Heute in den Feuilletons "Das Festival als eingeschworener Club"

Die Goldene Palme für Michael Haneke finden "taz" und "Welt" okay, aber Leos Carax hätte auch einen Preis verdient! Die "FAZ" verkündet ein Pfingstwunder: Der Heilige Geist ist in Hans Werner Henze gefahren. Und das Grass-Gedicht zu Griechenland ist nicht von der "Titanic", versichert die "FR".


Der Tagesspiegel, 29.05.2012

"Was ist das für ein intolerantes Land geworden", notiert Alexander Gauland mit Blick auf die Versuche, eine Debatte über Sarrazins Buch "Europa braucht den Euro nicht" zu verhindern: "Dabei ist Sarrazin nicht der Erste, der die Europasehnsucht der Deutschen auf ihre durch Auschwitz erschütterte Identität zurückführt. Helmut Schmidt und Helmut Kohl haben nie ein Hehl daraus gemacht, dass Deutschland eine über das Wirtschaftliche hinausgehende historische Verantwortung gegenüber Europa hat. Warum das, nur weil es Sarrazin - wenn auch kritisch - benennt, himmelschreiender Blödsinn sein soll, erschließt sich wohl nur denen, die den Wert und die Stimmigkeit von Argumenten danach aufteilen, wer sie verwendet."

Und: Gerrit Bartels stellten sich beim European Song Contest die Nackenhaare auf: "So viel unfassbare schlechte Musik, die da über drei Stunden zu hören war!"

Neue Zürcher Zeitung, 29.05.2012

Bei der Vergabe der Goldenen Palme habe die Cannes-Jury "die herausforderndsten Werke links liegen lassen und sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt", findet Susanne Ostwald, die die Filme von Ulrich Seidl, Wes Anderson und Leos Carax am aufregendsten fand.

Außerdem gibt es Besprechungen von Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" im Opernhaus Zürich und Händels Oper "Orlando" am Luzerner Theater sowie von Büchern, darunter Robert Spaemanns autobiografische Reflexionen (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Welt, 29.05.2012

Cora Stephan wünscht sich mit Blick auf Thilo Sarrazin und einen FR-Kommentar Mely Kiyaks, die ihn in tugendhafter Empörung als "lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur" bezeichnete (nicht mehr im Netz!), etwas mehr Streitkultur in Deutschland: "Die Entmenschlichung des Gegners ist ein gutes Indiz für die Tödlichkeit des Konflikts. Denn wer den anderen zum Unmenschen oder Barbaren erklärt, trifft damit ja kein objektives Charakterurteil, sondern verkündet vor allem, wie er selbst mit solchen Kreaturen umzugehen gedenkt: barbarisch eben."

Im Feuilleton begutachtet Eckhard Fuhr die Neupräsentation der Sammlung im Stuttgarter Landesmuseum. Hanns-Georg Rodek hätte sich in Cannes auch einen Preis für Leos Carax' Film "Holy Motors" gewünscht. Ulrich Weinzierl ist beglückt von Ariane Mnouchkines neuer Produktion "Les Naufragés du fol Espoir", einer Hommage an den frühen Stummfilm, die er in Wien gesehen hat.

Besprochen werden ein Auftritt der Band Beach House in Berlin und die Salzburger Pfingstfestspiele, erstmals unter Cecilia Bartoli.

Die Tageszeitung, 29.05.2012

Cristina Nord ist einverstanden mit der Goldenen Palme für Haneke, aber dass Carax überhaupt keinen Preis bekommen hat, "ist das Werk von Krämerseelen". Isolde Charim sieht die Sehnsucht nach Partizipation wachsen, was auch den Erfolg der Piraten erkläre: "Sie versuchen, diesem Bedürfnis eine politische Form zu geben: eine Lebensabschnittspartei für das Gefühl von Partizipation." Jan Feddersen resümiert den Eurovision Song Contest nach der Kritik an den Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan: Die Dachorganisation EBU wird "nicht umhinkönnen, die Regeln ihres Popfestivals zu ändern". (Hier der Link zu Feddersens ESC-Blog). Christiane Rösinger ist jetzt auch in Baku angekommen.

Besprochen werden die Ausstellung "30 Künstler/30 Räume" in Nürnberg und Bruce Springsteens Konzert in Frankfurt.

Und Tom.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 29.05.2012

Die FAZ hat in ihrer Sonntagsausgabe - "zum Spaß und mit einiger Plausibilität" - behauptet, das jüngste Grass-Gedicht sei von der Redaktion der Titanic verfasst worden. Daraufhin überzogen Internetuser "die SZ zu Unrecht mit Hohn und Spott - bei Twitter", meldet Harald Jähner in Times Mager. Anke Westphal kritisiert die Preise in Cannes - mit Ausnahme der Goldenen Palme für Michael Hanekes "Liebe". Haneke selbst erklärt in einem kurzen Interview, warum er diesen Film seiner Frau gewidmet hat: "Der Film ist eine Art Versprechen, einander nicht zu verlassen, wenn einer von uns schwer krank werden sollte, wie wir es im Film sehen."

Weitere Artikel: Der designierte Börne-Preisträger Götz Aly träumt in seiner Kolumne mit Börne den Traum von Europa.

Besprochen werden ein Bruce-Springsteen-Konzert in Frankfurt, die Uraufführung von Olga Neuwirths Melville-Oper "The Outcast" in Mannheim (gegen die die Komponistin heftig protestierte), die Aufführung von Händels Oper "Giulio Cesare" bei den Salzburger Pfingstfestspielen, Marianna Salzmanns Inzest-Stück "Muttermale Fenster blau" in Karlsruhe und eine Romy-Schneider-Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn.

Aus den Blogs, 29.05.2012

(via) Hat Filesharing womöglich doch keinen negativen, womöglich sogar einen positiven Einfluss auf die Verkaufszahlen von Musikalben? In diese Richtung weist jedenfalls eine aktuelle Studie (PDF) von Prof. Robert G. Hammond an der North Carolina University. Der Musikwirtschaftsforscher Peter Tschmuck kommentiert die Studie im Vergleich mit anderen Studien zum Thema in seinem Blog: Hammond könne "zeigen, dass Filesharing einen positiven Effekt auf die regulären physischen und digitalen Musikverkäufe hat. ... Allerdings profitieren etablierte MusikerInnen - jene, die zuvor bereits zwei Alben veröffentlicht haben, von denen sich jedes mehr als 100.000 Mal verkauft hat - stärker von geleakten Veröffentlichungen als junge bzw. nicht besonders gut etablierte KünstlerInnen."

Wolfgang Michal kommentiert in Carta die aktuelle Urheberrechtsdebatte in den Zeitungen: "Kein Tag vergeht ohne ausufernde Berichterstattung quer durch die Ressorts: Die Politik-, Wirtschafts- und Kulturteile sind voll mit Internet- und Urheberrechtsthemen. Doch die Berichterstattung ist oft einseitig und voreingenommen, denn die Medien sind in dieser Auseinandersetzung Partei."

Süddeutsche Zeitung, 29.05.2012

Die Goldene Palme von Cannes geht an Michael Haneke für den Film "Amour" (mehr). Durchaus berechtigt, findet Susan Vahabzadeh, auch wenn die Entscheidung zumindest insofern bemerkenswert ist, da mit einer Jury unter dem Vorsitz von Nanni Moretti damit nicht unbedingt zu rechnen gewesen sei. Doch wo Licht, da Schatten: "Das größte Problem im Wettbewerb der 65. Filmfestspiele von Cannes war es, dass sich das Festival immer mehr in einen eingeschworenen Club verwandelt hat, mit viel zu wenig Neuzugängen. Es ist kein Wunder, dass es dann keinen einzigen Film von einer Frau gab im Wettbewerb. Und es ist auch ganz und gar nicht überraschend, dass es einen Sieger gab, der erst vor Kurzem dort oben gestanden hat."

Weiteres: Evelyn Roll wundert sich über auch gender-politisch fragwürdige Mythologie- und Märchen-Codifizierungen von Merkels Polit-Manövern in Kommentaren. Felix Stephan berichtet von einem Treffen kleiner, ambitionierter Verlage in Berlin. Den Soziologen Hans Joas schaudere es zuweilen vor dem "'Tremolo' im Reden über Europa", berichtet Michael Stallknecht.

Besprochen werden Kornél Mundruczós Stück "Schande" bei den Wiener Festwochen, dessen drastischen Vergewaltigungsdarstellungen man Christine Dössel zufolge auch mit Extremtheater-Erfahrung erstmal verarbeiten können muss, das Konzert von Bruce Springsteen in Frankfurt, Constanza Macras "Open for everything" (das Dorion Weickmann wegen seiner "selbstgefälligen Einfalt und [den] politisch fahrlässigen Umgang mit einer verfolgten Minderheit" abstößt), ein Tanzstück über die Roma am Hebbel am Ufer in Berlin, der dritte Teil des Münchner "Rings" unter Andreas Kriegenburgs Regie, eine Ausstellung mit Arbeiten von Pawel Althamer in der Sammlung Goetz in München, eine Athener Nachstellung vom Prozess gegen Sokrates mit allerdings echten Juristen, die leider "eine Chance vertan" habe, wie der Historiker Stefan Rebenich seufzt, und Bücher, darunter ein Band mit Erzählungen von Chimamanda Ngozi Adichie (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2012

Auf seine alten Tage wird selbst der Ex-Kommunist Hans Werner Henze fromm, schreibt Rafael Rannicke, der das jüngste, vom Thomanerchor in Auftrag gegebene Chorwerk des Komponisten gehört hat - ein Werk zu Pfingsten, inklusive Pfingsthymnus "Veni creator spiritius", aber "keineswegs hymnisch oder gar frenetisch wie in Mahlers Achter Symphonie; sondern zögernd, leise, in banger, tastender Suchbewegung", bis der Heilige Geist dann doch noch ("in gleißender Ausschüttung") herniederfährt.

Weitere Artikel: Dirk Schümer gerät angesichts der europäischen Politik, Politiker und der von ihnen verwalteten Bevölkerung so langsam in Rage ("In Wahrheit herrschen in Europas Volksparteien nicht die Vorsitzenden, sondern die Seniorenobmänner, die seit den fetten siebziger Jahren die Zugewinne verteilten und nun ihre weißhaarige Klientel royal durch den Ruhestand lotsen wollen"). Verfassungsrechtler Winfried Hassemer und sein Sohn Michael, ebenfalls Jurist, versuchen, eine mittlere Position im Urheberrechtsstreit zu beziehen und plädieren für das "Alltagsgrau der Rechtspolitik", haben dabei aber auch lobende Worte für die Piraten. Verena Lueken ist so weit zufrieden mit den Preisen für diverse Alterswerke in Cannes.

Besprochen werden die "Troerinnen" nach Euripides in Weimar, ein Tanzprojekt mit "Carmen", ausgerichtet mit den Berliner Philharmonikern und Sasha Waltz in Berlin (Wiebke Hüster fand's hinreißend), Pfingstereignisse unter Cecilia Bartoli in Salzburg und Bücher, darunter Gedichte von Walter Buchebner (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).



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