Heute in den Feuilletons: Um Himmels willen - Sommerspiele im November?

Der "Tagesspiegel" ist froh, dass Berlin nur einen Flughafen eröffnen will - es hätte noch peinlicher kommen können. In der "Welt" fragt Ralf Fücks von der grünen Böll-Stifung, ob aus den Piraten je was werden kann. Und in der "FAZ" telefoniert Michael Krüger über Skype mit einem griechischen Freund.

Der Tagesspiegel, 09.05.2012

Okay, das mit dem Flughafen klappt nicht, da ist auf Berlin Verlass. Aber es hätte noch schlimmer kommen können, meint Harald Martenstein: "Was, um Himmels willen, wäre passiert, wenn Berlin die Olympischen Spiele ausgerichtet hätte? Schwimmwettkämpfe im Plötzensee? Sommerspiele im November?"

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 09.05.2012

K. Erik Franzen freut sich schon auf die Anti-Gentrifizierungsrevolution in Münchens Stadtteil Untergiesing: "Die Wut der Menschen wächst, auch wenn für die meisten Einwohner die Schmerzgrenze des teuren Lebens in der Boomtown noch nicht erreicht ist. Man darf gespannt sein, was passiert, wenn sich in Zukunft Widerstand bündelt und das Münchner Bürgertum dann mit weiteren, zumeist linken Initiativen gemeinsame Sache macht." Zumeist?

Weiteres: Für Hans-Martin Lohmann sind die Piraten total avantgardistische Kapitalisten, die uns alle in den Irrsinn treiben werden. Besprochen werden Tim Burtons Film "Dark Shadows" mit Johnny Depp und Bücher, darunter Tanja Dückers Gedichtband "Fundbüro und Verstecke" und Jürgen Roths Reportageband über "Gazprom" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Perlentaucher, 09.05.2012

Nochmal "Geistiges Eigentum". Thierry Chervel antwortet auf Rainer Hanks FAZ am Sonntag-Artikel "Wenn Kunst und Kommerz sich küssen" und fragt sich unter anderem, warum das Netz für den klassisch liberalen Diskurs eine solche narzisstische Kränkung bedeutet: "Für den liberalen Diskurs ist das Allgemeinwohl eine Summe aktiv und frei verfolgter Einzelinteressen. Es ist zwar besser, den Kapitalismus durch demokratische Instanzen, ökologische Grenzen und soziale Solidarität zu domestizieren, aber eine Gesellschaft, die die rohe Energie des Eigennutzes und der schöpferischen Zerstörung, die im Markt pulsiert, abtötet, kann nicht frei sein und sich entwickeln. Das zutiefst Befremdliche, Neue und jedem klassisch-liberalen Diskurs Unbehagliche am Netz ist nun aber, dass es sich nicht als eine Summe egoistischer, sondern eher als eine Summe altruistischer Impulse addiert. Es ist gewoben aus dem millionenfach individuellen Wunsch zu teilen."

Die Tageszeitung, 09.05.2012

Die taz druckt einen Appell von über 30 Politikern (Giuliano Amato, Jacques Attali, Daniel Cohn-Bendit u.a.), die EU in eine föderalistische Union mit gemeinsamer Wirtschaftsregierung umzuwandeln: "Nur der Föderalismus ist in der Lage, den Zusammenbruch der Eurozone mit all seinen katastrophalen Folgen für unseren aktuellen Lebensstandard zu verhindern."

In der Debatte zum Urheberrecht macht Janosch Schobin vom Hamburger Institut für Sozialforschung einen etwas vage anmutenden Vorschlag, wie der Konflikt zwischen Sharern und Künstlern gerecht gelöst werden kann: "Der Urheber ist der erste Sharer. Er teilt seine Kreation zu einem Preis, den er selbst festsetzt. Die Sharer jeder weiteren Ordnung erwerben dadurch zum einen das Recht, das erkaufte Gut so oft zu teilen, wie sie wünschen, und dafür den Preis zu verlangen, den sie wollen. Zum anderen verpflichten sie sich, einen Teil ihres Ertrags (ob er durch Werbung oder Verkauf erwirtschaftet wird, sei hier dahingestellt) an denjenigen zu geben, der das Erzeugnis mit ihnen geteilt hat. So entsteht eine Art goldene Pyramide, die den Urheber am stärksten belohnt und gute Sharer neben ihrem Reputationsgewinn auch noch entlohnt." Inwiefern verhindert das kino.to oder megaupload?

Außerdem: Reiner Wandler zeichnet ein deprimierendes Bild von Algerien, wo man vom arabischen Frühling träumt, aber nicht wählen geht. Sonja Vogel fragt sich, ob private Kulturförderung (Stichwort BMW Guggenheim Lab) wirklich so viel schlechter ist als Staatsknete: "Gerade die staatlich geförderten Kulturbetriebe werden penibel evaluiert. Was zählt, sind wirtschaftliche Kriterien: die Auslastung, das eingespielte Geld. Wirtschaftsunternehmen hingegen interessiert etwas anderes. Für sie ist das Sponsoring eine Investition in die Zukunft. Das 'BMW Guggenheim Lab' muss sich nicht rechnen, solange die Öffentlichkeit vom Spender erfährt."

Fiona Weber-Steinhaus schließlich versucht, sich im Gespräch mit dem Künstlerischen Direktor der Popakademie Baden-Württemberg, einer Erziehungswissenschaftlerin und dem künstlerische Manager der Londoner Musik-Schule The Brits darüber klar zu werden, warum sie mit ihren 26 Jahren immer noch in ein Konzert der Backstreet Boys und New Kids on the Block rennt.

Besprochen werden George Condos Ausstellung "Mental States" in der Frankfurter Schirn ("Endlich mal keine Körper", ruft ein begeisterter Mario Scalla, bevor ein kopulierendes Paar mit Beil im Kopf ihn kurzfristig bremst) und Safaa Fathys Film auf DVD: "Derrida, anderswo".

Schließlich Tom.

Die Welt, 09.05.2012

Ralf Fücks, Leiter der Böll-Stiftung, erörtert in seinem Essay die Zukunft der Piratenpartei: "Auf ihren Parteitagen tobt sich der Affront gegen Berufspolitik und die Delegation politischer Macht an gewählte Repräsentanten aus. Deshalb stellt die Transformation zu einer professionellen politischen Kraft den Markenkern der Piraten infrage. Sie könnten sich dann nicht mehr durch eine alternative Art des Politikmachens definieren, sondern nur noch über eine alternative Politik. Dann wird sich zeigen, ob die Partei tatsächlich neue Antworten auf die großen politischen Fragen finden wird."

Im Feuilleton zeigt sich Alan Posener irritiert von Joachim Gaucks Rede zum Jahrestag der Befreiung der Niederlande: "Man hätte denken können, dass es sich ein Deutscher verkneifen würde, ausgerechnet den ehedem Besetzten erklären zu wollen, was Freiheit ist, aber da kennt Joachim Gauck keine falsche Scham."

Weiteres: Hannes Stein beleuchtet in seinem Nachruf Maurice Sendaks Privatleben, vom Aufwachsen unter polnisch-jüdischen Migranten in Brooklyn bis zu seiner lange geheim gehaltenen Homosexualität. Bei ihrem Berlin-Konzert tun die zur Superboygroup fusionierten New Kids on the Block und Backstreet Boys, wie Anne Waak feststellt, so, "als sei es 1995". Ulrich Weinzierl hat sich die frivole Ausstellung "Welt der Operette" im österreichischen Theatermuseum angesehen.

Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2012

Die Afrikanistin Flora Veit-Wild schildert die Wiedereröffnung des Book Café in Harare im Besonderen und die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Simbabwes im Allgemeinen. Bei allem Fortschritt, stellt sie fest, könne von wahrer künstlerischer Freiheit noch keine Rede sein: "Armut macht korrumpierbar. Die Zanu-Regierung herrscht kaum noch durch direkte Zensur, es gibt eine Vielzahl von regierungsunabhängigen Zeitungen. Auch kritische Theaterstücke, Musik- oder Spoken-Word-Veranstaltungen werden zwar beobachtet, aber selten unterbunden. Den massenwirksamen und lukrativen Zugang zu Radio und Fernsehen jedoch erhalten nur Künstler, die sich nationalistisch-patriotisch gebärden."

Die tschechischen Studenten gehen gegen den Entwurf eines neuen Hochschulgesetzes auf die Straße, weil sie die Autonomie der Hochschulen und die akademische Freiheit bedroht sehen, berichtet Alena Wagnerová: "Es war und ist immer die Idee der Freiheit grundlegend an die Rückkehr zu einem kapitalistischen System gebunden und an all das, was dieses als Fortschritt versprach: individuelles Fortkommen und persönlicher Wohlstand... Und nun will gerade die rechtskonservative Regierung ihren Wählern die akademische Freiheit beschneiden."

Weiteres: Marion Löhndorf hat die Damien Hirst-Retrospektive in der Londoner Tate Modern besichtigt. Auperdem werden Bücher besprochen: "Die Versehrten" von Gonçalo M. Tavares, "Die andere Seite des Mondes. Schriften über Japan" von Claude Lévi-Strauss und "1812" von Adam Zamoyski über Napoleons Russland-Feldzug, das nach acht Jahren jetzt auf Deutsch erschienen ist (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 09.05.2012

Auf Seite 3 ätzt Constanze von Bullion nach der gestern bekannt gegebenen Pleite um die Eröffnung des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg: "Ein Quader aus Glas und Beton ist hier gewachsen, ein Terminal wie eine Kühlbox mit Deckel obendrauf, ein Behälter für die Hoffnungen einer Region, die nichts so entbehrt wie wirtschaftlichen Anschub - und Anerkennung, dass hier auch mal was funktioniert." Nun, teuer falsch gehofft.

Carlos Spoerhase ist mit der im Vorwort dieses Buchs gestellten Diagnose des New-Republic-Redakteurs Adam Kirsch, der umfassende Literaturbetrieb sei analog zu einem ökonomischen Schneeballsystem an eine Grenze gestoßen, die heutige Protagonisten mit leeren Händen dastehen lasse, nicht einverstanden: Kirsch sehe den Poeten "in der Rolle des betrogenen Investors, der sich um die pflichtschuldige Überweisung seiner Kettenbrief-Dividende gebracht sieht. Das ist larmoyant und intellektuell unbefriedigend: Denn Kirsch versucht gar nicht erst zu erklären, weshalb wir an einem Kulturmodell festhalten sollen, das er selbst als existentiell bedroht schildert."

Weiteres: Catrin Lorch denkt nach dem Rekordverkauf von Munchs "Schrei" über die kapitalistische Logik des Kunstmarkts nach. Helmut Mauró geht neuen, überzeugenden Hinweisen auf die Nazi-Vergangenheit des Musikwissenschaftlers Friedrich Blume nach. Sandra Danicke unterhält sich mit Susanne Gaensheimer, die zum zweiten Mal den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig kuratieren wird. Michael Stallknecht lauscht dem Spiel des Pianisten Evgeni Koroliov, der "jedes Ding nach seinem Wesen" behandele und sich "in einem emphatischen Sinn für das Sein statt für den Schein" interessiere.

Hier ein Auszug aus Bachs "Kunst der Fuge":



Andrian Kreye schreibt den Nachruf auf den "Wilde Kerle"-Autor Maurice Sendak.

Besprochen werden neue Pop-Alben, Tim Burtons neuer Film "Dark Shadows", der trotz Johnny Depp als Blutsauger "mit dem derzeitigen Teenie-Vampir-Boom" nichts zu tun habe, eine Ausstellung mit historischen Dortmund-Fotos von Wilhelm Schürmann in der SK-Stiftung Kultur in Köln und Bücher, darunter Heinz Ludwig Arnolds Erinnerungen an Ernst Jünger (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2012

Die von Warhol prophezeiten fünfzehn Minuten Ruhm sackt heute Jedermann mit dem öffentlichen Übertritt zum Islam ein! Die Salafisten filmen mit großer Begeisterung "Übertritte vor allem junger Deutscher zum Islam und stellen die Videos als Zeichen des Sieges der 'einzigen wahren Religion' ins Internet", berichtet Joseph Croitoru auf der Medienseite. "So geschehen etwa vor einigen Wochen in der Tauhid-Moschee in Wiesbaden. Dort widmete sich zwischen dem 6. und 9. April eine mit angereisten namhaften salafistischen Predigern aus Ägypten und Kuweit besetzte Tagung dem Thema 'Die Jugend im Westen. Hoffnungen und Sorgen'."

Im Feuilleton erzählt Verleger Michael Krüger, wie er einem von Überlebenssorgen geplagten griechischen Autor und Freund am Telefon (Skype) zu erklären versuchte, worüber man gerade in Deutschland diskutiert: "Hier wird, sagte ich schüchtern, gerade über das Verschwinden des Autors im Netz diskutiert. Eine kleine politische Gruppe, die sich Piraten nennt, hat der Gesellschaft eine Diskussion aufgezwungen, an der sich alle beteiligen müssen." Seufz.

Weitere Artikel: Der Dr.-Karl-Lueger-Ring in Wien soll in Universitätsring umbenannt werden, meldet Martin Otto, jetzt streitet man nur noch über die Stalin-Tafel in Wien-Meidling. Dieter Bartetzko wünschte sich, das Einkaufszentrum "Dorotheen-Quartier" in Stuttgart würde nicht gebaut werden: zu massig. Tilman Spreckelsen schreibt zum Tod des Bilderbuchautors Maurice Sendak.

Besprochen werden Matthias Hartmanns Inszenierung des Dramenpotpourris "Das Trojanische Pferd" im Wiener Kasino, einige DVDs, darunter Filme von Georges Méliès, und Bücher, darunter Eva Mosers Band über den Gestalter Otl Aicher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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