Heute in den Feuilletons "Die Verlogenheit beginnt"

Die "NZZ" besucht das von Herzog & de Meuron erweiterte Museum in Colmar. "Welt" ärgert sich über ein geschöntes Biopic zu den Hollywood Ten. In der "SZ" wirft Heinrich August Winkler Deutschland vor, Europa in der Flüchtlingsfrage zu instrumentalisieren. 


Efeu - Die Kulturrundschau

Architektur, 22.12.2015

Karin Leydecker besucht für die NZZ den von Herzog & de Meuron gestalteten Erweiterungsbau für das Musée Unterlinden im mittelalterlichen Colmar: "Diese Aufgabe erforderte Fingerspitzengefühl, denn schließlich ging es nicht um irgendeinen Neubau auf der grünen Wiese, sondern um den Umbau alter Bausubstanz und um geschickte Integration von alten und neuen Gebäuden auf einem heiklen Bauplatz im historischen Zentrum von Colmar an der Place Unterlinden. Dies gelang durch den genialen Kunstgriff einer 'Stadt in der Stadt': In Maßarbeit implementierten Herzog & de Meuron ihre kleine Museumsstadt in den urbanen Kontext und figurierten als zentrales Element einen signifikanten Platz. 'Wir wollten einen Ort schaffen, der für Colmar wichtig ist und zu dem jeder gerne hingeht, auch wenn er nicht das Musée Unterlinden besuchen will', beschreiben die Architekten die Herausforderung."

Währenddessen steht Welt-Autor Hans-Joachim Müller vor Colmars größtem Schatz, dem Isenheimer Altar des Matthias Grünewald: "Toter ist der tote Christus kaum einmal gezeigt worden, hilfsbedürftiger als in den Armen seiner Mutter war er nie. Und wenn einen auch längst keine Engelsfrage mehr bewegt, dann gehen einem doch die schwarzgrünen Himmel nicht aus dem Kopf, und man sucht in Colmar noch eine 'Winstub' und muss immerzu daran denken, dass es keine aufgehende Sonne gibt im Werk des Malers Grünewald und keine Venus mit dem Amorknaben."

Literatur, 22.12.2015

In England ist Carlo Rovellis "Sieben kurze Lektionen über Physik" Penguins am schnellsten verkauftes wissenschaftliches Debüt überhaupt, in Italien hat das Buch sogar "Fifty Shades of Grey" überholt, berichtet im Spectator Ian Thomson, der den von seinem Erfolg noch völlig verdutzten Autor getroffen hat: "'Mein Ziel war immer, ein Buch für Laien zu schreiben', sagt er. Tatsächlich begann es mit einer Reihe von Zeitungsartikeln - die Idee dahinter war, nur die interessantesten Sachen zu behandeln. 'Ich beschloss, mich auf die Schönheit der modernen Physik zu konzentrieren und alles, was langweilig klang, wegzulassen.' Damit führt er eine Tradition des jargonfreien wissenschaftlichen Schreibens von Galileo bis Darwin weiter - eine Kunst, die im letzten Jahrhundert mit der akademischen Spezialisierung verschwand."

Weiteres: Vor dem Kinostart des neuen "Peanuts"-Animationsfilm hat sich Lars von Törne vom Tagesspiegel mit Jean Schulz, der Witwe des Autors der Vorlage, Charles M . Schulz getroffen: Hier berichtet er von dem Treffen, bei dem er auch ein Interview geführt hat. Für den Tagesspiegel liest Gregor Dotzauer die neue Ausgabe der Zeitschrift WestEnd, die sich in ihrer neuen Ausgabe mit dem wiederentdeckten Roman "Stoner" von John Williams befasst.

Besprochen werden Witold Gombrowicz' aus dem Nachlass herausgegebenes Tagebuch "Kronos" ( NZZ ), Jean-François Haas' Dorfkrimi "Dunkler Weg zum Teich" ( NZZ ), ein Band über den "Nutzen der Architekturfotografie" ( NZZ ), Michail Ossorgins wiederaufgelegter Roman "Eine Straße in Moskau" aus dem Jahr 1929 ( SZ ), F. Scotts Fitzgeralds erstmals auf Deutsch erschienener Reisebericht "Die Straße der Pfirsiche" ( Tagesspiegel ), Josh Weils "Das gläserne Meer" ( Zeit ) und Lynne Schwartz' "Für immer ist ganz schön lange" (FAZ).

Kunst, 22.12.2015

Besprochen wird die Ausstellung "Ich bin hier - Von Rembrandt zum Selfie" in der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe (FAZ).

Musik, 22.12.2015

Auch Helmut Müller-Sievers zeigt sich im Merkur-Blog außerordentlich beeindruckt von der New Yorker Performance mit Marina Abramovic und Igor Levit, der Bachs Goldberg Variationen spielte: Es war "ein schöner, lehrreicher und am Ende sehr bewegender Abend. Zunächst wegen Levits Spiel, das man sich klarer, emphatischer und durchdachter nicht vorstellen kann. Jede Variation war ihm wichtig, jeden Tanz tanzte er mit. Er ist ein sehr kinetischer Pianist, doch scheinen seine Bewegungen alle aus dem Flügel selbst zu kommen, nicht aus dem Willen, ihn zu beherrschen. Überhaupt der Flügel: Wie er so langsam in die Halle gefahren wurde, musste man wieder einmal bestaunen, welche Meisterleistung der Ingenieurskunst der große Konzertflügel in seiner schwarzen, geduckten, tonnenschweren Spannung ist."

Weiteres: Für die Retrokolumne der SZ hört sich Andrian Kreye durch diverse Re-Issues aus den "spirituellen, brachialen und linksradikalen Ausbrüche des Jazz" der 60er und 70er. In der Zeit stellt Arno Frank den Austropopper Der Nino aus Wien vor. Für die FAZ besucht Irene Bazinger das der Sopranistin Birgit Nilsson gewidmete Museum auf der schwedischen Halbinsel Bjäre. Besprochen wird ein Erdmöbel-Konzert (FR ),

Bühne, 22.12.2015

In der Ukraine geht die Zeit, nach ersten Versuchen, die Theaterarbeit zu modernisieren, wieder zurück, berichtet in der NZZ Tom Mustroph, der sich beim Theaterfestival in Kiew umgehört hat: Nataliya Vorozhbyts "Maidan-Tagebücher" oder die Performancereihe "Wo ist der Osten?" findet man nur in kleinen, abgelegenen Spielstätten. "Etablierte Theaterhäuser hingegen bringen keine politischen Aktualitäten auf die Bühne: 'Das will unser Publikum nicht', meinte bei einer der Diskussionen während des Festivals brüsk der Bühnenbildner und Videokünstler Petro Bogomazov, der auch als Sohn des künstlerischen Leiters des zweitgrößten Theaterhauses im Lande Gewicht hat."

Weiteres: Die Freie Szene war auch schon mal wilder, anarchischer, aufregender. Dass sie sich derzeit konsolidiert und professionalisiert, findet Günther Grosser, Leiter des English Theatre Berlin, in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel allerdings gar nicht schlecht.

Besprochen werden der Ballettabend "Restless" im Opernhaus Zürich ( NZZ ), Dieter Dorns Berliner Inszenierung von Giuseppe Verdis "Traviata" ( taz , FAZ, SZ, mehr hier), Daniel Forsters Inszenierung von Strindbergs "Fräulein Julie" im Schauspiel Frankfurt ( FR ), der Theaterabend "Curtain Call" mit Judith Rosmair und Uwe Dierksen in Frankfurt ( FR ) und Aszure Bartons in München uraufgeführte Choreografie "Adam is" (SZ).

Film, 22.12.2015

In der Welt ist Hannes Stein supergenervt von dem verlogenen antifaschistischen Widerstand Hollywoods, der sich in den immer wieder filmisch gefeierten Hollywood Ten zeigt, die 1947 die Aussage vor McCarthys "House Un-American Activities Committee" verweigerten. Dazu gehörte auch der Drehbuchautor Dalton Trumbo, dem jetzt ein Biopic gewidmet ist: "Die Verlogenheit beginnt damit, dass im Vorspann behauptet wird, Trumbo sei der Kommunistischen Partei erst 1943 beigetreten - und zwar aus purem, lauterem Antifaschismus. In Wahrheit war Trumbo schon Ende der dreißiger Jahre ein Kommunist. Und von 1939 bis 1941 folgte er brav der Parteilinie. Das heißt, er verteidigte den Ribbentrop-Molotow-Pakt und war strikt dagegen, dass die Vereinigten Staaten die Briten in ihrem einsamen Kampf gegen Hitler unterstützten."

Besprochen wird außerdem die Verfilmung von Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" ( SZ ).


9Punkt - Die Debattenrundschau

Ideen, 22.12.2015

Prostitution muss weder mit sexuellen noch mit emotionalen Gefühlen verknüpft sein, und darum kann sie wie jede andere Dienstleistung als normaler Beruf mit entsprechenden sozialen Versicherungen ausgeübt werden: Dafür stritten in den achtziger/neunziger Jahren Organisationen wie Hydra in Berlin, Nitribitt in Bremen oder Kassandra in Nürnberg. Werden Schwangerschaften jetzt ebenfalls in die Dienstleistungsberufe aufgenommen? Nach fünfzehn Monaten Feldforschung in Sankt Petersburg plädiert die britische Anthropologin Christina Weis in Open Democracy eindeutig dafür. Und deshalb wäre auch "Leiharbeiterin", nicht "Leihmutter"der korrekte Begriff für das Austragen fremder Kinder: "Nadja, die Zwillinge ausgetragen hat, hatte vorher stundenlang online über IVF und Leihmutterschaft recherchiert um sicherzustellen, dass bei der Prozedur keins ihrer Gene übertragen wird. 'Das einzige, was ich diesen Babies gegeben habe, ist mein Blut. Die Föten waren an meine Plazenta angeschlossen. Das war die einzige Verbindung zu meinem Organismus, das einzige, was meins war!'" (Wird dieser Zweig der Reproduktionsmedizin nicht viel zu selten diskutiert, im Gegensatz zur PID?)

Donald Trump soll laut einer britischen Petition wegen einer diskriminierenden Äußerungen über Muslime die Einreise nach Britannien verwehrt werden. Aber auch der britischen Ex-Muslimin Maryam Namazie wird das Rederecht an britischen Universitäten verweigert, weil sie mit ihrer Religionskritik angeblich die Gefühle der Muslime verletzt. Kenan Malik findet in seiner New York Times-Kolumne dass die britischen Linken und Trump durchaus einiges gemein haben: "So wie Trump Muslime als ein gleichförmiges Pack ansieht, alles potenzielle Terroristen, so sehen auch die Linken Muslime oft als eine homogene Community, die mit einer Stimme spricht. Beide nehmen progressive muslimische Stimmen wahr, als seien sie nicht Teil dieser Community, während sie die konservativsten Stimmen als die authentischen feiern."

Europa, 22.12.2015

Der Historiker Heinrich August Winkler wirft den Deutschen in der SZ vor, Europa in der Flüchtlingsfrage zu moralischen, aber gleichwohl nationalen Zwecken zu instrumentalisieren: "Eine Instrumentalisierung Europas zu nationalen Zwecken ist keine deutsche Besonderheit. Sehr deutsch ist es hingegen, an ein Europa zu glauben, das es nur als Wille und Vorstellung gibt. Die Tatsache, dass fast alle anderen Mitgliedstaaten der EU in der Asyl- und Flüchtlingsfrage anders denken und handeln als die Bundesrepublik, beweist noch längst nicht, dass sie recht haben. Aber es ist wichtig zu wissen, warum die Unterschiede gerade auf diesem Gebiet so groß sind."

Deutschland hätte nicht so darauf drängen sollen, die mittel- und osteuropäischen Länder in die EU aufzunehmen, meint Wolf Lepenies in der Welt: "Heute zeigt sich nirgends deutlicher als im nationalkonservativen Polen Jaroslaw Kaczynskis, dass aus der Interessendivergenz innerhalb Europas längst eine Interessenkonfrontation geworden ist. Deutschland steht vor den Scherben der von Berlin forcierten Erweiterungspolitik der Europäischen Union nach Osten."

Urheberrecht, 22.12.2015

Ho Nam Seelmann berichtet in der NZZ von einer gigantischen Plagiatsaffäre in Korea, wo gegen 179 Professoren ermittelt wird, weil sie Lehrbücher buchstäblich durch Auswechseln der Umschlagseiten produziert haben: "Ein Professor verfasst ein Lehrbuch, das ein Kollege mit Zustimmung oder Duldung des Verfassers, versehen mit einer anderen Umschlagseite, unter dem eigenen Namen neu herausbringt. Hat der Verfasser zugestimmt, erhält er regelmäßig sein Honorar vom Verlag. Dieser profitiert auch davon, da Lehrbücher keine hohen Auflagen haben und nicht zu teuer sein dürfen. Funktioniert dieses System, können die Verlage so die Verkaufszahlen erhöhen und den Lagerbestand verringern."

Geschichte, 22.12.2015

Marc Zitzmann besucht in der NZZ die große Ausstellung in Versailles über den Tod Ludwig XIV vor 300 Jahren und lernt vor allem viel über Verkörperung und Staat: "Den berühmt-berüchtigten Satz 'L'Etat, c'est moi' hat der Sonnenkönig nie formuliert, er wurde ihm zweihundert Jahre nach seinem Tod in den Mund gelegt. Attestiert ist hingegen, dass er auf dem Sterbebett die Worte sprach: 'Ich gehe, aber der Staat wird immer bleiben.' Wohl stilisierte sich Louis XIV gezielt zur Verkörperung des Staats. Doch die Strukturen, die er geschaffen hatte, überdauerten ihn und seine Minister. Wo zuvor Klientelismus herrschte, schälte sich eine von den Seilschaften des Hochadels unabhängige Frühform der Fonction publique heraus."

Medien, 22.12.2015

Etwas skeptisch liest Tim Parks im Blog der NYRB den neuen Essay von David Shields "War Is Beautiful", der die New York Times anklagt, mit ihren Kriegsfotos den Krieg zu ästhetisieren. Ganz von der Hand weisen kann Parks das nicht: "Es ist beim Durchblättern dieser Fotos kaum zu leugnen, dass sie ihre Gegenstände mit voller Absicht ästhetisieren - und auf den Betrachter somit anästhesierend wirken. Das sind Glamour-Bilder, gemacht, bewundert zu werden und keine Dokumentarbilder, die der Gewalt und dem Horror Unmittelbarkeit geben... Kurz: Wir sind weit entfernt von den nüchternen Schwarzweißbildern, die den Vietnamkrieg in der selben Zeitung illustrierten." Parks Gegeneinwand liegt in einer Frage: "Ist es uns überhaupt möglich, dieser Verwandlung der Bestie in eine Schönheit zu entkommen?" Rita Banerjee hat schon im November bei electricliterature ein Interview mit Shields zu dem Buch geführt.

Tja, Rupert Murdoch hat nur ein paar Dutzend enge Freunde zu einer kleinen Weihnachtsfeier bei sich zuhause eingeladen. Und David Cameron zählte zu den Gästen, berichtet Jane Martinson im Guardian: "Vier Jahre nach dem Telefon-Hacking-Skandal, der Medien und Politik durcheinanderstöberte, gilt Camerons Auftritt bei der Party als sein erstes Treffen mit Murdoch seit seiner Wiederwahl im Mai. Beweis, dass der Chef von News Corp wieder im Machtzentrum von UK angekommen ist."

Weiteres: Lalon Sander besucht im indischen Varanasi die Zeitung Khabar Lahariya, die recht mutig und erfolgreich über Gewalt gegen Frauen und Korruption auf dem Land berichtet. In der taz ärgert sich Margarete Stokowski über die Häme, mit der Frauen überschüttet werden, die eifrig unter dem Hashtag #whyisaidnothing über verschwiegene sexuelle Gewalt twittern.



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