Heute in den Feuilletons: "So bunt und breit wie das Netz"

Die "NZZ" erzählt, wie hervorragend Tradition, Kunst und Château Mouton Rothschild in China zusammengehen. Wie totalitär sind die Piraten?, fragt Richard Herzinger in seinem Blog. Atheisten sind mitfühlender als religiöse Menschen, wundert sich "Telepolis".

Neue Zürcher Zeitung, 05.05.2012

Lydia Haustein analysiert Strategien chinesischer Künstler, für die übrigens bis 2015 1000 neue Museen gebaut werden sollen. Nach allerlei politisch verordneten Modernisierungskonzepten befindet man sich zur Zeit in einer Phase der Retraditionalisierung und sprengt dabei "alle Rekorde des Marktes. Spitzenpreise bei Kunstauktionen wie im Falle von Zhang Xiaogangs Triptychon 'Ewig währende Liebe' von 1988 bilden keine Ausnahme mehr. Wichtige Museen der Welt wie das Metropolitan Museum öffnen ihre Tore. Ende Januar 2012 richtet es eine spektakuläre Ausstellung über den keineswegs unumstrittenen, aber mit Höchstpreisen gehandelten Maler Fu Baoshi (1904-1965) aus. Während parallel dazu die Vorbereitungen für die Shanghai Contemporary 2012 auf Hochtouren laufen, scheint sich der Trend einer Retraditionalisierung weiter zuzuspitzen. Zumindest im Pekinger Kunstzentrum 789 ist der Kommerz mit der neuen Retraditionalisierung Teil eines Lifestyles geworden und nähert sich wie im Schanghaier Zentrum M50 mit radikaler Ökonomisierung dem Rest der Welt an. Da überrascht es kaum, dass die in China kulthaft verehrte Weinmarke Château Mouton Rothschild den Maler Xu Lei für die 'traditionelle' Gestaltung ihres neuen 'vintage label' verpflichten konnte."

Weiteres: Hartwig Isernhagen findet Thoreau lesenswerter denn je. In den "Bildansichten" betrachtet Ruth Schweikert eine Zeichnung der Heilpraktikerin und Forscherin Emma Kunz.

Im Feuilleton gratuliert Stefan Jordan Gerhard Polt zum Siebzigsten. In der Reihe "When the music's over" erinnert sich Nico Bleutge, wie er mit "Rock'n'Roll Schuah" Bayrisch lernte.

Besprochen werden die Turner-Lorraine-Ausstellung in der Londoner National Gallery und Bücher, darunter Ambrose Bierces "Geschichten aus dem Bürgerkrieg" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 05.05.2012

Totalitarismus bei den Piraten? Ja, meint Welt-Autor Richard Herzinger in seinem Blog Freie Welt: "Die wachsende Rigidität, mit der Teile dieser Bewegung ungläubige Gegner im politisch-intellektuellen 'Establishment' als Fossilien einer vergangenen Epoche verhöhnen - und nicht selten per Shitstorm und Hacken von Computerseiten terrorisieren -, ebenso wie ihre unreflektierte Technikgläubigkeit, die sie zu der Vorstellung verführt, die neuen Kommunikationstechnologien machten auf 'revolutionäre' Weise alle bisher entwickelten institutionalisierten checks and balances der Demokratie (wie auch bestehende Eigentumsrechte) obsolet, erinnert an den verhängnisvollen Absolutheitsanspruch utopischer, ins Totalitäre kippender 'Erweckungsbewegungen' früherer Epochen."

(Via @matthiasrascher) Ein unglaublicher Fotoessay von Benjamin Starr: "A Family that time Forgot - Traditional Kentucky Living".

Weitere Medien, 05.05.2012

Eine Studie von Sozialpsychologen an der Universität Berkeley hat nach Telepolis ermittelt, dass "ausgerechnet Atheisten und Agnostiker, die in den USA einen besonders schlechten Ruf haben, aber auch kaum religiöse Menschen nach Experimenten gegenüber ihren Mitmenschen großzügiger zu sein und mehr Mitleid oder Empathie für sie zu entwickeln (scheinen) als sehr religiöse Menschen. Wie die Psychologen herausgefunden haben wollen, sind die stark Religiösen offenbar eher mit von Ideologie geleiteten Menschen vergleichbar. Ihr Mitleid hängt weniger von ihren Gefühlen ab, sondern eher von der Religionslehre..." Das News Center der Universität Berkeley fasst es bündig so zusammen: "Highly religious people are less motivated by compassion than are non-believers."

Die Welt, 05.05.2012

Im Feuilleton sucht Sarah Elsing nach Spuren einer neuen Leipziger Schule, findet aber nur junge Künstler, die mit diesem Label nichts mehr am Hut haben: "'Was genau steckt denn hinter dem Begriff', fragt Genaro Strobel, als die Führung frühzeitig auf dem Ateliersofa endet. Das sei doch kein gemeinsamer Stil, keine Haltung, die alle verbinde. 'Letztlich war es doch nur eine Gruppe junger Absolventen, die sich zusammengetan haben, um ihre Werke besser vermarkten zu können', meint Strobel. Der internationale Ruf war jedenfalls nicht der Grund, warum er von Berlin-Weißensee nach Leipzig gewechselt ist. Der 28-Jährige kam wegen Ottersbach. 'Ich wollte nicht nur über formale Fragen sprechen, sondern auch über Inhalte. Genau so einen Debatten-Raum, wie er in der Ottersbach-Klasse möglich ist, habe ich gesucht', sagt Strobel."

Weitere Artikel: Andreas Rosenfelder hatte viel Spaß bei den Mosse Lectures mit Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen. Christina Hoffmann kann ihre Tante Jossie nicht mit einem Konzert von Hercules and Love Affair im Berliner Berghain beeindrucken. Matthias Heine bittet Theaterintendantin Karin Beier zu Tisch. Manuel Brug verteidigt das Berliner Staatsballett gegen seine Kritiker: "Ist die Flanke einmal offen, wird kräftig draufgehauen, zeigt das Opfer Schwäche, schlägt man richtig zu. Dieser Beißreflex ist bei der deutschen Kritik weitverbreitet."

In der Literarischen Welt legt Elke Heidenreich Gerhard Polt zum Siebzigsten das ultimative Lob zu Füßen: "tiefer als Goethe, kürzer als Goethe". Martin Ebel, Gerhard Gnauck und Sascha Lehnartz schicken Briefe aus Zürich, Krakau und Paris. Peter Stephen Jungk sah die Wahlveranstaltung von Francois Hollande in der Sportarena Paris Bercy.

Besprochen werden u.a. Robert Spaemanns Autobiografie "Über Gott und die Welt" (von Martin Mosebach), ökologisch korrekte Koch- und Grillbücher, Alice Munros Erzählband "Was ich dir schon immer sagen wollte", Nina Bußmanns Roman "Große Ferien", Neuerscheinungen zu Thoreaus 150. Todestag und ein nachgelassener Erzählband des Regisseurs Oliver Storz, "Als wir Gangster waren".

Die Tageszeitung, 05.05.2012

Sahar Nadi besucht zum ersten Mal seit ihrer Flucht als kleines Mädchen ihr Geburtsland Afghanistan und atmet merklich auf, als sie dort auch einige wenige Frauen in Jeans antrifft, die allerdings mit Sorge auf den Abzug der allierten Truppen im Jahr 2014 blicken. Ganz zurückkehren wird sie wohl nicht mehr: "Bin ich hier wirklich einmal zuhause gewesen? In einem Land, in dem ich mich nicht frei bewegen kann. Einem, in dem ich auf der Straße mit Augen angestarrt werde, als sagten sie: Du Frau du. Einem, in dem ein Mann als Begleiter einzige Legitimation ist. Unangenehm. Eigenartig. Kalt."

Dietrich Kuhlbrodt musste ganz schön fix sein, um Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen beim Schnelldenken über "Mehr" folgen zu können: "Über mehr Zeitung und das Glück überflutet zu werden, im Meer (= mehr) dessen, was einen anspricht, über die Ich-Entfernung und Unsouveränität, die das erzeugt und die zu begrüßen ist, über die kommende liquide Informationsverarbeitung, an der die Piraten arbeiten - 'vielen Dank auch dahin!'."

Weitere Artikel: Kirsten Küppers und Svenja Bergt haben im vergangenen halben Jahr beobachtet, wie aus dem nerdigen Pirat Gerwald Claus-Brunner im Berliner Parlament ein Berufspolitiker geworden ist. Meike Laaff berichtet von gelungenen und weniger gelungenen Diskussionen auf der re:publica zum Thema "Urheberrecht im Netz". In Amsterdam vermieten Hausbesitzer leerstehende Häuser zu preislich günstigen, aber rechtlich hochflexiblen Bedingungen an Hausbesetzerschützer, um auf diese Weise Hausbesetzer abzuhalten, erfährt man in einer Reportage von Tobias Müller und Tino Buchholz. Maria Rossbauer plaudert mit dem Bundesligaschiedsrichter Wolfgang Stark. Arno Frank gratuliert Gerhard Polt nach dem Verzehr von Schweinebraten in Berlin zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album von Santigold, das beim Berliner Theatertreffen aufgeführte Stück "Hate Radio", das sich mit dem Massaker an den Tutsi im Jahr 1994 befasst (dazu ein Gespräch mit der Darstellerin Nancy Nkusi, die damals selbst aus Ruanda fliehen musste) und Bücher, darunter Benjamin Steins Science-Fiction-Roman "Replay" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 05.05.2012

Am Rande der re:publica haben sich Markus Beckedahl von netzpolitik.org und die liberale EU-Kommissarin Neelie Kroes über Urheberrechtsproblematiken im Netz und ACTA unterhalten. Dabei spricht Beckedahl auch eine zentrale, ganz alltägliche Urheberrechtsproblematik an: Es sei nämlich so, "dass die allermeisten von uns einfach tagtäglich Urheberrechte verletzten, ohne das zu wollen oder ohne zu verstehen, warum sie diese Rechte eigentlich verletzen. ... Da könnten wir vom amerikanischen Fair-Use-Prinzip lernen. Es ist doch einfach nicht nachzuvollziehen, dass das Remixen eines Youtube-Videos in den USA erlaubt ist, ich dafür hier aber eine Abmahnung erhalte oder das Video gelöscht wird."

Weiteres: Die Bürger von Helsinki haben sich gegen einen von Guggenheim finanzierten Museumsbau entschieden, informiert Franziska Schubert (mehr dazu im Guardian). Außerdem würdigen FR-Autoren anlässlich der 300. Ausgabe des Donald Duck Sonderhefts vier Entenzeichner jenseits des Großmeisters Carl Barks, darunter auch den unter Donald-Traditionalisten zwar geschmähten, von Jens Balzer nichtsdestotrotz als "freister und lustigster Avantgardist" gefeierten William van Horn. Online lesen wir die traurige Meldung, dass Adam Yauch von den Beastie Boys an Krebs gestorben ist.

Besprochen werden das neue Solo-Album von Jack White und Bücher, darunter André Kubiczeks Roman "Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2012

"Der beste Illustrator unserer Zeit", so Andreas Platthaus in seinem Porträt über Christoph Niemann in Bilder und Zeiten, erledigt von Berlin aus vor allem Aufträge aus New York, für den New Yorker, die New York Times, die Financial Times, die New York Times Book Review. Hinter der scheinbaren Mühelosigkeit seiner Zeichnungen stecke harte Arbeit, bekennt der Künstler, weshalb ihn die Debatte um geistiges Eigentum auf die Palme bringt: "Was mich wirklich ärgert, ist die Behauptung, ein Urheber leiste nicht mehr als ein bloßes Remixen. Bei Illustrationen macht die Verschiebung einer Linie um einen Zentimeter nach rechts oder links oft den entscheidenden Unterschied aus. Das kostet viel Mühe, die aber nicht sichtbar werden darf." Hier geht es zu Niemanns Blog Abstract City.

Die Filmemacherin Athinas Rachel Tsangari ist dabei, als Regisseurin und Produzentin ein junges griechisches Kino aus der Taufe zu heben. Im Interview spricht sie über ihre Einflüsse von Aischylos bis Philip K. Dick und ihre Heimat: "Griechenland ist geprägt durch ein bulimisches Begehren, alles sehr schnell haben zu wollen. Der Sprung von der dritten in die erste Welt war nicht zu verkraften, wir haben Moderne mit Konsum verwechselt." Ihr Film "Attenberg" kommt am 10. Mai in ausgewählte deutsche Kinos.

Im Feuilleton legt Nils Minkmar in einem umfangreichen offenen Brief an Verena Becker "auf wenigen Zeitungszeilen" ausführlich dar, warum er auf ihre für den 14. Mai angekündigte Erklärung gespannt ist und mahnt zu schonungsloser Offenheit. Jürgen Dollase isst im schwäbischen Rosenberg bei Josef Bauer "Galizischen Krebs mit Schweinekinn und Couscous". Besprochen werden eine Ausstellung des vergessenen Malers Wilhelm Steinhausen im Frankfurter Museum Giersch, der argentinische Spielfilm "Medianeras", Peter Rosens Dokumentarfilm "Shadows in Paradise" über die Emigration europäischer Künstler nach Hollywood während des Dritten Reichs, neue Alben von Nada Surf und Jack White sowie Bücher, darunter Robert Spaemanns Erinnerungen und eine kommentierte Ausgabe von Tolkiens "Hobbit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 05.05.2012

Im Medienteil beobachtet Marco Maurer das Ende der Deutungsmacht von Musikzeitschriften im Popdiskurs zugunsten von Feuilleton und WWW. Das liege aber nicht nur am Geschwindigkeitsvorteil des Netzes gegenüber einem Periodikum, die Probleme seien teils auch hausgemacht: "Ihre augenscheinliche Nähe zur Musikindustrie hat viele Magazine ihre Glaubwürdigkeit gekostet. Es gibt viele Episoden, die davon erzählen, dass es Absprachen zwischen Plattenverlagen und Musikmagazinen geben soll. Es heißt, dass ganze Cover angeblich gekauft werden, weil Anzeigengelder der Plattenindustrie fließen."

Im Feuilleton ist Joseph Hanimann sehr angetan vom Auftritt des französischen Philosophen Michel Serres, der mit dem Meister-Eckhart-Preis geehrt wurde: "Wie ungeduldig der Hellwache frei von aller Denkerpose bald hoch auf der Brücke, bald hart am Ufer die zähflüssige Entwicklung Europas verfolgt, offenbarte er in seiner Träumerei von der Verschmelzung der Franzosen und Deutschen."

Weiteres: Jens Bisky lauschte an der Humboldt-Universität Rainald Goetz' Lob der materiellen Qualitäten von Tageszeitungen und verschweigt auch des Autors Begeisterung für den Perlentaucher nicht. Lothar Müller spaziert mit dem Schriftsteller Dzevad Karahasan durch Sarajewo. Catrin Lorch trifft sich in Berlin mit der Künstlerin Yael Bartana, die mitten in den Vorbereitungen zum "Ersten Internationalen Kongress des Jewish Renaissance Movement in Poland", der am kommenden Wochenende im Rahmen der Berlin Bienale stattfindet, steckt. Tim Neshitov besucht die von Zukunftsängsten geplagten Theaterschauspieler am Theater Vorpommern, das ab August die Hälfte seines Ensembles rechtlich völlig abgesichert in die Arbeitslosigkeit entlässt. Niklas Hofmann berichtet von der Netz-Konferenz Re:Publica, die mittlerweile "so bunt und breit wie das Netz" sei. Petra Steinberger stellt die Öko-Initiative "Connect the dots" vor. Burkhard Müller erinnert an den vor 150 Jahren gestorbenen Philosophen Henry David Thoreau. Andrian Kreye schreibt den Nachruf auf Beastie Boy Adam Yauch.

Für die SZ am Wochenende begibt sich Sarah Khan auf die Suche nach antiquarischen Büchern mit handschriftlichen Widmungen und stößt dabei auf allerhand hübsche Anekdoten. Emilia Smechowski besucht Letizia Maniaci, die mit ihrem TV-Sender Telejato der Mafia in Sizilien den Kampf ansagt. Martin Bernstein besucht den Geschichtspark Bärnau-Tachov, der sich nahe der tschechischen Grenze um die Vermittlung eines historisch akuraten Mittelalterbilds bemüht. Kerstin Holzer unterhält sich mit der Schauspielerin Bibiana Beglau.

Besprochen werden Sarah Nemtsovs Oper "L'Absence" bei der Musiktheaterbiennale in München, Jonathan Levines Komödie "50/50 - Freunde fürs (Über)leben" und Bücher, darunter die Autobiografie des Philosophen Robert Spaemann (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

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