Heute in den Feuilletons: "Hand hoch, wer ein festangestellter Autor ist"

51 "Tatort"-Autoren bestehen darauf: Sie wollen auch siebzig Jahre nach ihrem Tod noch Gagen bekommen. Der Chaos Computer Club kontert, auch die TV-Krimi-Schreiber litten unter der Verwertungspraxis. Und die "NZZ" fragt: Was ist los mit der japanischen Jugend?

Aus den Blogs, 30.03.2012

Eine "dreiste Lüge" wirft Matthias Spielkamp in einem offenen Brief dem Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart vor, der Spielkamp per Formschreiben die "ausschließlichen Nutzungsrechte" (also Haut und Haar) an einem Beitrag abknüpfen wollte und in seinem Brief behauptet, das sei schon immer so gewesen: "Ich möchte meiner Enttäuschung darüber Ausdruck geben, dass Sie als Chefredakteur mit der Total-Buyout-Politik Ihres Verlags einverstanden sind, was Sie durch Ihre Unterschrift unter dem Schreiben belegen. Es gab Zeiten, in denen sich Chefredakteure als Anwälte ihrer Journalisten verstanden haben, und sich, wenn es Not tat, auch gegen die Interessen Ihres Verlags gestellt haben, um die Journalisten und den Journalismus zu schützen."

51 "Tatort"-Autoren reklamieren in einem offenen Brief an die Piratenpartei, die Linkspartei, die Grünen und die ernstlich so titutlierte "Netzgemeinde" ihr "geistiges Eigentum" als Grundrecht - auch siebzig Jahre nach ihrem Tod. Mit einer Verkürzung der Schutzfristen wären sie nicht einverstanden: "Nicht nur, dass die Urheber durch diese Schutzfristen-Verkürzung enteignet und damit dramatisch schlechter gestellt würden, nein, dieser Vorschlag ändert auch kein bisschen an den Interessen der vermeintlich unschuldigen User: Ihre illegalen Downloads oder Streamings betreffen in der Masse nur die allerallerneuesten Filme, Musiken, Bücher, Fotos und Designs."

Leonhard Dobusch antwortet in Netzpolitik auf den offenen Brief der "Tatort"-Autoren. Sie wenden sich unter anderem gegen die Verkürzung der Schutzfristen im Urheberrecht, die zur Zeit siebzig Jahre nach dem Tod des Künstlers enden. Darauf Dobusch: "Vor allem erhöht sich durch jede Verlängerung der Schutzfristen die Zahl verwaister Werke, die zwar nicht mehr kommerziell verwertbar aber dennoch nicht nutzbar sind, weil die Rechteabklärung zu teuer oder unmöglich ist. Und auch wenn es sich die 'Tatort'-Autoren nicht vorstellen können: in der Urheberrechtsdebatte geht es um (viel) mehr als nur um illegale Downloads und Streamings. Es geht auch beziehungsweise vor allem um Bücher und Dokumentarfilme, die in Archiven im wörtlichen Sinne verrotten, weil die Abklärung der Rechte zu teuer ist - die 'Lücke des 20. Jahrhunderts'."

Auch der Chaos Computer Club reagiert auf den offenen Brief der "Tatort"-Autoren: "Gerade Ihr als 'Tatort'-Autoren, deren Brötchen zum großen Teil über die Rundfunkgebühren bezahlt werden, solltet wissen, wie sich eine Kulturflatrate anfühlt. Hier hungern Urheber nicht. Aber gerade diese Verwertungsgesellschaft, die Eure Tatort-Drehbücher entlohnt, ist das beste Beispiel, wie sich ein verselbständigter Wasserkopf mehr und mehr der eigentlich Euch zustehenden Anteile am ausgestrahlten Werk einverleibt. Hand hoch, wieviele von Euch sind festangestellt? Wieviele wurden in den letzten Jahren durch Vertragsveränderungen bei den Landesmedienanstalten auch noch der Zweitverwertungsrechte im Netz beraubt? Na, und wie fühlt sich der Blick in Eure Buy-Out-Verträge an, wenn Ihr ehrlich seid?"

Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2012

Irmela Hijiya-Kirschnereit erzählt, wie der Soziologe Noritoshi Furuichi in Japan mit seinem Buch "Die glückliche Jugend im Land der Hoffnungslosigkeit" eine Debatte losgetreten hat. "So zeichnet das Buch ein endzeitlich-heiteres Szenario einer auseinanderfallenden, aber irgendwie dennoch funktionierenden japanischen Gesellschaft von liebenswerten, politikabstinenten, undogmatischen und technikhörigen Individuen." Wesentlich beigetragen zum Glück der Jungen habe das Internet: "Wer will schon mit einer Generation ohne Handy, iPod und Spielkonsolen tauschen! Wie viel entspannter lebt es sich doch heute im Vergleich zu der Wirtschaftswunder-Generation, die ihr Privatleben der Firma opfern musste."

Weiteres: Susanne Landwehr bespricht den Film "Fetih 1453" und ist besorgt über den Nationalismus in der Türkei. Roman Hollenstein berichtet über Stadtplanung in Lausanne. Angela Schrader schreibt einen Nachruf auf die amerikanische Lyrikerin und Frauenrechtlerin Adrienne Rich. Besprochen wird Musik, darunter das Hip-Hop Kollektiv "Quakers" vom Portishead-Produzenten Geoff Barrow.

Die Tageszeitung, 30.03.2012

Thomas Gerlach begibt sich auf Spurensuche ins sächsische Hohenstein-Ernstthal und Radebeul, wo der hundertste Todestag von Karl May flächendeckend begangen wird. Tim Caspar Boehme porträtiert den Berliner Produzenten Stefan Goldmann, der nicht an die Profitabilität des Internets glaubt und stattdessen auf Nische, Kulturförderung und Sponsoren setzt. Katharina Granzin kommentiert die Forderung des Deutschen Musikrats, "vor dem Hintergrund der zunehmenden Altersarmut Musik als Heilquelle für Körper, Geist und Seele zu ermöglichen". Bizarr nennt Rene Martens den inzwischen zum Nazivergleich eskalierten Streit zwischen den Labelmachern Stefan Herwig und Bruno Kramm, in dem es um Acta, Urheberrechte und Piraten geht. Besprochen wird das Album "Father Creeper" des südafrikanischen Rappers Spoek Mathambo.

Und Tom.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 30.03.2012

Münchens Primadonna Edita Gruberova verlässt sehr entschieden die Staasoper, die ihr wohl immer weniger Auftritte gab. Ein unschönes Ende, das sie im Interview mit Stefan Schickhaus so darstellt: "Zufällig habe ich in der Zeitung von der Pressekonferenz der Bayerischen Staatsoper gelesen, wo Herr Bachler gesagt hat, ja, Frau Gruberova hat unterschrieben, und zwar 'mit großem Aplomb'. Dabei gibt es nicht einmal einen Vertrag, geschweige denn eine Unterschrift! Da habe ich eine göttliche Wut bekommen, das muss ich schon sagen. Er hat die Presse belogen."

Weiteres: Judith von Sternburg bewältigt den hundertsten Todestag des talentierten Fantasten, Hochstaplers und Kompilators Karl May. Besprochen werden Herbert Fritschs Ein-Wort-Stück "Murmel Murmel" und Bernd Cailloux' Roman "Gutgeschriebene Verluste" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Die Welt, 30.03.2012

Inga Pylpchuk berichtet über die satirische Aktion der feministischen Punkband Pussy Riot vor dem Altar der Moskauer Erlöserkirche, die einige der Frauen ins Gefängnis gebracht hat: "Die Aktion hat letztlich genau das Phänomen veranschaulicht, auf das Pussy Riot hinweisen wollte: Religion ist in Russland ein Instrument der Macht."

Weitere Artikel: Thomas Kielinger hofft nach drastischen antisemitischen Äußerungen, dass die Chancen Ken Livingstones, erneut zum Bürgermeister Londons gewählt zu werden, sinken. Im Aufmacher erinnern sich Welt-Redakteure an ihre Karl-May-Lektüre.

Besprochen werden eine Ausstellung des belgischen Künstlers Kris Martin im Kunstmuseum Bonn und Heinz Spoerlis Abschiedschoreografien in Zürich.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2012

Constanze Kurz blickt in ihrer "Maschinenraum"-Kolumne voller Grausen in andere Länder, wo der (in Deutschland seit 2009 untersagte) Einsatz von Wahlcomputern mit teils "erstaunlich primitiven digitalen Systemen" gang und gäbe ist. Ein "staunenswertes Dokument" und "Unterrichtsmaterial, das bleibt", sei Eric Friedlers am Montag im Ersten gezeigte Dokumentarfilm "Der Sturz - Honeckers Ende", in dem Erika Honecker ausführlich ihre Sicht auf das Ende der DDR darlegt, schreibt Michael Hanfeld. Johanna Adorján trifft sich in Paris mit dem Goncourt-Preisträger Michel Rostain. Paul Ingendaay meldet, dass die Zahl der veröffentlichten Buchtitel in Spanien zurückgeht. Hans-Peter Riese schreibt den Nachruf auf den Maler Eduard Steinberg.

Besprochen werden Dieter Roths "Murmel Murmel" an der Berliner Volksbühne, die Verfilmung von Wladimir Kaminers Berlin-Roman "Russendisko", die Bert Rebhandl für eine "Blamage auf der ganzen Linie" hält und neben vielen Buchveröffentlichungen zum 100. Todestag von Karl May auch Thilo Bocks Roman "Senatsreserve" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 30.03.2012

Die erste Seite des Feuilletons ist heute dem 100. Todestag von Karl May gewidmet: Burkhard Müller blättert nochmals im "Schatz im Silbersee" und bescheinigt dem Autor eine "entschiedene Begabung" einerseits, eine "wesenhafte Unreife" andererseits. Christopher Schmidt kommt unterdessen zu dem Schluss, dass "das literarische Indianer-Spiel, dessen Taufpate Karl May war," derzeit mit den aktuellen Werken von Christian Kracht und Wolfgang Herrndorf fortgesetzt wird.

Weiteres: Christine Dössel lässt sich auch von Johan Simons' Publikumserfolg seines Gastspiel-Festivals mit den Münchner Kammerspielen in Amsterdam nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Amsterdamer Kulturszene in Folge drastischer Budgetkürzungen in einer schweren Krise befindet. Reinhard Brembeck war bei Laurent Chétouanes dreieinhalbstündiger Hommage an den Komponisten Wolfgang Rihm, bei der die Hälfte des Publikums nicht mehr aus der Pause zurück in den Saal kam. Bernhard Küppers schreibt den Nachruf auf den Maler Eduard Steinberg.

Auf Seite 3 porträtiert Renate Meinhof Maurizo Seracini, der seit Jahren die Wände im Palazzo Vecchio nach einem verborgenen Wandgemälde von Leonardo da Vinci absucht.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Frauenbildern von Picasso, Beckmann und de Kooning in der Pinakothek der Moderne und Bücher, darunter Nina Bußmanns Roman "Große Ferien" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

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