Heute in den Feuilletons "Nie stand eine Frau gleichberechtigt neben Grass"

Der "Tagesspiegel" berichtet von der großen Sebastião-Salgado-Schau in Berlin. Die "Berliner Zeitung" widmet sich dem Thema deutsche Schuld. Auch für Grass war die Welt nur ein old boys club, bemerkt Marlene Streeruwitz in der "taz".


Efeu - Die Kulturrundschau

Literatur, 18.04.2015

Auf ZeitOnline porträtiert Michael Braun die Lyrikerin Mara Genschel, deren quer zum Betrieb stehende Volten einen merklichen Reiz auf ihn ausüben: Ihre Kollegen fordert sie zum Pöbeln auf, auch ansonsten lässt sie nichts aus, um Sand in die Maschinerie zu streuen. Sie setze "auf die große Verweigerung, auf die Abwehr aller gefälligen Literaturrituale, auf Poesie als Störfall. Den einzigen Weg für eine widerständige Poesie sieht sie im Gekritzel, im Durchstreichen der dichterischen Aura, in der Destabilisierung der Textautorität."

Weitere Grassiana: Grass hat unzweifelhaft auf die deutsche Gesellschaft eingewirkt, schreibt die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz in der taz, doch sein Kampf für die soziale Revolution überging dabei ihrer Ansicht nach geflissentlich die Frauen. Frauen waren demnach lediglich "mitgemeint. Die soziale Revolution sollte nie Geschlechtergerechtigkeit meinen. Da war schon die Sozialdemokratie davor. Nie stand eine Frau gleichberechtigt neben Personen wie Grass. Nie wurde uns gezeigt, wie das aussähe. Ernstgenommen. Würdig. Das ging wohl nicht. ... Die deutsche Kultur [wurde] zu einem der vielen old boys clubs, wie sie die Welt immer schon beherrschten."

Der polnische Autor Stefan Chwin erzählt in der FAZ vom liebevollen Verhältnis, das Danzig zu dem verstorbenen Schriftsteller hatte: "Wir teilten seine antitotalitäre Haltung, begeisterten uns für seine moderne Vision eines Romans, und das bürgerliche Danzig, das er nicht mochte, wurde dank ihm zu einer imaginären Stadt, zu einem geistigen Fundament, auf dem wir unsere eigene freiheitliche Identität aufbauten."

Im Tagesspiegel erinnert sich die französische Journalistin und Autorin Pascale Hugues an Günter Grass: "Deutschland verliert ein Nationaldenkmal, wir anderen Europäer verlieren unseren Deutschen vom Dienst." Ein Rang, der auch zur Folge hatte, dass sie bei ihren Redakteuren selten einen anderen deutschen Intellektuellen positionieren konnte, wenn es um einen Kommentar zur Lage in Deutschland ging. Übliche Antwort: "'Frag doch lieber Günter Grass!'"

Weitere Artikel: tazlerin Sarah Emminghaus findet sich in einem "Traum", bzw. in einer queeren Karaokebar in Berlin-Friedrichshain wieder, wo unter dem programmatischen Veranstaltungstitel "Naked Boys Reading" nackte Kerle große Literatur vor begeistertem Publikum rezitieren. Der schwache Franke und die im Zuge der aufgehobenen Buchpreisbindung Niedrigpreise bei Amazon machen der Schweizer Buchszene schwer zu schaffen, erfahren wir in Jürg Altweggs Reportage in der FAZ. Susanne Ostwald schreibt in der NZZ zum 200. Geburtstag von Anthony Trollope.

Besprochen werden neue Hörbücher ( taz ), Dave Eggers' "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" ( FR ), Frank Witzels "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" ( taz ) und Anne Tylers "Der leuchtend blaue Faden" (FAZ).

Kunst, 18.04.2015

Unter enormem Publikumsandrang wurde gestern Abend im C/O Berlin Sebastião Salgados große Schau "Genesis" eröffnet, für die der Fotograf fünf Jahre lang die vom Menschen weitgehend unberührten Gegenden der Welt bereist hat. Für den Tagesspiegel hat sich Birgit Rieger mit dem Künstler getroffen, dessen Bilder "die Welt als Paradies" zeigen: "Üppige Wälder, majestätische Canyons, geheimnisvolle Eisberge. Man sieht Alligatoren in Brasilien, schaut in die Augen von Affen, Walrossbullen strecken ihre mächtigen Stoßzähnen in die Luft, einem Wal im argentinischen Meer kam Salgado so nah, dass man denkt, er wäre auf dessen Rücken geritten." Für die SZ hat sich Lothar Müller mit Selgado unterhalten.

Astrid Mania (SZ) berichtet von der Art Cologne. Besprochen werden die Ausstellung über die feministische Avantgarde aus den 70ern in Hamburg ( Tagesspiegel ) und drei Lucas-Cranach-Ausstellungen in Thüringen (FAZ).

Film, 18.04.2015

Von wegen gemütliche Krimi-Knobelei: Kopfüber hat sich Arno Widmann im vergangenen Jahr in die Schwarzweiß-Welt des seligen "Kommissars" gestürzt. In der Berliner Zeitung berichtet er von seinen Entdeckungen, bei denen es ihm allmählich dämmerte, dass die von Herbert Reinecker geschriebene Serie eine von der eigenen Schuld an den Gräueln des Zweiten Weltkriegs traumatisierte Fernsehnation jede Woche an triftige Frage heranführte: "Für jeden Zuschauer, der 1972 fünfzig Jahre alt war, waren die Anspielungen, die Assoziationen völlig klar. Er wurde entlastet, weil die Verbrechen weiter stattfanden auch von einer anderen Generation. Zugleich aber befeuerte Reineckers ruheloses Fragen nach dem 'Warum?' die Neuronen des Publikums. Der Patient wurde in die Röhre der Krimierzählung geschoben, um desto besser - in immer neuen Geschichten - durchleuchtet zu werden. Immer als Einzelner, aber immer auch als Einzelner einer Gruppe. Nie aber kam die Nation in die Röhre." Ganz besonders können die Perlentaucher-Filmkritiker im übrigen die von Zbynek Brynych inszenierten Episoden empfehlen. Über dessen "Papierblumenmörder" schrieb unser Autor Lukas Foerster vor einiger Zeit in seinem Blog einige Zeilen.

Zeitenwende in Cannes? Für Jan Schulz-Ojala offenbar schon: Der jubelt im Tagesspiegel darüber, dass neben dem Eröffnungsfilm sogar noch zwei weitere Filme von Frauen im (ansonsten natürlich dennoch stark von Männern dominierten) Wettbewerb laufen. Und was hat Festivalleiter Thierry Fremaux dazu zu sagen? Im Gespräch auf Variety äußert er sich so: "I feel no more proud to have Emmanuelle Bercot as the opening film than I do guilty when there are no women in competition. I don't know whether the filmmakers are men or women, big or small, white or black or red, young or old. We select the films; we don't choose according to the gender (of their directors). This year, there are no Spanish films in competition. That's how it is."

Weiteres: Auf Artechock wirft Nora Moschüring einen Blick auf die Türkischen Filmtage in München. Besprochen werden Jan Martin Scharfs Film "Dessau Dancers" über die Breakdance-Subkultur in der DDR ( FR ), Thomas Cailleys Komödie "Les combattants" ( NZZ ) und Patrice Lecontes "Nur eine Stunde Ruhe" ( FAZ ).

Architektur, 18.04.2015

In der NZZ porträtiert Ursula Seibold-Bultmann den finnischen Architekturtheoretiker Juhani Pallasmaa, der von der Architektur nicht nur ästhetische Erfahrungen nicht nur für das Auge, sondern alle sieben Sinne einfordert: "Ansatzpunkte für seine Theorie fand Pallasmaa beim dänischen Architekten Steen Eiler Rasmussen, der schon 1959 in seinem Buch 'Experiencing Architecture' eine Architektur eingefordert hatte, die sämtliche Sinne anspricht. Im Zentrum von Pallasmaas Kritik steht seither die Einseitigkeit jener Art zeitgenössischer Architektur, die - durchaus in der Hauptlinie westlicher Architekturtheorie seit der frühen Renaissance - vor allem auf das Auge und somit inzwischen auch auf fotogene Wirkung hin konzipiert ist. Architekten sollten sich überlegen, so meint er, inwieweit ein von den übrigen Sinnen isolierter Sehsinn uns von der Welt distanziere und zu bloßen Zuschauern oder Bilderkonsumenten mache."

Bühne, 18.04.2015

Im Tagesspiegel spricht Patrick Wildermann mit dem Regisseur Simon McBurney über dessen neues, an der Berliner Schaubühne uraufgeführtes Stück "Amazon Beaming". Für skug unterhalten sich Ruth Ranacher und Michael-Franz Woels mit der Sprachperformance-Künstlerin Gina Mattiello. Alexandra Albrecht gratuliert in der FAZ dem Choreografen Mats Ek zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Ina Christel Johannessens in Wolfsburg aufgeführte Choreografie "Wasteland" ( FR ), eine Aufführung von Halévys Oper "La Juive"  in der Oper Gent ( NZZ ) undPhilipp Preuss' Hamburger Bühneninterpretation von Kafkas Fragment "Amerika" ( FR ).

Musik, 18.04.2015

Die Band der Stunde ist laut Jan Tölva (Jungle World) gefunden: Mit "White Men Are Black Men Too" haben die aus Edinburgh stammenden Young Fathers einen ausrichtsreichen Kandidaten für das "Album des Jahres" vorgelegt, schreibt er. Diese Musik "wirkt aufregend neu und durch ihren Reichtum an Zitaten und Versatzstücken doch vertraut. Ihre Texte sind bei allem Fragmenthaften, was der an William S. Burroughs geschulte Cut-up-Stil so mit sich bringt, doch von politischem Selbstbewusstsein geprägt und überaus prägnant. Vor allem aber illustriert ihre Geschichte diese Welt, in der Raum und Zeit für viele zu ­relativen Bezugsgrößen geworden sind." Im Tagesspiegel porträtiert Andreas Hartmann den Technoproduzenten Nick Höppner, dessen neues, offenbar recht gediegenes Album "Folk" schon rein äußerlich mit seinem Retro-Chic alter Sitzbänke mit Cordbezug aus der Techno-Ästhetik herausfällt: "Früher war diese Musik futurismussüchtig, alles musste auf ein utopisches Morgen verweisen, bei Höppner dagegen ist der Fortschritt etwas, an das wir uns längst gewöhnt haben, das uns selbstverständlich umgibt, ja gar etwas Nostalgisches." Das Filter bringt eine weitere Besprechung und bejubelt "eine kleine Offenbarung". Hier kann man sich das Album im Stream anhören.

Heute ist Record Store Day. Die taz bringt dazu einen großen Musik- und Vinyl-Schwerpunkt. Jens Uthoff und Thomas Mauch pilgern durch Berlins Plattenladenszene, wo sie darüber stutzen, dass selbst die Majors wieder Vinyl produzieren und flächendeckend ausliefern - und das sogar von Helene-Fischer-Alben! Den Enthusiasmus um den Record Store Day kann Maurice Summen vom Staatsakt-Label nur bedingt teilen, wie er gegenüber Jens Uthoff im Interview verrät: Das "nimmt inzwischen extreme Ausmaße an. Die Labels produzieren Extrareleases wie irre, was dazu führt, dass die Presswerke überlastet sind. Wir müssen deshalb auf normale Releases länger warten. ... Die große Aufmerksamkeit am Record Store Day [verzerrt] auch immer ein bisschen, wie es den Rest des Jahres in den kleinen Plattenläden aussieht." Katharina Schipkowski spricht mit Marga Glanz vom Hamburger Plattenladen Groove City unter anderem über Frauen im HipHop. Philipp Rhensius porträtiert DJ Paramida, die im Berliner Salon zur Wilden Renate auflegt. In der Welt denkt Michael Pilz dagegen über die neuen Streamingdienste nach.

Außerdem: Japanische und koreanische Musikstudenten laufen ihren deutschen Kommilitonen mit eiserner Arbeitsdisziplin den Rang ab, berichtet Kerstin Holm in der FAZ. Besprochen werden das Berghain-Konzert von Jam City ("Kapitalismuskritik durch Verweigerung" bescheinigt Andreas Busche dem Abend in der Berliner Zeitung) und ein Schubert-Konzert von András Schiff ( Tagesspiegel ).

Design, 18.04.2015

Geschichten erzählen, das ist für Andrea Eschbach das wichtigste Motiv auf der Möbelmesse in Mailand. Besonders gut können das klassische Firmen wie Vitra, für die die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec eine neue Tisch-Stuhl-Serie entworfen haben, erklärt sie in der NZZ: "Der leichte Belleville Chair besticht durch seine Linienführung, die wie gezeichnet wirkt. 'Wie ein Typograf seine Buchstaben zeichnet, so haben wir Schritt für Schritt die Proportionen der Struktur entwickelt', sagt Ronan Bouroullec. Der stapelbare Kunststoffstuhl besteht aus zwei Komponenten - einer Rahmenstruktur und der Sitzschale. So kann er schlank und dennoch robust sein. Die feine Silhouette des Stuhls prägt der schwarze Kunststoffrahmen für Beine und Rückenlehne. Der Rahmen nimmt eine nur 3 Millimeter dünne Schale auf. Die Sitzschale ist dabei in farbigem Polyamid, furniertem Formsperrholz oder in Leder beziehungsweise gepolstert erhältlich. Erst auf den zweiten Blick erschließen sich Materialität und Konstruktion."

Auch Thomas Steinfeld wandert für die SZ über die Möbelmesse, die jährlich ihren Stück für Stück ihren Charakter verändere, wie er beobachtet. Weil die Ästhetik des Wohnens mehr und mehr zu einer Sache der Repräsentation wird, nimmt sie zusehends "den Charakter einer Messe für zeitgenössische Kunst an". Was zu Folge hat, dass auch mancher "Gestalter, als wäre er ein Künstler, seinem abstrakt freien Ich offenbar freien Lauf lassen darf und die so entstehenden Dinge oft der Skulptur näher stehen als etwa einem Stuhl."


9Punkt - Die Debattenrundschau

Politik, 18.04.2015

Klare Position der deutschen Parlamentarier zum Völkermord an den Armeniern fordert Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel: "Das Europaparlament tut es, der Bundestag nicht? Das kann nicht sein, das darf nicht sein - zum Völkermord an den Armeniern müssen sich die deutschen Abgeordneten verhalten. Und zwar so: Sie müssen ihn in einer Entschließung benennen und verurteilen. Sie müssen damit Druck aufbauen, auf die Türkei und die eigene, die Bundesregierung. Denn die duckt sich weg, anstatt in aufrechter Haltung Position zu beziehen."

Weiteres: In der FAZ kritisiert Oliver Tolmein Strafrechtler, die sich gegen eine "geplante Ausweitung der Strafbarkeit der Sterbehilfe" wenden. Für die taz besucht Israel-Korrespondentin Susanne Knaul das Städtchen Netanja, wo sich viele französische Juden niederlassen.

Urheberrecht, 18.04.2015

Die Geschichte kursierte in Deutschland schon im September (mehr hier): Der Randomhouse-Verlag wurde von den Goebbels-Erben verklagt, um über 6.000 Euro für Urheberrechte auf Goebbels-Zitate in Peter Longerichs Goebbels-Biografie zu bezahlen. Die Sache ist vor Gericht - nächster Termin am 23. April. Die englische Ausgabe des Buchs steht an. Im Guardian berichtet Dalya Alberge. "Rainer Dresen von Randomhouse glaubt, dass andere Verleger für die Nutzung von Goebbels-Zitaten bezahlt haben. 'Wir sind der erste Verlag, der sich weigerte und verklagt wurde.' Für Longerich hat dieser Fall Implikationen von Zensur: 'Wenn Sie einer Privatperson erlauben, die Rechte auf Goebbels' Tagebüchern zu kontrollieren, dann kontrolliert diese Person die Forschung', sagt er." Die Rechte enden siebzig Jahre nach Geobbels' Tod, oder, um ganz genau zu sein, am 31. Dezember diesen Jahres.

Geschichte, 18.04.2015

In der NZZ erinnert Joseph Jung an den Juristen und Pamphletisten Friedrich Locher, der in den  in den 1860er Jahren kräftig mit dazu beitrug, die wirtschaftsliberale Regierung Alfred Eschers in Zürich zu stürzen. Das Bild, das Jung zeichnet, könnte gut das eines Populisten aus dem 21. Jahrhundert sein: "Locher spürte, dass die Umwälzung in der Luft lag, und er wusste, was zu tun war, um das politische Erdbeben loszutreten: Er artikulierte das, was viele dachten, und steigerte es, indem er die 'Opportunität' und die 'herrschende Clique' und die 'über das ganze Land netzartig ausgesponnene Cotterie' ebenso personalisierte wie Korruption, Oligarchie, Plutokratie, Servilismus, Protektion, Einschüchterung, Günstlingswirtschaft, Willkür in verschiedensten Formen und an allen Orten, die Instrumentalisierung von Justiz und Verwaltung oder die Unfähigkeit und Dummheit der Richter und Beamten."

Die Literarische Welt hat heute eine Themenausgabe zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Annett Gröschner sucht und findet im Prenzlauer Berg Spuren der letzten Kämpfe in der Schlacht um Berlin: "Was mit einem Gründerzeithaus bei einem Bombenangriff passiert, haben die Kinder in den Schulaufsätzen zu beschreiben versucht: 'Eine Riesenfaust hat uns gepackt, zuerst gehoben und dann zu Boden geschmettert.' So ähnlich, wie es Frau Globisch beschrieb, als der Wind sie ein Stück mitnahm. Kein Wunder, dass in den alten Gebäuden trotz Luxussanierung in der Nacht wie von Geisterhand die Türen aufgehen und die Bleistifte noch ein Stück weiterrollen, wenn sie herunterfallen. Die Luftminen und Sprengbomben haben auch die äußerlich unzerstörten Häuser krumm und schief gemacht. Wer das weiß, wundert sich, wenn die Leute mit den gierigen Augen durch die Häuser ziehen, um die begehrten Wohnungen zu astronomischen, wenn nicht sogar astrologischen Preisen zu kaufen."

Außerdem: Thomas Kielinger ist in der Welt immer noch fassungslos über die Bergen-Belsen Dokumentation der britischen Armee "German Concentration Camps Factual Survey", die erstmals auf der Berlinale 2014 öffentlich gezeigt wurde: "Man möchte die Augen abwenden, so unerträglich sind auch 70 Jahre nach ihrem Entstehen diese Bildsequenzen". Richard Kämmerlings stellt sieben Urszenen aus dem Mai 1945 zu berühmten deutschen Flakhelfern wie Grass zusammen. Matthias Matussek erinnert sich daran, wie genial Frank Schirrmacher in der FAZ die SS-Zugehörigkeit von Grass skandalisierte. Dirk Schümer unterhält sich mit dem Autor Jan Brokken, der für seinen Roman "Die Vergeltung" ein Kriegsverbrechen der Wehrmacht in seinem holländischen Heimatdorf rekonstruiert hat. Gisela Trahms liest Briefe ihres gefallenen Vaters, der am Marineprojekt "Valentin" mitgearbeitet hatte.

Und: Joachim Güntner beugt sich in der NZZ über den Zettel, auf dem Günter Schabowski handschriftlich vermerkte "Verlesen Reiseregelung".

Internet, 18.04.2015

Aus Wikileaks wird "Lächerleaks", meint Patrick Beuth von Zeit online in einem Kommentar zu den von Wikileaks öffentlich gemachten Sony-Dokumenten. Diese Daten seien keineswegs wo politisch relvant: "Handynummern von Botschaftsmitarbeitern und Staatssekretären, E-Mail-Adressen von Sony-Angestellten, Schauspielern und Produzenten sowie private Korrespondenz und Hollywood-Klatsch sind nicht newsworthy, sondern in vielen Fällen explizit schützenswert."

Europa, 18.04.2015

Thomas Schmid von der Welt veröffentlicht auf seinem Blog einen längeren Zeitschritenessay über die politische Lage Italiens, in dem er sich auch fragt, warum es nach Jahrzehnten ausgerechnet dem greisen Präsidenten Giorgio Napolitano gelang, Silvio Berlusconi abzuservieren: "Weil es in Italien noch immer und ziemlich ungebrochen üblich ist, den Lauf der politischen Dinge Eliten anzuvertrauen. Und da passte es natürlich gut ins Bild, dass der Staatspräsident vom Phänotyp her auf geradezu klassische Weise den Bürgerkönig verkörperte: hochgewachsen, kerzengerade, ernst und wie eine Gestalt aus dem 19. Jahrhundert, die mit ihrer ganzen Existenz die Kleinlichkeit des Lebens normaler Menschen turmhoch überragt."

Christopher Dickey liest für The Daily Beast das nachgelassene Büchlein "Lettre ouverte aux escrocs de l'islamophobie qui font le jeu des racistes" des Charlie-Hebdo-Zeichners Charb, der sich unter anderem mit dem Begriff der "Islamophobie" auseinandersetzt: "Charbs zentrale These ist, dass das Wort 'Islamophobie' in die Irre führt. Für ihn ist es ein Versuch, ein Äquivalent zum Begriff Antisemitismus zu schaffen, das nicht zuletzt vor Gerichten dazu dienen soll, Kritiker zum Schweigen zu bringen und Opponenten einzuschüchtern. Aber Charb sieht keine Entsprechung. 'Islamophobie' ist für ihn vor allem eine Bemäntelung des guten alten Rassismus, ein Ausweichen vor der eigentlichen Realität. Erleiden ein muslismischer Araber und ein weißer französische Konvertit die gleiche Diskriminierung? Gewiss nicht. Hat ein reicher Araber dieselben Probleme wie ein armer? Klares Nein. Die 'Phobie' ist ein Hass auf dunkelhäutige Araber und Afrikaner und ihre Kinder. Diese Leute müssen geschützt werden so Charb, nicht die Abstraktion ihres Glaubens."

Medien, 18.04.2015

An die Adresse der öffentlich-rechtlichen Medien, die (wie manche andere) den Namen des Kopiloten Andreas Lubitz nach wie vor nicht nennen und dies für einen Ausdruck höherer Medienmoral halten, sagt Michael Hanfeld in einem kleinen FAZ-Kommentar einen harschen Satz: "Wer den mehr als mutmaßlichen Täter anonymisiert, verhöhnt die Opfer. Die zwingendste Trennung geht unter - diejenige zwischen Täter und Opfern."

Weitres in Medien: Der Guardian berichtet über die chinesische Journalistin Gao Yu, die für sieben Jahre ins Gefängnis gesteckt wurde, weil sie ein Regierungsdokument über die immer restriktivere Medienpolitik in China veröffentlicht hatte. In einem Essay für Cicero macht sich Medienwissenschaftler Berhard Pörksen über die "Fünfte Gewalt" des im Netz intervenierenden Publikums Gedanken.

Ideen, 18.04.2015

Im Blog des Merkur veröffentlicht Danilo Scholz einen essayistischen Nachruf auf den französischen Verleger François Maspero, dessen Wirken seit dem Algerienrkeig engstens mit der Geschichte der Dekolonisierung verbunden war: "Von 1969 bis 1971 gab Maspero auch die französische Ausgabe der von Kuba aus gesteuerten Zeitschrift Tricontinental heraus, deren Entstehung eng verbunden ist mit der von Guevara initiierten Trikont-Konferenz, die 1966 in Havanna stattfand. Dort einigten sich zahlreiche Staaten der Dritten Welt unter Führung Kubas auf eine Art antikolonialistisches Grundsatzprogramm. Später zeigte sich Maspero vom Regime bitter enttäuscht. Die Kubaner verdienten Besseres als den 'endlosen Patriarchenwinter', für den die Castros stehen."

In der NZZ erzählt Peter Trawny, Leiter des Heidegger-Instituts und letzter einer ganzen Reihe von Herausgebern der großen Heidegger-Ausgabe,  wie schwierig es schon immer war, "im goldenen Käfig einer stets eingeforderten Corporate Identity" der Heideggerianer, auch antisemitische Sätze des Autors zu veröffentlichen: "Die Losung der 'Heideggerianer' lautet immer noch: Es gibt keinen Antisemitismus bei Heidegger, und wenn doch, dann ist er für sein Denken irrelevant. Dem muss zustimmen, wer dazugehören will. Und hat nicht der neue Vorsitzende der Heidegger-Gesellschaft, Helmuth Vetter, durch seine erste öffentliche Stellungnahme genau dieses Passwort wieder ausgegeben? Auf der Homepage der Heidegger-Gesellschaft kann man jedenfalls erfahren, dass er die 'öffentlichen Stellungnahmen all jener erschreckend' findet, denen er 'eine genauere Kenntnis von Heideggers Denken zugetraut hätte'. Denn bei ihnen scheine 'sich fast alles auf den Vorwurf des Antisemitismus zu beziehen' - als wäre der aus den Fingern gesogen oder nebensächlich und, weil eben maßlos überzogen, ein Ausschlusskriterium im Blick auf die kommenden Diskussionen in dieser Gesellschaft." Trawny versichert aber auch, dass er bei der Arbeit an den "Schwarzen Heften" seine Vorstellungen realisieren konnte.



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