Heute in den Feuilletons: Was Spanien von Neukölln lernen kann

Die "taz" weiß, warum es Spaniern im armen Neukölln besser geht als im armen Spanien. In seinem Blog fragt Rudolf Thome, welcher Schaden dem "Tagesspiegel" entsteht, wenn er Kritiken der Zeitung zu seinen Filmen dokumentiert. Die "FAZ" sieht im syrischen Bürgerkrieg auch eine kulturelle Katastrophe.

Aus den Blogs, 13.06.2012

Das Abmahnwesen treibt sonderbare Blüten: Nun hat es den Filmemacher Rudolf Thome getroffen, der auf seiner Website zwei Kritiken aus dem Tagesspiegel zu seinen Filmen dokumentiert hatte und deshalb von einer Hamburger Kanzlei aufgefordert wird, rund 950 Euro zu zahlen. Thome war selbst jahrelang Autor für das Blatt, wie er schreibt: "Wie kann dem Tagesspiegel ein Schaden durch die Wiedergabe zweier uralter Kritiken entstanden sein, frage ich mich. Und dann kriege ich so was ausgerechnet vom Tagesspiegel, für den ich selbst 15 Jahre lang Filmkritiken geschrieben habe." Im Tagesspiegel selbst fand man im März 2012 im übrigen noch recht deutliche Worte über die Abmahnindustrie: "Wenn das aktuelle Abmahnwesen in Deutschland eine Farbe hätte, wäre es schmutzig-grau. Mit allerlei Tricks versuchen Geschäftemacher, über Abmahnungen Geld zu verdienen. Privatleute, die sich als Anwälte ausgeben und betrügerische Massenabmahnungen per E-Mail verschicken, Anwälte, die das Internet nach Verstößen durchforsten und bei einem Fund die Rechteinhaber fragen, ob die Kanzlei ihre verletzten Rechte vertreten soll - das Geld könne man sich teilen."

Open Culture hat wieder einmal eine seiner nützlichen Linksammlungen zusammengestellt, diesmal eine Masterlist mit 500 Online-Vorlesungen. Etwa von Richard Feynman zur Quantenelektrodynamik, von John Searle zur Philosophie der Sprache oder von Amy Hungerford zum amerikanischen Roman.

Die USA hören allmählich auf, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu sein, fürchtet Joseph E. Stiglitz auf Slate: "In the 'recovery' of 2009-2010, the top 1 percent of US income earners captured 93 percent of the income growth. Other inequality indicators - like wealth, health, and life expectancy - are as bad or even worse. The clear trend is one of concentration of income and wealth at the top, the hollowing out of the middle, and increasing poverty at the bottom."

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 13.06.2012

Zum Kinostart des Dokumentarfilms "Ai Weiwei - Never Sorry" blickt sich Arno Widmann im Kulturbetrieb um und stellt insbesondere angesichts der vielen China gewidmeten Kulturveranstaltungen in Deutschland fest: "Nicht zu verstehen ist ..., dass keines der großen Museen auf die Idee kam, in diesem Jahr eine große Ausstellung von Ai Weiweis Werk zu machen. Es wäre eine Erinnerung daran gewesen, dass es in China nicht nur eine Kunst, eine Literatur, eine Musik gibt, die denen gefällt, die die Macht haben und nicht bereits sind, sie zu teilen."

Tacheles redet Lou Reed, der auf Robert Rotifers Frage, was er an Berlin liebe, antwortet: "Sie machen hier ein Interview mit jemandem und fragen, warum der diese Stadt liebt. Das kann doch nur ein Gefälligkeitsartikel werden. Das ist Bullshit. Sie können sich eine Schildkröte besorgen, die kann Ihnen so eine Frage beantworten." Ein "Vergnügen" war ihm die Unterhaltung am Ende aber doch.

Besprochen werden die Ausstellung über das Jahr 1917 im Centre Pompidou in Metz und eine Oper über Marilyn Monroe in der Stadsschouwburg in Amsterdam.


Neue Zürcher Zeitung, 13.06.2012

Samuel Herzog unterhält sich mit Uli Sigg über dessen gewaltige Sammlung chinesischer Gegenwartskunst, die der Geschäftsmann und Diplomat seit den siebziger Jahren zusammengetragen hat und deren Großteil er nun dem 2017 eröffnenden Museum M+ in Honkong schenkt. Sigg findet, dass diese Kunst zurück nach China gehört und erwartet neben einem zahlreichen internationalen Publikum "ein sehr großes vom Festland; dessen jährliche Besucherzahl übersteigt 30 Millionen. Das ist auch mein Hauptmotiv: den chinesischen Künstlern erstmals eine freie Kommunikation mit ,ihrem' Publikum zu ermöglichen. Hongkong bietet ja auch außer Shopping noch zu wenig - das ist das Motiv für den Bau des West Kowloon Cultural District, dessen Herz das M+ ist."

Philipp Meier führt über die Art Basel, die morgen eröffnen wird; interessant fand er neben der ebenso zahlreichen wie erwartbaren "Label-Kunst" den Sektor Art Statements, wo 27 Galerien junge Talente präsentieren, darunter eine "barock-opulente" Wand mit 288 verschiedenen Hängevasen der deutschen Künstlerin Gitte Schäfer. Nicht online ist ein Bericht von Joseph Croitoru über die unlauteren Methoden, mit denen das Regime in Belarus gegen Intellektuelle und demokratische Aktivisten vorgeht. Besprochen wird unter anderem Robert Knapps römische Alltagsgeschichte über Gladiatoren, Prostituierte und Soldaten.

Die Tageszeitung, 13.06.2012

Uli Hannemann erklärt, was das Problemland Spanien vom angesagten Problemkiez Berlin-Neukölln lernen kann: ""Das Rezept: Zunächst einmal die Bausubstanz und Infrastruktur mindestens hundert Jahre lang gepflegt verrotten lassen. Schulden? Einfach nicht beachten. Arbeitslosigkeit? Wer will schon arbeiten. Vierzig Milliarden Direkthilfe? Broochenwa nich! Aber hätte man sie dem Bezirk überhaupt angeboten, hätte der Bürgermeister fairerweise geantwortet, 'nein danke, das wird hier eh nur versoffen!' - obwohl das allemal sinnvoller gewesen wäre, als es den Banken für weitere Spekulationsgeschäfte in den Allerwertesten zu schieben. Irgendwann ist dann zwangläufig der Zeitpunkt erreicht, an dem alles derart unerträglich ist, dass es fast schon wieder schön wird."

Weiteres: Yanis Varoufakis, griechischer Ökonom und Autor von "Der globale Minotaurus", fordert einen europäischen New Deal. Besprochen werden die Ausstellung "The Frame and Beyond" mit Arbeiten des US-Künstlers Morgan Fisher in der Wiener Generali-Foundation und Alison Klaymans Filmporträt "Ai Weiwei. Never sorry", das zwischen 2008 und 2011 entstand und das "Bild eines lebenslustigen und genussfreudigen Mannes" zeichne, "der bei allem rastlosem Aktivismus erstaunlich in sich ruht".

Und Tom.

Die Welt, 13.06.2012

Hanns-Georg Rodek hat einen Blick in das durchs Internet geisternde Drehbuch von Quentin Tarantinos anstehender Südstaatengeschichte "Django Unchained" mit Christoph Waltz geworfen und freut sich jetzt auf sehr unbesinnliche Weihnachten. Dankwart Guratzsch berichtet von Protesten in Düsseldorf gegen den beschlossenen und genehmigten Abriss einer dort offenbar beliebten Hochstraße.

Besprochen werden die Larry-Clark-Retrospektive in der Berliner C/O-Galerie, eine Ausstellung über den Verleger Hansjörg Mayer in Berlin, eine Aufführung von Händels Ballett "Terpsichore" in Halle, Juli Zehs beim Braunschweiger Theaterformen-Festival uraufgeführtes Stück "Yellow Line" und die Musicalverfilmung "Rock of Ages".

Süddeutsche Zeitung, 13.06.2012

Gar so neu findet Thomas Steinfeld die kürzlich von Apple vollmundig als Epoche machend angekündigte Software "Passbook" nicht, die es gestatten soll, digitale Tickets und andere Informationen zentral zu verwalten. Den Grundstein sieht er bereits im frühen 20. Jahrhundert mit der Idee der "Weltregistratur" gelegt: "Es ist der Plan, das gesamte Universum zu katalogisieren und, in handlicher Form verzettelt, mit Schlagworten versehen und geordnet, den Wissensbedürftigen zugänglich zu machen."

Außerdem: Jonathan Fischer entdeckt bei der 11. Biennale in Havanna "neue kubanische Kunst", die vorhabe, "die Individuen im Ameisen-Staat zu entdecken". Jörg Häntzschel stattet der Barnes Foundation in ihren neuen Räumlichkeiten in Philadelphia einen Besuch ab.

Besprochen werden neue Pop-Alben, einige Stücke der Wiener Festwochen, darunter "Ganesh versus the Third Reich" des Back to Back Theatre, eine Ausstellung über Design im Museum für angewandte Kunst in Wien, Ivan Alexandres offenbar herausragende Inszenierung von Rameaus Barockoper "Hippolyte et Aricie" am Palais Garnier in Paris und Bücher, darunter Torsten Heinemanns soziologische Kritik an der Popularität der Neurowissenschaft.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2012

Andreas Kilb ist verzweifelt über die Kämpfe in Syrien, bei denen nicht nur Menschen sterben, sondern zahlreiche Stätten der frühen Menschheitsgeschichte zerstört werden: "Ein Bürgerkrieg ist immer eine kulturelle Katastrophe, weil er die gesamte Lebenswelt eines Landes zur Kampfzone macht, Gotteshäuser, Museen, Altstädte, Friedhöfe eingeschlossen. Im Fall von Syrien trifft der Bürgerkrieg ein Land, dessen herausragende Bedeutung für die Kulturgeschichte der Menschheit erst seit ein paar Jahrzehnten überhaupt begriffen wird." (Hier die "niederschmetternde" Studie, die Kilbs Sorge zugrunde liegt).

Weiteres: Jürgen Kaube lässt sich die Finanzkrise in Griechenland von Ökonom Hans-Werner Sinn erklären. Er sieht "nur eine Chance für Griechenland, wieder wettbewerbsfähig zu werden: raus aus dem Euro und abwerten". Viel "Doppelbödigkeit, Anspielungsreichtum, Witz" entdeckt Andreas Platthaus bei der Karikatur-Triennale im Satiricum in Greiz. Besprochen werden der griechische Film "Alpen" und Bücher, darunter eines über die Gebrüder Boateng.

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