Heute in den Feuilletons: "Fortschreitende Entkörperlichung unserer Intelligenz"

Die "Welt" erklärt, warum Walser Gauck nicht ertragen kann. Der "Tagesspiegel" hat Sven Regeners Schimpfkanonade gegen den Medienwandel transkribiert und in der "taz" sucht Agnès Godard die Vorzüge des Digitalbildes.

Die Welt, 24.03.2012

In der Literarischen Welt antwortet Timothy Snyder auf die Kritik Dan Diners an seinem Buch "Bloodlands": "Mein Buch argumentiert nicht, dass Auschwitz weniger schrecklich war, als es war, sondern dass der Holocaust schrecklicher war als Auschwitz und dass unser Gedächtnis erweitert werden muss, um das ganze Grauen der historischen Ereignisse zu umfassen."

Weitere Artikel: Es gibt immer mehr deutschsprachige Literatur von Autoren nichtdeutscher Muttersprache, hält Klara Obermüller fest, ohne Gemeinsamkeiten zu unterstellen. Ausgenommen dies: "ihre an Brüchen, Spannungen und Konflikten reiche Lebensgeschichte". Der niederländische Autor Arnon Grünberg erzählt im Interview, wo er seinen Stoff herbekommt. Wieland Freund schreibt zum 100. Geburtstag der Biene Maja.

Besprochen werden u.a. Anne-Christin Saß' Buch über osteuropäisch-jüdische Emigranten in der Weimarer Republik "Berliner Luftmenschen", Ralph Dutlis Kulturgeschichte der Biene "Das Lied vom Honig", John Banvilles Roman "Unendlichkeiten", Georges Perros' Gedichtband "Luftschnappen war sein Beruf", Brian Greenes Buch über den Kosmos "Die verborgene Wirklichkeit" und Thomas Rietzschels Buch "Die Stunde der Dilettanten", dem Henryk M. Broder eine lobende Besprechung widmet.

Im Feuilleton stellt Thomas Schmid Joachim Gauck und Martin Walser nebeneinander und erkennt bei Walser, der in seinem gerade erschienenen Buch "Über Rechtfertigung, eine Versuchung" auch über Gauck geschrieben hat, auf Neid und grüblerischen Katholizismus: "Wie ein Rumpelstilzchen reibt sich Walser, der sich einmal einen 'Selbstentblößungsverberger' genannt hat, an der runden, prästabilierten Vollkommenheit, die Gauck zumindest auszustrahlen scheint."

Weiteres: In der Leitglosse wundert sich Berthold Seewald, wie häufig die ehemaligen Kolonialmächte in ihren ehemaligen Kolonien Facebook-Freunde finden. Tim Ackermann geht mit dem Maler Martin Eder essen. Claus Lochbihler gratuliert Aretha Franklin zum Siebzigsten.

Besprochen werden eine CD des melancholischen Deutschpoppers Enno Bunger und die Aufführung von David Mamets Stück "Race" in Dresden.

Aus den Blogs, 24.03.2012

Retronaut hat ganz bezaubernde Stroboskopaufnahmen von Alfred Hitchcock aus dem Life Archive geborgen. (via)

(Via Achgut). Mohamed Merah war weder politisch noch religiös motiviert, sondern ist das Opfer von Diskriminierung und Orientierungslosigkeit, meint Tariq Ramadan in seinem Blog: "His political thought is that of a young man adrift, imbued neither with the values of Islam, or driven by racism and anti-Semitism. Young, disoriented, he shoots at targets whose prominence and meaning seem to have been chosen based on little more than their visibility. A pathetic young man, guilty and condemnable beyond the shadow of a doubt, even though he himself was the victim of a social order that had already doomed him, and millions of others like him, to a marginal existence, and to the non-recognition of his status as a citizen equal in rights and opportunities."

Der Tagesspiegel, 24.03.2012

Der Tagesspiegel hat die inzwischen berühmte Schimpfkanonade Sven Regeners gegen den Medienwandel aus Bayern 2 transkribiert: "Was wir im Augenblick haben, diese Sache mit Youtube, da muss man mal die Fronten klarmachen (...): Wir sehen nicht ein, dass Milliardengeschäfte gemacht werden, auch mit Werbung, und wir kriegen davon nichts ab, wir sind sozusagen die Penner in der letzten Reihe. Das ist eine Unverschämtheit. Das sollte sich jeder, auch junge Menschen, überlegen, ob er sich wirklich zum Lobbyisten eines so milliardenschweren Konzerns wie Google machen möchte. (...) Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass die, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße."

Neue Zürcher Zeitung, 24.03.2012

In Literatur und Kunst diagnostiziert der Lehrer Eduard Kaeser eine "fortschreitende Entkörperlichung unserer Intelligenz", seit wir keinen Bleistift mehr halten und nicht mehr auf Tasten hämmern müssen: "In den digitalen Technologien verbirgt sich eine höchst defizitäre Anthropologie, die die Intelligenz des lebenden Körpers in seiner Offline-Umwelt kaum gebührend berücksichtigt, ja oft geradezu wie ein rezessives Merkmal betrachtet. Genau hier aber liegt die Chance, das wiederzuentdecken, was wir immer schon haben und immer schon können. Intelligenz ist haptisch, sie braucht Finger. Die Dichte der Nervenenden in unseren Fingerspitzen ist enorm groß. Ihr Unterscheidungsvermögen gleicht nahezu jenem unserer Augen. Wenn wir unsere Finger nicht gebrauchen, werden wir 'fingerblind', verlieren wir unser Fingerspitzengefühl; das wäre eine Form von Selbstverstümmelung - ergo Dummheit."

Im Feuilleton erinnert sich György Dragomán in der Reihe "When the music's over" daran, wie er zum Rocker wurde. Auch wenn die Abonnentenzahl von 1500 auf 450 gefallen ist, hat die "Kammermusik Basel" immer noch eine Daseinsberechtigung, findet Peter Hagmann. Claus Lochbihler gratuliert Aretha Franklin zum Siebzigsten.

Respekt
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Besprochen werden die Gerhard-Richter-Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie Berlin, neue Übersetzungen der "Göttlichen Komödie", Patrick Modianos Roman "Im Café der verlorenen Jugend" und Nietzsches Nachlass (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 24.03.2012

Ein sehr schönes Gespräch hat Cristina Nord mit der gerade mit dem Marburger Kamerapreis prämierten Kamerafrau Agnès Godard geführt, die bei den körperlich anspruchsvollen Drehs mit Claire Denis nicht nur kräftige Oberarme bekommen, sondern auch gerade ihren ersten Digitalfilm gedreht hat. Ein bisschen melancholisch stimmt sie das schon: "Wir haben die Ungenauigkeit von 35 mm verloren, die Poesie des Films, diese besondere Form der Begegnung zwischen Mensch und Bild. Man kann diesen Verlust betrauern, aber wenn man positiver eingestellt ist, kann man auch fragen, was man gewonnen hat."

Weiteres: Robert Misik kann es kaum glauben, dass "Linke und Progressive" sich den Begriff der Freiheit von den "Konservativen" vom Butterbrot haben stehlen lassen, und fordert dringend dazu auf, ihn sich zurückzuholen. Maria Rossbauer besucht im 1300-Seelen-Dorf Evessen den ehemaligen Popjournalist Christoph Braun, der vor ein paar Jahren aus Berlin wegen zuviel Künstlerzuzugs weggezogen ist (bei Spex führt er ein Blog über seine Provinzerfahrungen). Barbara Dribbusch forscht bei ihren Freundinnen nach, ob Frauen über 50 wirklich so häufig Sex haben wie manche Studien behaupten. Enrico Ippolito war beim Gesprächsabend mit Roberto Saviano in der Berliner Akademie der Künste.

Besprochen werden die Ausstellung "Heim_Spiel" des Frauenmuseums Berlin im Rathaus Tempelhof, die Graphic Novel "Ich habe Hitler getötet" und Bücher, darunter Franziska Gerstenbergs Roman "Spiel mit ihr" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 24.03.2012

War was gewesen? Böse kommentiert Jens Balzer den TV-Quotenerfolg der offenbar recht provinziellen "Echo"-Preisverleihung: Diese rangierte "klar hinter der zeitgleich gezeigten Serie 'Der Bergdoktor' und der Wiederholung eines 'Tatort'-Krimis im WDR." Und das Beste des Abends wurde dem Fernsehpublikum sowieso vorenthalten, berichtet der Popkritiker mit Zutritt zu den exklusiven Partys: Dort habe "eine Band, die von einer Schallplattenfirma entdeckt werden wollte," um halb vier morgens in der Herrentoilette "ihr gesamtes Instrumentarium vor den Waschbecken platziert und spielte dort ein Überraschungskonzert."

Weiteres: Daniel Kothenschulte informiert über die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis. Sabine Vogel würdigt Martin Walser zu dessen 85. Geburtstag.

Besprochen werden eine Ausstellung im Historischen Museum in Speyer mit Stücken aus der Sammlung des Ägyptischen Museums in Turin, Bettina Bruiniers Inszenierung von David Foster Wallace' Ziegelsteinroman "Unendlicher Spaß" am Volkstheater München und die Ausstellung "Art & Press" im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2012

In Bilder und Zeiten warnt Walter Grasskamp Museumsleiter vor dem Verkauf von Depotstücken. Schon einer Begründung dafür seien sie nicht gewachsen: "Die Dürftigkeit des Diskurses über die Frage, warum so vieles teuer erworben, kurzfristig gezeigt, mittelfristig verstaut, langfristig konserviert, aufwendig restauriert und schließlich doch wieder weggeschlossen wird, signalisiert das Versäumnis einer Institution, die immer noch nicht damit zu rechnen scheint, grundsätzlich in Frage gestellt zu werden."

Weitere Artikel: Felicitas von Lovenberg plaudert mit Martin Walser, der heute 85 Jahre alt wird. Oliver Ristau stellt den Comic-Sammelband "Womanthology" (mehr hier) vor. Die französische Krimiautorin Fred Vargas erklärt im Interview: Wenn etwas anmutig ist, sollte man es nicht ändern. In der Leitglosse verteidigt Edo Reents das Geistige Eigentum im Sinne Sven Regeners.

Im Feuilleton erzählt Titanic-Herausgeber Oliver Maria Schmitt, wie er im Wahlkampf um das Amt des Frankfurter OB zu einem "Ego-Zombie" wurde. Jürgen Kaube lobt die Antrittsrede des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck: "ungestelzt, ausgeglichen, selbst im Pathos unterorchestriert". In seiner Gastro-Kolumne tritt Jürgen Dollase für bewusste Ernährung ein. Marcus Steiger besucht die Black Jackets - eine ziemlich spießige Rockergang - im baden-württembergischen Bretten.

Besprochen werden eine Tintoretto-Retrospektive in der Scuderie del Quirinale in Rom, CDs, darunter Paul Wellers "Sonik Kicks" (Hörprobe), und Bücher, darunter Jaroslav Rudis' Roman "Die Stille in Prag" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Klara Obermüller ein Gedicht von Kuno Raeber vor:

"Zikade

Einst bleibt
von mir nur noch die Stimme.
Du wirst mich in allen
Zimmer suchen
..."

Süddeutsche Zeitung, 24.03.2012

Der Schriftsteller Navid Kermani bringt den ersten Teil eines auf mehrere Folgen angelegten Berichts einer Reise zu den Sufis in Pakistan. Über siebzig Prozent der Pakistanis, so lernt man in dem Artikel, fühlen sich zu dieser Form der islamischen Mytik zugehörig. Aber von Fundamentalisten wird sie brutal bekämpft, meist mit Anschlägen in Schreinen: "Bekennerschreiben sind die Ausnahme, der Krieg, der hier geführt wird, bleibt in der Regel unerklärt. Offenkundig ist nur, gegen wen er sich richtet, nicht gegen den Westen, nicht einmal gegen Staat und Regierung. Dieser Krieg richtet sich gegen das Herzstück der eigenen Kultur."

Weitere Artikel: Max Scharnigg begähnt die TV-Übertragung des "Echo" und fragt sich, warum "die Betriebsfeier der Akustik-Branche" eigentlich überhaupt "visuell umgesetzt" werden sollte. Joseph Hanimann informiert über Proteste von Pariser Theatern gegen Budgetkürzungen. Helmut Mauró freut sich beim Blick ins kommende Programm der Münchner Konzertreihe "Musica Viva" insbesondere auf die Aufführung von Karlheinz Stockhausens "Samstag aus Licht" im nächsten Jahr. Karl Bruckmaier gratuliert Aretha Franklin zum 70. Geburtstag - dem schließen wir uns an.

In der SZ am Wochenende porträtiert Tanja Rest Frauen, die vom Status des Gattinnen-Anhängsels in Führungspositionen gewechselt sind. Oliver Herwig ist entzückt über die tröstenden Zeitreisen, die die Retro-Ästhetik auch im Warenbereich ermöglicht. Stefan Klein besucht Duisburg, wo sich derzeit erster Anwohnerprotest gegen den Abriss zahlreicher alter Wohnhäuser regt. Charlotte Frank schaut sich die Geschichte des öffentlichen Krankenhauses seit dem Mittelalter bis heute genauer an. Gabriela Herpell unterhält sich mit Daniel Radcliffe über das Dasein als Kinderstar und ungute Alkoholexzesse.

Besprochen werden die Ausstellung "Art & Press" im Martin-Gropius-Bau in Berlin, die Stephan Speicher allerdings für "keine gute Idee" hält, ein Filmporträt über Ulrich Schamoni, Isabel Klefelds Verfilmung von Daniel Kehlmanns Roman "Ruhm", Bettina Bruiniers Theateradaption von David Foster Wallace' Roman "Unendlicher Spaß", die Christopher Schmidt für einen "halluzinogenen Theatertrip für Wallace-Kultisten" hält, das Ausstellungsprojekt "30 Künstler/30 Räume", das diverse Nürnberger Institutionen gerade gemeinschaftlich organisieren und Bücher, darunter Dietmar Daths und Barbara Kirchners Kommunismus-Errettung "Der Implex" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

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