Heute in den Feuilletons: "Banalisierung des Bösen"

Die "Welt" sorgt sich: Hat die Türkei die Lust an der Klassik verloren? Die "SZ" verabschiedet das Paradigma von der künstlichen Verknappung in der Kultur. Die "taz" erklärt, warum Piraten und Presse einfach nicht zueinander passen. Die "FR" fühlt der Gema auf den Zahn.

Neue Zürcher Zeitung, 23.06.2012

Schwerpunkt Jean-Jacquers Rousseau: Heinrich Meier nennt "vier Gründe, den Philosophen Rousseau zu denken"; Hannelore Schlaffer beleuchtet Rousseaus Verhältnis zu den Frauen und Thomas Maissen das zur Schweiz; Ralf Konersmann rezensiert eine neue Ausgabe mit philosophischen Briefen; Uwe Justus Wenzel schildert die berühmte Eingebung von Vincennes, die Urszene von Rousseaus theoretischem Werk; Ulrich Kronauer nimmt sich Rousseaus Begriff des Naturzustands vor.

In seiner in Auszügen abgedruckten Laudatio auf den Ernst-von-Siemens-Musikpreisträger Friedrich Cerha hebt Peter Hagmann insbesondere die "aufrechte Haltung" des österreichischen Komponisten hervor. Maria Becker sieht bei der Jeff Koons-Ausstellung in der Fondation Beyeler "die Grenzen des Geschmacks aufgehoben (…) zugunsten eines archaischen Wohlgefallens". Besprochen werden außerdem Bücher, darunter "Luzidin oder Die Stille", ein "überbordendes Imaginarium" des Österreichers Lukas Meschik (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 23.06.2012

Nazis, Menstruationsbeschwerden, erster Zungenkuss: Die um Privates nicht verlegene Offenbarungskultur unter den Piraten und die "mediale Verwertungslogik" der auf Skandale lauernden Presse produzieren einen "Clash of Codes", beobachtet der Medienwissenschafler Bernhard Pörksen. Dieser Clash gehe "weit über ein unterschiedlich ausgebildetes Tabuempfinden hinaus. Zentral ist, dass die Piraten den Amateur wirklich ernst nehmen, zulassen, fördern, die Kontrollideologie der etablierten Parteien ablehnen, Nahbarkeit wünschen, Transparenz verlangen. Die Folge: Sie programmieren in einer auf private Peinlichkeiten und kuriose Normverletzungen starrenden Mediengesellschaft den Skandal, die boulevardeske Erregung."

Tania Martini und Stefan Reinecke sprechen mit dem Soziologen Colin Crouch, der angesichts des verschärften Kapitalismus nur halb Entwarnung geben kann: "Die Demokratie wird schwächer, der Kapitalismus wird in der Ära der Finanzindustrie stärker. Aber die Kombination von Demokratie und Kapitalismus wird bleiben."

Außerdem: Jörg Sundermeier erlebt beim Berliner Konzert von New Order eine "Oldie-Show mit einer guten Band". Alles Quatsch: Lutz van Dijk zerlegt die Thesen der Gendertheoretikerinnen Judith Butler und Sarah Schulmann, Israel umarme die queer community aus reinen Marketingvorteilen gegenüber seinen Nachbarstaaten. Die Bundeskulturstiftung sei in ihrem zehnjährigen Bestehen "ihrem Vorsatz treu geblieben, dezidiert die zeitgenössische Kunst zu fördern", beobachtet Katrin Bettina Müller. Schon vor seinem Lob des Blasphemieverbots in der FR habe Martin Mosebach "schreckliche Sätze" fallen lassen, notiert Dirk Knipphals in sein Notizbuch.

Besprochen werden das neue Album von Kevin Rowlands Dexys, das Klaus Walter zwar "toll" findet, ihn aber auch ratlos zurücklässt, "was eigentlich Leute unter 35 mit dieser Musik anfangen können", eine Ausstellung über das Verhältnis von Ethnologie und Kolonialismus im Pergamonpalais der Humboldt-Universität in Berlin und Bücher, darunter William Landays Thriller "Verschwiegen" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Und Tom.

Die Welt, 23.06.2012

Manuel Brug berichtet zu Beginn des Istanbul Music Festival von den Blasphemievorwürfen gegen den Pianisten Fazil Say und wirft einen Blick auf die in den neunziger Jahren sehr geförderte Klassikszene der Türkei: "Wie so oft in der Türkei: Man baut etwas auf und verliert dann die Lust. Keines der Orchester machte bisher international von sich hören. Die Musiker kommen fast alle aus den staatlichen Konservatorien, kaum einer hat im Ausland studiert, man schmort im eigenen Saft, da auch nur wenige westliche Gastkünstler hier anlanden.".

Außerdem: Für beträchtlich hält Cornelius Tittel den Schaden, den Direktor Robert Fleck mit der fragwürdigen Anselm-Kiefer-Ausstellung in der Bundeskunsthalle angerichtet hat. Iris Alanyali geht mit dem Mediziner Dietrich Grönemeyer essen. Michael Pilz schreibt zu Hannes Waders siebzigstem Geburtstag.

In der Literarischen Welt macht sich der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer daran, das Denkmal der Friedensbewegung, Carl Friedrich von Weizsäcker, zu demontieren. "Weizsäcker war ein Philosoph, der von der Macht fasziniert war und deshalb die Bombe liebte, die er bauen wollte, und der zu schwach war, um dies nach 1945 einzugestehen."

Weiteres: Beim Durchblättern der Herbstkataloge wird Wieland Freund angesichts der vielen ordinären Titel ("Ich bleib so scheiße wie ich bin") etwas unwohl. Besprochen werden unter anderem Eva Gesine Baurs Biografie des Mozart-Librettisten Emanuel Schikaneder, Chris Adrians Roman "Die große Nacht" und David van Reybroucks Geschichte des Kongos.

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 23.06.2012

Im Gespräch fühlt Birgit Walter Gaby Schilcher von der Gema wegen einer für 2013 geplanten Tarifreform (mehr), die zahlreiche Veranstaltungsorte drastische Abgabenerhöhungen fürchten lässt, ordentlich auf den Zahn. Die aber lässt sämtliche Anwürfe ("So kann sich nur ein Monopolist gebärden.") locker von sich abperlen: "Vielleicht wird die Gewinnmarge kleiner, aber von 10 Prozent geht keiner zugrunde, das macht mir keiner weis." Immerhin tut Schilcher das nicht unentgeltlich: "Dass ich für mein anstrengendes Gespräch mit Ihnen bezahlt werde, ist ja wohl klar."

Weiteres: Beim "grandiosen Konzert" von New Order wünscht sich Jens Balzer im höchsten Glück nichts sehnlicher, als den Lauf der Geschichte anzuhalten. Und auf der Medienseite staunt Dirk Pilz anlässlich der letzten Sendung vom Nachtstudio am kommenden Sonntag rückblickend nochmal Bauklötze: "Fünfzehn Jahre hat es das gegeben? Man stelle sich vor! Fünfzehn Jahre geist-, gedanken- und witzreiche Gespräche über Gott und die Welt!" Zahlreiche Sendungen stehen im übrigen noch in der Mediathek des ZDF.

Besprochen werden eine Retrospektive mit Fotografien von Diane Arbus im Martin-Gropius-Bau in Berlin, neue Stücke bei der Theaterbiennale in Wiesbaden und eine Comicadaption vom "Zauberer von Oz" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 23.06.2012

Viel Frontenrhetorik erlebte Felix Stephan bei den Buchtagen in Berlin: Hier die Urheber, dort die Downloader. Dem liege ein fundamentales Missverständnis zugrunde, glaubt Stephan: "Das Paradigma der künstlichen Verknappung ist einem heranwachsenden Kulturpublikum, das ohnehin jederzeit alles haben kann, nicht mehr einleuchtend zu vermitteln. ... Die deutschen Verleger müssten sich weniger vor der Zukunft fürchten, wenn sie aufhörten, ihre potenziellen Kunden mit Bezichtigungen und Klagen zu überziehen, und stattdessen auf ihre Bedürfnisse eingingen."

Weiteres: Ira Mazzoni erzählt, wie Berlin im 19. Jahrhundert zur Metropole der Gaslaternen wurde, deren letzten Exemplare die SPD/CDU-Koalition nun abschaffen will. Reinhard Brembeck erzählt, wie der Kunstprofessor Gerardo Boto beim Blättern durch ein Fotomagazin einen bislang unbekannten romanischen Kreuzgang identifizierte (ein paar Eindrücke davon hier). Andrian Kreye hört schlechte Alterswerke der Eagles-Gitarristen Joe Walsh und Glenn Frey. Joseph Hanimann greift die Meldungen auf, nach denen Boualem Sansal der bereits zuerkannte Arabische Romanpreis von den Arabischen Botschaften vorenthalten wird. Stephan Speicher berichtet vom Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Bundeskulturstiftung. Roswitha Budeus-Budde gratuliert dem Sänger Fredrik Vahle und Hilmar Klute Hannes Wader zum jeweils 70. Geburtstag.

Für die SZ am Wochenende beobachtet Christian Mayer in München, "dass sich die Stadt selbst genug ist" und ihr beim Einigeln in den Wohlstand der Antrieb zu großen Projekten abhanden zu kommen droht. Georg Etscheit zieht's ins Wirtshaus, um die These des Grünen-Politikers Sepp Dürr zu überprüfen, dass die Stammtische "weiblicher, multikultureller, urbaner" würden, und stößt dabei am Ende sogar auf einen Stammtisch schwuler Eisenbahnfans. Johannes Willms erinnert an Napoleons Russlandfeldzug im Jahr 1812, während Stefan Ulrich sich in Frankreich umschaut, wie man dort Napoleon gedenkt. Jonathan Fischer plaudert mit Bobby Womack über überstandene harte Zeiten.

Besprochen werden das slowenische Filmdrama "Callgirl", eine "beeindruckende" Ausstellung mit Arbeiten von Jimmie Durham im Museum für zeitgenössische Kunst in Antwerpen, eine Ausstellung mit Bildern und Plastiken von Günter Grass in der Stadtgalerie Altötting und ein Band mit Essays und Artikeln von Gerhard Roth (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2012

Am 28. Juni jährt sich Jean-Jacques Rousseaus Geburtstag zum 300. Mal. In Bilder und Zeiten skizziert Dieter Thomä das bewegte Leben des Genfer Philosophen: "Das Gesetz des Nomadentums, der Wechsel zwischen Reise und Ruhe, Exil und Eremitage, Spielzeit und Auszeit bestimmen Rousseaus furchtloses, furchtbares, fruchtbares Leben. Der Aufbruch gelingt ihm dabei besser als die Ankunft, er ist ein Nomade von der traurigen Gestalt, der von sich sagt: 'Es ergeht mir beim Erzählen meiner Reisen wie beim Reisen selbst; ich weiß nicht anzukommen.'"

Dreißig Jahre vor dem Bekennervideo der Zwickauer Terrorzelle diente der rosarote Panther bereits Deleuze und Guattari als Maskottchen für ihre Rhizom-Theorie. Klaus Birnstiel nimmt das zum Ausgangspunkt für eine Reflexion über "rhizomatischen Terrorismus": "Rhizomatischer Terrorismus versetzt seine Akteure in die virtuelle Logik des Computerspiels, er ist intensiv und spontan, sprunghaft und experimentell, namenlos und unkalkulierbar."

Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu spricht mit Wolfgang Schneider über sein Werk: "Ich versuche, interessant zu sein, auf jeder Seite. Manche sagen, ein Roman brauche auch schwächere Seiten, Entspannungsphasen. Ich aber möchte jede Seite so intensiv wie möglich schreiben. Auch in dieser Hinsicht hat meine Trilogie mehr von einer Dichtung als von einem Roman."

Im Feuilleton porträtiert Dietmar Dath den britischen Mathematiker Alan Turing, der die Enigma-Codemaschine der Nazis entschlüsselte und heute 100 Jahre alt geworden wäre: "Egal, was du weißt, es bleibt ein Rest, den du ebendeshalb nicht wissen kannst. Rund zweihundert Jahre vergingen zwischen D'Alemberts Vorwort zur 'Enzyklopädie', dem großen Buch der Aufklärung, das dem großen Buch der christlichen Religion die Grenzen seines Gewissheitsanspruchs setzen sollte, und Turings epochalem Aufsatz 'On Computable Numbers With an Application to the Entscheidungsproblem' (1937). Die wertvollste Lektion, die der Menschheit in diesen zweihundert Jahren zugestoßen ist, lautet: Gewissheit ist unwissenschaftlich."

Weiteres: Der Kölner Stadtrat hat den Opernintendanten Uwe Eric Laufenberg "fristlos" entlassen, mit dem Kulturdezernenten Georg Quander steht schon ein Nachfolger bereit, wie eeb berichtet: "Wir reden nicht von 'Intrigen'. Aber das Wort 'Schattenintendant' wird wohl erlaubt sein." Marcus Jauer hat den Spieß umgedreht und sich für einen Tag als Günter Wallraff verkleidet - mit Erfolg: keiner hat ihn erkannt. Jürgen Dollase geht in Münchner Bars der Frage nach, ob Cocktails "kulinarisch-intellektuell satisfaktionsfähig" sind. Außerdem werden Bücher besprochen, darunter Uwe C. Steiners "Kulturgeschichte des Tinnitus" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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