Heute in den Feuilletons: "Die Widerborstigkeit für die man die Documenta in aller Welt liebt"

Die "taz" spricht mit Uma Thurmans Vater, einem Tibetologen, über die USA und den Dalai Lama. In der "NZZ" beschreibt Oksana Sabuschko die Ukraine als vitales Land, dessen Kultur in Europa viel zu wenig Beachtung finde. "FR" und "SZ" widmen sich ausführlich der Documenta.

Die Tageszeitung, 08.06.2012

Julia Niemann unterhält sich mit dem amerikanischen Tibetologen Robert Thurman, seines Zeichens Freund des Dalai Lama und Vater von Uma Thurman, über Amerika, Tibet und Erleuchtung. Über das Verhältnis der USA zu Europa meint er: "Die negativen Kräfte in den USA ärgern sich über das europäische Sozialsystem. All die Finanzverbrecher, die für die Crashs und Blasen verantwortlich sind und nicht vor Gericht gestellt wurden - diese Leute haben eine Sklavenhaltermentalität und wollen, dass die Amerikaner und die Europäer ihre Sklaven sind. Darum mögen sie China so, denn die chinesische Diktatur hat Sklaven."

Weiteres: Philipp Goll wirft einen Blick in die neuen Ausgaben der Zeitschriften Tumult und Arch+; erstere widmet sich unter dem Titel "Container/Containment" der "Behälterlogik" unserer Weltsicht, letztere dem Bedeutungszuwachs der "Frontstage-Städte" als neues Zentrum. Matthias Penzel würdigt im Nachruf Ray Bradbury, den Autor der "Mars-Chroniken" und von "Fahrenheit 451". Besprochen werden das Debütalbum "Quarantine" der New Yorker Musikerin Laurel Halo, eine Mischung aus elektronischer Musik und außerirdischem Gesang, und das Album "Lucifer" des US-Elektronik-Duos Peaking Lights.

Und Tom.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 08.06.2012

"Viel besser, als der Ruf, der ihr vorauseilte," sei die 13. Documenta, räumen Ingeborg Ruthe und Sebastian Preuss beim Flanieren durch die Ausstellungsorte anerkennend ein. Es stimme zwar schon, die Großausstellung habe kein Konzept, doch "dafür die Idee von Offenheit, die Lust auf Künstler und deren Werke, die nicht zu den üblichen Verdächtigen des Marktes gehören. Diese Documenta reiht, sie addiert, sie multipliziert, sie geht rückwärts und vorwärts, streift Ränder, zieht Zeitschleifen und mäandert in der Geschichte der Menschheit, der kriegs- und katastrophengebeutelten Kontinente, der Kunst, um immer wieder im hoffnungslos-hoffnungsvollen Alltäglichen einer zerrissenen, orientierungslosen Welt anzukommen."

Außerdem: In Times Mager wundert sich Christian Schlüter über den Schlagabtausch anlässlich der Vergabe des Adorno-Preises an Judith Butler zwischen Michael Brumlik und Thomas von der Osten-Sacken in taz und Jungle World (erst hier, dann hier und wieder hier): "Eine Debatte (...) ergibt das nicht." Ulrich Krökel porträtiert den ukrainischen Schriftsteller und Fußballliebhaber Serhij Zhadan. Jens Balzer betrauert mit Ray Bradbury den "letzten großen Zukunftsautor des nun endgültig zur Vergangenheit gewordenen 20. Jahrhunderts."

Neue Zürcher Zeitung, 08.06.2012

Die Schriftstellerin Oksana Sabuschko beschreibt die Ukraine als ein ungebrochen vitales Land, das als Quelle europäischer Kultur auch 21 Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR allerdings nur wenig Beachtung finde. "Tag für Tag, durch die Dunstschwaden neureicher Gelage hindurch, erblicke ich Dutzende Beweise seiner Kraft und sehe Dutzende Gründe, auf es stolz zu sein: Wie geht das, wenn es doch keine Voraussetzungen dafür gibt? Woher sind diese wunderbaren jungen Dichter gekommen, die Säle mit mehr als 500 Menschen füllen, diese jungen engagierten Menschen, die mir Protestpetitionen zur Unterschrift gegen den barbarischen Umgang mit historischen Gebäuden bringen, diese begeisterten Massen auf Rockkonzerten, und überhaupt all das glühende, lebendige, selbstbewusste Leben, das zunehmend ausserhalb der Fernsehkameras pulsiert und unbeeindruckt die totale Dysfunktionalität des ukrainischen Staates mit all seinen Simulacra ignoriert?"

Weiteres: Marion Löhndorf besichtigt den Serpentine Pavilion von Herzog & de Meuron und Ai Weiwei in London, einen temporären Treffpunkt und Veranstaltungsort bis 14. Oktober, für den das "Dream-Team" über Skype Kontakt halten musste, weil China den Dissidenten nicht ausreisen ließ. Besprochen wird das Album "In Our Heads" des britischen Pop-Quintetts Hot Chip, das in keine Stilschublade passt.

Die Welt, 08.06.2012

Ohne Ray Bradbury hätte es Stephen King nie gegeben, und auch Michael Chabon, Jonathan Lethem und sogar Thomas Pynchon haben ihm viel zu verdanken, schreibt Wieland Freund in seinem Nachruf auf den amerikanischen Schriftsteller: "Ray Bradbury hat die Pulp Fiction für die großen Gesellschaftsthemen geöffnet - und sie, quasi unter der Hand, formal renoviert: Er nahm ihr alles Nerdige und Nischige und ersetzte die Technik durch Poesie."

Besprochen werden außerdem die Aufführung von Donizettis erfolgreich komplettiertem Opfernfragment "Herzog von Alba" an der Flämischen Oper in Antwerpen, das Buch "Totalniy Futbol", in dem polnische und ukrainische Autoren über Fußball extemporieren - "und zwar grandios", wie Jan Küveler findet, sowie Simon Schwartz' Comic "Packeis" über den Nordpol-Entdecker Matthew Henson, laut Matthias Heine die "großartigste deutsche Graphic Novel des Jahres" und somit Favorit für den Deutschen Comic-Preis "Max und Moritz".

Süddeutsche Zeitung, 08.06.2012

Gleich zwei Texte bringt die SZ zur heute beginnenden Documenta. Catrin Lorch notiert beim Schlendern durch die hellen Ausstellungsorte: "Jenseits der Stile und Gattungen drehen sich die Verhältnisse um, ist es jetzt vielleicht an der Kunst, dem vernetzten, einander nahe gerückten Universum nicht länger Gegenwelt zu sein, sondern Perspektiven vorzugeben." Kia Vahland bemerkt unterdessen eine feste Verankerung der ausgestellten Werke im Politischen: Vielen von diesen künden "von genau der Widerborstigkeit, für welche die sperrig-schönste der deutschen Kulturveranstaltungen seit ihrer Erstausgabe 1955 in aller Welt geliebt wird. Sie kann vom Leben jenseits des Konsums erzählen, kann das Ungehobelte, die schwierigen Emotionen und rauen Verhältnisse zeigen, wie Menschen sie erleben. Das reicht bis in die großen Fragen der Politik, zu Krieg und Zerstörung und den Chancen auf bessere Lebensbedingungen und Mitsprache."

Weiteres: Dokumentiert wird Péter Esterházys Festrede, die der Autor kürzlich bei der Verleihung des Internationalen Literaturpreises an Mircea Cartarescu im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gehalten hat. Der Fotograf David Burnett erinnert sich daran, wie Nick Ut heute vor 40 Jahren das prägendste Bild des Vietnamkriegs schoss. "Eine irre Mischung aus vergleichsweise minimalen protestantischen Mitteln und maximalem katholischen Größenwahn" beobachtete Jens-Christian Rabe beim Frankfurter Konzert von Jay-Z und Kanye West (hier ein Mitschnitt auf Youtube). Fritz Göttler verabschiedet sich von Ray Bradbury. Außerdem empfiehlt Göttler im Medienteil die Fassbinder-Reihe auf arte, die heute Abend mit "Welt am Draht" beginnt (dazu passend: Die Videoaufnahme eines kürzlich in Berlin gehaltenen Vortrags von Dietmar Dath über den Film).

Besprochen werden Ulrich Seidls Theaterstück "Böse Buben/Fiese Männer" bei den Wiener Festwochen, bei denen Egbert Tholl zufolge "manches Blödelei, manches Pornofantasie", aber alles "todtraurig" sei, Giacomo Puccinis "Il Trittico" in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten an der Staatsoper Hannover und Bücher, darunter "Totalniy Futbol", eine von Serhij Zhadan herausgegebene Sammlung von Texten über die acht Austragungsorte der Fußball-EM (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2012

Peter Schilder beobachtet in Leipzig den Prozess gegen Dirk P., den Inhaber von kino.to, der vergangenen Mittwoch ein umfassendes Geständnis vorgelegt hat. Constanze Kurz informiert in der Maschinenraum-Kolumne über jüngste Entwicklungen im internationalen "Cyberwar", wo ein Übergang von der defensiven zur offensiven Strategie zu beobachten sei. Auch im Hinblick auf die Forderungen nach einem Sturz der verbliebenen arabischen Monarchien unterstreichen Anne Allmeling und Thomas Weber in einem (vorsichtigen) Lob der Monarchie: "Ein Blick auf die Geschichte Europas im zwanzigsten Jahrhundert zeigt, dass Monarchien oftmals besser als Republiken den totalitären Versuchungen widerstehen konnten." Rainer Meyer inspiziert das von den jüngsten norditalienischen Erdbeben beschädigte Theater im Dorf Quingentole. Hocherfreut bemerkt Oliver G. Hamm beim Besuch neu errichteter Forschungseinrichtungen in Bremerhaven und Bremen, das solche nun ieder architektonisch sorgfältig geplant werden. Die ganze erste Seite des Feuilletons ist Ray Bradbury gewidmet: Neben dem bereits gestern online veröffentlichten Nachruf von Dietmar Dath sammelt Matthias Rüb internationale Stimmen zum Tod des Science-Fiction-Autors.

Besprochen werden Sibylle Dahrendorfs Dokumentarfilm über Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso, Ulrich Seidls "Böse Buben / Fiese Männer" bei den Wiener Festwochen und Bücher aus der Ukraine, darunter eine Essaysammlung von Oksana Sabuschko (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

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