Heute in den Feuilletons: "Wettbewerbsvorteil von historischen Dimensionen"

In der "FAZ" fordert Frank Rieger vom Chaos Computer Club einen Umbau der Sozial- und Steuersysteme hin zur indirekten Besteuerung von automatisierter Arbeit. "NZZ", "SZ" und "Welt" besprechen Luc Bondys Inszenierung von Peter Handkes neuem Stück "Die schönen Tage von Aranjuez."

Die Welt, 18.05.2012

Beglückt ist Hanns-Georg Rodek von Wes Andersons neuem Film "Moonrise Kingdom", den er in Cannes gesehen hat - eine Liebesgschichte zwischen zwei Zwölfjährigen in einem Feriencamp. Anderson, so Rodek, habe sich von den Überzeichnungen seiner oft zu skurrilen Figuren befreit. Skurril ist der Film dennoch: "Die Kamera ist skurril, denn sie wandert am liebsten horizontal oder zoomt aus dem Ausschnitt in die Übersicht, der Schnitt ist skurril, denn er zeigt zuerst die Leiter zu einem Baumhaus und schneidet dann in die Totale, in der das Baumhaus absurd weit oben thront; die Musik ist skurril, ob nun der Countrysänger Hank Williams Bruce Willis' ständiger Begleiter ist oder Benjamin Brittens 'The Young Persons Guide to the Orchestra' in die Handlung integriert wird."

Weitere Artikel: Marc Reichwein widmet seine Feuilleton-Kolumne einer Talkshow Roberto Savianos auf dem kleinen Sender TV 7 (weder staatlich noch Berlusconi), die mit Themen wie Roman Jakobson oder Vladimir Nabokov drei Millionen Zuschauer anzieht (hier ein paar Videos der Sendung). Hannes Stein schreibt einen schönen Nachruf auf Arno Lustiger: "Ganz und gar unerträglich fand er die Behauptung, die Juden hätten sich damals wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen. Nachdem er sein Wäschegeschäft aufgegeben hatte, wurde Arno Lustiger deshalb zum Historiker." Wieland Freund schreibt zum Tod von Carlos Fuentes.

Besprochen werden die Ausstellung "Made in Germany" in Hannover und Luc Bondys Inszenierung von Handkes "Die schönen Tage von Aranjuez" in Wien.

Aus den Blogs, 18.05.2012


Das Design-Blog Dezeen stellt eine Reihe ziemlich origineller neuer Hochhäuser vor.

Ausführlich erzählt Matt Honan in Gizmodo die Geschichte des Niedergangs von Flickr - und vor allem seines Mutterkonzerns Yahoo. Nachdem Yahoo bei der Suche von Google ausgestochen wurde, machte es die selben Fehler mit seinem sozialen Netzwerk Flickr, das eigentlich ein Pionier war, und schließlich im Bereich der Smartphones: "Today, it all seems too late. The iPhone is the most popular camera on Flickr, but the feeling isn't mutual. Flickr isn't even among the top 50 free photography apps in iTunes. It's just below an Instagram clone in 64th place. By way of comparison, an app that adds cats with laser eyes to your photos is 23rd. If you can't beat laser cat, you probably deserve to die."

Donna Summer ist tot, meldet Gawker. "Her breakthrough, 1975's 'Love to Love You Baby,' was 17 minutes of midtempo disco euphoria over which Summer purred and repeatedly climaxed (Time magazine counted 22 orgasms). 'I Feel Love,' the first major hit to sport an entirely synthesized backing track, simply revolutionized music. Electronic disco followed then house then techno, all in major debt of Summer's collaboration with Giorgio Moroder and Pete Bellotte. You can still hear its influence in the arpeggiated strains of the pop trance that's all over radio today."

Neue Zürcher Zeitung, 18.05.2012

Carlos Fuentes, so konstatiert Kersten Knipp in seinem Nachruf, gehöre zu jener Generation lateinamerikanischer Schriftsteller, die "eine Reihe von Werken schufen, die, geboren aus dem Geist der Sprachlosigkeit, zum Wortgewaltigsten gehören, was die Weltliteratur bis heute zu bieten hat."

Ein zweiter Nachruf ist dem Historiker Arno Lustiger gewidmet. Außerdem ist die Laudatio auf den Tübinger Theaterregisseur Antú Romero Nunes anlässlich der Verleihung des Kurt-Hübner-Preises abgedruckt.

Besprochen werden Peter Handkes Zwei-Personen-Stück "Die schönen Tage von Aranjuez" bei den Wiener Festwochen und das "fulminante" Debütalbum der Neuseeländerin Kimbra, deren Stimme aus Gotyes "Twilight"-Hit "Somebody That I Used To Know" vertraut ist.

Die Tageszeitung, 18.05.2012

Dass die Berliner Volksbühne mit gleich drei Inszenierungen beim Theatertreffen vertreten ist, nimmt Katrin Bettina Müller zum Anlass, sich zu fragen, ob man womöglich etwas verpasst und die zuletzt wenig inspirierende Volksbühne zu einer "neuen Erzählung" gefunden habe. "Das Theater, es lebt, es lebt, es ist tot, es ist tot, das krähen die Inszenierungen von Fritsch und Pollesch, die Performances von Vinge/Müller miteinander und gegeneinander heraus, die eigenen Widersprüche breit ausstellend, manchmal durchaus, aber nicht zwingend, mit der Möglichkeit, darin auch andere aktuelle Widersprüche zu erkennen. Nie aber bewegen sie sich im Bereich von Gewissheiten, so sähe gutes oder so sähe wichtiges Theater aus. Und damit stehen sie in der Tradition des Hauses."

Weitere Artikel: Christiane Rösinger schreibt ihr Reisetagebuch zum Eurovision Song Contest in Baku weiter. Jan Feddersen und Tom Keppler würdigen in Nachrufen den Historiker und Holocaust-Überlebenden Arno Lustiger (hier) und den mexikanischen Romancier und Essayisten Carlos Fuentes (hier).

Besprochen werden Wes Andersons ebenso nostalgischer wie exzentrischer Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Cannes "Moonrise Kingdom" und das Soloalbum "Analogies" der Berliner Musikerin Masha Qrella.

Und Tom.

Aus den Blogs, 18.05.2012

(Via @PhilippOtto) Daniel Schwerd von der Piratenpartei überprüft auf @netnrd die Behauptung, die Idee des "geistigen Eigentums" sei in den Menschenrechten festgeschrieben. In der UN-Menschenrechtserklärung steht aber: "Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen." Schwerd kommentiert: "Indem man das Urheberrecht sprachlich auf ein 'geistiges Eigentum' aufweicht, versucht man in der Diskussion das Menschenrecht für den Handel mit Immaterialgütern zu missbrauchen - ein Unding, denn das Menschenrecht erstreckt sich natürlich nur auf Menschen, nicht auf Güter, Händler oder eine Distributionsindustrie."

Einen wichtigen Aspekt der Urheberrechtsddebatte benennt die Bloggerin opalkatze: "Die Urheber, die auf dem status quo beharren, sollten sich darüber im Klaren sein, dass dessen Verteidigung und Weiterbestehen gravierende Überwachungsmaßnahmen nach sich ziehen wird. Die positive Resonanz in der Politik ist nicht nur guter Lobbyarbeit von Seiten der Verwerter zu danken, nein, die Reaktion der Urheber fällt den Sicherheitsbehörden und der milliardenschweren Sicherheitsindustrie wie ein unerwartetes, kostbares Geschenk in den Schoß. Vor 30 Jahren hätten Intellektuelle darüber erbittert und vor großem Publikum gestritten, um die Demokratie zu verteidigen. Was ist mit euch, was ist mit uns los?"

Wolfgang Tischer von literaturcafe.de kommentiert den Urheber-Aufruf auf zeit.de und glaubt den Autoren nicht, dass sie vom Urheberrecht leben: "Nirgendwo gibt es so viele Preise, Förderungen und Stipendien wie im Literaturbetrieb. Das steht nicht im Urheberrechtstext, aber das sichert tatsächlich einigen Autoren das (Über-)Leben. Viele Autoren schreiben nebenher noch für Rundfunk- und Fernsehen und profitieren von GEZ-Gebühren, und dann gibt es noch die VG-Wort-Ausschüttung, die sich unter anderem aus Abgaben auf CD-Rohlingen, Handys und Drucker speist. Die Kultur-Flatrate ist bereits unter uns."

(via) Gene Kelly wusste, wie man wirklich bequem Zeitung liest! Passend zum gerade in die Gänge kommenden Filmfestival in Cannes hat Movie Morlocks in der Mottenkiste gegraben und ganz bezaubernde Glamour-Fotos aus der Frühzeit des Festivals zusammengestellt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2012

Jeder Technologisierungsschub zog umwälzende soziale Folgen nach sich, schreibt Frank Rieger vom Chaos Computer Club in einem ausführlichen Text und warnt vor möglichen katastrophischen Konsequenzen eines rasanten, sozial nicht moderierten Digitalisierungs- und Automatisierungsschubs zahlreicher Arbeitsfelder. Rieger plädiert daher für die sozial- und technologiekompatible Utopie "eines schrittweisen, aber grundlegenden Umbaus der Sozial- und Steuersysteme hin zur indirekten Besteuerung von nichtmenschlicher Arbeit und damit zu einer Vergesellschaftung der Automatisierungsdividende. ... [W]enn die Struktur unserer Steuer- und Sozialsysteme so gestaltet wird, dass mehr Automatisierung zu mehr realem, fühl- und messbarem Wohlstand für alle im Lande führt und dadurch der soziale Frieden langfristig erhalten bleibt, stellt dies einen Wettbewerbsvorteil von historischen Dimensionen dar. Sobald Automatisierung nicht mehr mit angezogener Handbremse (...) stattfindet, weil automatisch alle von den Produktivitätsfortschritten profitieren, sind moderne Wunder möglich."

Weiteres: Verena Lueken schaut in Cannes neue Filme von Wes Anderson und Jacques Audiard (etwas mutlos kommentiert sie die von Protestierenden vorgetragenen Forderungen nach einem transparenteren Auswahlverfahren des Festivals, das in diesem Jahr keinen einzigen Film einer Regisseurin in den Wettbewerb geholt hat: "Das wird nicht zu haben sein."). Jonathan Schaake überprüft die Plakatdrucke literarischer Klassiker aus dem Hause Dumont mit der Lupe auf Rechtschreibfehler. Ursula Scheer meldet, dass einige Autoren in einem offenen Brief gegen das Verbot der Blockupy-Proteste durch die Frankfurter Behörden protestieren. Henning Ritter schreibt den Nachruf auf Arno Lustiger, Paul Ingendaay den auf Carlos Fuentes und Christian Geyer den auf den Philosophen Peter Koslowski.

In einem Gespräch im Medienteil sieht der Datenschützer Thilo Weichert das Geschäftsmodell von Facebook ernsthaft bedroht, wenn das Unternehmen erst einmal auf Datenschutz verpflichtet werde. Außerdem online zu finden: Niklas Maaks sehr böse, sehr treffende Abrechnung mit dem Berliner Flughafendebakel.

Besprochen werden Luc Bondys Inszenierung von Peter Handkes "Die schönen Tage von Aranjuez" bei den Wiener Festwochen ("ein Debakel", "eine Unsäglichkeit", lautet Gerhard Stadelmaiers Urteil in nuce) und Bücher, darunter Rudolf Habringers Roman "Engel zweiter Ordnung" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 18.05.2012

Till Briegleb konnte einen Blick auf die Künstlerliste der kommenden Documenta erhaschen und anhand dieser die Schwerpunkte "Politik, Feminismus, Archäologie und Weltwissen" identifizieren. Susan Vahabzadeh berichtet aus Cannes über die ersten Festivalfilme, darunter Wes Andersons "Moonrise Kingdom", der ihr sehr gut gefallen hat. Der Rechtsanwalt Thomas Giesen sieht im Versuch der EU, das Datenschutzrecht europaweit zu vereinheitlichen, "eine neue Dimension im Kampf um die Regelungszuständigkeiten" eröffnet und fürchtet Demokratiewidrigkeiten. Camilo Jiménes verabschiedet sich von dem mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes. Karl Bruckmaier schreibt den Nachruf auf den Musiker Chuck Brown, der den typisch Washingtoner "Go Go"-Sound mitgesprägt hat. Joachim Käppner würdigt den Historiker und Shoah-Forscher Arno Lustiger, der am Dienstag gestorben ist.

Besprochen werden Luc Bondys Inszenierung von Peter Handkes "Die schönen Tage von Aranjuez" bei den Wiener Festwochen, die Aufführung von Arnulf Herrmanns "Wasser" bei der Münchner Biennale für Musiktheater, die damit, Reinhard Brembeck zufolge, mit ihrer "stärksten Arbeit" abschließt, sowie die von James Franco kuratierte Ausstellung "Rebel" im MoCA in Los Angeles.

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