Heute in den Feuilletons "Auf dem besten Wege, Bono den Rang abzulaufen"

"Zeit online" rümpft die Nase über den vermeintlichen Schmusekurs des Rappers Kendrick Lamar. Die "Berliner Zeitung" liest mit Abbas Khiders "Ohrfeige" das Buch der Stunde. Die Filmkritiker feiern den scheuen garrelschen Touch.


Efeu - Die Kulturrundschau

Architektur, 28.01.2016

Rettet den Brutalismus, ruft Lennart Laberenz im Freitag. Die Aktion SOS Brutalism des Deutschen Architekturmuseums kommt ihm da gerade recht: Denn "mit der seltenen Ausnahme von Monografien über einzelne Architekten bestätigt der Überblick die ungute Ahnung: Während die Gegner des Brutalismus über die Form die sozialstaatliche Idee attackierten, ergötzten sich viele Freunde am Grusel der Ästhetik und neutralisierten die Ethik mittels tumblr-gerechten Architekturpornos."

Literatur, 28.01.2016

Für die Berliner Zeitung unterhält sich Cornelia Geißler mit mit dem deutsch-irakischen Schriftsteller Abbas Khider über dessen neuen Roman "Ohrfeige": "'Stumm und starr vor Angst hockt sie in ihrem Drehstuhl, als hätte die Ohrfeige sie betäubt', lautet der erste Satz. Der Iraker Karim Mensy zwingt seine Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde, sich einmal seine Geschichte anzuhören. Er ist es leid, immer nur als unvollständige Akte behandelt zu werden. In Rückblenden, die mal kurz zurückgehen, mal viele Jahre überspringen, erzählt er, wie es ihm unter den Deutschen ergangen ist. Die 'Ohrfeige' kann als Diskussionsbeitrag zu Flüchtlings-Obergrenzen und Abschiebung gelesen werden: Es ist das Buch der Stunde!"

Weitere Artikel: In der Wiener Zeitung entschuldigt sich Klaus Kastberger bei Daniel Kehlmann für seine Plagiatsvorwürfe. "Die Wirklichkeit kommt zurück", stellt Zeit-Autorin Elisabeth von Thadden beim Blick ins literarische Frühjahrsprogramm fest. In der NZZ würdigt Roman Bucheli die großartige Arbeit Schweizer Verlage (oft Kleinstverlage) auf dem Gebiet des literarischen Übersetzens. Karl-Markus Gauß ( SZ ) und Lorenz Jäger (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Ismail Kadare zum Achtzigsten.

Besprochen werden Ana Langs Roman "Fische im Mond" ( NZZ ), Dietmar Daths neuer Roman "Leider bin ich tot" ("Ein geiles Buch", verspricht Florian Schmid im Freitag), die als Buch erschienenen Twitter-Aphorismen von Eric Jaronsinski alias @NeinQuarterly ( Berliner Zeitung ) sowie F. Scott Fitzgeralds "Die Straße der Pfirsiche" (FAZ). Und im Freitag empfiehlt Erhard Schütz neue Bücher.

Mehr in Lit21, unserem fortlaufend aktualisiertem Wegweiser durchs literarische Leben im Netz.

Bühne, 28.01.2016

Viel zu lange, nämlich 26 Jahre lang hat man Wolfgang Rihms Musiktheater "Die Hamletmaschine" nicht mehr gespielt, schreibt Eleonore Büning in der FAZ, die es dem Zürcher Opernhaus sehr dankt, dass es das als unaufführbar geltende Stück wieder auf die Bühne geholt und damit, "unter Anspannung aller Kräfte, den Beweis geführt [hat], dass dieses Stück, gut hundert Minuten lang, glänzend machbar ist; dass die beiden großen Gesangspartien durchaus singbar und die von sechs Schlagzeugern entfesselten Fortegewitter ebenso leicht durchhörbar sind wie die im Glissando verebbende Lamentolyrik und überhaupt die komplexe Polyphonie der musikalisierten Zustände; und dass diese 'Hamletmaschine', trotz etlicher Staubspuren enigmatischer Gestrigkeit, einen Kraftstrom entfesselt, der jeden Hörer in den Sitz drücken kann."

Susanne Kübler ist in der Welt nicht so begeistert: Regisseur "Sebastian Baumgarten scheint bei alldem nicht allzu genau hingehört zu haben. Er hat Müllers Text inszeniert, nicht Rihms Musiktheater ... es bleibt zu abstrakt, zu verkopft, zu tot, zu ausschließlich deutsch in seinen Referenzen."

"Ist das Stück, ist die Musik überhaupt erotisch?", fragt Regisseur Claus Guth an der Deutschen Oper Berlin mit seiner "Salome"-Inszenierung, was Martin Wilkening von der FAZ ganz hervorragend findet: "Guths Inszenierung ist deswegen so stark, weil sie unzweifelhaft deutlich macht, dass es alles andere als eine Befreiungsgeschichte ist, die hier erzählt wird, sondern die Geschichte einer Traumatisierung, die ebendeswegen, weil ein Trauma das sprunghafte Handeln bestimmt, neue Opfer erzeugt."

Reichlich genervt kehrt Martin Eich vom Freitag aus Mannheim zurück, wo es Roland Schimmelpfennigs Fukushima-Stück "An und Aus" gab: "Bloß vage bleiben, dröhnte es in Roland Schimmelpfennig", mutmaßt der Kritiker: "Viel wird deklamiert, wenig agiert. Figurentheater. Hunde, wollt ihr ewig an der Rampe stehen? Die Sprache verschleiert, was deutlich sein müsste. Die Bilder sind Nebelwände, weißlich-wabernd wie der Dampf aus Kühltürmen und theorieschwer. 'Theatertreffen, hier bin ich', säuselt die Inszenierung fortwährend."

Weiteres: Für den Tagesspiegel unterhält sich Frederik Hanssen mit Barrie Kosky, dem Intendanten der Komischen Oper Berlin. An den Münchner Kammerspielen lasen Schauspieler aus den NSU-Prozessprotokollen, berichtet Tim Neshitov. Besprochen wird Roland Schimmelpfennigs an der Neuköllner Oper aufgeführtes Migrantenstück "Das Schwarze Wasser" ("Bildungs- und Chancenungleichheit in schönster Drastik", meint Clemens Haustein in der Berliner Zeitung).

Kunst, 28.01.2016

Andrea Köhler träumt für die NZZ eine Nacht im New Yorker Rubin-Museum für tibetische Kunst, direkt unter einem riesigen Buddha-Kopf aus dem 2. Jahrhundert: "Der rührige Leiter dieser Begleitveranstaltungen, Tim McHenry, hat auch das Konzept des 'Dream over' aufgebracht. Es ist die 120 Dollar, die man für eine Einführung in die west-östliche Traumdeutung, die Gruppensitzung mit einem Traum-Therapeuten sowie ein Frühstück mit tibetischem Porridge bezahlt, unbedingt wert. Eine Stunde bei einem Psychoanalytiker würde das Dreifache kosten."

Nur neun, überdies noch hinlänglich bekannte Bilder zeigt eine aktuelle Ausstellung in der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen- und dann auch ohne ihre wuchtigen Rahmungen. Doch das minimalistische Konzept geht wunderbar auf, meint Bernhard Schulz im Tagesspiegel: Denn "ohne Rahmen erzählen die Arbeiten von ihrer Entstehung mehr, als man sich je vorstellen konnte. Es ist nichts an der Malfläche verändert, nur die Ränder und schmalen Seiten des Bildträgers sind erstmals zu sehen - und doch entsteht ein völlig neues 'Bild' vom Bild."

Besprochen werden die Ausstellung "Max Pechstein - Pionier der Moderne" im Brücke-Museum in Berlin ( Tagesspiegel ), die Ausstellung "Kunst aus dem Holocaust" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (FAZ, mehr dazu hier) und die Holbein-Ausstellung im Berliner Bode Museum (Zeit).

Film, 28.01.2016

Mit "Im Schatten der Frauen" kommt erstmals ein Film von Philippe Garrel in die deutschen Kinos. Zu sehen gibt es ein Drama zwischen Mann und Frau auf schwarz-weißem 16mm-Material. Schon deshalb gerät Patrick Holzapfel auf kino-zeit.de ins Schwärmen: Die "behutsame Geschichte um Liebe und Untreue" lädt dazu ein, "sich einmal mehr in diesem offenen Kino [zu verlieren], das den Geist des vergangenen französischen Kinos in seinen ästhetischen und moralischen Vorstellungen atmet." Auch Frédéric Jaeger von critic.de feiert den "Garrel'schen Touch. Diese Staffelungen der Blicke sind auf seine ganz eigene Weise scheu: Die Körper und die Leidenschaft, sie sind da und haben nichts zu verbergen; sie müssen aber auch nichts beweisen und erst recht nichts einander entreißen." Jan-Schulz Ojala vom Tagesspiegel ist hypnotisiert davon, "wie wunderbar wahnsinnig altmodisch das alles" ist.

Sanfte Vorbehalte bei Lukas Foerster in der taz: Auf ihn wirkt der "aus bedingungslos männlicher Perspektive" erzählte Film mitunter "unangenehm kalkuliert - vorderhand wird Pierres Machismo nach allen Regeln der Kunst dekonstruiert, aber am Ende geht es allen Beteiligten doch nur darum, den Trübling endlich einmal zum Lachen zu bringen."

Weitere Artikel: Latinos und Asian Americans hätten mehr Grund die Oscars zu boykottieren als Schwarze, meint Uwe Schmitt in der Welt. Für die SZ trifft sich David Steinitz zum Interview mit Quentin Tarantino, dessen neuer Western "The Hateful Eight" (mehr dazu im gestrigen Efeu) heute auch von Michael Kienzl auf critic.de besprochen wird. Der stellt fest: Taratinos "Sehnsucht nach einem Kino der Vergangenheit, das noch ordentlich Haare am Sack hatte, ist geblieben."

Besprochen werden eine Ausstellung in Bremen über den Niederschlag von Alain Resnais' Klassikers "Letztes Jahr in Marienbad" in den Künsten ( Freitag ), Henri Steinmetz Rüpelfilm "Uns geht es gut" mit Franz Rogowski als Herumtreiber (FAZ, SZ, Berliner Zeitung , wo ihn Frédéric Jaeger als einziger Kritiker mochte: ), Christian Züberts Finanzkrisen-Kino "Ein Atem" ( Welt ), Gerardo Olivares' und Otmar Penkers Adlerfilm "Wie Brüder im Wind" (den Eckhard Fuhr in der Welt als ausgezeichneten Naturfilm für Kindern empfiehlt: "Die Regisseure brechen mit der Gewohnheit, Kindern ein weich gezeichnetes Bild der Natur zu zeigen.", NZZ ), Stefan Jägers Film "Der große Sommer" mit Mathias Gnädinger in seiner letzten Rolle ( NZZ ), die Netflix-True-Crime-Serie "Making a Murderer" ( Welt ), Rick Famuyiwas Komödie "Dope"( Tagesspiegel ), Christiane Büchners Dokumentarfilm "Family Business" ( taz ) und Choi Dong-hoons auf DVD veröffentlicher "Asssassination" ( taz ).

Musik, 28.01.2016

Überall wird Rapper Kendrick Lamar als Protestmusiker gefeiert, seine Alben führte sämtliche wichtigen Jahresbestenlisten an vorderster Stelle an, sogar Barack Obama lobt den Mann. Der will wohl der neue Bono Vox werden, rümpft Nicklas Baschek auf ZeitOnline die Nase. Eckte Lamar früher tatsächlich noch an, sei er nun auf ekletischen Schmusekurs umgestiegen: "Lamars aktuelle Platte ist also das Album der Konsolidierung. Sehr bürgerlich, im Bestehenden verharrend."

Weiteres: Das neue Album "This Is Acting" von Sia ist beinahe schon passgenau nach dem Handbuch der Hitproduktion komponiert, bemerkt SZler Jan Kedves, der sich nach einem ausführlichen Exkurs der Mechanismen, die jeder potenzielle Hit triggern muss, fragt, ob das Album wohl tatsächlich in den Charts durchstarten wird. Anlässlich einer nach langen Rechte-Streitigkeiten nun vorliegenden Diskografie erinnert sich taz-Mitgründer Michael Sontheimer an die Ton Steine Scherben. Zumindest im Westen der Republik wachsen die Orchester, verzeichnet Frederik Hanssen im Tagesspiegel.

Besprochen werden das neue Album der Tindersticks ( The Quietus ), Theresa Beyers Popreader "Seismographic Sounds" ( Freitag ), das Berliner Konzert von Michael Rother ( Spex ), ein Auftritt von Anja Silja in der Oper Frankfurt ( FR ), ein Beethovenkonzert des Orchestre de Chambre de Lausanne ( NZZ ), ein Konzert von Daniil Trifonov ( Tagesspiegel ) und ein Konzert von Lucinda Williams ( Tagesspiegel ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Geschichte, 28.01.2016

Es wird Angela Merkel ja häufiger vorgeworfen, sie betreibe ihre offene Flüchtlingspolitik als Wiedergutmachung für die deutsche Geschichte - aber nicht von Ruth Klüger, die gestern zum Holocaustgedenktag im Bundestag sprach: "Dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind."

Benedict Neff hat für die Basler Zeitung ein schönes Interview mit Klüger geführt, wo sie auch über ihren inneren Widerstand gegen die Zeitzeugenrolle spricht und erklärt, warum sie die Auschwitz-Nummer auf ihrem Arm hat entfernen lassen: "Es gibt Phasen, in denen gewisse Dinge wichtig sind, und dann sind sie es nicht mehr. Ähnlich geht es mir mit den Orten, wo ich lebte. Ich trenne mich von ihnen und dann sind sie abgegrenzte Kapitel. Die Jahre in New York, wo ich angekommen bin, waren wichtig in meinem Leben. Heute habe ich da nichts mehr verloren. Eine andere wichtige Stadt ist Berkeley, wo ich promoviert habe. Seit meine letzte Freundin gestorben ist, gehe ich da aber nicht mehr hin. So ähnlich ist es mit dieser Nummer. Praktisch kommt hinzu, dass man sie jetzt mit Laser entfernt, das ist eine einfache Sache. Früher musste man Haut rausschneiden."

Beim gestrigen Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Hassan Rohani am Holocaustgedenktag in Paris, scheint es nicht zu einem Eklat gekommen zu sein. Immerhin druckt der Figaro einen Brief von sechzig französischen Abgeordneten ab, die an die Untaten des iranischen Regimes - unter anderem den "Holocaust Cartoons Contest" - erinnern.

In den Papieren des israelischen Präsidialamtes ist ein Gnadengesuch Adolf Eichmanns gefunden worden, das gestern zum Holocaustgedenktag neben anderen Dokumenten der Öffentlichkeit präsentiert wurde, berichtet Berthold Seewald in der Welt. Und Hans-Christian Rössler hat für die FAZ den Historiker Tom Segev zum Dokument befragt, der "bezweifelt, dass sich Eichmann große Hoffnungen gemacht hatte, als er an den Präsidenten schrieb. Wahrscheinlich habe er dabei eher 'an die Geschichte oder an seine Kinder und Enkel gedacht', vermutet Segev."

Außerdem: Ulrich M. Schmid stellt in der NZZ Sinaida Hippius' Petersburger Kriegs- und Revolutionstagebuch 1914-1919 vor.

Gesellschaft, 28.01.2016

Er verstehe diesen Hass nicht, schreibt Jan Feddersen in der taz und erinnert an eine schlichte Wahrheit: "Kein Urdeutscher hat jemals durch Migrant*innen in einem grundsätzlichen Sinne Schlechtes erlitten. Im Gegenteil sind große Teile des einst pur hellhäutigen Proletariats durch Bildungsaufstieg in den sechziger Jahren ins Angestelltendasein aufgestiegen, ihre schmutzigen Jobs übernahmen Männer und Frauen aus Portugal, Italien, Spanien, Jugoslawien, Marokko, Ägypten, Griechenland und der Türkei. Ich finde, daran kann man sich gern mal erinnern: Sie haben unser Land entscheidend mit aufgebaut."

Feddersen schreibt, dass die Flüchtlingshysterie durchaus von beiden Seiten kommt, Lorenz Maroldt liefert in seinem Tagesspiegel-Checkpoint dafür den Beleg: "Der dramatische Facebook-Eintrag eines freiwilligen Helfers am Lageso über den nächtlichen Tod eines von ihm betreuten, beim Warten in der Kälte erkrankten Flüchtlings aus Syrien ließ gestern einige in der Stadt komplett durchdrehen. Sozialsenator Czaja wurde von völlig enthemmten Zeitgenossen als Mörder beschimpft, Oppositionspolitiker forderten seinen Rücktritt, andere Senatoren bekundeten tiefe Trauer, pathetische Todesanzeigen wurden verbreitet, Kerzen entzündet - der Konjunktiv ertrank schnell in einem Meer der Emotion. Nur: Es gab keinen Toten."

Weiteres: Daniela Segenreich stellt in der NZZ einige jüdisch-arabische Ehepaare in Israel vor. In der Welt fragt sich Henryk M. Broder, warum ausgerechnet Frauen "die absurdesten, gemeinsten und frauenfeindlichsten Kommentare" zu den Übergriffen in Köln geschrieben haben.

Politik, 28.01.2016

Die amerikanische Demokratie ist verbesserungsbedürftig, schreibt Lawrence Lessig, der im New Yorker erklärt, warum er zumindest kurz für die Präsidentschaft kandidierte: "Heute ist der einzige mögliche Träger einer politischen Reform der Präsident. Der Kongress wird sich nicht selbst reparieren. Auch die Parlamente der Staaten werden kaum aufstehen und ihre Macht nutzen, um die Verfassung zu reformieren... Der einzige moderne politische Akteur, der dem 'Volk' ein umfassendes Reformprojekt vorlegen kann, ist der einzige Akteur, der vom 'Volk' wirklich gewählt wird (zumindest indirekt durch ein Wahlkolleg): der Präsident."

Katja Nicodemus hat für die Zeit Künstlerinnen im Iran besucht, die sich in jüngster Zeit in freieren Bahnen bewegen können, so übereinstimmend ihre Gesprächspartnerinnen. Weniger optimistisch sieht es die Anwältin Nasrin Sotudeh, die durch ihren Auftritt in Jafar Panahis "Taxi Teheran" bekannt wurde: "'Es ist wahr, das Klima ist freier geworden', sagt Sotudeh. Unter Ruhani gebe es eine Lockerung der Kontrollen und Verbote. 'Aber es gibt auch andere Zeichen. Etwa die alarmierende Zunahme der Exekutionen.'"

Der iranische Schriftsteller Mahmud Doulatabadi beschreibt - ebenfalls in der Zeit - die Situation im Iran als Mischung aus postmodernem Chaos und arabischer Koran-Kultur: "Doch es ist uns lieber, unsere persische Sprache zu haben und das goldene Zeitalter der persischen Kultur fortzuführen."

Europa, 28.01.2016

Die Zeit versucht in mehreren Artikeln, den "Merkelschen Salto mortale" in der Flüchtlingspolitik zu analysieren. Die Bundeskanzlerin ist keine große Rednerin, darum muss sie ihren Gegner in den Abgrund blicken lassen, um ihn von ihrer Politik zu überzeugen, glauben Matthias Krupa und Bernd Ulrich: "Erst wenn alle Europäer sich bildlich vorstellen müssen, wie eine EU ohne Merkel aussähe, was dem Kontinent blüht, wenn nun auch Deutschland die Binnengrenzen dicht macht, wie die Lkw sich an den Schengen-Grenzen stauen, erst wenn sie die neuen Zäune schon beinahe berühren können und das Blut am Stacheldraht zu schmecken vermeinen, erst dann ist eine Wende in Richtung europäischer Solidarität möglich."

In der Flüchtlingsdebatte geht es gar nicht um Flüchtlinge, sondern um Ideologien, rechte wie linke, meint Jens Jessen. "Aber was macht die Kanzlerin in diesem Bild? Nun, sie versucht, was die wenigsten möchten: den entideologisierten Blick auf die Tatsachen zu wagen" und dazu gehört für Jessen das Anerkenntnis, dass die Grenzen eben nicht zu sichern sind. Denn was würde das heißen? "Flüchtlinge an der bayerischen Grenze zurückzuschicken, mit Verweis auf das sichere Herkunftsland Österreich? Österreich würde sie in das sichere Herkunftsland Slowenien zurückschicken, von Slowenien nach Kroatien - und so weiter den Balkan hinab bis an die griechische Grenze. Sollte dann in Mazedonien (den Plan gibt es tatsächlich) ein Auffanglager, so groß wie das ganze Land, entstehen, europäisch finanziert? Oder würde man die Flüchtlinge schließlich doch nach Griechenland zurückbringen, das seinerseits wohl nur auf das Meer verweisen könnte, auf dem schließlich auch noch niemand politisch verfolgt worden ist - nur ertrunken."

Thomas Steinfeld kritisiert in der SZ das dänische Gesetz, das den Flüchtlingen im Namen des Sozialstaats ihre letzte Habe nimmt: "Gewiss, auch diejenigen, die eine solche Grundsicherung brauchen, verlieren in gewissem Sinne die Verfügungsgewalt über sich selbst, um sich für die letzte Stufe staatlicher Fürsorge zu qualifizieren. Doch während der Flüchtling nichts anderes besitzt als das, was er bei sich trägt, hört der Hartz IV-Empfänger nicht auf, ein bürgerliches Subjekt zu sein."

Kulturpolitik, 28.01.2016

In der SZ bringt uns Reinhard J. Brembeck über allerneueste Peripetien im Drama um den den Münchner Konzertsaal auf das laufende.

Medien, 28.01.2016

Die "Elefantenrunde" des SWR findet nach viel Kritik am SWR und der SPD und den Grünen, die die Runde wegen der AfD verhindern wollten, nun doch statt, meldet der Tagesspiegel.

Internet, 28.01.2016

Conor Dougherty schreibt für die New York Times fast ausschließlich über Google. Jedenfalls beschreibt er seinen Job so in einem Blogeintrag, in dem er zugleich seine Verzweiflung bekundet: Larry Page, der Boss der mächtigten Firma der Welt (jetzt, wo Apple angekratzt ist), war für denn Reporter der New York Times noch nicht ein einziges Mal zu sprechen: "Insgesamt bin ich Herrn Page dreimal begegnet - insgesamt vielleicht fünf Minuten. Einmal bei einem Off-the-Record-Treffen, bei dem nichts Interessantes passierte, einmal bei einem Presse-Meeting, bei dem er mir höflich die Hand schüttelte, bevor er in eine andere Richtung abrauschte."

Außerdem: Marvin Minsky, Miterfinder der "Künstlichen Intelligenz" ist gestorben. Kai Schlieter schreibt einen ganzseitigen Nachruf in der taz. Mara Delius schreibt in der Welt . Bei Edge.org gibt es ein ganzes Dossier zu Minsky.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.