Heute in den Feuilletons: "Es handelt sich um Nahkampf"

In der "Welt" argumentiert Bernard-Henri Lévy gegen die Verharmlosung von Marine Le Pen. "Die Zeit" spricht mit Peter Handke - auch über Günter Grass. Die "SZ" meldet, dass Stephen King höhere Steuern fordere. Sogar für sich.

Neue Zürcher Zeitung, 03.05.2012

Wenig Hoffnung auf die Zukunft der menschlichen Spezies setzt T.C. Boyle, der gerade durch Europa tourt und im Interview mit Andrea Tholl über seinen Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist" sprach: "Die Natur wird weiterexistieren, auch lange nachdem wir Menschen weg sind. Wissenschafter sagen aber voraus, dass alles, was wir erschaffen haben - die ganze magische Schönheit, die kulturellen Errungenschaften und die unvorstellbare Grausamkeit -, in jedem Fall ausgerottet wird, wenn die Sonne ausgebrannt ist." Irene Binal bespricht in einem weiteren Text das Buch.

Weiteres: Paul Andreas berichtet von der Architekturbiennale Rotterdam, die Abschied vom Masterplan nahm: In den Smart Cities der Zukunft herrschen realistischer Pragmatismus und die Akteure vor Ort. Alfred Zimmerling berichtet von den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Für die Filmseite besucht Martin Walder die Dreharbeiten zum Thriller "Am Hang". Amin Farzanefar hat sich Jafar Panahis Protest-Doku "This Is Not a Film" angesehen.

Weitere Medien, 03.05.2012

(Via Literaturcafé) Die Wirtschaftswoche zeigt in einer interessanten Infografik, dass der Boom der Ebooks nun auch in Deutschland angekommen ist. Immerhin liegt der Anteil von Lesern von Ebooks inzwischen bei 23 Prozent.

Der Hollywood Reporter bringt eine riesige (und glücklicherweise online stehende) Geschichte über Kim Dotcom, den Schrecken der Filmindustrie, dem jetzt der Prozess gemacht wird. Für paidcontent hat Daniel Frankel die Autoren Daniel Miller und Matthew Belloni getroffen, die zwei Monate lang an der Geschichte gearbeitet haben: "We tried for months to get him on the phone (we even offered to go to New Zealand) but his lawyers wouldn't allow him to talk to us. We did get the lawyers, though. What surprised me about reporting the piece was that it seems Dotcom's ultimate goal was to become a so-called 'legit' media mogul. He wanted to be Steve Jobs, and he certainly didn't think of himself as a pirate. It will be very interesting to see how this case plays out."

nachtkritik, 03.05.2012

"Kritik im Netz, Journalismus online geht". Zum fünfjährigen Bestehen der Nachtkritik bilanziert Mitbegründer Dirk Pilz durchaus mit einer gewissen Ernüchterung die Möglichkeiten von offenem, dialogischem Feuilleton im Netz. Aber er hat folgende Beobachtung gemacht: "Dass Journalismus nicht mehr nur bedeutet, der vermeintliche Fachmensch X teilt dem Leser Y mit, wie er Z zu bewerten hat, dass also die festgeschriebenen Kompetenzhierarchien schwinden, erlebt die Medienöffentlichkeit als Schock. Die Hierarchien müssen sehr zementiert, die Angst vor dem Leser (oder die Verachtung gar?) muss groß sein; das ist wahrscheinlich mehr als die Angst vor Machtverlust, es ist die Angst davor, der Hochstapelei oder Irrelevanz überführt zu werden."

Die Welt, 03.05.2012

Bernard-Henri Lévy wettert in seinem Essay gegen den Begriff der "großen politischen Familie" und argumentiert, Marine Le Pens Front National sei keine rechte, sondern eine rechtsextreme Partei. Den Rechtsextremismus auszugrenzen sei Aufgabe aller Parteien, insbesondere der republikanischen und liberalen Rechten: "Wenn man eine Lehre aus dem furchtbaren 20. Jahrhundert ziehen kann, dann, dass diese Sache mit der sogenannten Familie niemals stimmt - es handelt sich vielmehr um einen Nahkampf, von dessen Ausgang unser aller Schicksal abhängt."

Im Feuilleton berichtet Jan Küveler von den Römerberggesprächen in Frankfurt, wo internationale Intellektuelle diskutierten, ob wir bereits in einer "Postdemokratie" leben. Außerdem gibt es Filmkritken: Cameron Crowes "Wir kaufen einen Zoo" biete "perfektes Familienkino", während Robert Pattinson aus seinem "Bel Ami" bloß ein "unreifes Bürschchen" mache.

Die Tageszeitung, 03.05.2012

Christina Nord unterhält sich mit Celine Sciamma über ihren Film "Tomboy", der von einem Mädchen erzählt, das so tut, als sei es ein Junge. Auf die Frage, ob es wirklich so schwierig sei, mit Kindern zu drehen, antwortet Sciamma: "Bei Tieren hat man Dompteure, bei Kindern nicht. Man muss sich eine Methode ausdenken, wie man mit ihnen arbeitet. Und man steht bei Kindern insofern allein da, als man mit ihnen die Grundgedanken des Films, die Ästhetik nicht teilen kann." Hier die Besprechung des Films.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung von Werken des Malers Albert Oehlen im Kunstmuseum Bonn, Christophe Honores Musical-Film "Die Liebenden" mit Catherine Deneuve und Chiara Mastroianni, die DVD "A religiosa portuguesa" von Eugene Green, eine einzigartige Mischung aus "heiligem Ernst und argem Quatsch", und der Roman "Die Engel von Sidi Moumen" des marokkanische Autors Mahi Binebine, der von jugendlichen Selbstmordattentätern erzählt (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Aus den Blogs, 03.05.2012

Gawkers Cassie Murdoch sah die Zukunft, und sie wäscht uns die Haare. Mit 24 Fingern:


Süddeutsche Zeitung, 03.05.2012

"bgr" verweist auf ein in drastischem Vokabular abgefasstes Blogposting von Stephen King auf Daily Beast, in dem der Bestsellerautor höhere Steuern für sich und alle anderen Großverdiener fordert. Und keiner soll King sagen, er solle einfach einen Scheck ausstellen und die Klappe halten: "I've known rich people, and why not, since I'm one of them? The majority would rather douse their dicks with lighter fluid, strike a match, and dance around singing 'Disco Inferno' than pay one more cent in taxes to Uncle Sugar. It's true that some rich folks put at least some of their tax savings into charitable contributions. [...] What charitable 1 percenters can't do is assume responsibility - America's national responsibilities: the care of its sick and its poor, the education of its young, the repair of its failing infrastructure, the repayment of its staggering war debts. Charity from the rich can't fix global warming or lower the price of gasoline by one single red penny."

Weitere Artikel: "Erstaunlich anachronistisch" findet es Felix Stephan beim Besuch des Festivals Camp/Anti-Camp in Berlin, dass sich "die jeweiligen Kulturwissenschaften der Heteros und Queers auch heute noch erschreckend wenig zu sagen haben". Zum Beginn der 13. Münchner Biennale denkt Reinhard Brembeck sehr grundsätzlich über Wesen und Ästhetik des Musiktheaters nach. Susan Vahabzadeh porträtiert die Filmemacherin Celine Sciamma, deren (von Fritz Göttler separat besprochener) Film "Tomboy" heute in die Kinos kommt. Rudolf Neumaier liest eine Postkarte von Adolf Hitler aus dem 1. Weltkrieg, die kürzlich beim Einscannen privater Archivbestände für das Webportal Europeana aufgetaucht ist. Fritz Göttler wirft vorab einen Blick auf das Programm des heute startenden DOK.fests in München. Hans Schifferle sendet unterdessen Notizen von den 58. Kurzfilmtagen in Oberhausen, wo in diesem Jahr "Aufbruch und Niedergang (...) heftig aneinander" stießen. Jürgen Berger berichtet vom Heidelberger Stückemarkt. Christian Gampert hat in Marbach eine Tagung über Dichter-Wohnstuben besucht.

Besprochen werden die "El Greco"-Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf, Béla Tarrs apokalyptischer Film "Das Turiner Pferd" und Bücher, darunter Padgett Powells "Roman in Fragen", der sein gestalterisches Konzept bereits im Titel trägt (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.05.2012

Evgeny Morozov rückt den Internet-Freiheitskämpfern von Anonymous dialektisch zu Leibe: Jede Aktion spiele doch nur den Cybersicherheitsfirmen in die Hände. "Man braucht kein Genie zu sein, um zu erkennen, dass Cyberangriffe auf Gruppen, die sich für Gesetze zum Schutz vor Cyberangriffen einsetzen, deren Sache nur stärken können. Das ist so, als schösse man mit einer Bazooka auf eine Parlamentssitzung, in der über schärfere Waffengesetze verhandelt wird." Hier der Text im englischsprachigen Original auf Slate.

Jürg Altwegg hat vor der zweiten Wahlrunde in Frankreich die erste noch nicht ganz verwunden: "Die intensivste Auseinandersetzung vor dem ersten Wahlgang war das Duell zwischen Le Pen und Mélenchon um den dritten Platz. Man fühlte sich in die Zeit der Saalschlägereien zwischen Faschisten und Kommunisten zurückversetzt. Um die Aufrechnung Hitler gegen Stalin. Diese Regression hat sich nun auch der Stichwahl bemächtigt: Revolution gegen Nation."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube kann sich nur verwundert am Kopf kratzen über all die Aufregungen, Boykottaufrufe und Abwiegelungen im Zusammenhang mit der EM und dem umstrittenen Umgang des Gastgeberlandes Ukraine mit politischen Gefangenen. Bert Rebhandl hat bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen sein Herz ganz und gar an den rumänischen Wettbewerbsbeitrag "Rite of Spring" von Florin Tudo und Mona Vatamanu verloren, in dem Kinder auf Super-8 flockige Baumsamen-Ansammlungen in Flammen aufgehen lassen (hier ein Ausschnitt). In Italien hat die Ära Berlusconi den Museumsbetrieb doch nicht ganz so ruiniert hinterlassen wie bislang angenommen, stellt Dirk Schümer fest. Frank Peter Jäger sieht sich in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in Berlin-Mitte um, die nun zum Galeriehaus umgebaut wurde. Verena Lueken besuchte in der American Cinemathèque in Los Angeles eine Vorführung von John Cromwells Frauengefängnisfilm-Klassiker "Caged". Sophie von Maltzahn berichtet von Katerstimmung im Frankfurter Occupy-Camp.

Besprochen werden Xin Peng Wangs "Schwanensee"-Interpretation am Konzerthaus Dortmund, die Wiebke Huester entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lässt, der Film "Bel Ami", eine CD mit Strauss-Aufnahmen von Daniel Behle und Oliver Schnyder, sowie Bücher, darunter der Roman "Allahs Töchter" von Nedim Gürsel (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Die Zeit, 03.05.2012

Peter Handke und Luc Bondy führen ein ziemlich rührendes Gespräch über Krankheit, Frauen, Augenkontakt und kommen auch auf Günter Grass' umstrittenes Israel-Gedicht zu sprechen. Während Handke bekennt, das Gedicht nicht gelesen und die Debatte nur am Rande in Le Monde verfolgt zu haben, bezieht Bondy klar Stellung: "Ich habe das Gedicht gelesen und habe nicht einmal verstanden, dass es ein Gedicht ist, es ist einfach lächerlich. Es ist sowohl lächerlich von ihm als auch lächerlich, was daraus gemacht worden ist... Es gibt in Israel kein Einverständnis zwischen dem Militär, das sehr gegen jede Form von Angriff auf Iran ist, und den Regierungspolitikern, die diese Möglichkeit erwägen - das ist ein Konflikt, der in Israel offen ausgetragen wird."

Weitere Artikel: Der Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit und der Soziologe Ulrich Beck haben eine Aktion initiiert und dafür zahlreiche prominente Unterzeichner von Helmut Schmidt bis Patrice Chéreau gefunden. Ihr Titel: "Manifest zur Neugründung der EU von unten". Ihr Ziel: In Zeiten schwindenden Vertrauens in die europäischen Eliten durch ein "Freiwilliges Europäisches Jahr für alle" wieder zu eine stärkere Indentifikation mit dem europäischen Gedanken zu schaffen. Das Manifest kann hier unterschrieben werden. Thomas Assheuer wundert sich, dass ausgerechnet diejenigen, die wie die Piraten mit der Technik umgehen können, sich ihr derartig unterwerfen. Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal schildert in einem Interview, wie sich die Lage in Nordafrika durch die Arabellion verschlimmert hat und immer weiter verschlimmern wird. Die Physikerin Lisa Randall erklärt im Interview den Unterschied zwischen Gläubigen und Wissenschaftlern. Das Dossier widmet sich der inhaftierten ukrainischen Oppositionspolitikerin Julija Timoschenko.

Besprochen werden unter anderem die Autobiografie des Philosophen Robert Spaemann und der letzte Band von Warlam Schalamows "Erzählungen aus Kolyma" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

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