Heute in den Feuilletons: "Information darf auch schön sein"

"FAZ" und "taz" schimpfen über die Auswahl für die Deutschen Filmpreise: kleinbürgerlich und bieder. Der "Tagesspiegel" findet dagegen aufregendes Relevanzkino gewürdigt. Die "NZZ" trauert um David Weiss, die "SZ" bewundert die neue Bildsprache avancierter Infografiken.

Die Tageszeitung, 30.04.2012

Am Freitagabend wurden die Deutschen Filmpreise vergeben. Die Lola in Gold bekam Andreas Dresens "Halt auf freier Strecke", Silber ging Christian Petzolds "Barbara". Anke Leweke fragt sich aber, warum bei den Deutschen Filmpreisen die eigenwilligen Filme wie Jan Schomburgs "Über uns das All" oder Ulrich Köhlers "Schlafkrankheit" außen vor blieben: "Solange sich die Akademie den kommerziellen Extremen genauso verweigert wie den künstlerischen, werden ihre Preisverleihungen bleiben, was sie zurzeit sind: Veranstaltungen ohne Wagemut, Ausdruck eines kleinbürgerlichen Mittelgeschmacks, Konsensgeschäft."

"Fast körperlich weh" tat es Ingo Arend, auf der Berlin Biennale zu erleben, wie gründlich Artur Zmijewski mit seiner Politkunst-Schau scheitert: "Die Sache wäre vielleicht noch zu verschmerzen, wenn sich in dem Vorgang nicht ein altes Problem neu Bahn bräche: das gestörte Verhältnis vieler Linker zur Ästhetik."

Weiteres: Rudolf Walther hat sich in Frankfurt die Römerberggespräche zur Postdemokratie angehört. Stefan Reinecke liest Wolfgang Kraushaars Geschichte der Protestbewegungen seit 1968 "Aufruhr der Ungebildeten" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf den Tagesthemenseiten berichtet Jürgen Gottschlich von der Eröffnung von Orhan Pamuks Museum der Unschuld, wo ihn besonders die 4.213 Zigarettenstummel beeindruckten, die der Romanheld Kemal von seiner Angebeteten Füsun gesammelt hat.

Und Tom.

Aus den Blogs, 30.04.2012

Amazon wird es nicht gelingen, den Buchmarkt zu monopolisieren. Aber Verlegern und Apple wird es auch nicht gelingen, die Kosten für gedruckte Bücher über einen erhöhten Preis für digitiale Bücher einzuspielen, meint Verleger Jason Epstein im Blog der NYRB: "What matters is Amazon's attempt to force publishers to conform to the digital imperative by resisting prices that include traditional publishing costs. This is more than a conflict between Amazon and publishers. It is a vivid expression of how the logic of a radical new and more efficient technology impels institutional change. Few technological victories are ever complete, and in the case of books this will be especially true. Bookstores will not disappear but will exploit digital technologies to increase their virtual and physical inventories, and perhaps become publishers themselves. So will libraries..."

Neue Zürcher Zeitung, 30.04.2012

Eveline Suter und Samuel Herzog trauern um den wunderbaren David Weiss, der zusammen mit Peter Fischli den verspielten Humor zum Markenzeichen der Schweizer Gegenwartskunst gemacht hatte: "Das erste gemeinsame Werk ist die 'Wurstserie', in der Essiggürkchen den Kauf von Fleischkäse-Teppichen erwägen und ein Dorf aus Kartonschachteln auf dramatische Weise niederbrennt. Die 'Wurstserie' enthält bereits viele Elemente ihres späteren Schaffens. Die Miniaturwelten aus Eierkartons, Zigarettenstummeln, Kartonschachteln, Bettwäsche und eitlen Cervelats zeugen vom spielerisch-nonchalanten Umgang mit Materialien und der Kunstgeschichte."

Hier ihr "Lauf der Dinge":



Angela Schader begutachtet verschiedene Crowdfunding-Unternehmen und weiß jetzt: "Entscheidend für das Gelingen eines Crowdfundings ist in der Regel jedoch das persönliche Umfeld, das die Projektinitiatoren mobilisieren können. David Boller, der sich mit früheren Arbeiten eine loyale Fangruppe aufgebaut hatte, legt die Latte hoch: 'Ein paar hundert Facebook-Friends werden nicht genügen.'"

Besprochen werden Enno Poppes Oper "IQ" bei den Schwetzinger Festspielen und ein Konzert des Tonhalle-Orchesters mit Charles Dutoit in Zürich.

Die Welt, 30.04.2012

Abgedruckt ist jetzt auf einer Doppelseite das Gespräch Mathias Döpfners mit Martin Walser, über dessen Unergiebigkeit Jan Küveler bereits am Freitag in der Welt berichtete. Hanns-Georg Rodek merkt an, dass Roland Emmerichs Kostümfilm "Anonymous", der beim Deutschen Filmpreis abgeräumt hat, nach den Kriterien der Filmakademie eigentlich nicht hätte zugelassen werden dürfen. Ekkehard Kern berichtet über das geplante Verjüngungsprogramm des ARD-Senders EinsPlus. Und Hans-Joachim Müller nimmt Abschied vom Schweizer Künstler David Weiss, der an Krebs starb.

Der Tagesspiegel, 30.04.2012

Nach dem Deutschen Filmpreis rekapituliert Jan Schulz-Ojala noch einmal die Debatten, die im Vorfeld geführt worden waren: von Dominik Grafs Wunsch nach mehr Trivialität ("als sei man in dieser Hinsicht nicht verwöhnt genug") über die Nichtnominierung von Nina Hoss bis zu Doris Dörries Attacke gegen den "Festival- alias Museumsfilm". Die Filme "Die Kriegerin", "Barbara" und "Halt auf freier Strecke", denen die Hauptpreise zugesprochen wurden, handeln von Neonazis, der DDR und Krebs und seien somit eindeutig Vertreter des von Graf angeprangerten Relevanzkinos, stellt Schulz-Ojala fest: "Aber sind sie deshalb ödes deutsches Fernseh-Fictionmaterial, das sich im Zweifel mit dem Versand schlicht verpackter Lebenshilfe begnügt?"

Weiteres: Anlässlich des 150. Todestages von H. D. Thoreau fragt Gregor Dotzauer nach der Aktualität des Einsiedler-Ideals, wie es der amerikanische Autor in "Walden" beschrieben hat. Thomas Kuhn berichtet vom Berliner Gallery Weekend.

Süddeutsche Zeitung, 30.04.2012

Laura Weissmüller gerät beim Blättern durch einen dicken Bildband der Kunsthistorikerin Sandra Rendgen zur anschaulichen Ästhetik avancierter Infografiken ins Schwärmen für deren Möglichkeiten: "Dieser neue Anspruch an die Datenvisualisierung brachte eine neue Bildsprache hervor. Der liegt die Auffassung zu Grunde, dass Information nicht nur Spaß machen, sondern auch schön sein darf, damit sie vom Adressaten verstanden und im besten Fall verinnerlicht werden kann. Ungefähr so wie man sich auch Zahlenkombinationen besser merkt, wenn man sich dazu Bilder einprägt." Überprüfen lasst sich dies auf der Website des Verlags anhand einiger Bilderproben.

Weitere Artikel: Auf Seite 3 erinnert sich Christian Mayer gemeinsam mit dem Schauspieler Günther Kaufmann und einigen anderen Hinterbliebenen an Rainer Werner Fassbinder, der im Juni vor 30 Jahren gestorben ist. In Neapel verbrennt ein im Stich gelassener Museumsdirektor aus Protest Kunstwerke, berichtet Henning Klüver. Niklas Hofmann informiert über Bestrebungen in Großbritannien, Internetsperren für Pornografie einzuführen. Thomas Steinfeld war in Istanbul bei den Eröffnungsfeierlichkeiten von Orhan Pamuks "Museum der Unschuld". Jörg Heiser schreibt den Nachruf auf David Weiss.

Besprochen werden neue DVDs, das Debütalbum von Soul Clap, Nis-Momme Stockmanns "Der Freund krank" am Schauspiel Frankfurt und Jens Mühlings Buch "Mein russisches Abenteuer" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2012

Andreas Kilb ist entsetzt über die Deutsche Filmakademie, die trotz freier und geheimer Abstimmung keinen einzigen Hauptpreis an Christian Petzold vergab, sich bei den staatlichen Förderern anbiederte und Bernd Neumann applaudierte, der versprach, sich für den Urheberschutz einzusetzen: "In der selbstgenügsamen Bräsigkeit, welche die Preisentscheidungen kennzeichnet, steckt natürlich auch ein Stück Abwehrzauber gegen die digitale Krise, von der die deutsche Branche noch kaum erfasst worden ist. Man macht sich klein und hofft, dass der Sturm vorüberziehen wird. Das kann nicht funktionieren."

Melanie Mühl und Stefan Schulz berichten naserümpfend vom Parteitag der Piraten und suchen nach Anzeichen dafür, dass die Partei bald ist wie alle anderen. Interessanter ist der Kommentar auf der Seite 1 der FAZ, wo Marie Katharina Wagner die Piraten in der "zweiten Stufe ihrer Entwicklung" sieht: Wie kann man die Erwartungen der Wähler erfüllen? "Denen ist es dabei, glaubt man den Umfragen, ziemlich egal, ob die Piraten jemals ein Vollprogramm haben werden und wie das aussehen könnte. Viele Parteimitglieder sind darum selbst schockiert über das irrsinnige Tempo, in dem ihre kleine - und immer noch mittellose - Partei zu einer politischen Kraft geworden ist, die, wenn sie sich nicht dumm anstellt, alle in nächster Zukunft anstehenden Koalitionsbildungen beeinflussen könnte."

Weitere Artikel: Katharina Teutsch berichtet über die deutsch-israelischen Literaturtage, bei denen Günter Grass keine Rolle spielte. Joseph Croitoru meldet die Eröffnung der rumänischen Nationalbibliothek. Jan Brachmann hörte zu bei Elina Bashkirovas Jerusalem Chamber Music Festival in Berlin. Rainer Meyer liefert den vierten Teil seiner Reiseeindrücke aus "Bella Italia".

Besprochen werden eine Aufführung von Nis-Momme Stockmanns Stück "Der Freund ist krank" am Schauspiel Frankfurt, eine Ausstellung mit Frauenporträts von Picasso, Beckmann und de Kooning in der Pinakothek der Moderne, Choreografien von Marco Goecke, William Forsythe und Nacho Duato (an denen Wiebke Hüster kein gutes Haar lässt) für das Staatsballett Berlin und Bücher, darunter John Freelys Studie über "Platon in Bagdad" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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