von John von Düffels Antiken-Collage "Orest. Elektra. Frauen von Troja" bot vor allem Astrid Meyerfeldt als Klytämnestra einen gewaltigen Auftritt, freut sich Verena Großkreutz in der Nachtkritik: "Erschreckend, wie sie im Streit plötzlich auf ihre Tochter Elektra zuschießt wie eine Klapperschlange, scharfe Zischgeräusche durch ihre Zahnlücke presst und daraus eine pudrige Wolke aus feinsten Spucketröpfchen erwächst, die ihr nunmehr vorauseilt. Grandios wie sie - zierlich, in schwarzen Gummistiefeln, das rote Kleid geschürzt, mit blutverschmiertem, schwerem Hackebeil, das sie kaum tragen kann - die Plastik-Leichensäcke ihres Gatten Agamemnon und seiner trojanischen Geisel Kassandra auf die Bühne schleift und triumphierend deklamiert: 'Meisterlich gelang das Werk!' Aber hallo."

Nach zwölf Jahren kehrt Leoš Janáceks Oper "Die Sache Makropoulos" an die Deutsche Oper in Berlin zurück, wo sie nun David Hermann inszeniert. Die meisten Kritiker sind zunächst einmal damit beschäftigt, die historischen Hintergründe der komplex und verschachtelt erzählten Oper zu entwirren. So richtig angetan sind sie von dem Abend allerdings nicht. Die Leistung von Evelyn Herlitzius in der Rolle der Emilia Marty bildet den Dreh- und Angelpunkt: Ob die "bewundernswerte Kämpferin" Herlitzius hier überhaupt richtig besetzt ist, fragt sich Ulrich Amling im Tagesspiegel: "Wie kann man das verkörpern, wenn einem das Kalte, Herrische, Zynische wesensfremd ist? Herlitzius' große Stärke, das unbedingte Lebenwollen, lässt sie in 'Die Sache Makropoulos' absurderweise klein und fern werden." Die Herlitzius singt ungewöhnlich "beherrscht", beobachtet Peter Uehling in der Berliner Zeitung, "um den Preis, dass man die Kraft, die zur Bändigung nötig ist, auch immer spürt."

In dieser Produktion hänge manches "schief in den Angeln" moniert Eleonore Büning in der FAZ und insbesondere die von Hermann offenbar zur Klärung der verworrenen Spielhandlung hinzugedichteten Passagen seien "anstrengend anzugucken." taz-Kritiker Niklas Hablützel findet Hermanns Konzept "mitunter etwas ermüdend."

Weiteres: In der SZ berichtet Dorion Weickmann vom Auftakt des Tanzjahrs 2016 im Schloss Bellevue. Besprochen werden Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrerstück "Draußen vor der Tür" in "faszinierender Lesart" in Cottbus (Nachtkritik), Christian Weises "Othello"-Inszenierung am Gorkitheater in Berlin ( Berliner Zeitung , Standard , Tagesspiegel ), Christoph Marthalers Theaterabend "Hallelujah (Ein Reservat)" an der Berliner Volksbühne ( SZ , mehr im letzten Efeu) und Sebastian Hartmanns Inszenierung von Gogols "Revisor" am Frankfurter Schauspiel (Nachtkritik, FAZ).

Literatur, 22.02.2016

Die Zeitungen reichen ihre Nachrufe zum Tod von Umberto Eco nach (am Samstag hatten wir bereits erste Stimmen gesammelt). Arno Widmann würdigt den Verstorbenen in der FR als intellektuellen Tausendsassa, der auf ihn wie eine "russische Puppe" wirkte: "Außen der weltweit geachtete Herr Professor, der strenge Analytiker, innen erst ein nicht weniger klarer, aber immer wieder zum Spott neigender Beobachter der Politik, darunter dann einer, der liebend gerne - meist außermusikalisch - über Klassik, Pop etcetera schrieb und dann - wir hielten das schon für die innerste seiner Puppen - ein Herr, der unsere Sitten und Gebräuche beäugt wie einer, der nichts damit zu tun hat, aber sich sehr darüber amüsiert." Andreas Platthaus würdigt Eco in der FAZ als einen "der größten Analytiker des Comics". In der NZZ vermisst ihn Meike Albath schon jetzt: "Elitäre Hochnäsigkeit war ihm fremd." Die frivolste Nachrufmetapher findet Stephan Porombka von ZeitOnline, für den Eco "so etwas wie der Chuck Norris der Intellektuellen" war. In der SZ erinnert sich Ecos langjähriger Verleger Michael Krüger an den Verstorbenen. Weitere Nachrufe schreiben Michael Braun ( taz ), Gerrit Bartels ( Tagesspiegel ), Klaus Blume ( Berliner Zeitung ) und Thomas Steinfeld (SZ).

Anne-Catherine Simon denkt in der Presse über die umfangreiche Wassermetaphorik nach, die eigentlich seit dem 19. Jahrhundert die Debatten über Flucht und Wanderung prägt: "Der Philosoph Hans Blumenberg beschrieb den Strom als wunderbare 'Metapher für große Anwendungen' - für das Schicksal, die Zeit, das Leben, die Geschichte, das Bewusstsein. Der Strom könne die uns entfliehende Wirklichkeit ausdrücken, ihre Unbeständigkeit, Unfassbarkeit. Je nachdem, wie man mit dieser beweglichen Wirklichkeit umgeht, kann das Bild vom breiten Strom eher schön lebensspendend oder eher bedrohlich wirken. Selbst, dass der 'Zustrom' der Flüchtlinge damit etwas von einer unabänderlichen Naturgewalt bekommt, muss noch nicht Angst wecken. Anders wird es, wenn der Strom zur 'Welle', zur 'Flut' oder gar zum 'Tsunami' wird."

Außerdem schreiben Sylvia Prahl ( taz ) und Patrick Bahners (FAZ) zum Tod von Harper Lee (mehr dazu hier).

Besprochen werden Joe Saccos Comic "Bumf Vol.1 " ( SZ , Tagesspiegel ), Shlomo Avineris Biografie über Theodor Herzl ( taz ),Reinhard Jirgls "Oben das Feuer, unten der Berg" ( FR ), Michael Kumpfmüllers "Die Erziehung des Mannes" ( Tagesspiegel ), Thomas Hettches "Liebe der Väter" ( Tagesspiegel ) und Alexander Ilitschewskis "Der Perser" ( Tagesspiegel ). Mehr Literatur im Netz auf Lit21, unserem Kompass zur literarischen Blogosphäre.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Werner von Koppenfels über John Donnes "Der Sonnen-Aufgang":

"Geschäftiger alter Narr, lästige Sonne,
Was mußt du denn
Durch Fenster und Bettvorhang nach uns spähn?
..."


9Punkt - Die Debattenrundschau

Europa, 22.02.2016

Würde heute in Sachsen gewählt, käme die AfD auf 17 Prozent, meldet Zeit online. Selbst Sachsen Politiker wachen langsam auf, seit Bilder von Flüchtlinge beschimpfenden, grölenden Sachsen, einem brennenden Flüchtlingsheim in Bautzen, unfähigen Polizisten und einem AfD-Mitglied als Heimleiter gut dokumentiert im Netz zu sehen sind. Es sind schlimme Bilder, meint Bernhard Honnigfort in der FR, der sich andere zu sehen gewünscht hätte, nämlich von "Polizisten, welche die bedrohliche Menge deutlich auf Abstand halten und nicht bis fast an den Bus lassen. Polizisten, die den Mob ernsthaft daran hindern, die Flüchtlinge zu bedrohen und zu verängstigen. Den Bürgermeister, der sich stellt und versucht, die Lage zu entschärfen, anstatt sich rauszureden, Leute von außerhalb hätten die Dörfler aufgewiegelt." Matthias Drobinski wendet sich in der SZ knapp und zutreffend an die Gröler in Sachsen: "Ihr seid nicht das Volk, ihr seid das Pack."

Im Interview mit Zeit online kritisiert der Polizeiforscher Rafael Behr das Versagen der Polizei, die den Mob nicht aufzulösen versuchte, und das ruppige Verhalten den Flüchtlingen gegenüber, das in einer Anzeige gipfelt, weil sich einige Flüchtlinge offenbar dagegen wehrten, den schützenden Bus verlassen zu müssen.

Der chilenische Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist Rafael Gumucio versucht in der NZZ, das komplizierte, für ihn völlig irrationale Verhältnis von Spaniern und Katalanen psychologisch zu erklären: "Madrid gibt Merkel, soll heißen: der Mutter, die Schuld an der gegenwärtigen Krise, Barcelona macht Rajoy dafür verantwortlich, soll heißen: den Vater. Nur wenigen spanischen Politikern will es in den Kopf, dass sowohl die EU wie auch die spanischen Autonomiestatuten freiwillig eingegangene Vereinbarungen waren. In gewisser Hinsicht haben sie recht - vor fünfundzwanzig Jahren war das aus Franco, dem kastrierenden Vater par excellence, hervorgegangene Spanien noch ein Kind. Vor fünfzehn Jahren auch. Die Krise des Jahres 2008 mit all ihren Widersprüchen zeigte dann, dass auch die Eltern Kinder waren. Nur sie waren für den Schlamassel verantwortlich, und es war niemand anders da, der für alle den Kaffee bezahlte."

Trotz aller Sonderregeln der EU für Großbritannien hat der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der populärste konservative Politiker im Vereinigten Königreich, nun angekündigt für die Brexit-Kampagne zu kämpfen. Das Bagehot-Blog des Economist wirft ihm einen künstlich reingehaltenen Souveränitätsbegriff vor und warnt: "Für Mr. Johnson ist souverän sein, wie schwanger sein, man ist es oder ist es nicht..." Aber "ein Land, das völlig darauf verzichtet, Autorität abzugeben ist eines, das Luftverschmutzung, die über seine Grenzen hinwegzieht, oder Finanzregulierung, die seine Wirtschaft betrifft, oder Konsum- und Handelsnormen, an die seine Import- und Exportwirtschaft gebunden ist... nicht kontrollieren kann."

Urheberrecht, 22.02.2016

Sehr deutlich wendet sich eine Gruppe von Autoren gegen Pläne des Justizministers Heiko Maas, den Verlagen Zugang zur Urheberpauschale der VG Wort zu geben, nachdem der Europäische Gerichtshof eine solche Praxis gerade für rechtswidrig erklärt hat: "Das Ganze ist ein bisschen, wie wenn jemand fünfzehn Jahre lang den Fiskus betrügt und man ihn dafür belohnt. Und zwar nicht nur, indem man ihm jegliche Strafe erlässt. Sondern indem man zusätzlich eine Regelung schafft, die legalisiert, was zuvor illegal war."Zu den Unterzeichnern gehören Daniel Kehlmann, Julia Franck, Ralf Bönt, Eva Menasse, Navid Kermani und Bastian Sick.

Überwachung, 22.02.2016

Markus Grill von Correctiv.org erklärt, warum Correctiv.org weiterhin Dokumente aus den TTIP-Verhandlungen veröffentlichen wird: "Wir sind überzeugt, dass eine freie Gesellschaft über ein so wichtiges Abkommen wie TTIP öffentlich diskutieren können muss - und zwar auf Basis von Fakten, von Dokumenten, und nicht nur auf Basis von beschwichtigenden Stellungnahmen aus Brüssel oder Washington."

Constanze Kurz erklärt in ihrer Maschinenraum-Kolumne in der FAZ, warum Apple sich zurecht gegen das FBI und seinen Versuch, auf Iphone-Daten zuzugreifen, wehrt: "Ein typisches Smartphone kann sehr viel mehr Daten höchstpersönlicher Natur etwa über Liebesbeziehungen oder Krankheiten enthalten, die der Intimsphäre eines Menschen zuzuordnen sind. Am Ende kann die Verschlüsselung auch Teile des Selbst des Menschen schützen, etwa aufgezeichnete Gedanken und Gefühle oder Sensordaten über die Person."

Religion, 22.02.2016

Während deutsche Manager längst mit den Füßen scharren, um endlich wieder Geschäfte mit den beliebten iranischen Mullahs zu machen, meldet der Independent, dass "laut der staatlichen Nachrichtenagentur Fars vierzig staatliche iranische Medien ein neues Kopfgeld in Höhe von 600.000 Dollar für den Tod des britisch-indischen Autors Salman Rushdie ausgelobt haben. Die Fars News Agency, die eng mit den Revolutionsgarden verbunden ist, gehört mit einer Spende von einer Millarde Rial - nahezu 30.000 Dollar - zu den größten Geldgebern."

Ideen, 22.02.2016

In seiner von der Welt dokumentierten Dankesrede zur Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises zeichnet der syrische Dichter Adonis ein verheerendes Bild von der arabischen Welt, in der Demokratie - selbst bei den Oppositionellen - immer nur ein Lippenbekenntnis ist: "Die Intellektuellen, die sich zur Vernunft bekennen, müssen sich sowohl gegen die bestehenden Regime als auch gegen deren Oppositionen stellen. Sie müssen das Neue begründen. Sie müssen Fragen nach der neuen Regierungsform aufwerfen: Wird es eine demokratische und laizistische Regierungsform sein? Oder soll im Namen der Religion, der Ethnie, der konfessionellen Mehrheit oder in anderem Namen eine andere Form der Tyrannei entstehen?"

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev schreibt auf der Gegenwart-Seite der FAZ über die Flüchtlingskrise in Europa - mit eine radikalen These: "In unserer so stark vernetzten Welt ist die Migration die neue Revolution - keine Revolution der Massen wie im 20. Jahrhundert, sondern eine vom Exodus getriebene Revolution des 21. Jahrhunderts, getragen von Einzelnen und Familien und inspiriert nicht von Zukunftsbildern, wie Ideologen sie einst malten, sondern von den im Internet verbreiteten Bildern des Lebens jenseits der Grenze."

Geschichte, 22.02.2016

In der FR denkt Arno Widmann darüber nach, was man heute noch von Verdun lernen kann: "Verdun war der Beginn der Götterdämmerung und am Ende war die Welt von gestern untergegangen. 'Rache für Versailles' war die politische Parole des deutschen Nationalismus nach 1919. Das schloss immer auch ein, Verdun rückgängig zu machen. Das meinte nicht nur, diesmal die französischen Stellungen schnell zu nehmen, sondern auch, die traumatische Erfahrung der Sinnlosigkeit des Krieges, aller mit ihm verbundenen Anstrengungen, der körperlichen und seelischen Verletzungen, ja des Todes doch noch zu widerlegen und aus einer Materialschlacht, aus einem industriellen Gemetzel, wieder einen Kampf der Krieger zu machen." Um zu lernen, dass dies nicht möglich war, brauchte es noch einen Zweiten Weltkrieg.

Medien, 22.02.2016

Ein Fachinstitut und die Fresenius-Hochschule haben untersucht, wofür Nutzer im Netz Geld bezahlen, berichtet Björn Czieslik bei turi2. Laut der "Paid Content Studie 2016" öffnen "die meisten Nutzer für Musik (54,6 %), Spiele (47,7 %) oder Filme und Serien (39,1 %) den Geldbeutel. Klassische Verlagsinhalte finden sich am unteren Ende: Für Fachinformationen haben schon 12,3 % der Zahlungswilligen Geld ausgegeben, für Nachrichten erst 9,6 %. Zudem erreichen die Verlage mit ihrem Paid Content vor allem das ältere Publikum." Mehr zum Thema auch bei kress.de.

Emily Bell vom Tow Center for Digital Journalism an der Columbia University schlägt im Guardian dunkle Töne für die Zukunft der Medienindustrie an. Vor dem Hintergrund von Adblockern in Handys und der Facebook-Dominanz in mobilen Medien, schreibt sie: "Ein traditioneller Medienbetrieb, der auf einer Website basiert, bereitet heute genauso viel Kopfschmerzen wie die darbende Printindustrie. Wo einst Publikationshäuser waren, werden wir eher ein Studio- oder Agenturmodell entstehen sehen, das eher auf Beziehungen und Dienstleistungen als auf Produkten und Paketen beruht."

Außerdem: Bei der Basler Zeitung unterhält sich Hansjörg Müller mit Martin Meyer, der nach vierzig Jahren NZZ-Feuilleton in den Ruhestand geht und für seine polemischen Fähigkeiten jetzt den Börne-Preis erhält. In der NZZ feiert Rolf Hürzeler die Chancen der digitalen Technik für das Hörspiel. Und Tobias Feld berichtet über Versuche von Medien, verlorenes Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen.

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