Heute in den Feuilletons: "Schrille Misogynie und ersticktes Gegluckse"

In der "FR" erklärt Ai Weiwei, warum er bei sich Überwachungskameras aufgestellt hat. Die "FAZ" kritisiert die frauenfeindliche Kritik an der Documenta. In der "Welt" fragt Cora Stephan, was der Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" eigentlich aussagt.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 05.06.2012

Im Gespräch mit China-Korrespondent Berhard Bartsch erklärt Ai Weiwei, wie er jetzt unter Bedingungen der Überwachung lebt. Unter anderem hat er Kameras aufgebaut, um dagegen zu protestieren: "Die Idee drängte sich auf, weil ich ja ständig überwacht werde. Rund um mein Haus sind 15 Kameras installiert. Jeder, der hier rein- oder rausgeht, wird identifiziert. Im Gefängnis waren in meiner Zelle drei Kameras. Während meine Familie nicht wusste, wo ich bin und wie es mir geht, konnten die Beamten mich jede Sekunde beobachten. Als Erinnerung daran habe ich dann am Jahrestag meiner Festnahme selbst Kameras aufgebaut..."

Neue Zürcher Zeitung, 05.06.2012

Andrea Köhler berichtet von den Protesten, die der geplante Umbau der New York Public Library in ein Multimediazentrum bei Schriftstellern und Wissenschaftlern ausgelöst hat: "Die Forscher sehen die letzte Hochburg der analogen Welt einem 'überfüllten Strand für Internetsurfer' weichen und fürchten schon 'das quietschende Geräusch von Turnschuhen' in den ehrwürdigen Marmorhallen. 'Bibliotheken gelten als archaisch, tot, überholt', klagt etwa der ehemalige Kurator der geschlossenen slawischen Abteilung. 'Wir sind alte, krumme Leute, die alte krumme Sachen tun.'"

Weiteres: Robert Nef, Präsident des Stiftungsrates des Liberalen Instituts, denkt über das Verhältnis von Freiheit und Demokratie nach. Besprochen werden drei Stücke von Jon Fosse in Inszenierungen kubanischer Theatermacher, eine Ausstellung über den Ingenieur Stefan Polónyi im Dortmunder U, Karl Ove Knausgards Roman "Lieben" und Annika Reichs Berlin-Roman "34 Meter über dem Meer" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite berichtet Valerie Zaslawski von den vielen neuen Zeitungen und Online-Portalen in Basel, die dort nach dem undurchsichtigen Geschacher um die Basler Zeitung entstanden sind.

Die Tageszeitung, 05.06.2012

Erleichtert registriert Sabine B. Vogel, dass sich die Manifesta von ihrem Konzept verabschiedet hat, belanglose Kunst an politisch brisanten Orten Europas zu zeigen. Den kulturgeschichtlichen Blick, den die aktuelle Schau im belgischen Genk auf den Kohlebergbau wirft, findet Vogel viel interessanter: "Was aber trägt die Kunst zu neuen Blicken auf die Kohle bei? Da sind etwa die Vitrinen von Ana Torfs, die das Grundmaterial der Kunst thematisieren: Farben. Hier heißen sie Sudan Schwarz, Prontosil oder Picric Acid. Es sind synthetisch erzeugte Farben, entstanden erstmals 1856 aus bis dahin als unbrauchbar geltendem Steinkohleabfall."

Micha Brumlik gönnt Judith Butler zwar den Theodor-W.-Adorno-Preis, ihre Ansichten zu Hamas und Hisbollah findet er aber hanebüchen: "Die dem klerikalfaschistischen Iran nahestehende Hisbollah und die auf der Basis eines eindeutig antisemitischen Programms operierende Hamas (Teile ihrer Charta sind regelrecht aus den 'Protokollen der Weisen von Zion' abgeschrieben) als Teile einer globalen Linken zu bezeichnen, ist entweder Unsinn oder eine ungewollt reaktionäre Kritik an allem, was 'progressiv' ist."

Besprochen werden David Van Reybroucks Monumentalgeschichte "Kongo" die 24-Stunden-Reise "Unendlicher Spaß" mit dem Berliner HAU, an der Katrin Bettina Müller und Rene Hamann teilnahmen.

Barbara Oertel berichtet auf den Tagesthemenseite von den ganz alltäglichen Menschenrechtsverletzungen der ukrainische Polizei: "Allein im vergangenen Jahr wurden Erhebungen der Vereinigung ukrainischer Menschenrechtler zur Beobachtung von Rechtsverletzungen (UMDPL) zufolge rund 900.000 Menschen in der Ukraine Opfer von Folter und Gewalt durch Angehörige der Miliz, so die Bezeichnung für die Polizei im Land."

Und Tom.

Die Welt, 05.06.2012

Cora Stephan stimmt auf der Forumsseite Monika Maron zu, die im April erklärt hatte, warum Muslime, nicht aber der Islam zu Deutschland gehören. Stephan erinnert daran, dass Christian Wulffs "totzitiertem" Satz in einer anderen Rede ein zweiter folgte, der in der Diskussion nie erwähnt wird: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei!" Und sie überlegt, ob es hier nicht die Angst vor der Freiheit ist, die den Islam attraktiv macht: "Längst hat der Bürger dem Staat die Entscheidung darüber in die Hand gegeben, wie er sein Leben zu führen hat. Vielleicht macht ja diese Sehnsucht nach paternalistischer Fürsorge den Islam attraktiv? Seine orthodoxen Strömungen geben feste Regeln und Rollen vor, versprechen Halt, Ordnung und Bindung und geben dem Individuum das Gefühl, Teil eines schützenden Ganzen zu sein. Nie mehr selbst entscheiden müssen, wie man leben will - wäre das nicht schön? Ein Albtraum. Männer mögen das gelassen sehen, schreibt Monika Maron. 'Als Frau kann ich das nicht.' Ich auch nicht."

Außerdem im Forum: Wolf Lepenies porträtiert den französischen Königsmacher, den Kommunisten Jean-Luc Mélenchon als Jakobiner.

Eckhard Fuhr könnte bei Freddie Röckenhaus' und Petra Höfers Dokumentarfilm "Deutschland von oben" glatt "den patriotischen Liebestod sterben". Der Titel des Films ist übrigens wörtlich zu nehmen, gefilmt wurde aus dem Flugzeug: "Deutschland ist auch ein Tierparadies, ein zuweilen erstaunlich wild und ursprünglich anmutendes Land. Das Bewusstsein, über wirkliche Naturschätze zu verfügen, fördert die Bereitschaft zum Naturschutz vielleicht mehr als das Dauerlamento über drohende Verluste. Gerade für migrantische Arten scheint Deutschland äußerst attraktiv zu sein. Es ist nicht nur für die zivile Luftfahrt, sondern auch für den Vogelzug ein Drehkreuz."

Weiteres: Hannes Stein berichtet über einen neuen Streit um das New Yorker Ground Zero-Museum. Hans-Joachim Müller besucht die Manifesta 2012: "So streng und gewissensschwer indes hat man sie noch nie erlebt." Paul Jandl zeigt die Umbenennung des Freiheitsplatzes im ungarischen Gyömrö in Horthy-Platz, wie weit die ungarische Gesellschaft inzwischen nach rechts gerückt ist. Besprochen werden eine Aufführung des Films "k.364" des Videokünstlers Douglas Gordon mit Live-Orchester, das Mozarts Sinfonia Concertante in Es-Dur für Violine und Viola spielt, und die posthume Uraufführung von George Taboris Komödie "Abendschau" bei den Ruhrfestspielen.

Süddeutsche Zeitung, 05.06.2012

Der Schriftsteller Serhij Zhadan schildert die Stimmung in der Ukraine, wo sich Befürworter und Gegner der EM die Waage halten. Dass sich westliche Boykottaufrufe auf Julia Timoschenko konzentrieren, verstehen jedoch beide nicht: "Timoschenko ist keine Integrationsfigur für die Gegner von Janukowitsch. Dass Politiker im Westen ihre Erwartungen an die ukrainische Regierung auf die Causa Timoschenko zu reduzieren scheinen, stößt hier auf wenig Verständnis. So wird unsere Gesellschaft abermals zur Geisel der Politik und muss sich für die Dummheit, Fehler und Verbrechen ihrer Politiker verantworten. Andererseits haben wir diese Politiker ja selber gewählt. Wer soll sich denn sonst dafür verantworten?"

Außerdem: So ganz kann sich Catrin Lorch nicht damit anfreunden, dass Robert Crumbs Underground-Comics in einer großen Schau im Musée d'Art moderne in Paris ausgestellt werden. Christoph Bartmann informiert über die im Umfeld der Twilight-Fan-Fiction entstandene Sado-Maso-Thriller-Trilogie "Fifty Shades" von E. L. James, deren drei Bände derzeit die us-amerikanischen Bestsellerliste anführen und zwar "als Kulturphänomen (...) einigermaßen brisant, als Lektüre dagegen zäh und öde" sind. Alex Rühle meldet, dass dem türkischen Pianist Fazil Say wegen einiger Tweets, in denen er sich über den Islam amüsiert hat, in Istanbul der Prozess gemacht wird. Alexander Menden besucht den neuen Ausstellungsort der Photographer's Gallery in London. Burkhard Müller erinnert an Ellen Keys teils fortschrittliche, teils problematische pädagogische Thesen. "jsl" gratuliert dem Philosoph Luciano Canfora zum 70. Geburtstag.

Im politischen Teil wird berichtet, dass sich der gestrige Koalitionsgipfel angeblich geeinigt hat, das Leistungsschutzrecht für Presseverlage noch vor der Sommerpause durchzupauken.

Besprochen werden George Taboris Nachlassstück "Arbeitstitel" und Martin Laberenz' "Zerschossenen Träume" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, Rui Hortas auf John Cage basierendesTanzstück "Danza Preparata" bei den Kunstfestspielen in Herrenhausen, bei dem Dorion Weickmann das Publikum beim Requisitenklau beobachtet, und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Friedrich Althoff und Theodor Mommsen (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2012

Niklas Maak freut sich auf die Documenta der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev (Tochter einer italienischen Archälogin, erfährt man, was bei diesem Namen zur Frage nach der Herkunft des Vaters führt), auch wenn ihm bei ihren von Judith Butler und Donna Haraway geprägten Theoremen und vor allem bei ihrem "anthropozentrismuskritischen" Eintreten für die Rechte von Tomaten, Hunden und Erdbeeren etwas flau wird. Gut findet er jedenfalls, dass Gregor Schneiders geplante Ausstellung in einer evangelischen Kriche abgesagt wurde, auch wenn er bestreitet, dass die Kuratorin ihre Hände dabei im Spiel hatte - Schneider verdächtigt er ohnehin des "Essenzialismuskitsches". Gegen eine "infame" Kolumne Matthias Heines in der Welt (die er aber nicht als Quelle nennt) hält er fest: "Die Kritik an dieser Documenta bietet bisher nicht viel mehr als schrille Misogynie und ersticktes Gegluckse aus dem vollgequalmten Herrenzimmer der Kulturberichterstattung. "

Eine ganze Doppelseite versucht dann schon mal zu erahnen, was in der Documenta "jenseits des Hundes der Kuratorin" noch alles verhandelt wird. Ein eigenes Porträt bekommt dabei der Künstler Thomas Bayrle.

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko freut sich über die gelungene Wiederherrichtung des Historischen Museums in Frankfurt Aus Slate übernimmt man eine Kolumne Evgeny Morozovs über Cyberwaffen. Andreas Rossmann verfolgte einen Auftritt der syrischen Autorin Samar Yazbek in Köln. Kerstin Holm hofft mit Blick auf einige Medien und Blogger, dass das System Putin in Russland in die Defensive gerät. Rainer Meyer fürchtet nach den Erdbeben in Norditalien um ein Fresko Mantegnas in Mantua. Gemeldet wird, dass sich der Autor Carlos Ruiz Zafon gegen das Internet ausgesprochen hat (die Tage von Twitter seien gezählt, solange unterhält sein Verlag dort aber noch ein @ZafonOficial). Außerdem wird gemeldet, dass der Ebook-Anteil in Deutschland auf 1 Prozent des Umsatzes gesprungen ist - nimmt man Schul- und Lehrbücher hinzu werden es allerdings schon 6 Prozent. Auf der Medienseite schildert Jürg Altwegg, wie sich die französische Medienlandschaft unter Kollateralschäden bei Sarkozy-Anhängern nach dem neu gekürten Zentralgestirn ausrichtet. Und Joseph Croitoru berichtet, dass die ägyptischen Islamisten jetzt in Mubaraks einstiger Staatspresse aufräumen.

Besprochen werden Bücher, darunter Rodney Bolts Da Ponte-Biografie, und eine "Romeo und Julia"-Choreografie in Monte Carlo.

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