Heute in den Feuilletons: "Gelbe Fell-Ohren da, wo die Zehen sind"

Die "NZZ" verliebt sich in Schuhe, die nicht von dieser Welt sind und darum in London ausgestellt werden. Der Börne-Preisträger Götz Aly wird von den Zeitungen (manchmal leicht säuerlich) gewürdigt. Der "Tagesspiegel" torkelt trunken aus dem Berliner Klavierfestival.

Der Tagesspiegel, 04.06.2012

Beglückt kam Isabel Herzfeld aus den Konzerten des ersten Berliner Klavierfestivals. Besonders die Georgierin Elisso Virsaladze hatte es ihr angetan: "Prokofjews d-Moll-Sonate, eine zähnefletschende, von zarten Lyrismen durchbrochene Maschinenmusik, zeigt die Georgierin bereits auf der Höhe ihres explosiven Könnens. Unüberbietbar dann ihr Chopin und Schumann: Die 'Polonaise-Fantasie' des polnischen Meisters bezaubert durch natürlichen Fluss, aus dem sich das tänzerische Thema in poetisch-leidenschaftlichen Facetten erhebt. Die C-Dur-Fantasie des deutschen Romantikers wird zum fortreißenden Tonstrom - nach dem energiegeladenen, atemberaubend souverän vorgetragenen Mittelsatz bricht das Publikum in spontanen Applaus aus."

Außerdem: Kerstin Decker annonciert das heute beginnende Jüdische Filmfestival in Berlin und Potsdam: "eine großartige Gelegenheit, sich von den Zumutungen des Glaubens zu erholen".

Neue Zürcher Zeitung, 04.06.2012

Tollen Humor bescheinigt Marion Löhndorf dem Schuhdesigner Christian Louboutin, dem das Londoner Design Museum mit einer Ausstellung huldigt: "Nicht von dieser Welt sind auch die meisten Schuhe. Da ist die Kreation mit zwei gelben Fell-Ohren über der Stelle, an der sich die Zehen befinden; das Modell Plumetta, dem Federn zu entwachsen scheinen; Sandaletten, an deren Verschlüssen lange Strass-Schnüre herunterhängen, und solche, die mit leuchtend gelben Blüten besetzt sind, oder jene mit der Applikation einer Strass-Krawatte." Ballerinas kann Louboutin selbstverständlich auch.

Weiteres: Ramon Schack unterhält sich mit Katja Kullmann, die ein Buch über Detroit geschrieben hat, über den Niedergang der Städte: "Detroit ist quasi das Monster unter den westlichen 'shrinking cities'." Besprochen werden Donizettis "Liebestrank" in einer Inszenierung von Rolando Villazon in Baden-Baden und die Uraufführung von Beatrice Fleischlins "Triptychon eines seltsamen Gefühls" am Theater Basel.

Die Welt, 04.06.2012

Tim Ackermann erklärt, warum Neo Rauch seine Grafiken einem neuen Museum in Aschersleben schenkt. Wolf Lepenies findet Plagiatsvorwürfe gegen Annette Schavan übertrieben. Ekkehard Kern lässt sich von der "Internet-Vordenkerin" Mercedes Bunz die Funktionsweise von Suchmaschinen erklären. Michael Pilz porträtiert den "Elektro-Shanty"-Sänger Roger Baptist. Besprochen wird die Choreografie "The Open Square" von Itzhak Galili beim Staatsballett Berlin.

Weitere Medien, 04.06.2012

Michael Wiederstein führt im Schweizer Monat ein ausführliches Gespräch mit Götz Aly, der erklärt, wie die Nazis mit "linker" Politik populär wurden: "Von links wird das gern bestritten, aber das Soziale war ein ganz starkes Element, das den innenpolitischen Erfolg der NSDAP begründete - erst recht im Zeichen der Weltwirtschaftskrise. 80 Prozent der deutschen Bevölkerung lebten damals am Existenzminimum. Die Leute mussten jeden Pfennig umdrehen, sie hatten Angst, aus der Mietwohnung zu fliegen. Was war dann das erste wichtige, wirklich populäre Gesetz, das die nationalsozialistische Regierung verfügte? Sämtliche rechtskräftigen Titel, um säumige Mieter aus ihren Wohnungen zu werfen oder deren Möbel zu pfänden, wurden gestoppt."

Die Tageszeitung, 04.06.2012

Gabriele Goettle besucht die Sozialwissenschaftlerin und Historikerin Gisela Notz im sehr privilegierten Frauenwohnprojekt Beginenhof in Berlin Kreuzberg und lässt sich von ihr die Geschichte des Ehrenamts in Deutschland erzählen. Heute ist ehrenamtliche Tätigkeit oft nicht mehr freiwillig, erklärt Notz, und verweist auf die an Hartz IV geknüpfte Pflicht zur "Bürgerarbeit": "Das Ziel ist: Vier von fünf Erwerbslosen sollen mindestens in Bürgerarbeit gebracht werden. 'Keine Sozialleistung ohne Arbeitsleistung' ist das Motto. Es geht um die flächendeckende Einführung einer 30-Stunden-Woche zum Sozialhilfesatz. Auf die Idee muss man erst mal kommen! Es gibt einen Bruttolohn von 900 Euro für 30 Wochenstunden, was deutlich unter dem Mindest- bzw. Tariflohn liegt. ... Der Bürgerarbeiter zählt nicht mehr als Erwerbsloser, er ist Arbeitnehmer per definitionem, steht aber weiterhin unter strenger Kuratel des Jobcenters, dem er regelmäßig nachweisen muss, dass er sich um Arbeit auf dem Ersten Arbeitsmarkt bemüht; andernfalls sind Sanktionen vorgesehen."

Weitere Artikel: Regisseur Klaus Stern erzählt im Interview von seinem Dokumentarfilm "Versicherungsvertreter" über Aufstieg und Fall des Maklers Mehmet E. Göker. Du Pham berichtet über einen Streit zwischen dem linken Verlag Laika und den Linken Buchtagen: Letzere wollen ersteren wegen eines tendenziösen Buchs über die "Gaza Flottille" nicht auf ihrer Veranstaltung dabeihaben. Hans Christoph Zimmermann macht die Kulturinfarkt-Thesen verantwortlich für einen Opernstreit an Rhein und Ruhr.

Tom.

Aus den Blogs, 04.06.2012

Anders als Heribert Prantl, der am Samstag in der SZ trotz besten Willens irgendwie keine Handhabe für ein Leistungsschutzrecht fand, beharrt Christoph Keese, der Hauptlobbyist des Springer-Verlags (und des Leistungsschutzgedankens) in seinem Blog weiter auf seinem Standpunkt. Grund: "Bis auf ganz wenige Ausnahmen hat sich noch kein Internet-Aggregator bereit erklärt, Geld an Journalisten zu überweisen, geschweige denn an Verlage."

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 04.06.2012

Judith von Sternburg berichtet leicht säuerlich von der Frankfurter Börne-Preisverleihung, bei der Jens Jessen den Historiker Götz Aly als einen pries, "der die Bettdecke von der schlummernden Wahrheit wegziehe". Schön böse auch, wie Jessen Alys Arbeit zur deutschen Geschichtspolitik zusammenfasst: Demnach "sei die Schuld von unten nach oben umverteilt worden. 'Für den kleinen Mann gab es einen Freispruch erster Klasse.'"

Besprochen werden unter anderem Kevin Rittbergers Stück "Lasst euch nicht umschlingen" im Frankfurter Schauspiel und Matthias Lilienthals Abschied vom Berliner HAU mit "Unendlicher Spaß" und "Die große Weltausstellung".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2012

Thomas Thiel notiert, dass Götz Aly sich in seiner Rede zur Börne-Preis-Verleihung ganz auf den Namenspatron des Preises stützen konnte, der ihm gewissermaßen aus der Seele sprach: "Schon der Frankfurter Jude Börne benannte in seinen Schriften Freiheitsangst, geistige Trägheit und Habsucht als Quellen des Antisemitismus, während ihm Juden für Eigensinn, Beweglichkeit, Kosmopolitismus standen. Alys Zentralmotiv der latenten deutschen Neigung zu Kollektivismus und Egalitarismus, die sich im NS-Staat zum Vernichtungshass auswuchs, findet sich hier vorgebildet."

Weitere Artikel: Rainer Meyer schickt eine Reportage aus Norditalien, wo die Furcht vor weiteren Erdbeben groß ist. Jürg Altwegg resümiert Artikel aus dem französischen Internet, die dem Festival von Cannes und seiner Jury vorwerfen, dass fast alle prämierten Filme von der selben Firma produziert wurden (mehr hier und hier). Lorenz Jäger resümiert einen Artikel aus The Nation, der dem Historiker Orlando Figes vorwirft, seine Quellen im Buch "The Whisperers" mehr als eigenwillig ausgelegt zu haben - weshalb die Studie über den Alltag unter Stalin in Russland nun gar nicht erscheint. Jordan Mejias verfolgte die ersten Auftritte des chinesischen Dissidenten Chen Guangcheng in New York und stellt fest, dass er im Exil keineswegs vorhat zu schweigen. Gina Thomas inspiziert den diesjährigen Pavillon in den Londoner Kensington Gardens, den das Büro Herzog de Meuron für die Serpentine Gallery zusammen mit Ai Weiwei entwarf (mit dem man über Skype kommunizierte).

Besprochen werden eine Dramatisierung von Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" in Wien, ein Auftritt der Sängerin Sharon van Etten in Köln, ein "Boris Godunow" in Petersburg, eine Ausstellung der japanischen Fotografen Yutaka Takanashi in Paris und Bücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Sehr deutlich polemisieren in der Sonntags-FAZ Juli Zeh und Ilija Trojanow gegen die Autoren des Urheber-Aufrufs, denen sie vorwerfen, den Interessengegensatz zwischen Urhebern und Kulturindustrie zu kaschieren, ein Netz der Überwachung zu befürworten, über die Total-Buy-Out-Politik der Zeitungsverlage zu schweigen (ja, es war möglich, das in der FAZ auszusprechen!) und insgesamt "einen fremden Karren zu ziehen". Hoffen wir, dass die FAZ diesen Artikel noch online stellt. Im Aufmacher berichtet die Sonntags-FAZ, dass Grossisten ein kritisches Buch des Journalisten Wilfried Huismann über den World Wildlife Fund nach Unterlassungsandrohungen nicht mehr ausliefern. Huismann wird dazu auch interviewt.

Süddeutsche Zeitung, 04.06.2012

Bei der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins gaben sich die Theaterintendanten kämpferisch, notiert Christine Dössel, die dort auch bemerkt hat, dass die Kulturinfarkt-Diskussion zu den Akten gelegt ist. Volker Breidecker war bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preis an Götz Aly. Die griechische Schriftstellerin Soti Triantafyllou fragt sich im Gespräch mit Kai Strittmatter, ob Günter Grass "nichts Besseres zu tun [hat], als militante Gedichte zu schreiben". Die im belgischen Genk stattfindende, von Cuauhtémoc Medina kuratierte Manifesta bildet einen guten"Gegenentwurf zu den (...) Großausstellungen dieser Tage, die von tyrannischen Superegos dirigiert werden", findet Jörg Heiser. Willi Winkler erinnert anlässlich des in der aktuellen Ausgabe des Mittelweg erschienenen Aufsatzes des Historikers Nicolas Berg über Jean Améry und Hans Egon Holthusen an die Debatten zwischen den beiden in den sechziger Jahren, nachdem Holthusen hier im Merkur über seine Mitgliedschaft in der SS geschrieben hatte. Judith Raup beobachtet die Lesegewohnheiten der Kunden des einzigen Buchladens im kongolesischen Goma. Felix Stephan berichtet vom Poesiefestival in Berlin.

Besprochen werden neue DVDs, darunter eine neue Edition mit Filmen der "Oberhausener", eine Ausstellung über Architekturmodelle im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und Simon McBurneys Inszenierung von "The Master and Margarita" bei den Wiener Festwochen, die Egbert Tholl für "phantastischen Mummenschanz, völlig sinnlos" hält.

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