Heute in den Feuilletons: "Wenn Sascha Lobo eine Frau wäre"

In der "Welt" kritisiert der Philosoph Byung-Chul Han den Demokratiebegriff der Piratenpartei. In der "SZ" plädiert Dirk von Gehlen für eine Kulturflatrate, während Kathrin Passig im "Tagesspiegel" erklärt, wie sie sich gegen den Ausverkauf ihrer Urheberrechte wehrt.

Der Tagesspiegel, 16.04.2012

Der Tagesspiegel eröffnet eine Urheberrechtsdebatte. Kathrin Passig erklärt, warum sie die Total-Buy-Out-Verträge der Zeitungsverlage nicht unterschreibt und wie sie versucht, sich von Medien unabhängig zu machen. "Für den Fall, dass die Printbranche demnächst bauchoben treibt, habe ich in letzter Zeit versucht, mir ein Vortragsstandbein wachsen zu lassen, obwohl mir das Vorträgehalten viel schwerer fällt als das Schreiben. Das läuft überraschend gut, wobei ich vermutlich stark vom Quotenfrauenbedarf bei Internetthemen profitiere. Wenn Sascha Lobo eine Frau wäre, wäre ich arbeitslos."

Ernst Piper möchte sein "geistiges Eigentum" auf jeden Fall gesichert sehen, sonst könnten die Kreativen nicht überleben.

Aus den Blogs, 16.04.2012

(Via Jeff Jarvis) Amazon hält inzwischen bei E-Books in den USA einen Marktanteil von 85 Prozent. Die Verlage haben sich in die Hände des Konzerns begeben, weil er mit seinem Kindle Digital Rights Management (DRM) bietet, schreibt Charlie Stross in einem sehr lesenswerten Beitrag auf seinem Blog. Aber das Bestehen auf DRM war genau die Falle, schließt er: "If the major publishers switch to selling ebooks without DRM, then they can enable customers to buy books from a variety of outlets and move away from the walled garden of the Kindle store. They see DRM as a defense against piracy, but piracy is a much less immediate threat than a gigantic multinational with revenue of $48 Billion in 2011."

Die Welt, 16.04.2012

Echtzeit-Demokratie? Liquid Democracy? Das ist mit einer repräsentativen Demokratie nicht vereinbar, schreibt Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Medientheorie in Karlsruhe, der Piraten-Partei ins Stammbuch. "Es ist das Prinzip der Verantwortung, das die repräsentative Demokratie auszeichnet. Die Idee der Repräsentanten ist an die Idee der Verantwortung gebunden. Bei den Piraten ist sie schon durch die totale Anonymisierung des Entscheidungsprozesses untergraben, die diesen im Übrigen jeder Transparenz beraubt. Keine Software, auch nicht die Liquid Feedback der Piraten, kann die politische Verantwortung übernehmen."

Im Feuilleton ärgert sich ärgert sich Wieland Freund, dass das amerikanische Justizministerium wegen Preisabsprache Klage gegen Apple sowie die Verlage Hachette, HarperCollins, Macmillian, Penguin und Simon & Schuster eingereicht hat.

Besprochen werden Michael Thalheimers Frankfurter Inszenierung von Euripides' "Medea" mit Constanze Becker in der Hauptrolle ("Greift Michael Thalheimer zur Antike, muss niemand Angst haben, dass aus den Mythen Spießeralltag der Gegenwart wird. Er hat das große Ganze im Visier, bewahrt die Wucht des Archaischen", lobt Ulrich Weinzierl), Alabama Shakes' Bluesrock-Debüt "Boys and Girls", eine neue CD von, grusel, Jethro Tull und die Ausstellung "Bigger than Life" im Jüdischen Museum Wien.

Weitere Medien, 16.04.2012

Seit Google von Larry Page wie Microsoft geführt wird, spielt Sergey Brin die Rolle des Good Guy im Hintergrund. Im Interview mit Ian Katz vom Guardian spricht er über Gefährdungen der Freiheit im Netz und greift dabei auch die Konkurrenten Facebook und Apple an: "He said he was most concerned by the efforts of countries such as China, Saudi Arabia and Iran to censor and restrict use of the internet, but warned that the rise of Facebook and Apple, which have their own proprietary platforms and control access to their users, risked stifling innovation and balkanising the web. 'There's a lot to be lost,' he said. 'For example, all the information in apps - that data is not crawlable by web crawlers. You can't search it.'"

Die Tageszeitung, 16.04.2012

Der chinesische Exilautor Bei Ling kritisiert im Interview mit Esther Dischereit, dass bei der Londoner Buchmesse die chinesische Untergrundliteratur nicht vorkommt: "Gemeint ist das weite Spektrum der Literaturen, die nicht in China publiziert werden können. Während der Londoner Buchmesse 2012 ist dieser wichtige Teil der chinesischen Gegenwartsliteratur ausgeschlossen. Das British Council, eine Organisation, die der britischen Regierung untersteht, arbeitet für den China-Schwerpunkt der Buchmesse ausschließlich mit der chinesischen Zensurbehörde GAPP zusammen."

Weiteres: Der Stadtplaner Reinhard Seiß beschreibt, wie Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou die Lebensqualität der Stadt erhöhen will. Ingo Arend besucht die Ausstellung "Berlin.Status" im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 16.04.2012

Marion Löhndorf stellt Londons neuen Wolkenkratzer vor, Renzo Pianos "Glasscherbe", die für eine Investorengruppe aus Katar gebaut und bereits herzlich beschimpft wurde, von Times-Kritiker Giles Coren etwa als "kulturelle Antimaterie". Der Bau hat aber auch Anhänger gefunden: "Trotz allem, so schrieb der Schriftsteller Will Self, ein Fan der Glitzerscherbe: 'Veränderung ist gut. London wird damit fertig - manchmal verspeist London Immobilienentwickler zum Frühstück. Der Shard sitzt einfach, wie ein massiver Briefbeschwerer, auf einem Stapel historischer Papiere.'"

Weiteres: Ulrich M. Schmid beklagt antirussische Klischees in einem neuen polnischen Historienschinken zum Krieg von 1920. Dirk Pilz bespricht Michael Thalheimers "Medea"-Inszenierung am Schauspiel Frankfurt.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 16.04.2012

Peter Michalzik ist hin und weg von Michael Thalheimers Frankfurter Inszenierung der "Medea" und Hauptdarstellerin Constanze Becker, deren Medea jedem Mann überlegen ist: "Ihr Spiel wirbt nicht um Mitgefühl, es ist kein Seelendrama, es ist ein Ausrufezeichen. Sie windet sich aus blutverschmiertem Leid. Sie wirft mit Arm und Körper gewundene Formen an die Bühnenrückwand. Sie spricht sich in Form. Auch Marc Oliver Schulze verkauft seinen Jason nicht unter Wert. Im himmelblauen Samtanzug ist er zwar ein Geck, aber Selbstherrlichkeit hat den Mann nie davon abgehalten, ganz Herr zu sein, und Schulze ist einfach ein starker Spieler."

Weitere Artikel: Günter Grass geht es nicht um Aufklärung, sondern um "Tabubruchkonkurrenz", meint Christian Thomas. Michaela Schlagenwerth erklärt den Nutzen des Darstellenden Spiels als Schulfach.

Besprochen werden Sebastian Baumgartens Inszenierung der "Räuber" in Dresden und Nihad Siris' Roman "Ali Hassans Intrige" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.04.2012

Ingo Schulze erinnert sich an eine Begegnung mit Günter Grass und Durs Grünbein vor einigen Jahren in Dänemark und reagiert darum um so erschrockener auf Grünbeins "Weg du, Günter Grass" vor ein paar Tagen in der FAZ. Für Schulze könnte Grass' Gedicht Anstoß zu einer Diskussion sein: "In einer Diskussion kann ergänzt werden, was als fehlender Kontext bemängelt wird, wie die Bedrohung Israels in seinem Existenzrecht, kann präziser gefasst werden, was man als überspitzt oder falsch ansieht. Aber zugleich muss es doch auch darum gehen, dass Israel einen sogenannten Präventivschlag plant, um Irans Atomanlagen zu zerstören, und dass es nicht auszuschließen ist, dass Deutschland durch Waffenlieferungen indirekt daran beteiligt ist. Niemand kann mit Sicherheit sagen, welche Folgen solch ein Angriff hätte. In jedem Fall aber wäre er ein Desaster."

Den Drachenwagen hat Michael Thalheimer am Ende seiner "Medea"-Inszenierung gestrichen, aber den braucht seine Hauptfigur auch nicht, schreibt ein glücklicher Gerhard Stadelmaier. "Dafür hat er die Erhöhung der Medea, der unbegreiflichsten dramatischen Frau überhaupt, nicht erst an den Schluss gestellt - sondern von Anfang an durchgesetzt. Seine Medea ist gleich zu Beginn ungeheuer oben."

Weitere Artikel: Marcus Jauer war dabei, als Hans Magnus Enzensberger vor schütterem Publikum auf einer Barkasse in Belfast sein berühmtes Langgedicht über die Titanic las, die in Irland gebaut worden war. Oliver Tolmein kritisiert das Inzest-Urteil des Europäischen Gerichtshofs.

Besprochen werden eine Ausstellung über Fensterbilder seit Matisse im Düsseldorfer K20, zwei Ausstellungen über Luther, Bach und Telemann in Eisenach (hier und hier) und Bücher, darunter Michael Chabons "Mann sein für Anfänger" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 16.04.2012

Pauschale Vergütungssysteme sind in der analogen Kultur zwischen Radiomitschnitt und Copyshop schon längst etabliert, schreibt Dirk von Gehlen unter Verweis auf Gema, VG Wort und GEZ in einem Plädoyer für die Kulturflatrate. Schon aus Gründen der Generationsgerechtigkeit wäre eine Übertragung dieses Modells auf die Digitalkultur angebracht: Den "digitalen Kassettenjungs und Kassettenmädchen" wird "nicht nur (...) verwehrt was der Generation zuvor selbstverständlich ermöglicht wurde. Sie werden zusätzlich auch noch als moralisch verkommen abgestempelt."

Tim Neshitov fühlt sich beim Blick auf die äthiopische TedX-Konferenz leicht unbehaglich angesichts des auffällig politikfreien Themenspektrums: "Seit drei Jahren finden weltweit unabhängige TedX-Konferenzen statt. In Ländern wie Deutschland und Australien steht das 'X' für die Unabhängigkeit von der amerikanischen Mutterkonferenz. In Ländern wie Algerien, Syrien, Jordanien oder eben Äthiopien stellt sich vielmehr die Frage, wie unabhängig die Organisatoren von den jeweiligen Machthabern sein können."

Weitere Artikel: Peter Laudenbach unterhält sich mit Volker Ludwig, Gründer des Berliner Grips-Theaters, über die schwierige Zukunft seines Hauses. Eva-Elisabeth Fischer hat beim Festival Movimentos in Wolfsburg "schöne junge Tänzer Anachronistisches tanzen" sehen. Alexis Waltz stellt die alles andere als subtil vorgehenden Elektromusiker Schlachthofbronx vor, die für ihre Videos auch schon mal das Oktoberfest besuchen.

Besprochen werden René Polleschs Theaterabend "Eure ganz großen Themen sind weg!" an den Münchner Kammerspielen, der kubanische Zombiestreifen "Juan of the Dead", die Ausstellung "Indianische Moderne" im Ethnologischen Museum Dahlem in Berlin und Bücher, darunter zwei neue Biografien über Elizabeth Taylor und Richard Burton (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

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